in Wissenschaft & Frieden 2006-3: Konfliktherd Energie

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Widerstand gegen Ressourcenaneignung

von Martin Zint

Am 10.11.1995 wurde der nigerianische Schriftsteller Ken Saro Wiwa in Port Harcourt, Nigeria, gehängt und mit ihm acht seiner Mitstreiter von MOSOP (Movement for the Survival of the Ogoni People). Es waren kaltblütige Morde mit Hilfe der nigerianischen Justiz, die auf diese Weise korrupte Politiker und unverantwortliche Manager schützte. Ken Saro Wiwa hatte die Zerstörung seiner Heimat, des Niger-Deltas, und das Leiden seines Volkes, der Ogoni, unter den Folgen der Ölförderung zum Gegenstand seiner literarischen Arbeit gemacht. Dadurch gerieten die desaströsen Bedingungen, unter denen Erdöl produziert wird, in den Blick einer interessierten internationalen Öffentlichkeit.

Genau zu dieser Zeit wurden die Pläne der Firma ESSO1 bekannt, Ölfelder im zentralafrikanischen Tschad zu erschließen. Auch im Tschad war und ist die Menschenrechtssituation erschreckend. Seit der Unabhängigkeit von Frankreich 1960 haben sich im Tschad verschiedene Präsidenten mit Gewalt an die Macht gebracht und diese mit brutaler Gewalt behauptet. Als in den 1990er Jahren nach einer vordergründigen Demokratisierungsphase eine Verbesserung der Lage erwartet wurde, überschrieb Amnesty International im Jahr 1993 seinen Bericht zur Lage im Tschad: „Der Alptraum geht weiter.

In diesem Umfeld wollte ein Konsortium aus den Firmen ESSOMobil, elf und Shell 3,4 Milliarden US$ investieren, und zwar für ca. 300 Bohrlöcher und eine 1.070 Kilometer lange Pipeline aus dem Dorf Komé im Süden des Tschad an die Atlantikküste Kameruns – die erste Pipeline aus Zentralafrika an die Westküste Afrikas.

Das Tschad/Kamerun Erdöl- und Pipelineprojekt (TKEPP) ist ein Beispiel für den Versuch zivilgesellschaftlicher Gruppen, Einfluss auf ein industrielles Großprojekt zu nehmen. Seit den 1990er Jahre hatten sich die sozialen Bewegungen professionalisiert. Methoden der Öffentlichkeitsarbeit, Bewusstseinsbildung und politischer Lobbyarbeit wurden zu zielgerichteten Kampagnen gebündelt. Nichtregierungsorganisationen (NRO) versuchten auf verschiedenen Ebenen, politische Prozesse zu steuern. Dies war u. a. eine Reaktion auf eine zunehmende Privatisierung des politischen Handelns. Wichtige Entscheidungen über die Lebensbedingungen der Bewohner eines ganzen Landes werden von den Managern privater Konzerne gefällt. Dadurch und durch den Zerfall staatlicher Strukturen in einigen Ländern Afrikas gingen Regierungen als verantwortliche Ansprechpartner verloren. An ihre Stelle traten in manchen Bereichen privatwirtschaftliche Unternehmen und zwischenstaatliche Organisationen, zuvorderst die internationalen Finanzinstitutionen.

Weltbank im Boot der Ölmultis

3,4 Milliarden US$ Investitionssumme für das TKEPP bedeuten die bisher größte privatwirtschaftliche Investition im subsaharischen Afrika. Privatbanken hatten abgewunken, die Risiken schienen ihnen zu groß. Da beschloss ESSO, die Weltbank ins Boot zu holen.2 Die letztlich gewährten 150 US$ Weltbankkredit (0,04%) erscheinen zwar angesichts der Gesamtsumme sehr gering. Bedeutsam ist aber die Tatsache, dass die Weltbank überhaupt finanziell in das Projekt involviert ist. Als Projektbeteiligte wacht sie darüber, dass die Projektvereinbarungen eingehalten werden. Damit ist das Konsortium u.a. faktisch gegen Enteignung geschützt, zumindest solange die Regierung des Tschad die Kooperation der Weltbank braucht. Die Verwendung von Mitteln aus dem Armutsbekämpfungsfonds der Weltbank für die Absicherung des wirtschaftlichen Risikos einer Privatfirma stellt allerdings einen Missbrauch dar. „Sozialhilfe für Ölmultis“ nannte der amerikanische Environmental Defense Fund die Kredite.

Weltbank und Konsortium konterten durch die Betonung der Chancen zur Armutsbekämpfung, die mit dem Projekt verbunden sein sollten. Weltbank und Exxon Mobil wollten aus dem TKEPP ein Modellprojekt für Armutsbekämpfung in öffentlich-privater Partnerschaft machen. Die steile Rhetorik bot weitere Ansatzpunkte für die Arbeit der NROen. Die zivilgesellschaftlichen Gruppen setzten gewisse Hoffnungen auf das Engagement der Weltbank. Deren Richtlinien führten immerhin auch einige umweltschutz- und entwicklungsorientierte Aspekte in das Gesamtprojekt ein.

Ziviler Widerstand vor Ort

Im Jahr 1997 waren in der Ölregion im Tschad unter dem Vorwand der Rebellenbekämpfung mehrere hundert Menschen von staatlichen Sicherheitskräften umgebracht worden. Es brauchte viel Mut, um unter diesen Umständen den Widerstand gegen die Art und Weise, in der das TKEPP betrieben wurde, zu organisieren. Die internationalen Unterstützer bemühten sich deshalb besonders um Schutz für die lokalen Akteure. Dazu wurden die Kommunikationsmöglichkeiten verbessert. Die Spende einer deutschen Kirchengemeinde erlaubte einer kleinen Organisation, der »Association Tchadien pour La Non-Violence/ATNV«, die Anschaffung eines Faxgerätes. Diese lokale Menschenrechtsorganisation schulte Bewohner der Ölregion in Methoden der Menschenrechtsbeobachtung. So entstanden beweiskräftige Protokolle über die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, die per Fax direkt an die Unterstützer weltweit verschickt werden konnten.

Lokale Militärkommandanten mussten plötzlich damit rechnen, dass ihre Verbrechen bekannt wurden. Als im März 1997 dreiundzwanzig Gläubige und der Priester bei der Frühmesse in der Kathedrale von Moundou (Süd-Tschad) überfallen und verschleppt wurden, waren die internationalen Partner um 8:00 Uhr darüber informiert und forderten die Weltbank und die eigenen Regierungen zum Handeln auf. Schon gegen 12:00 Uhr lagen die ersten internationalen Reaktionen in N’Djaména vor, darunter die des Vatikans. Am frühen Nachmittag wurden die noch lebenden Entführungsopfer in Moundou freigelassen.

…und mit internationalen Strukturen

Damit solche Aktionen rasch und zuverlässig geschehen konnten, waren hauptamtliche Strukturen nötig, die in Deutschland, Kamerun und dem Tschad mit Finanzierung der Hilfswerke Brot für die Welt, MISEREOR und des Friedensdienstes EIRENE geschaffen wurden. Die NRO-Vertreterinnen (Frauen spielten dabei eine zentrale Rolle, vor allem im Tschad) schauten sich zunächst an, wer in dem Projekt Interessen verfolgt und welche Zugänge es zu diesen »Stakeholders« gibt.

Da waren zunächst die drei Ölfirmen, die sich im Konsortium zusammengeschlossen hatten, die französische Staatsfirma Elf Aquitaine, die niederländische Royal Dutch Shell plc und ESSO als Konsortialführer (operator). Zumindest zu den europäischen Firmen sollte ein Zugang möglich sein, zumal die Ölkonzerne u.a. durch die Brent-Spar-Affäre3 und die Ermordung Ken Saro Wiwas unter starkem Legitimierungsdruck standen. Elf und Shell zogen sich dann auch 1999 aus dem Projekt zurück und wurden durch Chevron und PETRONAS ersetzt. Welche Gründe für den Rückzug ausschlaggebend waren, wurde nicht öffentlich bekannt. Shell hatte aber schon 1998 in einem Brief an die AG Erdöl angekündigt, sich aus dem Projekt zurückzuziehen, wenn sich die Menschenrechtssituation im Tschad nicht verbessern sollte. Die Vermutung liegt nahe, dass zwei europäische Konzerne, die sich nicht den Unwillen der Verbraucher zuziehen wollten, gegen zwei Konzerne ausgetauscht wurden, denen die Reaktionen sensibilisierter europäischer Verbraucher egal sind.

Noch zu einem weiteren Akteur, der Weltbank, hatten die deutschen Gruppen, wie andere europäische und US-amerikanische Organisationen auch, eine Zugangsmöglichkeit. Die in das Projekt involvierten Internationalen Finanzinstitutionen (Weltbank, International Finance Corporation) werden von der deutschen Bundesregierung als Anteilseigner mit gestaltet und kontrolliert. Als wenig zugänglich erwiesen sich die Regierungen Kameruns und des Tschad.

Mit dieser Struktur konnten die zivilgesellschaftlichen Gruppen in Kamerun und im Tschad verlässliche Informationen an die Partnerorganisationen weltweit liefern. Diese nutzten das Material zur Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Umgekehrt lieferten die internationalen NROen Informationen an ihre lokalen Partner.

Erste Erfolge im Vorfeld des Pipelinebaus

Einen ersten Eindruck von der Effektivität dieser Strategie bekamen Konsortium, Weltbank und Regierung des Tschad im Januar 1998. Brot für die Welt hatte in Donia, einem Marktflecken im Ölfördergebiet, eine Konferenz finanziert. Dort kamen erstmals alle Akteure an einen Tisch, korrekter ausgedrückt: in den Saal einer katholischen Missionsstation. Dabei waren NRO-Vertreter und Journalisten aus Nigeria, Kamerun, Europa und den USA. Sie trafen auf etwa 100 Vertreter lokaler Gruppen. In Arbeitsgruppen zu Einzelthemen hatten sie die Umweltverträglichkeitsstudie durchgearbeitet, die Esso vorgelegt hatte. Diese enthielt unter anderem eine Liste von 64 Dörfern, deren Bewohnern konsultiert worden seien. Ein Mann meldete sich zu Wort und stellte sich als Bürgermeister eines der Dörfer vor, das in dieser Liste genannt würde. Er könne sich an keine Konsultation erinnern. Es seien wohl mal zwei Jeeps vorbeigekommen. In einem hätten Soldaten gesessen, in dem anderen eine weiße Frau. Sie habe erklärt, dass hier Öl gefördert werden solle, und gefragt, ob wir was dagegen hätten. „Wir wissen, was wir in Gegenwart von Soldaten zu sagen haben“, sagte der Bürgermeister, „auf keinen Fall etwas, was den ESSO-Leuten nicht gefallen könnte.“

Ein Bauer meldete sich zu Wort und verwies auf ein bereits im tschadischen Parlament verabschiedetes Gesetz, nach dem ESSO für jeden Mangobaum, den es für ein Bohrloch oder die Pipeline fällt, 3.000 CFA (4,58 Euro) Entschädigung zahlen muss. „Meine Mangobäume bringen pro Ernte einen Ertrag von ca. 50.000 CFA pro Baum, bei zwei Ernten im Jahr“, erklärte der Bauer. „Was soll ich da mit 3.000 CFA?“

Für die Firma ESSO-Tschad waren solche Aussagen desaströs, da die Konsultation der Betroffenen und angemessene Entschädigungen zu den Richtlinien der Weltbank gehören. Eine Vertreterin der deutschen Umweltschutzorganisation »urgewald« informierte bei der Konferenz über diese Richtlinien der Weltbank sowie über die Rechte, die betroffene Bürger auch gegenüber dieser Institution haben. Dazu gab es einen Leitfaden, wie genau man diese Rechte praktisch wahrnimmt. In der Region leben auch einige Akademiker, die nach einem Studium mangels Alternativen in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Zum großen Erstaunen der Vertreter des Konsortiums waren diese in der Lage, die komplizierten Studien zu beurteilen. Ihre Erkenntnis: Es handelt sich um reine Literaturstudien, die mit der Realität der Region nicht viel zu tun haben. „ESSO muss seine Hausaufgaben neu machen!“ titelte die größte Zeitung des Landes nach der Konferenz von Donia.

Durch die Präsenz von Vertretern internationaler Medien wurde auch in Europa und den USA berichtet. Einmal mehr erwies sich die enorme Bedeutung von Bildern und Symbolen für die politische Arbeit, denn in keinem Bericht fehlte die Geschichte vom Mangobaum. Innerhalb eines Jahres legte ESSO 19 weitere Studien vor, und die Entschädigungsleistungen wurden neu verhandelt. Die Weltbank richtete eine Internationale Beratergruppe ein, die den Fortgang des Projektes regelmäßig beobachten sollte, und als »Sahnehäubchen« ließ sich die Regierung des Tschad darauf ein, ein weltweit einmaliges Gesetz zu erlassen. In diesem Gesetz über die Verwendung und Kontrolle der Öleinnahmen (Gesetz #001/99) wurde festgelegt, dass 80% der Öleinnahmen für prioritäre Sektoren der Armutsbekämpfung ausgegeben werden, 15% in einen Fonds für zukünftige Generationen eingezahlt werden und 5% der Förderregion direkt zugute kommen.

…und neue Probleme nach dem Baubeginn

Der 6. Juni 2000 markiert einen Wendepunkt des TKEPP. Das Direktionsgremium der Weltbank akzeptierte das Projekt, und das Konsortium begann sofort mit den Bauarbeiten. Für die mit dem Projekt befassten NROen änderte sich die Zielsetzung. Bis zum letzten Moment hatte man auf verschiedenen Wegen versucht, Verbesserungen im Projektdesign und Garantien dafür zu erreichen. Ab sofort galt es nur noch, die bescheidenen Erfolge zu verteidigen. In der Praxis bedeutete das, von der Lobbyarbeit auf das Monitoring umzustellen. Das ursprüngliche Ziel, die Menschen der Region vor Krieg und Menschenrechtsverletzungen zu bewahren, rückte wieder in den Mittelpunkt.

Die Internationale Beratergruppe4 (International Advisory Group/IAG) nahm im Sommer 2001 ihre Arbeit auf. Sie stellte rasch fest, dass das Projekt in „zwei Geschwindigkeiten“ voranschreitet. Während die Bauarbeiten in einem raschem Tempo voranschritten, schleppten sich die flankierenden Maßnahmen zur Abfederung der Folgen oder zur Einbindung der Bevölkerung in die wirtschaftliche Entwicklung sehr langsam dahin. Die Berichte der IAG haben reinen Empfehlungscharakter, sind aber eine gute Dokumentation der Fakten rund um das Projekt und damit eine glaubwürdige Quelle für kritische Nachfragen.

Der »Ressourcenfluch«

Seit dem 10. Oktober 2003 fließt das Öl aus dem Tschad. Seitdem ist das Land ein weiteres Beispiel für den so genannten Ressourcenfluch. Er bezeichnet das Phänomen, dass Ressourcenreichtum in den Förderländern anscheinend zwangsläufig zu autoritären Regimen und zu wirtschaftlichem Niedergang führt.5 Pünktlich mit Beginn der Ölförderung kam es im Tschad zu Engpässen in der Energieversorgung, die Zahlungsschwierigkeiten des Staates verschärften sich und damit auch die innenpolitischen Spannungen. Die Zahl der bewaffneten Rebellenbewegungen nahm sprunghaft zu. Der Konflikt im benachbarten Darfur, der Heimatregion des derzeitigen Präsidenten Déby, verschärfte die Situation weiter. Die Massaker im Sudan setzten Präsident Déby unter den Druck seiner eigenen Ethnie, der Zaghawa. Sie werfen ihm mangelnde Hilfe gegen die Angriffe durch Milizen vor, die von der sudanesischen Regierung unterstützt werden. Im Dezember 2005 liefen große Teile seiner Präsidentengarde zu den Rebellen über, darunter mehrere Generäle.

Die Regierung warf der Weltbank, der Zivilgesellschaft und dem Konsortium vor, die wirtschaftliche Misere des Landes durch den restriktiven Umgang mit den Ölgeldern verursacht zu haben. Am 29. 12.2005 änderte das Parlament das Gesetz über die Verwendung der Öleinnahmen und kippte damit den Grundstein des so genannten Modellprojektes. Auf diplomatischer Ebene setzte hektische Betriebsamkeit ein. Am 6. Januar 2006 kündigte die Weltbank an, dass sie die Zusammenarbeit mit dem Tschad suspendiert und Kredite im Wert von 124 Million US$ einfriert. Trotzdem unterschrieb Präsident Déby am 11.1.2006 das neue Gesetz und setzte es in Kraft. Damit löste er den Fonds für zukünftige Generationen auf. Ab sofort konnten Ölgelder auch für die Bereiche nationale Sicherheit und allgemeine Verwaltung ausgegeben werden. Die Weltbank stand vor dem Scherbenhaufen ihres Modellprojektes.

Für den 3. Mai 2006 waren im Tschad Präsidentschaftswahlen angesetzt. Um für eine dritte Amtszeit kandidieren zu können, hatte der amtierende Präsident Déby die Verfassung ändern lassen. Am 26. April 2006, eine Woche vor den Wahlen, gab die Weltbank bekannt, dass sie sich mit der Regierung des Tschad über eine Fortsetzung der Zusammenarbeit geeinigt habe. Der volle Text der Vereinbarung ist nicht bekannt. Die Weltbank teilte lediglich mit, dass 70% der Öleinnahmen in die prioritären Sektoren der Armutsbekämpfung fließen sollen. Militärausgaben dürfen nach Angaben der Weltbank nicht aus den Öleinnahmen bestritten werden.

Die Opposition boykottierte diese Wahlen fast geschlossen. Unabhängige Wahlbeobachter stellten eine extrem geringe Beteiligung an den Wahlen fest sowie gravierende Unregelmäßigkeiten bei der Durchführung. Das von Präsident Déby ernannte Verfassungsgericht kam zu der Ansicht, Déby habe 64,67% der Stimmen erreicht. Damit blieb es weit hinter dem Ergebnis der »unabhängigen« Wahlkommission zurück, die die Wahlen organisiert hatte. Sie hatte Déby bereits mit 77,53% zum Sieger erklärt. Oppositionspolitiker nannten das eine Farce, die sie nicht anerkennen. Frankreich und die USA erkennen das Wahlergebnis allerdings an. Präsident Déby gilt damit für weitere fünf Jahre als legitimer Präsident der Republik Tschad.

Trotz der guten Dokumentation sind die Einschätzungen des TKEPP sehr kontrovers. Weltbank- und Industrievertreter sehen weiter ein Modellprojekt. Noch nie habe die Zivilgesellschaft so viel Einfluss auf das gesamt Design eines solchen Projektes gehabt. Zentrale Forderungen seien im Tschad Gesetz geworden, viele Förderprogramme in Arbeit, insbesondere für die Ölregion. Internationale Spezialisten kümmern sich unter Einsatz von viel Geld um den Aufbau effektiver Verwaltungsstrukturen.

Armutsbekämpfung nach wie vor mangelhaft

Nur, der Einfluss der NROen reichte bei weiten nicht aus, um aus dem Projekt ein Vorhaben zu machen, dass die Rechte der Betroffenen wahrt. Das im Gesetz über die Verwendung der Öleinnahmen vorgesehene Kontrollgremium funktioniert zwar und legt aussagekräftige Berichte vor.6 Die belegen eindrucksvoll, wie Ölgelder veruntreut werden. In jedem anderem Land würde sich die Justiz der Fälle annehmen. Seit der Veröffentlichung des besonders brisanten Berichtes zum Jahr 2004 ist bis heute jedoch noch nicht eine Person zur Rechenschaft gezogen worden.

Das Inspection Panel, die Inspektionsinstanz der Weltbank, hat sich zweimal mit dem TKEPP befasst. Die entstandenen Berichte sind eindrucksvolle Dokumente, wie unvorteilhaft für die Betroffenen die Weltbank ihre Arbeit verrichtet. Das vernichtende Urteil des Inspection Panel, „unter den gegebenen Verhältnissen wird das Projekt auf absehbare Zeit nicht zur Armutsbekämpfung beitragen“,7 konterte der damalige Weltbankpräsident Wolfensohn mit der Bemerkung, diese Feststellung komme viel zu früh, die Ölförderung sei auf dreißig Jahre angelegt. Da könne sich noch viel tun.

Die Diskussion zum TKEPP hat die Gesamtdiskussion um die Problematik der extraktiven Industrien belebt und die Weltbank veranlasst, ihre Politik in diesem Bereich zu evaluieren. Am Extractive Industries Review Process8 (EIR, 2001–2003) wirkten auch NRO-Vertreter aus dem Bereich des TKEPP mit. Der Abschlussbericht enthält einige sehr wichtige Empfehlungen, so z.B. die Erkenntnis, dass funktionierende staatliche Strukturen Voraussetzung sind, damit Ressourcenproduktion armutsbekämpfend und entwicklungsfördernd wirksam werden kann. Alle Versuche, diese Strukturen mit den Einnahmen aus der Ressourcenvermarktung aufzubauen, wie im Falle des Tschad, sind bisher gescheitert. Norwegen bspw. füllt seine Rentenkasse mit Öleinnahmen. Aber dort wird von den Regierenden Rechenschaft über die effektive Verwendung der Öleinahmen gefordert. Das schafft Zufriedenheit bei den Wählern und nicht Putschgelüste. Stärkerer Druck der internationalen Gemeinschaft könnte vielleicht wirksam sein. Reiseverbote für Despoten und ihre Familien wären eine weitere Möglichkeit, um Einfluss zu nehmen9. Dazu gehört auch das Einfordern demokratischer Standards, statt offenkundigen Betrügereien ein legitimatorisches Mäntelchen umzuhängen.

Das TKEPP macht außerdem klar, dass Einheimische keine lästigen Störenfriede sind, sondern Experten für ihre eigenen Belange. Gut ausgebildete und engagierte Betroffene können viel zur Entwicklung ihrer Region beitragen, wenn es gelingt, sie aus der Arbeitslosigkeit zu holen. Eine Lösung könnte ein von den Ölfirmen alimentierter Fonds sein, aus dem die Kosten für die Abfederung sozialer Nebenwirkungen der Projekte finanziert werden. Leider werden aber bisher auch hier die Gewinne privatisiert und Verluste sozialisiert.

Großprojekte mit weit reichenden Auswirkungen auf die sozialen, ökonomischen und ökologischen Verhältnisse müssen von möglichst demokratisch legitimierten Gremien begleitet werden, deren Ergebnisse für die Beteiligten verbindlich sind. Das verlangt eine funktionierende nationale und internationale Gerichtsbarkeit.

»Good Governance« ist die Voraussetzung, damit wirtschaftliches Engagement armutsmindernd wirksam werden kann. Diese Erkenntnis aus dem Abschlussbericht des EIR-Prozesses muss ernst genommen werden. Good Governance lässt sich nicht nachträglich herstellen, das Beharrungsvermögen der Machthaber an der sprudelnden Geldquelle ist erwiesenermaßen zu groß.

Deshalb werden wir Öl-Verbraucher im Norden die bestehenden Probleme solange weiter verschärfen, wie wir bereit sind, jeden Preis für unsere »Droge« Öl zu bezahlen. Geld alleine löst keine Problem, es schafft sie eher.

Literatur

Martin Petry: Wem gehört das schwarze Gold? Engagement für Frieden und Gerechtigkeit in der Auseinandersetzung mit dem Erdölprojekt Tschad/Kamerun, Brandes & Apsel, Frankfurt 2003

Barbara Dietrich, Tschad: Hirse, Schwarzes Gold und Menschenrechte, Wissenschaft & Frieden, Dossier Nr. 29, 1998; www.erdoel-tschad.de

Anmerkungen

1) Die Tochterfirma von ExxonMobil im Tschad firmiert als »ESSO Exploration and Production Chad Inc.«, kurz ESSO, www.essochad.com.

2) Noel K. Tshiani: Rede bei der Weltbank-Evaluierungskonferenz 10/2005 in N’Djaména, Bericht der AG-Erdöl 2005.

3) Geplante Verschrottung einer Bohrinsel durch Versenken in der Nordsee (Shell).

4) www.gic-iag.org.

5) Siehe unter anderen: Terry Lynn Karl: The Paradox of Plenty (Oil Booms and Petro-States), 1997-09-01, Studies in International Political Economy , No 26; Michael Ross: A Closer Look at Oil, Diamonds, and Civil War, Department of Political Science, University of California, Los Angeles, 2006.

6) www.ccsrp.td; leider ist der Jahresbericht 2004 nicht online verfügbar, liegt aber dem Autor in französisch vor und kann über m.zint@zintweb.de angefordert werden.

7) The Inspection Panel: Investigation Report – Chad-Cameroon Petroleum and Pipeline Project (Loan No. 4558-CD), Weltbank, 17.07. 2002.

8) www.eireview.org/.

9) Brahim Déby, Sohn des Präsidenten Idriss Déby, wurde am 4.6.06 von einem Pariser Gericht wegen illegalen Waffen- und Drogenbesitz zu sechs Monaten Gefängnis und 2.000 Euro Geldstrafe verurteilt. Aber er darf in Frankreich bleiben.

Martin Zint ist Journalist und Koordinator der Arbeitsgemeinschaft Erdölprojekt Tschad-Kamerun.

in Wissenschaft & Frieden 2006-3: Konfliktherd Energie

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