in Wissenschaft & Frieden 2007-3: Medien und Krieg / Kriegsmedien

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Dem Krieg einen Sinn geben

Zur Deutung der Balkan-Kriege in den Feldzeitungen der Bundeswehr

von Fabian Virchow

Während in der soziologischen, politik- und medienwissenschaftlichen Forschung in den vergangenen Jahren die Interaktion von medialer Berichterstattung und politischem Handeln bzw. militärischen Entscheidungsprozessen in Krisen- und Kriegssituationen intensiver betrachtet worden ist, haben die medialen Angebote der Militärs selbst bisher wenig Beachtung gefunden. Dabei sind sie an der diskursiven Herstellung einer spezifischen »Kultur des Krieges« ebenso beteiligt wie an der Bereitstellung von Sinnstiftungsangeboten für die Soldaten und Soldatinnen. Mit letzterem befasst sich der folgende Beitrag anhand ausgewählter Publikationen der Bundeswehr.

Mit dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des Ost-West-Konflikts, mit der Auflösung der Warschauer Vertragsorganisation und der marktwirtschaftlichen Transformation der osteuropäischen Gesellschaften sowie dem Auftreten bzw. der Zuspitzung neuer Konfliktlagen haben sich die Rahmenbedingungen, Vektoren und Bezugsgrößen für die Außenpolitik der Bundesrepublik Deutschland nachhaltig verändert. In ihr, von der zuweilen angenommen wurde, sie sei noch bis weit in die 1990er Jahre durch eine culture of antimilitarism geprägt gewesen (Berger 1998: ix/x), haben sich im Ausgang des 20. Jahrhunderts das Primat der Außenpolitik und eine Aufwertung des Militärischen als Mittel deutscher Außenpolitik durchgesetzt (vgl. Schwab-Trapp 2002, Rathbun 2006).

Politische Kultur und militärische Öffentlichkeitsarbeit

Im Unterschied zur originären Analyse politischer Kultur mit ihrer Fokussierung auf die Untersuchung subjektiver Einstellungen ist im vorliegenden Kontext politische Kultur im Anschluss über Vorstellungsmuster konzeptualisiert, die durch historische Erfahrungen einerseits und die aktuelle Deutungspraxis politischer Akteure andererseits geprägt werden. Besteht die politische Kultur einer Gesellschaft »aus einem System von Bedeutungen für politische Ereignis- und Handlungszusammenhänge, das in öffentlichen Auseinandersetzungen zwischen politischen und kulturellen Eliten hergestellt wird und Legitimation für diese Ereignisse und Handlungszusammenhänge enthält« (Schwab-Trapp 2002: 19), so konkurrieren in ihr die Deutungsangebote verschiedener diskursiver Gemeinschaften um die Interpretationshoheit politischer und sozialer Ereignisse und Handlungszusammenhänge. Mit den diskursiven Formationen als »institutionalisierte und legitimierungsfähige Formen des Sprechens über spezifische Themenfelder und Gegenstandsbereiche« (Schwab-Trapp 2002: 48) ist die Herausbildung diskursiver Gemeinschaften verbunden, die ihre »Identität als diskursive Gemeinschaften durch diskursive Prozesse der Abgrenzung und Integration« (ebd.: 52) konstruiert. Auch die Bundeswehr als Institution mit ihren Repräsentanten und Medienangeboten bemüht sich um die Konstruktion einer diskursiven Gemeinschaft, die als gesellschaftlicher Akteur Deutungsmacht beansprucht.

Eine solche Konzeptualisierung politischer Kultur, der es um Fragen der Anleitung und Legitimation politischen und sozialen Handelns geht, als Politische Soziologie ist anschlussfähig an konstruktivistische Perspektiven der Internationalen Politik bzw. der Internationalen Beziehungen, da die Bundeswehr bzw. im erweiterten Sinne die strategic community an den vielgestaltigen Diskursen über Funktion und Aufgabe deutscher Streitkräfte teilnimmt und diese mit ihren Deutungsangeboten maßgeblich bestimmt.

Die konstruktivistische Fokussierung auf die Relevanz nicht-materieller Faktoren wie Bedeutungszuschreibungen, Werte, Ideen, kulturelle Praxen und subjektive Weltdeutungen handelnder Akteure bei der Analyse und Erklärung internationaler Politik und Beziehungen soll hier nicht in dichotomischer Abgrenzung zu rationalistischen Ansätzen verstanden werden, sondern als zusätzliche Perspektive bei der Analyse akteursspezifischer sozialer Konstruktionen außenpolitischen Handelns und zugrundeliegender Interessen, die häufig medial vermittelt sind.

Das Militär ist als kollektiver Akteur unmittelbar an Kriegshandlungen und MOOTW (Military Operations Other Than War) beteiligt; zugleich stellt es mittels der von ihm vorgehaltenen oder kontrollierten Medien auch Deutungsangebote eben dieser Anwendungen des militärischen Gewaltapparates bereit. Im Unterschied zu den USA, wo es zahlreiche Untersuchungen zur Repräsentation des Militärs in den Medien sowie zur Struktur, Arbeits- und Wirkungsweise militärischer Öffentlichkeitsarbeit gibt (vgl. exemplarisch Suid 2002; Robb 2004; Elter 2005), sind entsprechende Studien zur Darstellung der Bundeswehr in Printmedien, Hörfunk und Fernsehen ebenso rar (vgl. jedoch Schaffer/Zelinka 1993; Meder 1998; Bleicher/Hickethier 2005) wie wissenschaftliche Untersuchungen über die Kooperations- und Austauschprozesse zwischen Bundeswehr und journalistischem Feld oder empirisch-qualitative Analysen zu den Medien und der Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Streitkräfte oder – allgemeiner – über die Militärpublizistik in Deutschland (Brandt/Friedeburg 1966; Zelinka/Anker 1991; Klauser 1996; Schießer 2002).

Im folgenden sollen Ergebnisse aus einem Forschungsprojekt vorgestellt werden, das sich mit den Feldzeitungen der Bundeswehr befasst (vgl. Virchow 2007). Diese sind aus militärsoziologischer und kulturwissenschaftlicher Perspektive als Untersuchungsgegenstand in vielfältiger Weise interessant, so etwa hinsichtlich des diskursiven Umgangs mit Tod und Verwundung, der Konstruktion von Geschlechterrollen, der Thematisierung von Sexualität. An dieser Stelle soll der Frage nachgegangen werden, welche Deutungsangebote in diesen Medien hinsichtlich der Kriegsursachen, der Konfliktparteien und der Konfliktverläufe, anlässlich derer Bundeswehreinheiten disloziert wurden, gemacht werden. In den Feldzeitungen findet sich – aus Sicht der ins Einsatzgebiet entsandten Soldaten und Soldatinnen – die Wahrnehmung des Konflikts und die Formulierung von Deutungsangeboten durch zugelassene Beobachter, deren medial vermittelte Augenzeugenschaft als besonders interpretationsstark und aussagekräftig angenommen werden könnte.

Die Feldzeitungen der Bundeswehr

Das aktuelle Medienangebot der Bundeswehr fußt auf der unter dem Titel »Truppeninformation 2000« firmierenden Neustrukturierung der Medien der Bundeswehr (Damm 2002). Der gegenwärtige »Medienmix« der Bundeswehr beinhaltet

Jenseits dieser Konzeption finden sich weitere Medienangebote der Bundeswehr, die eng an die Auslandseinsätze der Bundeswehr und die Transformation zur »Armee im Einsatz« gebunden sind und zum Teil in den Verantwortungsbereich der sogenannten OpInfo –Einheiten (Operative Information) gehören, die in der Tradition der psychologischen Kampfführung stehen. Zum Aufgabenbereich dieser Truppengattung gehört das auf Nachwuchsgewinnung ausgerichtete Personalmarketing, in dessen Rahmen etwa Redakteure von Schülerzeitungen zur OpInfo-Truppe eingeladen werden (Wegner 2006), die Produktion von Radioprogrammen und Zeitschriften für die Bundeswehrsoldaten und -soldatinnen im Ausland und die Informationssammlung über aktuelle und zukünftige Einsatzländer einschließlich soziodemographischer Merkmale ihrer Bevölkerungen (Marberg 2006).

Neben Zielgruppenradios, mit denen die Bevölkerung in den Einsatzgebieten der Bundeswehr informiert wird, gehört auch das Betreuungsradio der Bundeswehr, »Radio Andernach«, zu OpInfo-Einheit. Seit 1996 ist »Radio Andernach« im ehemaligen Jugoslawien mit einem Studio vertreten, seit 2002 auch im afghanischen Kabul.

Schließlich produziert die Bundeswehr in ihren Einsatzgebieten auch Feldzeitungen. Neben der erstmals im November 2002 erschienenen ISAF-Feldzeitung »Checkpoint« wird für das in Mazedonien stationierte Bundeswehr-Kontingent seit 1999 wöchentlich die Zeitung »Maz & More« mit einer Auflage von über 6.000 Exemplaren (2002) produziert. Bereits Ende 1997 wurde unter dem Titel »Der Keiler« (Auflage 1.600) eine Feldzeitung der Bundeswehr in Bosnien-Herzegowina und anfangs auch Kroatien hergestellt. In der ersten Ausgabe von Maz & More hieß es zur Funktion der Publikation, diese diene der Verbindung der Truppe im Einsatz mit den Familienangehörigen und solle das Zusammengehörigkeitsgefühl des Kontingents fördern (Maz & More Nr. 1: 2).

Auch wenn die Feldzeitungen in Aufmachung und Umfang immer wieder Veränderungen unterworfen waren, so lassen sich auf den zwölf bis sechzehn Seiten folgende Elemente als häufig wiederkehrend identifizieren: Beiträge zu aktuellen politischen Entwicklungen (z.B. Wahlen) oder militärischen Ereignissen (z.B. Militärübungen, Test neuer Waffensysteme, Kommandoübergaben und Kontingentwechsel), Interviews mit Kommandeuren, Berichte über die Tätigkeit einzelner Einheiten sowie über Patrouillenfahrten, Porträts von Soldaten und Soldatinnen, Darstellungen ausländischer Truppen, Kommentare von Militärgeistlichen oder Truppenpsychologen, Ablauf von Feiertagen und Events der Truppenbetreuung, karitative Aktionen zugunsten der Zivilbevölkerung, ein bis zwei Seiten mit Witzen, Rätseln, Horoskopen und Kreuzworträtseln sowie – meist auf der Rückseite – Grüße von Familienangehörigen. Ein Teil der Auflage wird nach Deutschland geschickt und steht so den Familienangehörigen oder Lebenspartnern zur Verfügung.

Die Balkan-Kriege in den Feldzeitungen der Bundeswehr

In den wöchentlich erscheinenden Feldzeitungen der Bundeswehr nehmen Beiträge, die sich explizit mit Ursachen, Verlauf und Konfliktparteien im (früheren) Jugoslawien befassen, nur einen geringen Anteil der Gesamtfläche ein. Während sich die in den Feldzeitungen befragten kommandierenden Offiziere vor allem zu militärischen Fachfragen äußern und bezüglich politischer Beurteilungen und Entscheidungen auf »die Politik« verweisen (vgl. zu detaillierten Nachweisen: Virchow 2007), teilen die Militärs mit den von den Redaktionen der Feldzeitungen befragten Politikern die Bewertung, dass die Konfliktregelungsprozesse Fortschritte machen, aber noch eine nicht absehbare Zeit in Anspruch nehmen werden. Von Regierungsvertretern werden hingegen Bedingungen und Perspektiven formuliert, so etwa bzgl. der Auslieferung der Generäle Mladic und Karadzic als conditio für die Aufnahme in die EU. Von militärischen wie politischen Vertretern werden die Bundeswehr-Einsätze unisono als »Erfolgsstory« bezeichnet und den Soldaten und Soldatinnen explizit Anerkennung gezollt und politische Unterstützung ausgesprochen.

Besonderen Erklärungswert hinsichtlich der Konfliktlagen im ehemaligen Jugoslawien beanspruchen die mehrteiligen Artikelserien, die in den Feldzeitungen abgedruckt wurden. Diese Artikelserien zur Entstehung und zum Verlauf der Konflikte im ehemaligen Jugoslawien bieten keine durchgängig einheitliche Deutung an. Zum Teil fokussieren sie auf einen Zeitraum, der vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart reicht, zum Teil greifen sie weit zurück bis in die Zeit der Teilung des Römischen Reiches. In den Beiträgen werden unterschiedliche Komplexitätsgrade bezüglich der Darstellung und Relation historischer Ereignisse und Entwicklungen ebenso deutlich wie verschiedene Betrachtungsperspektiven, die im einen Fall eher an die Darstellung von Geschichte als »Tat großer Männer« und Kriegsgeschichtsschreibung erinnert, in anderen Beiträgen jedoch auch die ökonomischen Krisenmomente der gesellschaftlichen Entwicklung und die Dimension der Überföderalisierung als konfliktfördernde Faktoren anführen und damit einen wichtigen Aspekt zum Verständnis der historischen Entwicklung zumindest benennen (vgl. Okuka 1998; Pavkoviæ 2000).

Den Beiträgen ist gemeinsam, dass sie in der grundsätzlichen Perspektive und in expliziten Bezügen als Konfliktursache die »ungelöste nationale Frage« (Maz & More Nr. 59: 11) und die »konsequente Verweigerung nationaler Selbstbestimmungsrechte« (Maz & More Nr. 60: 11) markieren, und die These das ein »Kunstgebilde« (Maz & More Nr. 183: 14) wie Jugoslawien nicht funktioniere. Obwohl immer wieder auch die durch Migrationsprozesse verursachten Enthomogenisierungsprozesse Erwähnung finden, folgt die implizite Textur der Vorstellung von der Existenz von »Völkern«, die als weitgehend homogene Entitäten begriffen werden und durch die Jahrhunderte immer wieder miteinander in Konflikten und Kämpfen verwickelt waren (z.B. Maz & More Nr. 164: 14). »Ethnische Zugehörigkeit« wird dabei im Regelfall essentialisiert (vgl. z.B. die Charakterisierung Titos in Maz & More Nr. 182: 14). Tatsächlich jedoch waren – insbesondere in Bosnien-Herzegowina, wo durch wiederholte Wanderungsbewegungen sowohl »Serben« als auch »Muslime« fast flächendeckend verteilt und die »Kroaten« in den meisten Teilen der Republik anzutreffen waren (vgl. MacDonald 2002: 223) – die scheinbar klaren Kategorien wenig eindeutig und trennscharf. Werden die vielfältigen und variablen Muster kultureller Differenzierung und Zuordnung betrachtet, so lässt sich erahnen, dass es unmöglich ist, mit ihnen Eindeutigkeit bezüglich der objektiven Zugehörigkeit zu einer bestimmten Vergemeinschaftungsform (»Volk«) herzustellen (vgl. Lockwood 1975). Für viele Menschen in Bosnien war über lange Zeit ein »village patriotism« bedeutsamer als der Bezug zu einer qua Religion, Sprache oder Kultur konstruierten »Ethnie« (vgl. Calic 1998; Pratt 2003: 142 ff.).

Während der militärischen Auseinandersetzungen im ehemaligen Jugoslawien wurden die soziale Plausibilisierung der Ordnungsvorstellung Nation und die Nationalisierung der Gesellschaften vorangetrieben; dabei stellte neben der Sprache auch die Implementierung nationaler Symbole, Feste, Bilder und Mythen, die mit bestimmten Werten und Verhaltensnormen verbunden wurden und als Teil einer »invention of tradition« (Hobsbawn & Ranger 1983) zu verstehen sind, einen zentralen Bereich dar. Solche Prozesse nationalistischer Umformung in Gestalt der Aktualisierung ‚nationaler Erinnerungskulturen‘ werden in den Feldzeitungen insbesondere am Amselfeld-Mythos dargestellt.

Zu den Leerstellen in den Artikelserien zählen hinsichtlich des Prozesses der Separation von Slowenien und Kroatien die Anerkennungspolitik der Bundesrepublik Deutschland und der EU als konfliktbeeinflussende Faktoren sowie die weit reichende Ausblendung von Tendenzen und gesellschaftlichen Konstellationen, die den nationalistischen Verfeindungstendenzen nicht entsprochen haben. Entgegen dem dadurch entstehenden Eindruck eines geradlinigen, fast zwangsläufigen Prozesses der Konflikteskalation hatten die Nationalisten zahlreiche Widerstände zu überwinden. So gelang es trotz umfangreicher nationalistischer Kampagnen bis Anfang der 1990er Jahre auch in Serbien nicht, ethno-nationalistische bzw. religiös-nationalistische Vorstellungen hegemonial werden zu lassen (vgl. Obradoviæ 1998); eine umfassende Kriegsbegeisterung in den Republiken Jugoslawiens war, wie die Schwierigkeiten bei der Mobilmachung (vgl. Civic 1994) belegen, zunächst auch nicht erreicht worden.

Während in frühen Ausgaben von »Maz & More« und »Der Keiler« stärker Eindrücke der unmittelbar vorangegangenen Kriegshandlungen und Zerstörungen aufscheinen und von einer weiterhin äußerst angespannten Lage berichtet wird, wird in der Berichterstattung in den letzten Jahren mehr auf die kleinen Fortschritte im Zusammenleben der Bevölkerungsgruppen bzw. auf eine Rückkehr zu Prozeduren des Alltags abgehoben, die freilich oft nur unter dem Schutz der KFOR-Truppe möglich seien. Hinsichtlich der Rolle deutscher Soldaten wird einerseits die Deutung als »Hüter der Ordnung« und andererseits die des »Aufbauhelfers« angeboten. Durchgängig findet sich eine Darstellung der Bundeswehrtruppe in den Einsatzgebieten als »große Gemeinschaft« bzw. »Familie«; die in zahlreichen militärsoziologischen Untersuchungen als bedeutsam erkannten Kategorien class, gender und ethnicity werden nur sehr selten explizit thematisiert.

Insgesamt dienen die Feldzeitungen der Bundeswehr der Sinngebung und Legimitierung des konkreten soldatischen Tuns, der Inszenierung eines Gemeinschaftsgefühls innerhalb der Truppe, der Herstellung eines »emotionales Bandes« zur Heimat sowie der Vermittlung von Kenntnissen über die Gesellschaften, in denen sich die Soldaten und Soldatinnen im Auslandseinsatz bewegen, und die Konfliktsituationen und -historien, in die sie intervenieren. Hinsichtlich des letztgenannten Aspekts, zu dem ausgewählte Ergebnisse im Fokus dieses Beitrages standen, hat sich gezeigt, dass häufig eine Abfolge historischer Daten im Mittelpunkt steht, die Bedingungskonstellationen der Konflikte und ihrer Eskalation sowie die Mechanismen und Motoren der Verfeindungsprozesse nicht ihrer Komplexität entsprechend dargestellt werden, sondern auf eine eindimensionale Interpretation als ethnisch-nationalistischer Konflikt (vgl. Massey/Hodson/Sekuliæ 1999; Flere 2003) verkürzt werden. Auch wenn hinsichtlich der Rezeption der Beiträge in den Feldzeitungen der Bundeswehr und den dort angebotenen Deutungsmustern hier keine Aussagen getroffen werden können, so ist daran zu erinnern, dass sich Produzierende und Rezipierende in einem politisch-kulturellen System bewegen, dass hinsichtlich des Bemühens, den Ereignissen »im Balkan« diskursiv Ordnung und Sinn zu verleihen, vom »Balkanismus« (Todorova 1999; Rasza/Lindstrom 2004, Miskovic 2006) geprägt ist. Der Balkanismus mit seiner Vorstellung »des Balkans« als Brücke zwischen Ost und West, als »halborientalisch« und »halbzivilisiert«, von »Religion« und »Ethnizität« seit Jahrhunderten unausweichlich in Konflikte getrieben, ist eine diskursive Verhärtung (James Clifford), der freilich nicht nur in den Feldzeitungen der Bundeswehr zu begegnen ist.

Literaturverzeichnis

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Dr. Fabian Virchow ist Lehrbeauftragter an den Universitäten in Lüneburg und Marburg, wo er zuletzt eine Professur für Friedens- und Konfliktforschung vertrat

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