in Wissenschaft & Frieden 2005-2: De-Eskalation

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Deeskalation – Paradigma für Konfliktforschung?

von Corinna Hauswedell

Die verschärften Spannungen auf vielen internationalen- Krisenschauplätzen bringen es mit sich, dass man in Politik und Wissenschaft gegenwärtig weniger mit Idealzuständen von Frieden und Sicherheit als mit den Prozessen von Eskalation bzw. Deeskalation von Konflikten befasst ist. Die Definition des Universallexikons stellt Deeskalation. (und ihren Gegenbegriff Eskalation) eindeutig in den begrifflichen Kontext politischer und militärischer Gewaltanwendung (bzw. deren Minderung) beschreibt allerdings eher Richtungen und Methoden im Umgang mit Gewaltkonflikten als Zielperspektiven oder dauerhafte Lösungsansätze. In diesem pragmatischen Definitionsansatz liegen sowohl Chancen als auch Gefahren: Chancen für ein Krisenmanagement, das jenseits von ideologischer Bevormundung und zum Nutzen der Konfliktbetroffenen möglicherweise Schlimmeres abwenden kann, aber auch Gefahren, dabei im Gestrüpp widerstreitender Interessen hängen zu bleiben und nicht zu den Wurzeln der Konflikte vorzudringen. Es soll hier dafür plädiert werden, Deeskalation gerade wegen dieser Ambivalenzen als Paradigma für zeitgemäße Friedens- und Konfliktforschung näher zu untersuchen. Die Komplexität der vorfindbaren Konfliktstrukturen und ihrer Bearbeitungsmodi macht einen transdisziplinären Zugriff auf das Paradigma Deeskalation notwendig; dieser könnte auch den Diskurs zwischen akademisch-analytischen und praxeologischen Ansätzen neu befruchten.1

Deeskalation stellt demnach zunächst keine eigenständige theoretische Kategorie dar; sie bildet eher einen historischen und aktuellen politischen Erfahrungsvorrat, den es zu systematisieren gilt. Wegen der traditionellen Arbeitsteilung der akademischen Disziplinen stehen nach wie vor politikwissenschaftliche, soziologische, psychologische und andere sozialwissenschaftliche Forschungen zur Beendigung bzw. Verhinderung von Kriegen und Gewaltkonflikten relativ unverbunden nebeneinander. Die Ökonomie, das Völkerrecht, die Ethnologie und Anthropologie, aber auch die Naturwissenschaften, wenn es um Rüstung und Abrüstung geht, wären zu befragen.

Auf seiner Jahrestagung im Dezember 2004 hat der Arbeitskreis Historische Friedensforschung einen Versuch unternommen, diese Diskussion aus zeithistorischer Perspektive anzuregen.2 Die Entspannungsbemühungen während des Ost-West-Konfliktes und deren Grenzen wurden in komparativer Absicht einigen erfolgreichen und gescheiterten Deeskalations- und Transformationsansätzen vorwiegend innerstaatlicher Konflikte in den neunziger Jahren gegenüber gestellt. Die Veranstalter fragten u.a. danach, welche Bedeutung unterschiedliche Weltordnungsvorstellungen für Konzepte der Deeskalation haben können.

Im Rahmen der »Strategic Studies«, der klassischen realistischen Schule des Kalten Krieges, wurde in den 1960er und 1970er Jahren systematisch über Eskalation als Mittel der Konfliktbewältigung nachgedacht, so z.B. in dem renommierten US Think Tank der RAND Corporation; erinnert sei auch an die programmatische Schrift »On Escalation«, die Herman Kahn 1965 verfasste.3 Aber auch der Begriff der Deeskalation nahm in jener Zeit Gestalt an, als Reflex auf den Vietnamkrieg, den heißen Krieg im Kalten Krieg. Die anglo-amerikanisch geprägte Forschung über Conflict Resolution, diesich mit Namen wie Alexander George, Louis Kriesberg, Charles Osgood, Robert Randle oder William Zartman verbindet, nahm dort ihren Anfang.

Ausgangspunkte und Gründe, um über Deeskalation nachzudenken, waren also in der Vergangenheit und sind es heute konfrontative Zuspitzungen im internationalen System, Krisen und Krieg. Deeskalation nimmt vor allem die Konfliktdynamik und ihre Akteure ins Visier. Im Kontext des Konfliktgeschehens zwischen und innerhalb von Staaten und Gesellschaften kann Deeskalation einen aktiven politischen Prozess der Konflikttransformation beschreiben. Er findet in der Regel mit dem Ziel statt, die Interaktion zwischen den Konfliktparteien so zu beeinflussen, dass gewaltförmiges und militärisches Handeln bzw. entsprechende Bedrohungen abgebaut und Chancen für einen friedensgerichteten, zivilen Konfliktaustrag eröffnet werden.

Wie nachhaltige Friedensprozesse in Gang zu setzen sind, rückte seit dem Ende des Kalten Krieges, und mit neuer Dringlichkeit seit dem »Krieg gegen den Terror« und dem Irakkrieg 2003 ins Zentrum internationaler Ordnungsvorstellungen. In den aktuellen Debatten über sogenannte neue Kriege, humanitäre Intervention und Nachkriegskonsolidierung ist die transdisziplinäre Friedens- und Konfliktforschung in besonderer Weise gefordert, zu untersuchen, wie denn Bedingungen für eine zivile Konfliktbearbeitung, für staatliche und nichtstaatliche Strategien einer politischen Streitbeilegung, aussehen können.

Der Blick in die Zeitgeschichte seit Beendigung des Zweiten Weltkrieges eröffnet ein breites Spektrum unterschiedlicher Szenarien von Deeskalation. Diese reichten von vielfältigen Formen politischer Entspannung4, einseitiger und multilateraler Vertrauensbildung, Vermittlung und Mediation, klassischer staatlicher sowie sogenannter »track- two«-Diplomatie, über Sanktionsregime, Waffenstillstandsvereinbarungen und Abrüstung bis hin zu Friedensschlüssen und zur Förderung gemeinsamer oder kollektiver Sicherheit, etwa im Rahmen des KSZE-Prozesses seit 1975. Politischer Dialog und Kommunikation erwiesen sich in all diesen Deeskalationsansätzen stets als zentrale Kategorien. Der Wandel der internationalen Beziehungen, Ordnungsvorstellungen und Konfliktwahrnehmungen seit 1945 – während des bipolaren Kalten Krieges und seit der Zäsur von 1989/90 – hat auch die Akteursperspektiven für Deeskalation verändert. Während der militärisch und ideologisch hoch gerüsteten Ost-West-Konfrontation wurden Deeskalationsstrategien vor allem mit dem Ziel der Kriegsvermeidung entwickelt, nicht immer erfolgreich, wie die zahlreichen Stellvertreterkriege zeigen. Und Krisen zwischen den Supermächten waren immer ein Tanz auf dem atomaren Vulkan. War der Ost-West-Konflikt ein sich selbst erhaltendes System von Eskalation und Deeskalation?

Heute treten die eingangs erwähnten Ambivalenzen im Umgang mit Deeskalation noch deutlicher zu Tage. Die neue unipolare Weltkonstellation mit ihren großen Machtasymmetrien hat einerseits zu einer Enttabuisierung militärischen Handels geführt und tritt dabei auch im Gewande interessengeprägter politischer Doppelmoral auf. Andererseits wurden aber auch neue Ressourcen für friedensfördernde Prozesse sichtbar: Zwischen 1989 und 2000 sind etwa vierzig Friedensvereinbarungen zur Regelung vornehmlich innerstaatlicher Gewaltkonflikte getroffen worden; der Verhandlungsfrieden hat den Siegfrieden als dominante Form des Friedensschlusses abgelöst. Das war etwas Neues, auch für die vom Ost-West-Konflikt geprägte Friedens- und Konfliktforschung, die sich gleichzeitig mit ernüchternden Analysen hinsichtlich der geringen Nachhaltigkeit vieler dieser Friedensschlüsse konfrontiert sah.5 Liegen also auch den Befriedungen der »kleinen Kriege« vorwiegend fragwürdige oder ineffiziente Deeskalationsstrategien zugrunde?

Die Handlungsspielräume für Deeskalation und die Kenntnisse über ihre Wirkungsmechanismen haben sich erweitert. Neben den Nationalstaaten treten zunehmend internationale, staatliche und nichtstaatliche Organisationen, gesellschaftliche Gruppen und Individuen als handelnde Subjekte im Konfliktgeschehen auf. Staatliche Souveränität wird durch eine Vielzahl von widersprüchlichen Faktoren begrenzt bzw. in Frage gestellt, die mit der Globalisierung, ihren Licht- und Schattenseiten, zusammen hängen. Dies gilt im Nord-Süd- wie im West-Ost-Verhältnis. Es sind dies u.a. Probleme ökonomischer Integration bzw. Desintegration, die Gefährdung sozialer und ethnischer Gefüge, die Verletzung von Menschenrechten sowie der Zerfall von Staatlichkeit.6

Kriseninterventionen von außen bzw. durch Drittparteien, einschließlich gezielter Militäreinsätze (mit und ohne Mandat der UNO), begründet mit notwendiger politischer Stabilisierung, humanitärer Hilfe oder Demokratisierung, erlebten in den 1990er Jahren eine neue, nicht unumstrittene Konjunktur, auf dem Balkan, auf dem afrikanischen Kontinent, in Afghanistan. Die Bundeswehr ist seit 1994 mit fünfzig Einsätzen beteiligt. Dienten diese Interventionen der Deeskalation im Sinne der Reduzierung militärischer Gewalt und der Eröffnung ziviler Handlungsspielräume? Das Bild ist mindestens widersprüchlich. Wenn offensichtlich die Grenzen und Übergänge zwischen zivilem und militärischem Handeln in Konflikten fließender werden, erscheint eine vertiefte Befassung mit den verfügbaren Erfahrungen der Deeskalation besonders dringend geboten.

Krieg und Frieden rücken also – auch in der wissenschaftlichen Betrachtung – näher zusammen. Übergangsphasen und -formen unbeendeter Gewaltanwendung und instabiler Friedensprozesse erfordern aber eine größere Trennschärfe bei der Analyse der Faktoren, die tatsächlich deeskalierend und in diesem Sinne friedensfördernd wirken. Unterschiedliche Friedensmissionen in Afrika, z.B. in Liberia, aber auch der Kongo deuten darauf hin, dass Deeskalation – und oft auch mit ihr einhergehende Entwicklungshilfe – nicht immer an die tiefer liegenden Konfliktursachen heranreicht, ja zuweilen für diese sogar kontraproduktiv sein kann. Unter der Oberfläche momentaner Stabilisierung können ökonomische und politische Gewaltkulturen bzw. Machtverhältnisse weiterwirken, die eine Demokratisierung der Konfliktgesellschaften verhindern (siehe Beitrag von Zappatelli und Trivelli auf Seite 27, d. Red.). Der Umgang des Westens mit vielen arabischen Staaten war über Jahrzehnte von ähnlichen Mustern oberflächlicher Stabilisierung autoritärer Herrschaft geprägt. Hier liegt eine Ursache dafür, dass, wie die Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer auf dem letzten Historikertag darlegte, die Zäsuren von 1989 und auch der 11. September 2001 in der islamischen Welt anders wahrgenommen wurden als im Westen.

Deeskalation hat deshalb auch die legitimatorische Funktion von Gewalt in Konflikten ins Visier zu nehmen. In bewaffneten Konflikten und Kriegen geht es selten nur um militärische Strategien, Waffen und Soldaten und auch nicht nur um ökonomische Interessen, die viel diskutierten Kriegsökonomien,7 oder um Territorialansprüche, sondern eben auch um die Deutungshoheit im Konflikt, um Meinungs- und Definitionsführerschaft über gesellschaftlich-historisch gewachsene Traditionen, Mythen und Symbole der Konfliktparteien. Deeskalationsstrategien müssen heute in wachsendem Maße die Interdependenz solcher verschiedenartigen subjektiven und objektiven Faktoren reflektieren: Dies sind einerseits solche Faktoren, die eher der Sphäre der politisch-militärischen »Hardware« internationaler Ordnungspolitik entspringen und andererseits solche, die stärker aus der »Software« sozialpsychologischer bzw. kulturell-mentaler Gegebenheiten von langanhaltenden Konflikten und Gewaltverhältnissen erwachsen. Aus der Komplementarität beider Sphären, die man auch als die Außen- und Innenwelt der Konflikte bezeichnen könnte, ergibt sich erst das vollständige Bild einer wirkungsvollen zivilen Konfliktbearbeitung.

Für die friedenswissenschaftliche Analyse bedeutet dies, nolens, volens, auch eine erneute Hinwendung zu den Phänomenen des Krieges.8 Anhand von komparativen Analysen wäre über die Depolitisierung bzw. Repolitisierung, mithin auch über die Legitimation von politischer Gewalt neu nachzudenken, um zu verstehen, wo, wie und wann Deeskalationsstrategien einsetzen können. Interessant könnte eine Weiterentwicklung pragmatischer Konzepte der angelsächsischen »Conflict Resolution« sein, z.B. der Theoreme über den »ripe moment« bzw. das »mutually hurting stalemate«, anhand derer William Zartman (u.a. am Beispiel von Südafrika oder auch Nordirland) einen möglichen Beginn von Verhandlungen beschrieben hat.9 Aus zahlreichen innergesellschaftlichen, bürgerkriegsähnlichen Konflikten lassen sich, gerade wenn auch relativ starke staatliche Akteure beteiligt sind, neue Erkenntnisse über die Asymmetrien von Gewaltdynamik und Friedensdynamik gewinnen,10 die für Deeskalationsstrategien von Nutzen sein können.

Vergleicht man also die bipolare mit der unipolaren Welt, ist zu fragen: Lassen sich strukturbildende Merkmale für eine »Einhegung« von internationalisierten Konflikten oder Deeskalation zwischen und innerhalb von Staaten aus der Zeit des Kalten Krieges für die unipolare und von wachsenden Machtungleichheiten geprägten internationalen Konstellation von heute bereit stellen? Erleichterte der Wegfall der bipolaren Konfrontation den Blick für die Eigengesetzlichkeiten und Deeskalationschancen lokaler oder regionaler Konflikte? Oder droht u.U. eine neue Überlagerung endogener Konfliktstrukturen durch eine globale Konfrontation des Westens mit dem Islamismus unter dem Rubrum des Antiterrorkampfes? Hieran schließen sich unmittelbar Fragen nach den Inhalten und Zielen von Deeskalation an: Können so unterschiedliche Perspektiven einer Deeskalation wie Gewaltminderung und Abrüstung einerseits11 und die Sicherung von Menschenrechten und Demokratie andererseits miteinander in Einklang gebracht werden? Eröffnet nicht die aktuelle Menschenrechtsdebatte im Kontext eines »gerechten Friedens« Dilemmata für Deeskalation, die nicht vereinbar sind? Die nordirische Völkerrechtlerin Christine Bell12 verweist beispielsweise auf die Spannungsfelder zwischen Inklusion und Exklusion von Konfliktparteien, zwischen Versöhnung und Gerechtigkeit, Amnestie und Strafverfolgung etc., plädiert aber dafür, diesen in jedem Friedensprozess klassischen »clash« von Pragmatismus und Prinzipien, von verhandelbaren und nicht verhandelbaren Zielen, durch eine verabredete Reihenfolge und eine geduldige Organisation des Wandels zu lösen, die nicht auf Sieg oder Niederlage einer Seite hinauslaufen darf. Neuere Forschungen über das »Management von Friedensprozessen«,13 nehmen zwar die pragmatischen Ansätze der frühen 1990er Jahre zur Kriegsbeendigung, Kriegsfolgenbewältigung und Friedenskonsolidierung auf, die von der UN-Agenda for Peace beeinflusst waren,14 warnen aber angesichts komplexer Gewaltverhältnisse vor einen»quick fix« und beschreiben auch Deeskalation als ambivalenten, keineswegs gradlinigen Prozess.

Der internationale politische Diskurs reflektiert die neueren wissenschaftlichen Debatten über Konfliktbearbeitung nur selektiv. So enthält der Report, den die Reformkommission des UN-Generalsekretärs Ende 2004 vorgestellt hat,15 zwei bemerkenswerte Akzente mit Blick auf internationale Deeskalationschancen (obwohl der Begriff selbst dort nicht zu finden ist).

Problematisch hingegen, auch unter dem Gesichtspunkt wirksamer Deeskalationsstrategien erscheint der Umgang mit dem sogenannten erweiterten Sicherheitsbegriff, der ja u.a. auch in der sicherheitspolitischen Strategie der EU zugrunde gelegt wurde.16 Wenn alles mit allem zusammenhängt, also eine Verbindung und Gleichrangigkeit so verschiedener Bedrohungen wie Terror und Massenvernichtungswaffen, Seuchen und Unterentwicklung, Genozid und organisiertes Verbrechen stattfindet, wird dies in der Konsequenz zu Verwischungen führen – in der Analyse ebenso wie in den Handlungsoptionen für die Konfliktbearbeitung. Die eigentlich erforderliche größere Trennschärfe, d.h. Fähigkeit zur Unterscheidung und Hierarchisierung von Konfliktpotenzialen mit Blick auf ihre Gewalthaltigkeit, kann im Einheitsbrei allgegenwärtiger Bedrohungen leicht verloren gehen. Für die wenigsten dieser Bedrohungen ist das Militär die richtige Antwort, in den meisten Fällen sein Einsatz vielmehr kontraproduktiv. Hinsichtlich der Frage, ob und wann militärische Mittel eine geeignete Art der Konfliktintervention darstellen, entstehen mit dem erweiterten Sicherheitsbegriff deshalb mehr Probleme als Lösungen. Mit der Diskussion, ob und wie militärische und zivile Strategien und Instrumente in bewaffneten Konflikten friedensfördernd zusammenwirken können, stehen wir erst am Anfang. Dem »trial and error« der Politik muss friedenswissenschaftliche Forschung mit fundierten Konflikt- und Bedrohungsanalysen und der Evaluierung erfolgreicher und gescheiterter Deeskalationen, also durch komparative und interdisziplinäre Studien, zur Seite stehen.

Als relativ gesichert können gegenwärtig zwei zentrale politische Leistungspotenziale von Deeskalation gelten. Sie lassen sich aus Konflikten ableiten, die erfolgreich in eine zivile Kooperationsperspektive überführt werden konnten. Interessanterweise sind dies Erfahrungen, die in ähnlicher Weise sowohl bei der Beendigung des Kalten Krieges als auch in einer ethno-politischen Konfliktkonstellation wie z.B. dem Nordirlandkonflikt beobachtet wurden. Sie scheinen unabhängig von der weltpolitischen Ordnungsperspektive und sowohl im zwischenstaatlichen wie im innerstaatlichen Handlungsrahmen Gültigkeit zu besitzen:

Die potenziellen Stärken einer Deeskalation liegen also bisher vor allem in der Initiierung des politischen Dialoges zum Aufbrechen einer Konfliktstruktur und in der klaren Adressierung der sicherheitspolitischen Dimension eines Gewaltkonfliktes. Davon, wie es gelingt, mittels Deeskalation den Konfliktaustrag weitergehend zu zivilisieren, hängt es ab, ob den Zielperspektiven wie der Sicherung von Menschenrechten und Demokratie in dem jeweiligen Konfliktfall Geltung verschafft werden kann. Diese Binnenkonsolidierung von Konflikten, die nicht ohne Zivilgesellschaften funktioniert, ist die eigentliche Bewährungsprobe jeder behutsam und geduldig zu führenden Deeskalation. Deshalb, also wegen der von den Konflikten betroffenen Menschen, sollten Deeskalationsstrategien von vornherein die Konfliktursachen, die unterschiedlichen Interessenlagen und Vorteilserwartungen der Konfliktparteien in den Blick nehmen. Deeskalation, nicht Eskalation soll sich auszahlen. Die Ordnungsvorstellungen der mächtigen Staaten sind, vor allem wenn sie sich geopolitisch gerieren, nicht immer die besten Ratgeber für eine so verstandene Deeskalation.

Bereits der griechische Stratege und Historiker Thukydides wusste: „Von allen Bekundungen der Macht beeindruckt die Menschen nichts so sehr wie Zurückhaltung.“

Deeskalation (lat.), Abschwächung, schrittweise Abrüstung, stufenweise Verringerung militär. Mittel, allmähl. Abbau von Spannungen; Gegensatz: Eskalation.

Eskalation (frz.), stufenweise Verschärfung eines polit. oder militär. Konflikts durch gegenseitige Provokationen und Heraufschrauben von Forderungen. Wirksames Krisenmanagement besteht in der Eindämmung der E. und ihrer schließl. Umkehrung in eine Deeskalation.

(Einträge im Universallexikon)

Anmerkungen

1) Der Text basiert in Teilen auf einem öffentlichen Vortrag, gehalten an der Bucerius Law School, Hamburg, am 9.12.2004.

2) Die Ergebnisse dieser Tagung »Deeskalation von Gewaltkonflikten nach 1945 – Eine vergleichende Geschichte der Konfliktbearbeitung« werden in diesem Jahr als Buch publiziert in der Reihe »Frieden und Krieg – Beiträge zur Historischen Friedensforschung«, Klartext Verlag, Essen. Aus historischer Perspektive vgl. auch J. Dülffer/ M. Kröger/R.-H. Wippich (Hg.): Vermiedene Kriege. Deeskalation von Konflikten der Großmächte zwischen Krimkrieg und Erstem Weltkrieg, München 1997.

3) Herman Kahn: On Escalation. Metaphors and Scenarios, London, Pall Mall Press 1965 (Hudson Institute Series on International Security and World Order.

4) Vgl. auch den Beitrag von Gottfried Niedhart in dieser W&F-Ausgabe, S. 19.

5) Vgl. z.B. die Studie von Collier, Paul et al: »Breaking the Conflict Trap: Civil War and Development Policy«, World Bank Report 2003 (http://econ.worldbank.org/prr/CivilWarPRR/), in der u.a. davon ausgegangen wird, dass ca. 2/3 der seit 1945 eingeleiteten Friedensprozesse innerhalb der ersten zehn Jahre einen Rückfall in die Gewalt erleben.

6) Vgl. u.a. Tobias Debiel (2004): Konfliktbearbeitung in Zeiten des Staatsverfalls: Erfahrungen und Lehren zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in: U. Blanke (Hrsg.): Krisen und Konflikte – Von der Prävention zur Friedenskonsolidierung, Berlin, 2004, S. 21-38.

7) François Jean and Jean-Christophe Rufin (Ed.): Économie des guerres civiles, Hachette, Paris, 1996.

8) Christopher Daase: Der Krieg und die Friedensforschung, Kleine Polemik zugunsten der Polemologie, in: H. Schmidt/U.Trittmann (Hg.): Kultur und Konflikt, Festschrift für Johan Galtung, Münster 2002, S. 83-95.

9) William Zartman: Ripe for Solution. Conflict und Intervention in Africa, New York/Oxford, 1985, sowie Ders.: Ripeness revisited: The Push and Pull of Conflict Management, Draft Paper (vorgelegt auf der o.g. Tagung, im Dezember 2004 in Loccum, s. Anm.2).

10) Peter Waldmann: Zur Asymmetrie von Gewaltdynamik und Friedensdynamik am Beispiel von Bürgerkriegen und bürgerkriegsähnlichen Konflikten, in: W. Heitmeyer/H.-G. Soeffner (Hg.): Gewalt, Frankfurt/M. 2004, S. 246-265.

11) Vgl. hierzu den Beitrag von Herbert Wulf in dieser W&F-Ausgabe, S. 15.

12) Vgl. auch Christine Bell: Peace Agreements and Human Rights, Oxford 2000.

13) Vgl. u.a. John Darby/Roger Mac Ginty (Ed.): The Management of Peace Processes, London 2000.

14) Vgl. z.B. für den deutschsprachigen Kontext Volker Matthies (Hg.): Vom Krieg zum Frieden, Bremen 1995.

15) United Nations High-level Panel on Threats, Challenges and Change. A More Secure World: Our Shared Responsibility. New York 2004.

16) Vgl. Corinna Hauswedell/Herbert Wulf: Die EU als Friedensmacht? Neue Sicherheitsstrategie und Rüstungskontrolle, in: Friedensgutachten 2004, Hg. von C. Weller, U. Ratsch, R. Mutz, B. Schoch, C. Hauswedell, Münster-Hamburg-London 2004, S. 122-130.

Dr. Corinna Hauswedell ist für das Bonn International Center for Conversion Mitherausgeberin des Friedensgutachtens und Sprecherin des Arbeitskreises Historische Friedensforschung

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