in Wissenschaft & Frieden 2006-3: Konfliktherd Energie

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China:

Macht und die Sicherheit der Energieversorgung

von M. Parvizi Amineh

China hat vor kurzem Japan im Bereich des Öl- und Gasverbrauchs überholt und steht damit weltweit an zweiter Stelle. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wann der Ölverbrauch den der Vereinigten Staaten übersteigen wird, da Prognosen davon ausgehen, dass Chinas Bruttoinlandsprodukt (GDP) zwischen 2002 und 2025 jährlich um 6,2 Prozent ansteigen wird. Damit würde China zur weltweit größten Wirtschaftsmacht, wenn man das Bruttoinlandsprodukt zu Grunde legt. Diese Entwicklung wird nicht nur die Strategie und die Politik Chinas zur Sicherung der Ölversorgung für den eigenen Bedarf bestimmen, sondern auch einen beträchtlichen Einfluss auf die geopolitischen Beziehungen ausüben.

Chinas wirtschaftliches Wachstum hat seinen Energiebedarf rapide ansteigen lassen. Bereits seit 1993 ist China Nettoimporteur von Öl. Diese Entwicklung wird sich in der Zukunft noch verstärken. 2004 überstieg der Bedarf, der sich auf insgesamt 6,5 Millionen Barrel/Tag belief, deutlich die heimische Ölproduktion, die laut internationaler Prognose der US Energy Information Administration (EIA) von 2005 3,6 Millionen Barrel/Tag betrug.

Abhängigkeit vom Energieimport

Prognosen für das Jahr 2025 sagen voraus, dass der Ölverbrauch Chinas bei 14,2 Millionen Barrel/Tag liegen wird. Zwischen 2002 und 2015 wird der Verbrauch jährlich um 5,8 Prozent ansteigen, in den verbleibenden Jahren der Voraussage wird sich das Wachstum halbieren. Obwohl China versucht, die heimische Produktion zu erhöhen, wird bis 2025 ein Netto-Import von 10,9 Millionen Barrel/Tag erwartet. Das bedeutet ein Anstieg des Ölimports um ungefähr 960 Prozent in den nächsten beiden Dekaden. Damit wird der Erdölimport nahezu 70 Prozent des chinesischen Energiebedarfs abdecken. Durch die wachsende Abhängigkeit Chinas von Ölimporten wächst auch die Sorge der chinesischen Regierung um die Sicherheit der Energieversorgung und um die Befriedigung des wachsenden Bedarfs.

Im Jahr 2003 hatte der Erdgasverbrauch Chinas nur einen Anteil von ca. 3 Prozent am gesamten Energieverbrauch und er wurde von der heimischen Produktion mit 33,6 Mill. Kubikmeter abgedeckt. Man erwartet jedoch, dass das Niveau des Gasverbrauchs sich bis 2010 verdoppeln und bis 2025 auf 170 Mrd. Kubikmeter anwachsen wird, das wären dann 3,5 Prozent des Weltgasverbrauchs. Das Anwachsen des Gasverbrauchs soll durch wachsende heimische Produktion und Importe durch Pipelines und Flüssiggas befriedigt werden.

Wie wird China seinen Energiebedarf befriedigen?

Die größten Öl- und Gasreserven konzentrieren sich auf zwei Regionen: der persische Golf umfasst annähernd 60 Prozent der bekannten Ölreserven, während in der Region des Kaspischen Meeres mit den fünf Anrainerstaaten Aserbaidschan, Kasachstan, Turkmenistan, Iran und Russland fast 35 Prozent der bekannten globalen Gasreserven lagern. China wird diese Quellen weiter anzapfen müssen, um eine ausreichende Energieversorgung zu sichern.

Sechzig Prozent der chinesischen Ölimporte kommen heute schon aus dem Persischen Golf. 2003 war Iran mit 14 Prozent des Gesamtimports der zweitgrößte Öllieferant Chinas. Gleichzeitig war China Irans Hauptlieferant von dual-use Technologien, obwohl China zu den Unterzeichnerstaaten der internationalen Übereinkünfte gehört, die die Weiterverbreitung von Technologien verbieten, die zur Herstellung nuklearer, chemischer und biologischer Waffen dienen können. Oman und Jemen werden ebenfalls immer wichtigere Handelspartner im Ölgeschäft.

Saudi-Arabien ist Chinas größter Öllieferant, während umgekehrt China Saudi-Arabiens größter Kunde ist. Saudi-Arabien wird laut Washington Times (vom 16. September 2004) bald nicht mehr zu den Top 5 der US-Öllieferanten zählen. Gleichzeitig führt seine wachsende Bindung an China zu erhöhten Spannungen zwischen der Bush-Regierung und den Saudis, besonders nach dem 11. September. Die Saudis sind sich bewusst, dass sie allein mit den Vereinigten Staaten ihr Regime nicht werden verteidigen können, woraus der Wunsch resultiert, ihre Sicherheitspolitik zu diversifizieren. Dabei erscheint China als interessierter Partner. Hierbei stellen die Waffenlieferungen Chinas an den Persischen Golf eine potenzielle Gefahr für die Sicherung US-amerikanischer Interessen in der Region dar. So warnte bereits die Kommission zur Überwachung der amerikanisch-chinesischen Wirtschafts- und Sicherheitsbelange, die vom amerikanischen Kongress geschaffen wurde, um die Beziehungen der Vereinigten Staaten und China zu überwachen, im Jahre 2002 davor, dass „der Handel mit diesen Regimes eine wachsende Bedrohung US-amerikanischer Sicherheitsinteressen im Nahen Osten“ darstelle. Die Haupttriebfeder der Beziehungen Chinas zu Regierungen, denen vorgeworfen wird den Terrorismus zu fördern, ist seine Abhängigkeit von ausländischem Öl zur Entwicklung der eigenen Wirtschaft. Diese Abhängigkeit wird in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen. Man ist sich in China der Tatsache bewusst, dass die Sicherheit seiner Energieversorgung kurzfristig von der Kooperation mit den Vereinigten Staaten abhängt. Aber chinesische Politiker sehen auch, dass die Vereinigten Staaten von Amerika versuchen, eine beherrschende Stellung am Persischen Golf zu erreichen und den chinesischen Einfluss einzudämmen.

Der Zugang zum Persischen Golf wird somit neben der Taiwan-Frage, den Handelsbeziehungen und den Menschenrechtsfragen zu einem weiteren zentralen Konfliktelement in den chinesisch-US-amerikanischen Beziehungen.

Dies ist ein wesentlicher Grund für Chinas Hinwendung zur Kaspischen Region. China muss Zugang zu den gewaltigen Ölreserven der Region gewinnen, um seine Energieabhängigkeit am Persischen Golf zu reduzieren. Um das zu erreichen, treibt China eine Stabilitätspolitik in der Region der fünf zentralasiatischen Republiken (Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan) voran und stellt sich zugleich dem Vordringen des US-amerikanischen Einflusses entgegen.

Unter geographischem Gesichtspunkt ist die Kaspische Region für China aufgrund der unmittelbaren Nachbarschaft zugänglicher als der Persische Golf. Russland, Zentral-Asien und China teilen sich die eurasische Landmasse, wodurch überirdische Öl- und Gaspipelines eine attraktive Option für den Energietransport darstellen. So versprach 1997 die »China Nationale Petroleum Gesellschaft« 9,5 Mrd. US-Dollar in den Bau von Pipelines und der Erschließung von Ölfeldern zu investieren. Chinas nationale Ölgesellschaften haben damit begonnen in Kasachstan zu investieren. Kasachstan ist bisher der einzige zentral-asiatische Staat, der Öl nach China exportiert. Kasachisches Öl wird bislang über die Bahn transportiert. Dies wird sich allerdings ändern, sobald die 1.000 Kilometer lange Pipeline von Kasachstans Karaganda Region in den Westen Chinas fertig gestellt sein wird.

Im Jahre 2002 schlossen Russland und China eine Durchführbarkeitsstudie für eine chinesisch-russische Pipeline ab, die von Angarsk (Russland) nach Daqing (China) führen soll. Der Baubeginn war für Juli 2003 geplant. Jedoch waren auch die Japaner interessiert und unterbreiteten Russland attraktive Investitionsangebote. Vor diesem Hintergrund schlug die russische »Transneft Open Joint Stock Oil Transporting Co« eine alternative Route von Angarsk zum russischen Pazifikhafen Nakhodka vor. Jedoch favorisierte der russische Minister für Rohstoffe die Angarsk-Daqing Route und erhielt darin die Unterstützung des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der die strategische Relevanz dieser Route hervorhob.

Allerdings garantiert die geographische Verschiebung der chinesischen Ölimport-Interessen in die Kaspische Region keine höhere Versorgungssicherheit. Mit Ausnahme Russlands ist die gegenwärtige politische und wirtschaftliche Stabilität in der Kaspischen Region wie auch der Region des Persischen Golfes von Unwägbarkeiten bedroht.

In einem durch geopolitische Konkurrenzkämpfe um die Ressourcen gekennzeichneten Umfeld, können diese beiden instabilen Regionen durch äußeren Druck leicht weiter destabilisiert werden, wenn es nicht gelingt, die dortigen Öl- und Gasmärkte mit ökonomischer und politischer Stabilität zu verbinden.

Die Kontrolle über die Förderung und den Transport der Öl- und Gasreserven des Kaspischen Raums und des Persischen Golfs wird einen erheblichen Einfluss auf die politische und ökonomische Zukunft nicht nur für diese beiden Regionen haben. Öl und Gas sind für Jahrzehnte die beiden primären Energiequellen gewesen und stellten somit einen Machtfaktor dar. Es wird erwartet, dass bis 2020 etwa 70 Prozent des Energiebedarfs weiterhin über diese beiden Energieträger abgedeckt wird.

Laut der US Energy Information Administration (EIA) wird der Ölverbrauch von 82 Mio. Barrel/Tag im Jahre 2004 auf 100 Mio. Barrel/Tag im Jahre 2015 und 119 Mio. Barrel/Tag für das Jahr 2025 anwachsen. Angesichts dieses wachsenden Energiehungers zeigen sich Experten beunruhigt über die begrenzt vorhandenen Kapazitäten: Bestehende Öl- und Gasressourcen befänden sich im Niedergang und die Entdeckung und Erschließung neuer Gas- und Ölfelder gestalteten sich enttäuschend. In Folge dessen werden die großen Erdöl importierenden Länder eine vermutlich aggressivere Politik verfolgen, um ihren Energiehunger befriedigen zu können. Militärische Interventionen zur Sicherung der Förderung und des Transportes dieses Energieträgers werden wahrscheinlicher. Diese Entwicklung wird ein bestimmender Faktor in Fragen des globalen Friedens und der Sicherheit werden.

Künftiges geopolitisches Szenario

Auf der Grundlage der gegenwärtig nachweisbaren weltweiten Öl- und Gasvorkommen stellt die Kaspische Region neben dem Persischen Golf einen Schwerpunkt dar. Bedenkt man, dass nicht nur in China sondern auch in anderen Staaten – wie USA, Japan, die EU und Indien – der Energiebedarf wächst, lässt sich vorhersagen, dass alle diese Akteure ein zunehmendes Interesse an einen Zugriff auf die Öl- und Gasreserven der Regionen um den Persischen Golf und das Kaspische Meer sowie Russlands haben werden. Als Antwort auf ihre wachsende Importabhängigkeit werden die Energieimporteure ihre energiepolitischen Sicherheitsstrategien auf diese Entwicklung einstellen. Die zentrale Frage ist hierbei, ob hinsichtlich des wachsenden chinesischen Energiehungers die übrigen großen Erdöl importierenden Staaten gegenüber China eine konkurrierende Position einnehmen oder ob sich eine Kooperationslösung zwischen ihnen und den Erdölförderländern generieren lässt.

Es ist bislang nicht deutlich erkennbar, ob die drei wichtigsten konkurrierenden Mächte – die USA, Russland und China – sich als Rivalen, Verbündete oder als eine Art Kombination von beidem betrachten: Russland und China formulieren ein gemeinsames Interesse in der Kaspischen Region, haben allerdings bislang noch keine gemeinsamen praktischen Schritte unternommen. Die USA hingegen werden politischen, ökonomischen und vielleicht militärischen Druck anwenden, um ihren Einfluss in dieser Region zu erweitern und versuchen alle Hürden, die den sicheren Energiefluss gefährden, zu beseitigen. Wie groß die Entschlossenheit der USA hierzu ist, beweist deren Kriegspolitik gegenüber dem Irak und die Nuklearkrise um den Iran. Russland und China sind derzeit noch nicht in der Lage, dem konventionellen US-amerikanischen Militärpotenzial etwas entgegen zu setzen und werden daher eine unmittelbare militärische Konfrontation vermeiden. Vielmehr werden sie versuchen, sich mit den lokalen Mächten in der Kaspischen Region zu verbünden, um auf diese Weise ihre dortigen Interessen zu verteidigen. Der Albtraum aller drei Mächte ist eine Allianz zwischen zwei von ihnen, die sich gegen den dritten richtet. Der schlimmste Fall für die Welt wäre eine unmittelbare direkte Konfrontation der drei Mächte.

Die Bush-Administration beispielsweise will diese Region dominieren, sich Russland und China als die beiden größten Herausforderer unterordnen und eine strategische Allianz zwischen beiden verhindern. Zur gleichen Zeit könnte die Rivalität um das Kaspische Öl und die Erdgasvorkommen zu einer für die USA ungünstigen Entwicklung führen: Das Entstehen eines Energiemarktes und eines sicherheitspolitischen Konstruktes unter (teilweisem) Ausschluss der USA. Bilaterale Abkommen zwischen China und Russland, China und Iran, Russland und Iran, aber auch regionale Kooperationsformen wie die Schanghai Kooperation Organisation können als erste Schritte für eine solche Entwicklung gewertet werden.

Dieser Supermacht-Wettbewerb wird bereits als »the new great game« (das neue große Machtspiel) in Anlehnung an den Kampf zwischen Großbritannien und Russland im 19. Jahrhundert über die Erbmasse des Ottomanischen und Persischen Reiches bezeichnet.

Dr. M. Parvizi Amineh ist Programm Direktor (Energy Program Asia) und Senior Research Fellow am Internationalen Institut für Asien Studien (IIAS) in Leiden, Niederlande Übersetzung: Dr. Alexander Neu

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