in Wissenschaft & Frieden 2007-3: Medien und Krieg / Kriegsmedien

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»Medien-Blauhelme« in der DR Kongo1

von Etienne Fopa und Christiane Lammers

Seit Jahrzehnten wird die Berichterstattung über Afrika durch die drei großen »K’s«: Kriege, Katastrophen und Krankheiten dominiert. Aber nicht nur das Fremdbild, d.h. die Berichterstattung im westlichen Ausland, ist einseitig und ideologisch geprägt. Auch in den afrikanischen Staaten selbst mangelt es oft an Medien, die sich dem Anspruch einer umfassenden, informativen Innensicht stellen. Der folgende Beitrag stellt ein solches Projekt vor.

Im Zeitalter der Massenmedien ist die Bedeutung der Massenkommunikationsmittel kaum zu unterschätzen, was ihre politische und politisierende Wirkung angeht. Dies umso mehr in Gesellschaften, in denen desolate Infrastrukturen und ökonomischer Mangel dazu führen, dass die gesellschaftliche Teilhabe der Bevölkerungsmehrheit auf ein Minimum reduziert wird bzw. werden kann. Demokratisierung und Entwicklung, verstanden als Prozesse von »unten«, sind wesentlich von einer Verbesserung der Kommunikationsmöglichkeiten und -strategien abhängig.2 Nicht zuletzt geht es aber auch um die Anerkennung eines Menschenrechtes, nämlich des uneingeschränkten Rechtes auf Information.

1995 wurde in der Schweiz mit Hilfe des dortigen Entwicklungsministeriums, konkret der »Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit«, die Stiftung »Hirondelle« gegründet. Die Stiftung versteht sich als eine Journalisten-Organisation, die in Krisengebieten neue Medien aufbaut. Ihr Präsident, der Journalist Jean-Marie Etter, war zuvor als Generalsekretär der Schweizer Sektion von »Reporter ohne Grenzen« tätig und arbeitete bei »Radio Agatashya« in der Gegend der Grossen Seen in Afrika. Der Name der Stiftung deutet auf dieses erste Projekt der Stiftung hin: Agatashya bedeutet in Deutsch »Schwalbe«(franz. »Hirondelle«). Die Stiftung »Hirondelle« baute in den letzten 10 Jahren »Star Radio« in Liberia auf, »Radio Blue Sky« im Kosovo, »Radio Ndeke Luka« in Bangui (Republik Zentralafrika), und unterstützte das nationale Radio/Fernsehen RTTL in Osttimor. Das älteste Projekt von »Hirondelle« ist jedoch kein Radio, sondern die Presseagentur »Arusha« in Tansania, die die Arbeit des Internationalen Kriegsverbrechertribunals in Ruanda begleitete.

In einem Interview äußert sich Etter zu den die Arbeit der Stiftung bestimmenden Werten: »Es gibt einerseits professionelle Werte. Ich glaube an journalistische Grundsätze, die universelle Gültigkeit besitzen und in der Praxis angewendet werden müssen. Daneben gibt es ethische Werte wie den Respekt der Menschenwürde, Ehrlichkeit und Transparenz. Unser aller tiefster Grundsatz ist jedoch die Unabhängigkeit von wirtschaftlicher und politischer Macht3

Konkret heißt das: Die Stiftung will ihr Know-How, ihr Ansehen und ihre Erfahrung den Mitarbeitern/innen vor Ort vermitteln und ihnen somit helfen, unabhängige Medien auf Dauer betreiben und die volle Verantwortung übernehmen zu können. In der Regel arbeitet also die Stiftung mit lokalen Mitarbeitern/innen, mit Ausnahme der Projektleitung. Die Medien werden von Anfang an so konzipiert, dass sie den lokalen Mitarbeitern übergeben werden können. Die Budgets werden entsprechend ausgerichtet und erforderliche Ausbildungen vorgesehen, sowohl für die Journalisten, die Techniker wie auch für das Managementpersonal. Die Sicherung der Unabhängigkeit der Medien bedarf auch der Kontrolle des gesamten Produktionsprozesses, vom Papier zur Verteilung, vom Sammeln der Informationen bis zur Sendung. Um die Qualität dieser ganzen Ketten abzusichern, bemüht sich die Stiftung ständig darum, die notwendigen materiellen Grundvoraussetzungen zu schaffen.

Journalismus in Konfliktsituationen

Innergesellschaftliche Konflikte haben tiefgreifende politische Wurzeln, die seit Jahrzehnten gewachsen sind, wobei die aktuelle Situation nur ein Punkt mehr auf der Konfliktskala darstellt. Die Journalisten sind daher mit besonderen Herausforderungen konfrontiert: »In times of political confrontation and internal conflicts in society, journalists – as allegedly objectives reporters, are more than ever in danger of becoming themselves part of the dispute by selecting an evaluating information.“4 Journalisten gehen, bei bestem Willen, ständig das Risiko ein, zu Mittätern zu werden: durch den unreflektierten Gebrauch von Sprachregelungen, bei der unzulänglichen Vereinfachung komplexer Zusammenhänge, durch die Bedienung tradierter Klischees etc. Vor der Gefahr von Missverständnissen können sie sich nur schützen, indem sie sich ihrer Verantwortung bewusst werden und sich dieser stellen. Kompromisse sind hier nicht denkbar. Sie haben alle ihnen zur Verfügung stehenden Wege der Kommunikation intensiv und gewissenhaft zu prüfen, bevor sie sie nutzen, um Ereignisse und Zusammenhänge transparenter machen oder Konfliktparteien lösungsorientierte Wege vorzuschlagen5: »Conversely, the approach of crisis reporting know in the Anglo-Saxon world as peace journalism, which avoid any simple attribution of roles of victim/perpetrator and instead focuses on all sides of the conflict in an equal measure, is based on the assumption that communication via the media may also have a de-escalating effect and that journalists should deliberately assume a mediating position for the sake of peaceful solution.«6

Voraussetzung für diese Mediatorenfunktion ist allerdings neben einer entsprechend ausgerichteten professionellen Ausbildung auch die materielle Absicherung. Dies schließt auch den konkreten Schutz von Gebäuden und Personen mit ein. In Konfliktgebieten kann dies bedeuten, dass Medienprojekte darauf angewiesen sind, Unterstützung zum Beispiel von UNO-Missionen vor Ort zu erhalten.

»Radio Okapi«

Seit 2002 betreibt die Stiftung »Hirondelle« in Partnerschaft mit der UNO, konkret der MONUC, das »Radio Okapi« in der Demokratischen Republik Kongo. Es handelt sich um das größte Radioprojekt der UNO. Okapi gilt heute als das wichtigste Medium in der DR Kongo, da es als einziges Medium landesweit ausstrahlt und damit ca. 20 Mio. der 60 Mio. Einwohner des Landes erreicht, das etwa so groß wie ganz Westeuropa ist.

Für Kongo ist Radio Okapi längst mehr als »nur« eine glaubwürdige Informationsquelle, obwohl das allein eine reife Leistung in einem Land ist, in dem einst die Abendnachrichten mit dem Bild eines auf einer Wolke schwebenden Diktator zu beginnen pflegten. Der Radiosender ist zu einer nationalen Identitätsklammer geworden, weil er in einem Land ohne Straßen und doch so groß wie Westeuropa die Menschen wieder zusammengeführt hat. Knapp 200 Mitarbeiter in acht Regionalstudios und der Zentrale in Kinshasa sowie ein flächendeckendes Sendernetz sorgen dafür, dass »Radio Okapi« auch im entlegendsten Winkel Kongos zu empfangen ist. Zudem sendet »Radio Okapi« neben der normalen FM-Frequenz auf Kurzwelle und in fünf Sprachen: Französisch, Lingala, Swahili, Tshiluba und Kikongo. Das Hauptstadtstudio ist auf dem Gelände der MUNOC in Kinshasa untergebracht.

Die Qualität des Journalismus, die Aktualität und nicht zuletzt die Diskussionsforen unter Beteiligung der Bürger haben »Radio Okapi« nicht nur zum unumstrittenen Leitmedium im Land gemacht, sondern die Arbeit bei diesem Sender führt bei den Mitarbeitenden zu Lernprozessen, die durch ihre Multiplikatorenfunktion Einflüsse auf die Gesamtgesellschaft haben.

Okapi hat die Fähigkeit, neutral in der Berichterstattung zu bleiben. Mitarbeiter Okapis sollen auf diese Weise auch in ihrem Bürger-Bewusstsein gestärkt werden. Menschen im Kongo, wie in weiten Teilen Afrikas überhaupt, haben in ihrer Lebensgeschichte keinen positiven Bezug zum Nationalstaat entwickeln können. Jede/r fühlt sich mehr seiner Ethnie verbunden als dem Land selbst. Dazu kommen noch alle kulturellen Feinheiten der jeweiligen Regionen, schließlich die Familienzugehörigkeit und das Verbundensein mit einer politischen Partei. Und gerade die afrikanischen Parteien spielen stark mit der ethnischen Zugehörigkeit. Die Journalisten, z.B. des staatlichen Senders RTNC, wurden durch das System derart ›formatiert‹, nur eine Meinung zu vertreten: sie berichteten, was die Volks-Revolutionäre Partei von Mobutu (der man per Geburt angehörte!) verlangte. Trotzdem waren sie als Journalisten gut ausgebildete Leute, die jedoch jahrelang keine Möglichkeiten hatten, objektive Berichterstattung zu leisten. Sie waren es gewöhnt, neben ihrem Beruf, noch (Geld-)Geschenke zu bekommen und anzunehmen. Bei »Radio Okapi« bekamen viele von ihnen eine neue Chance als einheimische Mitarbeiter und hatten überraschend große Erfolge. »Sie sind sehr gute Journalisten und haben es nachgewiesen; unter Mobutu hatten sie auch sehr gut gearbeitet, aber mit gebundenen Füssen. Jetzt haben sie das Bewegungsrecht und die Kongolesenbehaupten, wir haben nur die besten ausgesucht.“7

Wahlen als Testfall

Ein wichtiger Prüfstein für eine qualifizierte Berichterstattung waren die Wahlen im Juli 2006. Die Verantwortung, zur politischen Information und Aufklärung beizutragen, war in dieser Situation besonders groß. Groß war aber auch die Gefahr, dass alte Bekanntschaften und Abhängigkeiten bis hin zur Korruption wieder zu einer manipulativen Berichterstattung führen würden. Um hier vorzubeugen, verschärfte Okapi die Arbeitsregelungen in Bezug auf die Wahlen. »Les employés de Radio Okapi doivent refuser les cadeaux, les bénéfices, l’argent ou toute autre compensation offerte. La finalité de ces propositions est toujours d’influencer la décision électorale de Radio Okapi. Les employés de radio Okapi ne doivent pas laisser penser, par leur tenue vestimentaire, qu’ils soutiennent tel ou tel parti ou candidat, par exemple en portant des vêtements ou accessoires au nom ou à l’effigie d’un parti ou d’un candidat.«8

Zusammengefasst wurden alle diese Bedingungen in den sogenannten Produktionsnormen. Für manch einen der Mitarbeiter waren diese Einschränkungen schwer zu akzeptieren, denn es bedeutete »frei« und doch »nicht frei« sein. Zum Beispiel forderte »Radio Okapi« jeden Mitarbeiter auf, zu den Wahlen zu gehen, da jeder verpflichtet sei, diese Aufgabe als Bürger zu erfüllen. Andererseits ist es den Mitarbeitern des Radios streng verboten, sich öffentlich zu positionieren – etwa zu einem aktuellen Referendum, einer Volksabstimmung oder einer Wahl. Die Mitarbeiter dürfen auch nicht als Aktivisten erscheinen oder ein politisches Wahlamt übernehmen.9

Zu den Wahlen hat »Radio Okapi« unter dem Titel »Das sind unsere Überzeugungen«10 10 Regeln aufgestellt:

Diese Regeln dienen als »Taschenbuch« für Okapi-Journalisten. Das bedeutet: ganz gleich woher sie kommen und welcher Ethnie sie angehören, sie müssen die Regeln des Radios anerkennen und sich an diese halten.

Das Verhalten der Journalisten von Okapi ist die konsequente Pflege des Images von Okapi, persönlich wie öffentlich, intern wie extern. Der Anspruch ist, dass die einheimischen Mitarbeiter in der DR Kongo keine einfachen Reporter des neuen Senders sind, sondern »Le nouvel Homme des media congolais«12, der als Vorbild den Journalisten im ganzen Land dienen soll.

Die Wahlen in der DR Kongo sind vorbei, sie sind überraschend friedlich verlaufen. Die Konsequenz: Der Kongo ist heute aus den westlichen Medien fast vollständig wieder verschwunden. »Radio Okapi« jedoch sendet weiter (www.radiookapi.net)13 und ist auch bei uns zu hören.

Anmerkungen

1) Der Beitrag beruht zum Teil auf der Diplomarbeit: von Etienne Simon Fopas: »Medien zwischen Konflikt und Frieden. Die Bedeutung der UNO und die ›Fondation Hirondelle‹ für eine Friedensförderung durch Medien in Afrika: Das Radio Okapi in Kongo Zaire« (April 2006; Institut für Journalistik, Universität Dortmund).

2) Vgl. Die Rolle der Medien, Magazin für Kommunikation, E+Z, Jg. 45 (2004), S.276.

3) www.swissinfo.org/ger/dossiers/portrait/detail/Die_Stimme_der_Schwalben_im_Kampf_fuer_Freiheit.html (26.06.2007).

4) Klussmann, Jürgen: Medien im Konflikt – Mittäter oder Mediatoren. Internationale Konferenz, Friedrich-Ebert–Stiftung, Berlin, 11. Mai 2000, S.8.

5) Vgl. Zint, Martin: Friedensjournalismus als Beruf, in: Wissenschaft & Frieden, Heft 4/2000.

6) Klussmann, Jürgen, a.a.O.

7) Schmidt, Christian, im Interview mit E. Fopa, siehe Fußnote 1.

8) Wahlcharta, Radio Okapi, Interne Schriften; Kap. 5, §2, Abs.2, Kinshasa 2005, S.8. gekürzte Übersetzung. Im Original heißt es, dass Mitarbeiter von Okapi keine Geschenke oder Geld annehmen dürfen. Dies erweckt den Eindruck der Beeinflussung der Meinungen. Mitarbeiter dürfen auch keine Gadjets (eine Art »Fanartikel« wie Kappen, Halstücher, etc.) tragen mit dem Foto von Kandidaten.

9) Wahlcharta, ebenda.

10) Wahlcharta, ebenda, S.10.

11) Coupage (franz. umgangssprachlich in Kongo) bedeutet »Bestechung«

12) Etter, Jean Marie, im Interview mit E. Fopa, siehe Fußnote 1

13) Auch die Wochenzeitung »Die Zeit« bietet seit längerem einen blog zum Kongo: http://blog.zeit.de/kongo/, in dem über Alltägliches und Politisches im Kongo berichtet wird. Die zuständige Redakteurin ist Andrea Böhm.

Etienne Fopa, geb. in Kamerun, ist Absolvent am Institut für Journalistik der Universität Dortmund und Trainer für Medien und Konflikt bei Pecojon Germany (peace and conflict journalism network). Christiane Lammers ist Redakteurin von Wissenschaft und Frieden.

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