in Wissenschaft & Frieden 2006-3: Konfliktherd Energie

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Energie, Klima und internationale Sicherheit

von Jürgen Scheffran

Während US-Soldaten am Persischen Golf Ölinteressen sichern, haben die Wirbelstürme des Jahres 2005 am Golf von Mexiko (allen voran der Hurrikan Katrina) in den USA Nachdenklichkeit ausgelöst. Der Ölpreisschock und die Erfahrung, gegen Naturkatastrophen an der Heimatfront nicht gewappnet zu sein, haben eine Debatte über die eigene »Energiesicherheit« angestoßen. Präsident Bush, dessen Umfragewerte in den Keller sackten, kritisierte in seiner jährlichen Rede an die Nation am 31. Januar 2006 die Sucht nach Öl und legte Programme zur Förderung alternativer Energiequellen auf.1 Ohne sein Zutun lagen die USA bereits 2005 bei der Produktion erneuerbarer Energien weltweit vorn, gefolgt von Deutschland.2

Die Energieversorgung ist eine Schlüsselfrage für die Zukunft der Menschheit. Der Umbau des Energiesystems betrifft die gesamte Gesellschaft bis hin zur Frage von Krieg und Frieden. Die Verbindungen zwischen Energie und Sicherheit sind vielschichtig:3

Es handelt sich um eine Wechselwirkung: Die Verfügbarkeit von Energie hat Folgen für die Sicherheit, und der Grad der Sicherheit beeinflusst den Zugang, die Verteilung und Nutzung von Energie. Diese enge Kopplung wird besonders deutlich im Nahen Osten. Das Interesse der USA am Öl Irans und die Sanktionen verstärken hier Bestrebungen, die Kernwaffenoption zu verfolgen (unter dem Deckmantel einer friedlichen Nutzung der Kernenergie).

Von der Sucht nach Öl zum Ende des fossilen Zeitalters

Die Abhängigkeit vom Öl ist ein Ergebnis des 20. Jahrhunderts, in dem sich Erdöl zu einer scheinbar unerschöpflichen, leicht zu transportierenden und billigen Energieressource entwickelte, zu einem Treibstoff der Globalisierung. Viele Kriege waren mit dem Zugriff auf Erdöl und andere fossile Energieressourcen verbunden. Die Erdölabhängigkeit der industrialisierten Welt wurde offenkundig im Jom-Kippur-Krieg 1973 und der Ölkrise von 1973/74. In der 1974 auf Initiative Henry Kissingers gegründeten Internationalen Energie-Agentur (IEA) versuchten die westlichen Länder der OECD ihre Energiepoltik zu koordinieren. Seit der Carter-Doktrin von 1980 verfolgen die USA ihre »vitalen Interessen« am Persischen Golf offiziell mit militärischen Mitteln.

Angesichts der Vorteile von Kohle und Öl wurden die unübersehbaren Nachteile in Kauf genommen oder auf andere abgewälzt. Neben den Problemen der Abhängigkeit und Konflikthaftigkeit stehen die ökologischen Risiken. Erdöl verschmutzt Gewässer, Böden und die Atmosphäre. Die Kohleförderung birgt hohe Unfallrisiken, verursacht erhebliche Schäden an Landschaft und Grundwasser (etwa durch die Sprengung und Ausbaggerung ganzer Landstriche) und setzt bei der Verbrennung säurebildende Schadstoffe und klimarelevante Treibhausgase frei. Mit dem wachenden Anteil an Erdgas werden einige dieser Umweltschäden abgeschwächt, bleiben aber relevant.

Die Zeit fossiler Energieträger geht zwar dem Ende entgegen, die Frage ist aber: wie rasch? Bei Fortsetzung der gegenwärtigen Förderrate würden die Vorräte von Erdöl in 42 Jahren, von Erdgas in 65 und von Kohle in 169 Jahren aufgebraucht sein.4 Mit der Entdeckung neuer Ressourcen (etwa der Ölsände in Kanada) mag die Förderzeit etwas verlängert werden, doch kann die Entdeckungsrate nicht mit dem Verbrauch mithalten. Über die Hälfte der ursprünglichen Ölvorkommen sind bereits verbraucht, die Erschließungskosten entlegener Quellen nehmen zu.

Neben dem Nahen Osten mit zwei Dritteln aller Ölvorräte sind die ölreichen Republiken der ehemaligen Sowjetunion besonders konfliktträchtig. In dieser »strategischen Ellipse« bauen konkurrierende globale und regionale Mächte ihren Einfluss aus. Für Russland ist der Krieg in Tschetschenien eine Gelegenheit, sich mit Gewalt den Zugriff auf die Öl- und Gasressourcen der Region zu sichern. Besonders umstritten sind die Transportwege und Pipelinerouten.

Seit der Wohlstand der Nationen auf Öl gründet, wird die Verknappung und die geopolitische Abhängigkeit als Bedrohung der nationalen Sicherheit angesehen. Die Terroranschläge des 11. September, die ihren Ursprung in Saudi Arabien hatten, und der von der Bush-Administration forcierte fossil-nukleare Weg verschärften die Risikowahrnehmung noch. Aufgrund der wachsenden Nachfrage steigern die USA ihre Ölabhängigkeit von den großen Ölförderländern. 40% der Importe stammen aus den OPEC-Staaten, allein 20% vom Persischen Golf. Unliebsame politische Wechsel in diesen Ländern werden von Washington argwöhnisch verfolgt, so auch im Falle der Regierung von Hugo Chavez in Venezuela, das rund 15 % der Ölversorgung der USA liefert. Bei den Ölreserven liegt Saudi-Arabien (262 Mrd. Barrel oder 25 % der weltweiten Ölreserven) an erster Stelle, gefolgt von Iran und Irak mit jeweils halb soviel, für die USA genug Anreiz, in der Region ihre Herrschaft zu sichern.

Da Energie ein wichtiger Faktor für Wachstum und Entwicklung ist, steigt der Energieverbrauch global weiter an (von 1994 bis 2004 um mehr als 20%).5 Während in Industrieländern wie Deutschland und den USA eine Entkopplung von Wachstum und Energieverbrauch zu beobachten ist, forcieren Länder wie China und Indien die Industrialisierung mit einer expansiven Energiepolitik. Der durch die wachsende Nachfrage steigende Energiepreis behindert dagegen die Entwicklung.

Wenn es keinen grundlegenden Wandel gibt, trifft im Verlaufe dieses Jahrhunderts der gestiegene Bedarf auf ein Minimum gesicherter Energiereserven, was nach Hermann Scheer erhebliches Konfliktpotenzial birgt: „Ressourcenkrisen spitzen sich wegen der nahenden Erschöpfung von Erdöl, Erdgas und einigen strategischen Rohstoffen zu … Die Fragen des Zugangs können dramatische Konflikte provozieren. Sie bergen die Gefahr wirklicher Weltkriege.“6

Klimawandel als Sicherheitsrisiko

Nicht weniger dramatisch erscheinen die Folgen der globalen Erwärmung, die zu einem großen Teil durch die kohlenstoffhaltigen fossilen Energieträger verursacht wird. Wenn der Ausstoß von Treibhausgasen in diesem Ausmaß weitergeht, wird der erwartete Anstieg der mittleren globalen Temperatur von 3 bis 6 Grad Celsius in diesem Jahrhundert Mensch und Natur in vielen Regionen der Welt vor enorme Anpassungsschwierigkeiten stellen. Die möglichen Folgen wurden in dem dritten Bericht des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) von 2001 ausführlich beschrieben, und der für dieses Jahr geplante vierte Bericht dürfte die Ergebnisse noch übertreffen.

Bereits jetzt sind in einigen Regionen ökologische Veränderungen zu beobachten, die auf die Erwärmung der Erde zurückgehen. Ökosysteme können bei einem raschen Klimawechsel ihre Stabilität verlieren, bisher angepasste Arten aussterben. Besonders verwundbar sind Ökosysteme, die sich nur langsam anpassen können, etwa Gletscher, Feuchtgebiete, Mangroven, Korallenriffe, Ökosysteme in der Arktis und in Gebirgen, boreale und tropische Wälder.

Gesellschaften, die stark von Naturprozessen und Landwirtschaft abhängig sind, wären vom Klimawandel besonders betroffen. Der Verlust der Artenvielfalt, Ernteausfälle, Hunger und Armut treffen vor allem Entwicklungsländer, die verwundbarer sind als Industrienationen. Regionen, in denen ohnehin zu wenig Nahrung oder Wasser zur Verfügung steht, könnten klimabedingte Einbrüche nicht verkraften. Sie sind auch empfindlich gegenüber der Ausbreitung von Seuchen, die mit der Verschiebung der Klimazonen auch nördlichere Regionen erfassen würden.7

Viele Experten sind der Ansicht, dass mit der Zunahme der globalen Temperatur extreme Wetterereignisse deutlich zunehmen. Vorboten sind in Form von Wirbelstürmen, Dürren, Waldbränden, Flutkatastrophen und Hitzewellen bereits erkennbar. Sie machen vor Industrienationen nicht Halt, wie die Elbeflut von 2002, die europäische Hitzewelle 2003 oder die Rekordserie von Wirbelstürmen 2005 gezeigt haben. Besonders besorgniserregend ist die Möglichkeit eines abrupten Klimawandels. An Eisbohrungen wird deutlich, dass es in der Erdgeschichte mehrfach Klimasprünge innerhalb weniger Jahrzehnte gegeben hat, die den Übergang zu den Eiszeiten markierten.

Die globalen Ozeanströmungen haben hier eine Schlüsselrolle. Eine Veränderung des Temperatur-Salz-Verhältnisses im Nordatlantik könnte dazu führen, dass der warme Golfstrom, der für milde Temperaturen in Nordeuropa sorgt, abgeschwächt wird, was eine deutliche Abkühlung der nördlichen Hemisphäre bewirken könnte. Weitere destabilisierende Effekte wären das Abrutschen des Eisschelfs in Grönland und der Westantarktis, die Freisetzung von eisgebundenen Treibhausgasen wie Methan, oder die Änderung des asiatischen Monsuns. Das Schmelzen der Polkappen und der weitere Meeresspiegelanstieg betreffen viele Küstenregionen und drohen ganze Inselketten verschwinden zu lassen. Die Kombination der verschiedenen Rückkopplungen ist bislang nur wenig verstanden. Es ist möglich, dass durch menschliche Aktivitäten eine Schwelle zu gefährlichen Klimabereichen überschritten wird, was nicht mehr einfach umkehrbar ist. Das von der Menschheit durchgeführte globale »Klimaexperiment« ist äußerst riskant. Welche Extremereignisse auch immer eintreffen, es wären Katastrophen, die Millionen, wenn nicht gar Milliarden Menschen betreffen.

Sollte es nicht gelingen, den Klimawandel in Grenzen zu halten, stehen Anpassung, Risikominimierung, Gefahrenabwehr und Konfliktregulierung auf der Tagesordnung. Hier spielt eine wichtige Rolle, wie sich die Folgen des Klimawandels auf die sozialen Strukturen auswirken, ob sie von diesen abgefedert werden oder ob sie Konflikte verstärken.8.

Ein Beispiel ist der Wasserkonflikt im Nahen Osten. Konkrete Auseinandersetzungen gab es um das Wasser des Nil, des Euphrat und des Jordan. Der Staat Israel war frühzeitig bestrebt, seine Wasseransprüche mit allen Mitteln abzusichern, auf Kosten der Palästinenser, denen deutlich weniger Wasser zugeteilt wurde als den Siedlern im Westjordanland. Klimastudien prognostizieren für den Nahen Osten eine zunehmende Wasserknappheit, doch ob dies bestehende Konfliktlinien weiter verschärft oder eher kooperative Lösungen befördert, hängt davon ab, welche Fortschritte der Friedensprozess macht und ob es gelingt, Instrumente und Strukturen für eine Konfliktlösung zu schaffen. Ein Anknüpfungspunkt sind die Verhandlungsprozesse über die gemeinsame Wassernutzung, die verschiedene Parteien und Positionen an einen Tisch bringen.

Ein anderes Beispiel ist die zunehmende Dürre und Wüstenbildung in Nordafrika, die die Konkurrenz zwischen ansässigen Bauern und wandernden Viehhirten zuspitzt. Im Falle des Darfur-Konflikts in Sudan eskalierte die Auseinandersetzung, als die Regierung gegen die den Bauern nahe stehenden Rebellen mit Unterstützung von arabisch-stämmigen Milizen aus den Reihen der Viehhirten vorging. Eine Studie des Sandia-Forschungslabors untersucht, ob klimatische Veränderungen als Ursachenfaktor in diesem Konflikt eine Rolle gespielt haben oder noch spielen könnten.9

In diesen und anderen Regionen zeigt sich, dass Klimaänderungen die Existenz von Menschen und Gesellschaften bedrohen und damit die humanitäre Sicherheit in einem fundamentalen Sinne beeinträchtigen können. Vor allem sind Gruppen betroffen, die zu schwach sind, um mit den Folgen fertig zu werden, doch sie treffen auch Mittel- und Oberschichten, wenn diese keine wirksamen Abwehr- und Schutzmaßnahmen ergreifen können. Eine Katastrophe erzeugt mehr Verlierer als Gewinner und verschärft soziale Spannungen und Ungleichheiten.

Daraus kann jedoch nicht geschlossen werden, dass damit gewaltförmige Konflikte oder gar Kriege zunehmen, wie von einer Studie von Schwartz und Randall suggeriert wird. Diese beiden Pentagon-Berater entwickeln die apokalyptische Vision einer durch eine Abschwächung des Nordatlantikstroms ausgelösten Klimakatastrophe. Nach Ansicht der Studie bringt der abrupte Klimawechsel Menschen und Regierungen in Not, schafft Chaos und Anarchie, bewirkt Konflikte und Kriege um Rohstoffe und Nahrung bis hin zur Verbreitung von Atomwaffen und der Androhung ihres Einsatzes. Im Gegenzug bauen Staaten »virtuelle Festungen«, um sich und ihre Ressourcen zu schützen. Kernenergie wird zu einer entscheidenden Energiequelle, was die Kernwaffenverbreitung in weitere Staaten, einschließlich Japan und Deutschland, antreibt.10

Ein solches Szenario dramatisiert die Gefahren, indem es Klimawandel primär als Problem nationaler militärischer Sicherheitspolitik sieht. Es lässt außer Acht, dass das Militär der Absicherung der Wirtschafts- und Lebenweise verpflichtet ist, die den Klimawandel verursacht. Den sozialen, ökonomischen, ökologischen und technischen Risikofaktoren ist mit traditionellen Instrumenten der Sicherheitspolitik nicht beizukommen. Sie erfordern eine umfassende, auf Prävention und Ursachenvorbeugung gerichtete Strategie, in der Militär – wenn überhaupt – nur eine Nebenrolle spielen kann.

Rennaissance der Kernenergie?

Angesichts der Risiken der fossilen Energien präsentiert sich die Kernenergie als Retter in der Not, um der Ölkrise und der globalen Erwärmung entgegen zu treten. Dabei sind die sicherheitspolitischen Implikationen der Kernenergie lange bekannt. Die Spaltung des Atoms erfolgte im Krieg und ihr erster Einsatz zerstörte zwei Städte. Seitdem hat der nukleare Rüstungswettlauf mehrere Billionen Dollar verschlungen. Dass das in Kernwaffen verwendete Nuklearmaterial von der friedlichen Nutzung kaum zu trennen ist, war kein Geheimnis, als US-Präsident Eisenhower mit dem »Atoms for Peace « Programm in den fünfziger Jahren die nukleare Proliferation forcierte. Die zivile Nutzung hat zwar in einigen Staaten einen relevanten Anteil an der Elektrizitätsversorgung, ist aber längst nicht so billig wie zu Beginn erhofft. Trotz des den Nichtkernwaffenstaaten im Nichtverbreitungsvertrag zugesicherten Rechts auf Kernenergie und der Einrichtung eines weltweiten Kontrollsystems, ist das Vertrauen nicht sehr hoch. Wie die Kriegsdrohungen der USA gegen Iran (und zuvor gegen Irak und Nordkorea) zeigen, soll bestimmten Staaten jegliche sensitive Nukleartechnik verwehrt werden. Befreundete Staaten, besonders wenn sie bereits die Bombe haben, werden dagegen großzügig mit Nukleartechnik und –materialien unterstützt, wie die indisch-amerikanische Kooperation zeigt. Wohin diese Zweischneidigkeit führt, hat die hemmungslose Verbreitung von Kerntechnik durch den pakistanischen Atomwissenschaftler A.Q. Khan gezeigt.

Im gesamten nuklearen Zyklus, vom Uranbergbau bis zur Endlagerung, werden gesundheitsschädliche radioaktive Stoffe frei gesetzt. Das Risiko einer Reaktorkatastrophe kann nicht ausgeschlossen werden, die Endlagerproblematik bleibt über tausende von Jahren bestehen. Kriege oder Terroranschläge gegen kerntechnische Anlagen bleiben ein hohes Sicherheitsrisiko. Die angekündigten inhärent sicheren und proliferationsresistenten Reaktoren lassen bislang auf sich warten, und die Fusionsenergie liegt seit Jahrzehnten für Jahrzehnte in der Zukunft. Harrisburg und Tschernobyl haben der Kernenergie-Industrie schwere Schläge versetzt, von denen sie sich bis heute nicht erholt hat. Die Verkettung von Umständen mag unglücklich gewesen sein, aber sie zeigte, dass es perfekte Sicherheit bei der Kernenergie nicht gibt. Die Schadensfolgen erreichten kontinentale Dimensionen. Eine breite Gegenbewegung, die auf die Risiken aufmerksam machte, sorgte in einigen Ländern für Ausstiegsbeschlüsse.

Wie friedlich und nachhaltig sind die Alternativen?

Während der fossil-nukleare Weg in einer Sackgasse gefangen scheint, lösen erneuerbare Energien große Erwartungen aus. Für Franz Alt ist die Alternative eine Schicksalsfrage der Menschheit: „Die große politische Entscheidung des 21. Jahrhunderts wird heißen: Krieg um Öl oder Frieden durch Sonne!“11 Auch wenn der Gegensatz hier als Schwarz-Weiß-Gemälde präsentiert wird, setzen erneuerbare Energieträger den Risiken und Konflikten des fossil-nuklearen Energiepfades eine Alternative entgegen. Im Unterschied zu fossilen sind regenerative Energien orts- und zeitgebunden, entstehen in Wechselwirkung mit der Umwelt.

Am deutlichsten zeigt die Wasserkraft, dass aber auch erneuerbare Energiequellen Konflikte provozieren können. Große Staudammprojekte bedeuten großflächige Eingriffe in Landschaft und Ökologie, erzwingen die (gewaltsame) Umsiedelung der ansässigen Bevölkerung und verursachen den Verlust von Kulturgütern. Nutzen und Risiken sind oft ungleich verteilt, und die Betroffenen tragen den Schaden, oft ohne hinreichende Kompensation.

Landschaftseingriffe stellen auch das vorrangige Problem der Windenergie dar. Während Windräder am Horizont für manche zukunftsweisend sind (back to the past), lehnen Gegner dies strikt ab und kritisieren u.a. Geräuschemmissionen und Schattenwurf. Probleme wirft auch die energetische Nutzung der Biomasse auf. Der Anbau von Bioenergie ist flächenintensiv und kann in Konkurrenz zum Anbau von Lebensmitteln und anderen Bioprodukten stehen. Durch Regulierung muss eine Beeinträchtigung der Lebensmittelproduktion vermieden und die Unterstützung der lokalen Bevölkerung gewonnen werden, etwa durch Gewinnbeteiligung, Schaffung von Arbeitsplätzen oder Mitwirkung in Kooperativen.

Gegenüber anderen Energieformen erscheint das Konfliktpotenzial der Solarenergie niedrig. Bei einer dezentralen Nutzung von Solaranlagen sind die Eingriffe in soziale und ökologische Strukturen gering, die Akzeptanz hoch, aber auch die Kosten. Eine industrielle und großflächige Nutzung der Solarenergie könnte Probleme bereiten, besonders wenn die solaren Ressourcen des Südens von Industrieländern beansprucht werden. Andere erneuerbare Quellen, wie Erdwärme oder Ozeanenergie, erscheinen in diesem Zusammenhang unbedeutend.

Auch wenn die Nutzung Erneuerbarer Energien auch Konfliktpotenziale, beinhaltet, sind diese mit den Kriegen um Öl, den Folgen des Klimawandels oder den Risiken der Kernenergie nicht vergleichbar. Es handelt sich meist um innergesellschaftliche Auseinandersetzungen im kleinen Maßstab, und sie sollten auch so behandelt werden. Allerdings muss auf die soziale und ökologische Akzeptanz geachtet und damit möglichen Folgen und Konflikten vorgebeugt werden.

Die Bedeutung der Energie- und Klimapolitik

Indem sie bedrohliche Risiken vermeidet und die internationale Zusammenarbeit auf lokaler und globaler Ebene verbindet, kann Energie- und Klimapolitik als Beitrag zur Sicherheitspolitik angesehen werden. Grundsätzlich ist der präventive Politiktyp, der durch Limitations- und Absorptionsstrategien auf Konfliktvermeidung zielt, zu bevorzugen gegenüber dem reaktiven Politiktyp, der in einer Welt von Krisen und Katastrophen auf nachsorgende Lösungen zum Krisenmanagement und Katastrophenschutz vertraut.

Artikel 2 der Klimarahmenkonvention formuliert das Ziel, eine „gefährliche anthropogene Klimaveränderung“ zu verhindern, definiert jedoch nicht, was gefährlich ist und welche Maßnahmen zu ergreifen sind. Angesichts der ungleichen Verteilung der Kosten und Risiken werden geeignete Gerechtigkeitsprinzipien diskutiert. Um ein Überschreiten gefährlicher Schwellen zu vermeiden, werden Leitplanken für den Klimawandel vorgeschlagen, die die Anpassungsfähigkeit natürlicher und sozialer Systeme berücksichtigen.12 Vielfach wird als Zielkriterium formuliert, dass der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre eine Verdoppelung des vorindustriellen Wertes nicht überschreiten soll, was einer Stabilisierung des CO2-Anteils bei 550 ppm (millionstel Volumenanteile) und einem Anstieg der globalen Mitteltemperatur um 2 Grad Celsius entspricht. Dies wäre nur mit einer Verringerung des Treibhausgasausstoßes um mindestens 50% zu erreichen.

Um Unsicherheiten zu verringern, werden Daten, Modelle und Indikatoren verbessert. Zur Vermeidung von Risiken und Kosten sind adaptive Strategien für eine risiko- und konfliktminimierende Energieversorgung zu entwickeln. Der erforderliche Umbau des Energiesystems kostet Billionen von Euro und betrifft die gesamte Wirtschaft wie auch die Lebensweise der Menschen.13 Die Frage ist, ob mit der Energierevolution auch entsprechende politische Veränderungen einher gehen. Bringt die Energiewende tatsächlich den Übergang zu einer demokratischen, dezentralen und heimischen Energieversorgung, wie die Verfechter des »small is beautiful« (Amory Lovins) erhoffen? Kann jeder Landbesitzer auf dem eigenen Acker oder dem eigenen Dach Energie durch Windanlagen, Pflanzen und Solarzellen selber »anbauen« und ins Netz einspeisen? Wird »power to the people« eine für jedermann zugängliche Energieversorgung erlauben, gar eine stärkere Partizipation an der Macht?

Angesichts der ökonomischen Globalisierungstendenzen, die eine weitere Konzentration von Wachstum, Macht und Gewalt in den Händen weniger befördern, ist übertriebener Optimismus nicht angebracht. Fossil-nukleare Energien werden auf absehbare Zeit weiter genutzt und hoffentlich durch Energieeinsparung, technische Effizienz und verschärfte Emissionsauflagen sozial- und umweltverträglicher gestaltet werden. Wichtige Fragen stellen sich auch hier, die gesellschaftliche Strukturen und politische Machtverhältnisse betreffen: Wer wird das zur Energiesammlung nötige Land besitzen? Wer wird darüber entscheiden, ob Land zur Erzeugung von Nahrungsmitteln oder von Energie genutzt wird, ob dies durch gut oder schlecht bezahlte Arbeitskräfte geschieht unter Einsatz von Chemie und durch gewaltige Erntemaschinen? Werden dies Kleinbauern sein oder internationale Agrar-, Bio- und Chemiekonzerne, die mit Energie- und Transportkonzernen verflochten sind? Wird es gelingen, die erneuerbaren Energien über Transport- und Verbundnetze kostengünstig und großflächig zu verteilen? Und schließlich: Wird das solare Zeitalter auch ein friedlicheres Zeitalter werden?

Anmerkungen

1) G. W. Bush: State of the Union Address by the President, 31 Jan., 2006, Washington, D.C., www.whitehouse.gov/news/releases/2006/01/print/20060131-10.html.

2) Neue Energie, 4/2006.

3) Zusammenfassende Darstellungen zum Thema: J. Scheffran, W. Bender, S. Brückmann, M.B. Kalinowski, W. Liebert: Energiekonflikte, Dossier 22, Wissenschaft und Frieden 2/1996; H. Ackermann, M. Krämer, O. Melsheimer, J. Scheffran: Energienutzung – Konflikte, Potenziale, Szenarien, in: R. Zoll (Hg.): Energiekonflikte. Münster: LIT, 2001, S. 17-95; F. Alt: Krieg um Öl oder Frieden durch die Sonne, München: Riemann, 2002; F. Umbach: Globale Energiesicherheit, München 2003; T.H. Karas: Energy and National Security, Sandia Report 2003-3287, Albuquerque; J, H, Kalicki, D.L. Goldwyn (ed.): Energy and Security, Johns Hopkins University Press, 2005; D. Yergin, Ensuring Energy Security, Foreign Affairs, March/April, 85(2), 2006; Energie für das 21. Jahrhundert, Internationale Politik 61 (2006) 2.

4) BMWi: Energiedaten 2000, Bundesministerium für Wirtschaft & Technologie: Berlin, Bonn 2000.

5) BP: Statistical Review of World Energy, June 2005; www.bp.com:

6) H. Scheer: Solare Weltwirtschaft. München: Verlag Antje Kunstmann, 1999, S. 16.

7) Zu verschiedenen Folgen des Klimawandels siehe: H. J. Schellnhuber, W. Cramer, N. Nakicenovic, T. Wigley, G. Yohe (eds.): Avoiding Dangerous Climate Change, Cambridge University Press, 2006.

8) Zur Diskussion über Klima, Sicherheit und Konflikt siehe: J. Scheffran: Konfliktfolgen energiebedingter Umweltveränderungen am Beispiel des globalen Treibhauseffekts, in: W. Bender, (Hrsg.): Verantwortbare Energieversorgung für die Zukunft, Darmstadt 1997; BMU: Climate Change and Conflict, Berlin, 2002; J. Barnett: Security and Climate Change, Global Environmental Change 13(1) 2003, 7-17; J. Scheffran: Energiekonflikte und Klimakatastrophe: Die neue Bedrohung?, PROKLA 135/2, Vol.34, 2004; Human Security and Climate Change, Workshop, Oslo, 21–23 June 2005, www.cicero.uio.no/humsec/list_participants.html.

9) M. Boslough, et al.: Climate Change Effects on International Stability: A White Paper, Sandia National Laboratories Albuquerque, New Mexico, December 2004.

10) P. Schwartz, D. Randall: An Abrupt Climate Change Scenario and Its Implications for United States National Security, Washington, Oct. 2003 (www.ems.org/climate/pentagon_climatechange.pdf).

11) Alt 2002, a.a.O., S.18.

12) G. Petschel-Held, eta al.: The Tolerable Windows Approach: Theoretical and Methodological Foundations, Climatic Change, 41, 1999, 303-331; WBGU, Energiewende zur Nachhaltigkeit, Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, Berlin, 2003.

13) Von den jüngsten Energie-Szenarien siehe: BMWi/BMU: Energieversorgung für Deutschland, Statusbericht für den Energiegipfel am 3. April 2006, Berlin, März 2006; Deutsche Physikalische Gesellschaft: Klimaschutz und Energieversorgung in Deutschland, 1990 – 2020, Bad Honnef, Sept. 2005; Endogenous Technological Change and the Economics of Atmospheric Stabilization, The Energy Journal, Special Issue, March 2006.

Dr. Jürgen Scheffran ist W&F-Redakteur und Wissenschaftler an der Universität von Illinois in Urbana-Champaign (USA), wo er zum Thema Energie und Klima unterrichtet und ein Projekt zu erneuerbaren Energien leitet.

in Wissenschaft & Frieden 2006-3: Konfliktherd Energie

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