in Wissenschaft & Frieden 2007-1: Terrorismus - Ursachen und Folgen

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Der zweite Libanon-Krieg, das Friedenslager und Israel

Nachgedanken eines Friedensfreundes

von Daniel Bar-Tal

Im Zusammenhang des zweiten Libanon-Kriegs haben sich hierzulande zahlreiche selbsternannte Israelfreunde mit unbesehen proisraelischen Stellungnahmen zu Wort gemeldet – manche so anmaßend, dass sie auch selbstkritische jüdische Stimmen als israelfeindlich oder gar als antisemitisch glaubten diffamieren zu können. Das wird der vorliegende Beitrag des sich dem israelischen Friedenslager zurechnenden Sozialpsychologen Daniel Bar-Tal kaum erlauben. Dennoch ist er ausgesprochen selbst- bzw. israelkritisch, nicht zuletzt vom moralischen Standpunkt aus. Im Hinblick auf die kaum zu überschätzende Bedeutung der jüdischen Tradition für die Entwicklung des moralischen Bewusstseins der Menschheit kann man eine solche Stimme als Stimme des »wahren Israel« verstehen. Jedenfalls erscheint sie uns als wertvolle Orientierungshilfe für wahre Israelfreunde.

Der jüngste Krieg im Libanon trug zu einer weiteren Spaltung des Friedenslagers bei. Zu Beginn dieses Krieges brachten manche aus dem Friedenslager ihre Zustimmung zum Ausdruck und verlangten, man müsse zwischen »radikalen« und »vernünftigen« Tauben unterscheiden und die Grundannahmen des Friedenslagers überprüfen. Als ein Vertreter dieses Lagers nehme ich die Herausforderung an und überprüfe meinen Bezugsrahmen. Dazu werde ich meine Auffassungen zunächst skizzieren, bevor ich sie im Licht der jüngsten Ereignisse betrachte.

Grundannahmen

Zum Libanonkrieg

Meine Überlegungen zum jüngsten Libanon-Krieg bestärken mich in meinen Grundannahmen. Mehr als je zuvor bin ich von der Notwendigkeit überzeugt, dass der Israel-Palästina-Konflikt auf dem Verhandlungsweg und durch die Unterzeichnung eines Friedensabkommens mit Syrien beigelegt werden muss.

Ich nehme die Drohung des Iran, Israel vernichten zu wollen, ernst, glaube aber, dass eine friedliche Beilegung der Probleme mit Palästina und Syrien uns im Innern stärken, unser internationales Ansehen fördern und uns so in die Lage versetzen wird, den Gefahren Stand zu halten. Mehr denn je bin ich gegen die Anwendung von Gewalt zum Zweck der Konfliktregelung.

Was den jüngsten Krieg betrifft, so wird kaum jemand bezweifeln, dass die Entführung von Soldaten durch die Hisbollah ein Akt ungerechtfertigter Gewalt war, der Gesetze und Normen der internationalen Gemeinschaft verletzt hat. Allerdings, an diesem Punkt ist auch schon Schluss mit dem Konsens. Ich gehöre zu den Leuten, die überzeugt sind, dass die übereilte Entscheidung zu Krieg, die massiven Bombenangriffe, die immense Schädigung der Zivilbevölkerung, der Widerstand gegen einen Waffenstillstand und gegen Verhandlungen in der ersten Kriegsphase und der Beginn einer groß angelegten Bodenoffensive nach der Resolution des Sicherheitsrates symptomatisch sind für Israels Neigung zu Gewaltlösungen, für seine simplifizierende und ethnozentrische Einstellung zu dem Konflikt sowie für den überwältigenden politischen Einfluss der Armee.

Gewiss, Nachrichten über die Tötung von Zivilisten durch Katjuscha-Raketen in Acre, Haifa oder Tarshiha erzeugen Wut. Das Bedürfnis nach Vergeltung, der Wunsch, Leute von der Hisbollah zu töten und zu verletzen, drängt sich auf. Das ist zweifelsohne eine natürliche Reaktion fast aller Menschen. Nichtsdestotrotz muss genau an diesem Punkt eine andere Stimme gehört werden – die Stimme, die uns dazu auffordert, die Ereignisse in einer weiten historischen Perspektive zu betrachten, über zahlreiche mögliche Konsequenzen nachzudenken, Alternativen zum Erreichen ähnlicher Ziele in Betracht zu ziehen und die Folgen impulsiver, instinktförmiger Handlungen zu bedenken. Ich möchte annehmen, dass die Führer der Nation solche distanzierten Einschätzungen vornehmen – wenn nicht sie, dann zumindest die Anhänger des Friedenslagers.

Hier einige Gedanken meiner eigenen »zweiten Stimme«:

Einsichten nach dem Krieg

Die Ergebnisse des Krieges (die hätten antizipiert werden können und sollen), sind anscheinend folgende:

1. Die Hisbollah und der Iran haben es geschafft, weltweit ihr Image in der arabischen und muslimischen Öffentlichkeit zu fördern. Die Position Israels in der westlichen Welt ist geschwächt und Israel hat sich nun noch weiter von einer friedlichen Lösung des israelisch-arabischen Konflikts entfernt. Man kann davon ausgehen, dass der Erfolg der Hisbollah, einer der weltweit stärksten Armeen stand zu halten, der Abschreckungskapazität Israels abträglich ist. Das bestärkt die Annahme, dass Israel eher durch Friedensabkommen als durch weitere Kriege gesichert werden kann.

2. Der Libanon-Krieg begann mit einem unmoralischen Akt der Aggression und verkam zu Gewaltsamkeiten, die an den Dschungel erinnern oder an den wilden Westen, wo moralische Schranken allseits fallen und es mörderische Schläge hagelt. Jede Seite kümmert sich nur um die eigenen Opfer, glorifiziert die eigenen Streitkräfte und dämonisiert den Gegner. Ein Optimist mag vielleicht sagen, dass auch aus diesem üblen Dschungel noch eine Heilpflanze wachsen und zu Friedensgesprächen führen kann – wenn das nur mal passieren würde!

3. An dieser Stelle möchte ich auf den Unterschied zwischen der radikalen Linken und einer Linken, die sich selbst für »vernünftig« hält, zurückkommen. Wenn der Begriff »radikale Linke« für eine post-zionistisches Linke steht, die die Existenz des Staates Israel ablehnt, dann steht er für eine sehr kleine Gruppe mit wenig Einfluss. Ich hoffe, dass das so verstandene Etikett »radikal links« nicht jenen Kritikern im Friedenslager zugeschrieben wird, die sich der regierungsamtlichen Sicht des Geschehens oder der in der öffentlichen Meinung oder in den Medien vorherrschenden Version verweigern. Diese Abweichler werfen einen umfassenderen Blick auf die Situation und melden sich mit diversen kritischen Beiträgen zu Wort.

4. Ich würde gerne eine alternative Unterscheidung vorschlagen, und zwar eine zwischen instrumentalistischen und moralisch orientierten Tauben. Die ersteren unterstützen den Friedensprozess aus pragmatisch-ethnozentrischen Erwägungen zum Wohle des jüdischen Volkes – als da sind demographische Befürchtungen, Sorge um die Sicherheit des Staates und Sorgen um wirtschaftliche Prosperität. Diese Gruppe ist ein wichtiger Teil des Friedenslagers und ohne sie wäre es nicht möglich, den Friedensprozess voranzutreiben. Die andere Gruppe, die moralisch orientierten Tauben unterstützen ein Friedensabkommen aufgrund universeller ethischer Erwägungen. Sie erkennen dem palästinensischen Volk – ebenso wie dem jüdischen Volk – ein Recht auf dieses Land zu, ein Recht auf Selbstbestimmung und darauf, seinen eigenen Staat aufzubauen. Außerdem sind sie in der Lage, für die Leiden der Palästinenser oder Libanesen Mitgefühl zu entwickeln. Sie sind sich bewusst, dass der Staat Israel ethische Normen gelegentlich verletzt hat. Sie sehen, dass Gewalt auf der einen Seite zu Gewalt auf der anderen Seite führt und einen ununterbrochenen Teufelskreis von Feindseligkeit nährt, so dass es unmöglich wird, zu klären, wer angefangen und wer reagiert hat. Sie sehen auch ein, dass die Gewalt in einem breiten historischen Kontext zu sehen ist. Sie laufen nicht blind und automatenhaft hinter der Fahne her, sondern analysieren jede Entwicklung neu.

5. Ich bin sicher, dass es im Friedenslager nicht wenige gibt, die sich auch von ethisch-moralischen Erwägungen bestimmen lassen. Die israelische Gesellschaft verachtet sie und versucht, sie zu delegitimieren. Sie werden häufig als anti-israelisch, als Araber-Freunde und sogar als Verräter gescholten. Man bewundert gerne Ausländer mit moralischem Format, besonders solche, die Juden geholfen haben. Moralisch bestimmte Tauben sollten ihre Prinzipien nicht wegen des jüngsten Krieges aufgeben. Moralische Werte sind nicht nur die Grundlage der menschlichen Existenz und der Hoffnung auf ein besseres Morgen. Sie sind auch Grundlage des jüdischen Kampfes gegen den hässlichen Antisemitismus und für den Aufbau und der Verteidigung des Staates Israel.

6. Einen Friedensfreund erkennt man daran, dass er für die Beurteilung anderer Nationen die gleichen Kriterien anwendet wie für die eigene. Ich glaube, dass ein Mangel an moralischen Prinzipien aufseiten der jüdischen Gesellschaft im Kontext des israelisch-arabischen Konflikts (und insbesondere des Konflikts mit den Palästinensern) zu einem Zusammenbruch moralischer Werte auch in Bezug auf innere Angelegenheiten geführt hat. Seit den 1970er Jahren geht es in der israelischen Gesellschaft nur abwärts: Verfall des Erziehungs-, Gesundheits- und Sozialsystems, rekordverdächtig wachsende sozioökonomische Kluft zwischen Reich und Arm, dramatischer Armutsanstieg, Zunahme von Kriminalität, von Korruption in politischen Bereichen und einer anomischen politischen Kultur. Der letzte Krieg erbrachte klare Indizien für die vorgenannten Übel der israelisch-jüdischen Gesellschaft. Daher ist es zwingend notwendig – auch wenn man sich lediglich auf das Überleben und die Sicherheit des Staates konzentriert –, eine gerechte und moralische Lösung für den israelisch-arabischen Konflikt zu finden, um die innenpolitische Entwicklung in Israel zu ändern.

Fazit

Der letzte Krieg war schrecklich. In Charakter und Ausmaß hat er alle moralischen Werte außer Acht gelassen. Es war ein Krieg, in dem beide Seiten Unschuldige getötet haben. Ein Krieg, der von Leidenschaften, von Furcht, Angst und dem Bedürfnis nach Rache bestimmt wurde – nicht von nüchternem Urteil und Wertegesichtspunkten. Ein Krieg, dessen Ziele nicht erreicht wurden, mit schwerwiegenden Folgen für Israel und den Libanon. Ein Krieg ohne Sieger – nur Besiegte. Die Gräber, die Flüchtlinge und die Zerstörung bezeugen es – nicht die Prahlerei der Politiker und Militärs, die den Sieg reklamieren. Es bleibt zu hoffen, dass Israel nach dem Krieg sich auf den Weg zum Frieden macht, den einzigen Weg, der auch den Staat stark zu machen vermag. Frieden mit Palästinensern und mit Syrien und der Aufbau einer neuen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Ordnung können unsere Gesellschaft in eine bessere Zukunft führen. Es liegt vor allem an uns, ob wir diesen Weg einschlagen!

Daniel Bar-Tal ist Professor für Politische Psychologie an der Tel Aviv University und war Präsident der Internationalen Gesellschaft für Politische Psychologie und Mitherausgeber des Palestine-Israel Journal. Der Originalbeitrag in Englisch erscheint in Heft 3/06 dieses Zeitschrift. Die Übersetzung für W&F besorgte Gwen Elprana.

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