in Wissenschaft & Frieden 2005-3: Verantwortung der Wissenschaft

zurück vor

Einsteins Dilemma und die Verantwortung der Wissenschaft

von Jürgen Scheffran

Wie kein anderer repräsentiert Albert Einstein die Erfolge der Physik des 20. Jahrhunderts, aber auch ihre tragischen Widersprüche. Mit seinen vor Hundert Jahren erschienenen Arbeiten hat er das naturwissenschaftliche Weltbild revolutioniert. Dabei galt sein Interesse nicht nur universellen Naturgesetzen, sondern auch den moralischen Gesetzen. Seinen Mangel an Anschlussbedürfnis zu anderen Menschen versuchte er wettzumachen durch einen „leidenschaftlichen Sinn für soziale Gerechtigkeit und soziale Verpflichtung“, wie er selbst schreibt. Die sozialen Klassenunterschiede empfand er als nicht gerechtfertigt und letzten Endes als auf Gewalt beruhend. Die Sicherung des internationalen Friedens war für ihn ein hohes Gut, Krieg und Militarismus verachtete er: „Ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen!“ Der nationalen Hysterie zu Beginn des 1. Weltkrieges trat er einsam entgegen. Mit seiner anti-nationalen und freigeistigen Einstellung wurde der Jude Einstein zur Zielscheibe der Faschisten und verließ mit Hitlers Machtergreifung Deutschland für immer.

Ausgerechnet sein berühmtestes Naturgesetz, das die in einer Masse gebundene Energie durch die Lichtgeschwindigkeit bestimmt, sollte seine moralische Welt erschüttern, denn es schuf die theoretische Voraussetzung für die fürchterlichste aller Waffen. Die Entdeckung der nuklearen Kettenreaktion 1938 durch Hahn, Meitner und Strassmann verband sich auf tragische Weise mit dem Zweiten Weltkrieg. Aus Furcht vor der deutschen Bombe relativierte der Erfinder der Relativitätstheorie seine pazifistischen Positionen. In der Qual der Wahl zwischen zwei Übeln und sich der „furchtbaren Gefahr wohl bewusst“ unterschreibt Einstein auf Anraten Leo Szilards einen Brief an Präsident Roosevelt, in dem er sich für die „Beschleunigung der experimentellen Arbeiten“ einsetzt, die zu „neuartigen Bomben von höchster Detonationsgewalt“ führen. Dies war ein Auslöser für das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe. Die Atompilze über Hiroshima und Nagasaki im August 1945 konfrontierten die beteiligten WissenschaftlerInnen mit ihrer Verantwortlichkeit. In den Jahren nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1955 musste Einstein die Eskalation des nuklearen Wettrüstens verfolgen.

Solange es Kriege gibt, schreibt er rückblickend, sehen sich Menschen genötigt, „alle, auch die verabscheuungswürdigsten Mittel vorzubereiten, um im allgemeinen Wettrüsten nicht überflügelt zu werden… Unter diesen Umständen hat die Bekämpfung der Mittel keine Aussicht auf Erfolg. Nur die radikale Abschaffung der Kriege und der Kriegsgefahr kann helfen.“ In den letzten Tagen seines Lebens unterzeichnete er das Russell-Einstein Manifest, das als Gründungsdokument der internationalen Pugwash-Bewegung gilt. „Erinnere Dich Deiner Menschlichkeit, und vergiss alles andere,“ heißt es da.

Dass die Spaltung des Atoms alles geändert hat, nur nicht das menschliche Denken, ist eines von Einsteins bekannten Zitaten. Das neue Denken, das mit den Realitäten des Nuklearzeitalters vereinbar sein soll, fand erst drei Jahrzehnte später bei Michail Gorbatschow Resonanz. Dass die östliche Supermacht von der Bildfläche verschwand, konnte die noch verbleibende westliche Supermacht jedoch nicht davon abhalten, nunmehr allein nach Weltherrschaft zu streben, unter Beibehaltung von Atomwaffen. Die Hoffnung des Emigranten Einstein auf die Demokratie Amerika, die er noch als Gegenmacht gegen das ihm verhasste totalitäre Deutschland sah, ging nicht in Erfüllung.

Auch Einsteins Erwartungen an die von ihm mit geschaffene neue Wissenschaft blieben teilweise unerfüllt, wobei er die Ambivalenz wohl erkannte: „Die letzten Generationen haben uns in der hochentwickelten Wissenschaft und Technik ein überaus wertvolles Geschenk in die Hand gegeben, das Möglichkeiten der Befreiung und Verschönerung unseres Lebens mit sich bringt, wie sie keiner der früheren Generationen geboten waren. Dies Geschenk bringt aber auch Gefahren für unsere Existenz mit sich, wie sie noch niemals schlimmer gedroht haben.“

Wie sehr die hemmungslose Ausbeutung von Mensch und Natur den Planeten gefährdet und eine nachhaltige Wissenschaft erfordert, ist heute unübersehbar.

Einstein war bewusst, dass der triumphale Siegeszug der Wissenschaft Grenzen hat und dem Friedenspostulat genügen muss: „Die Entwicklung der Technik in unserer Zeit aber macht dies ethische Postulat zu einer Existenzfrage für die heutige zivilisierte Menschheit und die aktive Teilnahme an der Lösung des Friedensproblems zu einer Gewissenssache, der kein der moralischen Verantwortung bewusster Mensch ausweichen kann.“ Dies macht es erforderlich, dass WissenschaftlerInnen den Elfenbeinturm verlassen und sich ihrer Verantwortung stellen, selbst wenn sie wie Einstein selbst in ein Dilemma geraten und dadurch Nachteile haben, wie die Fälle von Daniel Ellsberg, Mordechai Vanunu, Ted Postol und anderen eindringlich zeigen.

Jürgen Scheffran

in Wissenschaft & Frieden 2005-3: Verantwortung der Wissenschaft

zurück vor