in Wissenschaft & Frieden 2007-1: Terrorismus - Ursachen und Folgen

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Annäherungen an eine Psychologie des Terrorismus

von Karin Weis und Andreas Zick

Journalistische und politische »Erklärungen« des Terrorismus, insbesondere des internationalen Terrorismus, geraten fast unweigerlich in die Sackgasse standortbedingter Perspektivendivergenz: Was für die einen i.W. eine Reaktion ist auf die Aggressivität, mit der der Kapitalismus die letzten Rohstofflager ausbeutet und sich auch die kleinsten Märkte unterwirft, stellt für die anderen ein Epiphänomen eines aus endemischen, letztlich irrationalen (Ab-) Gründen gespeisten politischen und kulturellen Zerfallsprozesses dar, der unbedingt eine Regulierung seitens der »internationalen Gemeinschaft«, nicht zuletzt mit militärischen Mitteln, erfordert. Die folgenden »Annäherungen an eine Psychologie der Terrorismus« lassen sich kaum einem dieser »weltsystemischen« Ansätze zuordnen. Was immer auf dieser Ebene Terrorismus stimulieren oder begünstigen mag, letztlich sind Personen und Gruppen die Akteure und man kann dementsprechend mit Fug und Recht von Individual- und Sozialpsychologie klärende Beiträge erwarten. Die Überlegungen der AutorInnen lassen allerdings erkennen, dass seitens der Psychologie die Voraussetzungen für eine kritisch-integrative Auseinandersetzung mit den angesprochenen Deutungsrichtungen noch lange nicht gegeben sind.

Den Realitätsgehalt der terroristischen Bedrohung katapultierte »9/11« der westlichen Welt ins Bewusstsein. Der Terrorismus trat nicht nur mit unerwarteter Zerstörungskraft auf, er zeigte auch ein unbekanntes Gesicht, indem er sich nicht mehr als bloß lokales Problem erwies. Mit 9/11 wurde deutlich, dass sich der Terrorismus zunehmend neuer Mittel bedient, andere Zielgruppen hat und eine »asymmetrische Kriegführung« verfolgt. Dieser »neue Terror« ist durch eine Reihe von Merkmalen charakterisiert: Die Zahl potenzieller Täter und Unterstützer ist enorm; der Terror hat viele religiöse und ideologische Gesichter; er nutzt moderne Medien und schafft transnationale Netze; zivile Opfer werden in Kauf genommen oder sind beabsichtigt; er zielt auf die Verbreitung von Angst und Schrecken, und in nie dagewesenem Ausmaß töten sich die Attentäter selbst bei Anschlägen.

Prävention und Intervention gegen diese Gefahr hängen mit einer zuverlässigen Ursachenanalyse zusammen: Was bewegt Individuen und Gruppen dazu, das Erreichen ihrer Ziele über das Leben anderer zu stellen? Obgleich unzählbare Analysen vorliegen, meinen die meisten Experten, dass schlüssige Antworten fehlen (Lia & Skjølberg, 2004). Das ist nicht allein auf eine fehlende gemeinsame Definition des Phänomens zurückzuführen (Laqueur, 2004). Die komplexe Frage nach den Ursachen ist nur aus unterschiedlichsten Perspektiven zu beantworten. Bedenkt man, dass Terrorismus von individuellen, sozialen, gesellschaftlichen und historischen Bedingungsfaktoren und ihren Wechselwirkungen beeinflusst ist, sind einfache Ursachenangaben von vornherein verfehlt. Mit dem vorliegenden Beitrag konzentrieren wir uns auf die psychologische Perspektive, das heißt eine Perspektive, die das »terroristische Individuum« im Kontext der sozialen Umwelt zu verstehen sucht. Indem wir andere Zugänge ausblenden, reduzieren wir den Erklärungsansatz explizit.

Schlüssige, hinlänglich empirisch gestützte psychologische Theorien über den Prozess, wie eine Person zu einem Mitglied einer Terrorgruppe wird und sich an Anschlägen beteiligt, liegen u.E. nicht vor. Das ist darauf zurückzuführen, dass Terrorismus bislang kaum als wesentliches psychologisches Thema beachtet wurde, aber auch darauf, dass empirische psychologische Analysen kostspielig und gefährlich sind. Dies vorweggenommen, werden wir zunächst prominente psychologische Erklärungsansätze skizzieren, die in die Terrorismusforschung Eingang gefunden haben, und dann unsere »Annäherungen an eine Psychologie der Terrorismus« thesenartig präzisieren.

Erklärungsansätze

Wir betrachten zwei Theoriegruppen näher: Solche, die nach personalen Ursachenfragen, und solche, die nach dem Einfluss der Einbindung von Individuen in Gruppen fragen.

Die personbezogene Sicht: Devianz, Disposition, Emotion

Die These ist verbreitet, dass Terroristen psychisch auffällig sind und spezifische »Störungsbilder« aufweisen. Das kann kurz zurückgewiesen werden: Es gibt bis heute keine validen Hinweise, dass Terroristen psychisch krank sind (vgl. Hudson, 1999). Selbstverständlich können Einzeltäter auch unter psychischen Krankheiten leiden, aber wenn man den organisierten Terrorismus betrachtet, wird schnell klar, dass solche Organisationen es sich kaum leisten könnten, auffällige Personen aufzunehmen. Wenn Personen in eine Terrorgruppe aufgenommen werden, verringert sich ihr Kontakt zu etablierten sozialen Netzen (Freunde, Familie etc.) nach und nach, und die Gruppe wird Lebensmittelpunkt. Wer isoliert lebt, muss sich anpassen können und gruppeninterne Kommunikations- und Interaktionskompetenzen entwickeln. Die Operationen müssen geheim gehalten werden, und nach außen muss der Anschein der Normalität gewahrt bleiben. Dies berücksichtigt, erstaunt es nicht, dass Interviews mit Terroristen keine Hinweise auf psychische Krankheiten geben (McCauley, 2002), auch nicht bei Selbstmordattentätern (vgl. z.B. Atran, 2003). Selbst wenn man annimmt, dass Terroristen eine antisoziale Persönlichkeitsstörung aufweisen (z.B. Psychopathie), also intelligent und leistungsfähig, aber nicht empathisch und manipulativ gewaltbereit sind, würde das die Kooperation und Koordination in Gruppen stören oder unmöglich machen. Empirisch belegt ist auch nicht die »schwächere« These von Post (1990), dass Terroristen eine spezifische Form des Überlegens (terrorist psychologic) annehmen, die z.B. durch Hass geprägt ist. Zudem erklärt der Psychopathie-Ansatz nicht, warum sich einige Personen mit entsprechendem Profil Terrorgruppen anschließen und andere nicht. Crenshaw (1981) kommt sogar zum Gegenteil: Relativ »normale« Personen seien eher anfällig, sich Terrorgruppen anzuschließen. Sie müssen sich vielfach sogar besonders gut in der Normalität auskennen, um in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen (vgl. auch Corrado, 1981; Stahelski, 2004).

Ein weiterer Ansatz, der nach Persönlichkeitsmerkmalen fragt, verweist auf spezifische Dispositionen, die im Verlauf der Sozialisation entwickelt werden. Berücksichtigt man, dass terroristische Handlungen – selbst Selbstmordanschläge – Gruppenhandlungen sind, liegt es nahe, die individuelle Terrorneigung auf einen Autoritarismus zurückzuführen, der die Konformität befördert. Studien dazu liegen kaum vor. Ferracuti & Bruno (1981) identifizieren in Fallstudien Merkmale autoritär-extremistischer Persönlichkeiten wie Autoritätsambivalenz, Einsichtsschwäche, Konventionalismus, emotionale Ablösung von den Konsequenzen ihrer Handlungen, sexuelle Identitätsstörung mit Rollenunsicherheit, Aberglaube, Magie und stereotypes Denken, Destruktivität, Fetischisierung von Waffen und Festhalten an gewalttätigen subkulturellen Normen. Eher rechtsextreme Terroristen seien psychopathologisch zu beschreiben, auch weil ihre Ideologie »leer« (realitätsfern) sei. Bezieht man die Konflikt- und Rechtsextremismusforschung ein, dann liegt die Annahme nahe, dass Terroristen macht- und dominanzorientiert oder rigide und dogmatisch sind. Empirisch ist das nicht geprüft und solche dispositionalen Ansätze können nicht erklären, wie und warum sich so disponierte Individuen zu Terrorgruppen finden. U.E. sind Dispositionen eher Folge eines kulturellen Sozialisationsprozesses, der in sozialen Netzwerken stattfindet, und keine Ursache.

Vielversprechender erscheint uns die Frage, welche EmotionenMenschen dazu veranlassen, gewalttätig zu werden. Zu den zentralen Emotionen zählen Wut und Hass sowie Kränkungen und Frustration. Im Falle muslimischer Selbstmordattentäter kommt oftmals auch eine religiöse Hingabe dazu, sowie eine »freudige« Vorwegnahme des späteren Lebens im Paradies. Nicht jede Emotion muss in jedem Fall vorhanden sein, aber u.E. spielen Emotionen eine gewichtige Rolle. Wut und Hass auf andere Gruppen oder Nationen können Menschen dazu veranlassen, diese und die wahrgenommenen Ungerechtigkeiten und Bedrohungen zu bekämpfen. Ein Unterscheidungsmerkmal von Wut und Hass besteht darin, dass Wut auf Verletzung und Zerstörung, Hass auf die Nichtexistenz oder Zerstörung des Zielobjektes abstellt. Wut ist eine »heiße Emotion«, wohingegen Hass auch »kalt und berechnend« sein kann. Daraus resultieren unterschiedliche Handlungstendenzen. Wut führt zu einer Annäherung an das Zielobjekt (Weis, submitted). Dies beruht oft auf einer gewissen Irrationalität. Würde jeder Mensch rational handeln, würden stärkere Gruppierungen nie von schwächeren angegriffen werden, weil rein vernunftmäßig von vornherein klar ist, dass der Stärkere gewinnt, auch wenn er Verluste erleidet. Wut lässt Menschen irrational handeln und das Zielobjekt trotzdem angreifen. Hass hingegen kann die Emotion Wut sowie weitere Emotionen wie Angst, Ekel oder Verachtung beinhalten. Die Duplex-Theorie des Hasses von Sternberg (2003) postuliert, dass Hass aus drei Komponenten besteht, Negation von Intimität, Leidenschaft und Commitment. Je nachdem, welche der Komponenten zu welchem Ausmaß bedeutsam ist, sind die Hassqualität und resultierende Handlungstendenzen andere (s.a. Weis, 2006). Je mehr Komponenten des Hasses vorhanden sind, desto mehr steigt auch die Gefahr des Terrorismus.

Aber nicht nur negative Emotionen können Terrorismus motivieren. Handlungsgründe, die oft von muslimischen Attentätern angeführt werden, betonen die Hingabe an Gott oder die Aussicht auf ein Leben im Paradies und die Bindung an ihre Gruppe (z.B. Cole, 2003). Insgesamt halten wir einen psychologischen Ansatz, der die Emotionen von Tätern fokussiert, für unabdingbar, wenn auch empirische Studien dazu fehlen. Dabei ist zu beachten, dass die Emotionen in einen Gruppenkontext eingebettet sind.

Die Gruppenperspektive: Deprivation, Identität, Interaktion

Eine weit verbreitete These besagt, dass Terroristen Kränkungen und Frustrationen erfahren haben; der Terrorakt im weitesten Sinn ein Ruf nach Anerkennung ist. Dabei müssen Terroristen nicht unbedingt selbst widrige Umstände oder Kränkungen erleben. So stammten die meisten der Terroristen des 11.9. aus der gebildeten Mittelschicht und wuchsen relativ behütet auf. Krueger & Maleèkova (2003) zeigen in einer umfassenden Studie, dass Bildungsdefizite und nicht ökonomische Deprivation Terrorneigung und die Partizipation in Terrorgruppen erklären. Wesentlich ist u.E., dass Frustrationen (wie auch autoritäre Orientierungen, Emotionen etc.) v.a. dann die Terrorneigung erhöhen, wenn sie die soziale Identität und den damit verbundenen Selbstwert bestimmen; also jenen Teil des Selbstkonzepts, der aus der Mitgliedschaft zu Gruppen resultiert (Tajfel & Turner, 1986). Die Gruppenidentität ruft Emotionen hervor, wenn der Gruppe oder Mitgliedern etwas widerfährt und die anderen das empfinden, als wenn es ihnen selbst zugestoßen wäre. Erfolge der Gruppe führen zu einer Selbst-Aufwertung, Niederlagen und Demütigungen zur Abwertung der sozialen Identität; unabhängig von individuellen Erfahrungen. Propaganda kann diesen Effekt hervorrufen und verstärken. Blickt man auf die Situation vieler muslimischer Länder, so sehen diese sich unrechtmäßig vom Westen dominiert, unterdrückt, und sie bezichtigen den Westen, an ihrem Ungemach schuld zu sein. Zudem fühlen sie sich vielfach nicht ernst genommen, was dazu führen kann, dass junge Muslime sich aus Frustration einer Terrororganisation anschließen, selbst wenn sie ungefährdet aufgewachsen sind. Eine besondere Frage dabei ist, wie die Opferbereitschaft von Selbstmord-Attentätern zu erklären ist.

Eine Antwort gibt die Terror Management Theory von Greenberg, Salomon & Pyszczynski (1997). Sie befasst sich mit Reaktionen, die resultieren, wenn Menschen ihre Sterblichkeit bewusst wird. In Studien wurde festgestellt, dass sich Menschen im Zustand der Mortalitätsbewusstheit (selbstverständlich) fürchten. Sie möchten sich daher zur Angstreduktion an etwas festhalten, das den Eindruck der Unsterblichkeit bietet, bzw. der Nachwelt etwas von Wert hinterlassen. Die Zustimmung zu Werten und Normen der Kultur kann Mut machen, Sinn und Sicherheit geben. Erinnert man Menschen an ihre Sterblichkeit, dann identifizieren sie sich stärker mit Werten und Weltanschauungen. Relevant sind dabei länger existente Werte, die vermeintlich überdauern. Terrororganisationen sehen sich meist selbst nicht als Terroristen. Sie sind prosozial, kämpfen für ihre Kultur; leben und sterben für deren Essenz und können sich daher sicher sein, dass sie durch ihre Gruppe selbst nach dem Tod weiterleben werden, indem sie Essenz und Werte der Gruppe beispielhaft verkörpern und so zum Überdauern beitragen.

Thesen

Fasst man gegenwärtige psychologische Erkenntnisse zusammen, sprechen u.E. die Befunde für vier Thesen.

1. Grundsätzlich muss Terrorismus auf der Grundlage der Interaktion von personalen und gruppalen Faktoren verstanden werden. Im Besonderen ist dabei von den folgenden Annahmen auszugehen.

2. Terrorismus ist ein Gruppenphänomen, das auf einer starken Identifikation mit Terrorgruppen basiert, die auch die Gruppendynamik bestimmt. Da sich die Mitglieder einer terroristischen Vereinigung mehr und mehr von ihren herkömmlichen sozialen Gruppen fern halten und die Terrorzelle zur zweiten Familie wird, stehen sie mehr und mehr unter ihrem Einfluss. Da die Mitglieder von der Außenwelt isoliert sind, wird der Einfluss an einem bestimmten Punkt so stark, dass die Mitglieder mehr Angst davor haben, ihre Mitgenossen oder den Ringführer zu enttäuschen als zu sterben (McCauley, 2002). Dabei kann es zum Phänomen des »Gruppendenkens« (groupthink) kommen. Besonders anfällig dafür sind Gruppen, in denen die Kohäsion sehr hoch ist und deren Mitglieder sich von außen bedroht und unter Druck fühlen, Entscheidungen treffen zu müssen. In dieser Situation fühlen sie sich unverwundbar und moralisch überlegen und rationalisieren Entscheidungen, die auf einer schwachen Faktenbasis beruhen. Zudem teilen die Mitglieder Stereotype gegenüber Nicht-Gruppenmitgliedern und Fremdgruppen. Da innerhalb der Gruppe Druck ausgeübt wird, sich der allgemeinen Meinung anzupassen, trauen sich die Mitglieder kaum mehr, ihre individuellen Überzeugungen zum Ausdruck zu bringen und es entsteht die Illusion uniformer Entscheidungen. Dazu kommt, dass es Personen gibt, die Informationen aktiv fernhalten, die nicht dem Meinungsbild der Gruppe entsprechen oder ihm widersprechen. Daraus resultiert, dass die Gruppe weniger Handlungsalternativen berücksichtigt, Risiken ihrer Entscheidungen nicht genügend abwägt, Experten- oder abweichende Meinungen verwirft oder gar nicht anhört, und keine Alternativpläne zur Zielerreichung entwirft.

3. Die Aktion wird durch gruppenbezogene Legitimationen ermöglicht. Oftmals sehen Terroristen die Mittel durch den Zweck gerechtfertigt (deviante Legitimierung). Terroristen glauben, dass es entweder gerechtfertigt war, die Opfer umzubringen, oder dass sie moralisch verpflichtet waren, ihren Anschlag zu verüben. Dazu muss aber die Bedrohung unmittelbar bevorstehen und darf auch nicht mit anderen Mitteln verhinderbar erscheinen. Die entscheidende Frage ist: Wie kommt es dazu, dass Personen Bedrohungen und Hass in einer solchen Weise empfinden, dass sie den Terror als gerechtfertigt ansehen? Zu vermuten ist, dass bei Terroristen durch bestimmte Ereignisse der Glaube in die Funktionsfähigkeit des Systems, in dem man sozialisiert ist, erschüttert wurde. Erklärungen werden gesucht, die oft auf Sündenböcke rekurrieren. Wenn der genannte Eindruck hinzukommt, dass die Bedrohung ganz unmittelbar bevorsteht und mit anderen Mitteln nicht abzuwenden ist, wird die Tötung von anderen als »Selbstverteidigung« akzeptabel (Drummond, 2002). Indem Terroristen für ihre eigene Kultur und Weltanschauung kämpfen, leben sie nach ihrem Selbstverständnis auch über ihren eigenen Tod hinaus in den kulturellen Werten fort, für die sie gekämpft haben (s.o.).

4. Terrorismus ist als Steigerungsprozess zu verstehen. Um den Prozess plausibel zu machen, warum viele Menschen unter ungleichwertigen Bedingungen leben, aber nur einige wenige zu Terroristen werden, zieht Moghaddam (2005) eine Treppenhaus-Metapher heran. Das Treppenhaus besteht aus fünf Stockwerken und wird von unten nach oben hin immer schmaler. Ist eine Person im obersten Stockwerk des Gebäudes angekommen, verübt sie einen Terroranschlag. Ob eine Person in einem Stockwerk verbleibt oder sich einen Stock weiter nach oben begibt, hängt von den Alternativen und Möglichkeiten ab, die sie für sich auf dem jeweiligen Stockwerk wahrnimmt; ob sie z.B. viele Türen sieht, durch die sie gehen könnte, und ob sie den Eindruck hat, dass diese Türen ihr offen stehen. Je weiter sie sich jedoch nach oben begibt, desto weniger Handlungsalternativen hat sie. Im ersten Stockwerk befindet sich eine Vielzahl von Personen, die sich ungerecht behandelt oder depriviert fühlen; dabei kommt es auf die persönliche Wahrnehmung an. Diejenigen Personen, die andere für ihre unglückliche Situation verantwortlich machen, begeben sich damit ins zweite Stockwerk. Dort findet eine Zuschreibung der Aggressionen auf Fremdgruppen statt. Dieser Prozess wird unterstützt durch Organisationen und Führungspersonen, die ihre Ideologie und Beschuldigungen anderer für Missstände kundtun und auf der Suche nach neuen Mitgliedern sind. Im dritten Stockwerk findet eine moralische Bindung an die terroristische Vereinigung statt. Die Personen kommen zur Einsicht, dass zur Erreichung der »idealen Gesellschaft« der Einsatz aller Mittel zu rechtfertigen und entsprechendes Handeln moralisch legitim ist, selbst wenn dabei andere zu Schaden kommen. Zusätzlich versuchen Terrororganisationen, die neuen Rekruten mit Mitteln der Isolierung, Angst und Verschwiegenheitspflicht zu binden. Das Endziel ist der Aufbau eines geheimen Parallellebens und ein Gefühl vollkommener Zugehörigkeit. Im vierten Stockwerk werden die Wahrnehmungen der neuen Mitglieder durch Engagement in kleinen Gruppen weiter verändert: Sie kommen mehr und mehr zur Einsicht, dass die Welt auf einfache Weise in Eigengruppe und Fremdgruppen eingeteilt werden kann. Wer nicht zur Eigengruppe gehört, ist Feind. Die Bindung an die Terrorzelle wird gestärkt und die neuen Mitglieder werden an die Bräuche, Traditionen, Handels- und Denkweisen der Gruppe herangeführt. Ungehorsam und mangelnde Konformität führen zu negativen Konsequenzen, und allgemein gibt es kaum mehr eine Möglichkeit, die Terrorzelle lebendigen Leibes zu verlassen. Der fünfte Stock führt dann zur Vorbereitung und Durchführung des Terroraktes. Die Mechanismen der vorherigen Stockwerke unterstützen die Fähig- und Willigkeit, andere Menschen zu töten. Die Einteilung der Welt in Gut und Böse erhöht die Bereitschaft, den Feind zu töten. So können auch Zivilisten ohne schlechtes Gewissen getötet werden. Des Weiteren geschehen Attentate aus einem Überraschungsmoment (zumindest für die Opfer) heraus, sodass die Opfer gar keine Möglichkeit bekommen, um ihr Leben zu flehen, Unterwürfigkeit oder andere Verhaltensweisen an den Tag zu legen, die den Tötungswillen des Attentäters unterlaufen könnten.

Zusammenfassung und Ausblick

Unsere Skizze versucht, eine Perspektive zu entwickeln. Leider hat die psychologische Forschung weiterhin kaum Daten zur Verfügung, mit denen Hypothesen und Theorien überprüft werden könnten. Die Zuverlässigkeit der Thesen ist also noch gering. Berücksichtigt man, dass terroristische Anschläge im Kontext von Gruppen und Netzwerken und unter bestimmten strukturellen, politischen und historischen Bedingungen geplant und ausgeführt werden, ist evident, dass psychologische Theorien nicht hinreichen. Der Fokus auf die Psychologie begrenzt diesen Analyseansatz unweigerlich. Selbst Führungspersonen sind nur Masterminds hinter den Kulissen, die sich mit Strategien von Gruppen beschäftigen, während andere die Details der Anschläge planen und wieder andere, die im Extremfall erst 24 Stunden vor Ausführung des Anschlags angeworben werden, die Durchführung übernehmen. Zudem spricht vieles dafür, dass Terrorakte dann nahe liegen, wenn das soziale »Klima« günstig ist, das heißt die Täter auf eine weit reichende soziale Unterstützung treffen oder Terrorakte Erfolg versprechend zur Markierung der Vormachtstellung einer Gruppe scheinen (Bloom, 2005). Des Weiteren müssen wir unterscheiden zwischen den wenigen Terroristen und den vielen, die den Terrorismus unterstützen oder zumindest stillschweigend dulden und damit auch zu einem »System des Terrors« beitragen. Grundsätzlich ist aber zu bedenken, dass die Analyse von Gruppenprozessen und Ideologien notwendig ist. Der Wunsch vieler Politiker, ein psychologisches Profil potentieller Terroristen zu entwickeln, kann bislang nicht erfüllt werden. Sicherlich spielen Dispositionen eine Rolle, aber wir meinen, dass ein adäquates Erklärungsmodell komplexer sein muss, um die Wechselwirkungen von Persönlichkeit und Umfeld, Einstellungen, Anreizsystemen und Emotionen zu berücksichtigen. Wir meinen ferner, dass die Psychologie auf Nachbardisziplinen angewiesen ist und letztendlich nur ein interdisziplinärer Forschungsansatz sinnvoll sein kann.

Ebenso umfassend und komplex wie die Gründe eines Menschen, sich zum Terrorismus zu entscheiden, sind dann auch die Interventionsmöglichkeiten. Gerade junge Menschen werden als Terroristen rekrutiert und unterstützen Terrorismus eher als ältere Personen (Haddad & Khashan, 2002), und daher macht es Sinn, auch hier mit Präventionsmaßnahmen anzusetzen (vgl. auch Benard, 2005). Auch wenn das der akuten Bekämpfung des Terrorismus fern scheint, erinnern wir an Studien, die zeigen, dass Konfliktbewältigungsprogramme dazu führen können, dass Kinder und Jugendliche weniger gewaltbereit und aggressiv sind. Vermittlung und Übung von Kommunikationsfähigkeit, Toleranz gegenüber Differenzen und von Gewaltpräventionsfertigkeiten können dazu beitragen, dass Kinder lernen, Konflikte nicht auf der Basis von Gewalt auszutragen (vgl. z.B. Sexton-Radek, 2005). Des Weiteren ist es sinnvoll, Kindern beizubringen, nicht nur für sich selbst und Mitglieder ihrer Bezugsgruppen zu sorgen, sondern sich um das Wohlergehen anderer Menschen zu kümmern, die nicht der Eigengruppe angehören (Staub, 2003). Das vermindert die Tendenz von Individuen, sich »gegen die anderen« zu stellen. Ein drittes Konzept, das die Wahrscheinlichkeit von Gewalt und Terrorismus verringern könnte, ist, Kindern beizubringen, »weise« Entscheidungen zu treffen. Sternberg (2001) zufolge ist Weisheit die Anwendung von Intelligenz, Kreativität und Wissen zum Allgemeinwohl, wobei die eigenen Interessen mit denen anderer lang- und kurzfristig unter Zuhilfenahme von Werten abgewogen werden. Hierbei ist es wichtig, die Perspektive von anderen zu übernehmen, einen langfristigen Blickwinkel zu haben, und Werte wie Aufrichtigkeit, Integrität, Mitleid etc. als Grundlage des Handelns zu vermitteln.

Literatur

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Karin Weis promovierte an der Universität Heidelberg zum Thema Hass. Sie ist Stipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung und gegenwärtig als Postdoktorandin an der University of Connecticut in den USA tätig. Andreas Zick vertritt derzeit die Professur für Sozialpsychologie an der TU Dresden. Er forscht vor allem zu den Themen: Vorurteile, Konflikte und Gewalt zwischen Gruppen, Akkulturation von Minderheiten.

in Wissenschaft & Frieden 2007-1: Terrorismus - Ursachen und Folgen

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