in Wissenschaft & Frieden 2005-2: De-Eskalation

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Der Sieg

von Günter Giesenfeld

Die Redaktion von W& F bittet mich, einen Gastkommentar zu schreiben zum 30. Jahrestag „der Beendigung des Vietnamkrieges.“ Erst nach einem Moment stutze ich: wir nannten das damals „den Sieg“, und zwar „des vietnamesischen Volkes gegen die Aggression der USA“. Heutzutage mag das nostalgisch klingen, oder überholt – obwohl ich doch das Adjektiv »imperialistisch« schon gleich weggelassen habe. Trotzdem: Von welcher Perspektive es man auch immer betrachtet, und nach allen Kriterien der historischen Wissenschaften ist die Formulierung vom »Sieg« absolut korrekt!

Dazu ein kleines Notfall-Set an Erinnerungs-Essentials zur Geschichte dieses Krieges (besser: dieser Kriege): Es war zunächst ein Kolonialkrieg (nein: ein antikolonialistischer Befreiungskampf), der um 1860 begann, als Frankreich nach und nach ganz Indochina besetzte und zu einer Kolonie machte, das heißt: die absolute Macht übernahm, die Menschen und Ressourcen des Landes ausbeutete und jeglichen Widerstand gnadenlos niedermassakrierte (auch wieder so ein Wort, aber eben auch zutreffend). Der erste Sieg über diese Fremdherrschaft wurde 1945 errungen (Gründung des unabhängigen Staates DRV), aber die Kolonialmacht kehrte zurück und wurde trotz amerikanischer Unterstützung ein zweites Mal geschlagen (Dien Bien Phu 1954). Dann nahmen die USA die Sache selber in die Hand, besetzten unter Missachtung des internationalen Abkommens von Genf den Süden und versuchten, den Norden »in die Steinzeit zurück« zu bombardieren. 1975 mussten auch sie das Land verlassen, in dem sie nie etwas zu suchen gehabt hatten. In dieser Zeit war »Vietnam« längst zu einem Symbol geworden, an dem der kalte Krieg in einen lokalen heißen übergeführt wurde, probehalber sozusagen, um, wie es Eisenhower sah, „ein Exempel, zu statuieren.“ Der letzte Kolonialkrieg war schon längst übergegangen in einen jener »modernen« Kriege, die die USA zur Erringung und Wahrung ihrer Welt-Vormachtstellung bis heute führen.

Wie lange dauert es, bis ein Krieg im Gedächtnis der Nachwelt so eingeebnet wird, dass sich die üblichen Reflexionen erübrigen: wer ihn angefangen, wer ihn gewonnen und wer warum ihn verloren hat? Und nach einem Anstandsabstand verbietet es uns die politische Korrektheit auch, darüber nachzudenken, ob dieser oder jener Krieg »gerechtfertigt«, vielleicht, als aufgezwungener Verteidigungskampf, ein »guter« war, wo doch die Kriege allesamt so grausam sind! Die Artikel und Sendungen zu diesem Jahrestag werden wieder einmal die stereotypen Formulierungen verwenden, die von der historischen Forschung längst widerlegt sind: „Bürgerkrieg“, „Kommunismus“, „Vietnamtrauma“, und immer wieder die zynische Rede von einem Vietnam, das „den Krieg gewann und den Frieden verlor“. Sie stammen aus der damaligen Kriegspropaganda des Westens, die vor allem in den Spielfilmen zum Thema fortlebt, haben aber eine neue Funktion: Sie setzen jenen Prozess in Gang, mit dem Kriege, je mehr sie in der Vergangenheit versinken, zu kaum mehr genau erklärungsbedürftigen »Katastrophen« stilisiert werden, welche die Menschheit überfallen und die folglich »beendet« werden müssen.

Wo das Kriegserinnern, wie auch jetzt anlässlich des 60. Jahrestags des »Endes« des 2. Weltkriegs, immer offener »beider Seiten« zu gedenken versucht (alliierte Soldaten und Waffen-SS, Flüchtlinge in dieser und jener Richtung), wo in der Lokalpresse meiner Stadt vor allem hervorgehoben wird, sie habe sich den Amerikanern „ohne Widerstand“ ergeben und dies als ein Widerstandsakt gegen die Naziherrschaft erscheinen soll, da hat dieser Prozess bereits unser Gedächtnis kolonisiert in bezug auf Ereignisse, die hierzulande stattfanden. Was Wunder, dass dies noch viel besser funktioniert, wenn es sich um ein fernes kleines Land handelt, das zwar irgendwann eine gewisse Rolle auch in der Innenpolitik »Deutschlands« gespielt hat, heute jedoch eher zu den geistigen Kinderkrankheiten einer Generation (der 68er) gezählt wird, die jetzt schon in Rente ist.

Wie aber verhält es sich in Vietnam selbst? Dort betrifft das Erinnern nicht eine Niederlage, sondern einen Sieg, der die »Geburt einer Nation« vollendete. In Vietnam werden also große Feiern stattfinden, Paraden, Feste, Staatsakte, und es wird, trotz des Willens zur Eingliederung in die »neue globalisierte Welt«, vom »Sieg« die Rede sein, und in Veteranentreffen auch vom »Heldentum«, mit dem dieser ungleiche Kampf geführt und gewonnen wurde. Aber Fakt ist auch, dass ca. 80 % der Bevölkerung Vietnams keine persönlichen Erinnerungen mehr an diesen Krieg haben. Außerdem kann die Nachkriegszeit in Vietnam charakterisiert werden als eine Periode voller Enttäuschungen, in der den Menschen in diesem Land der Frieden und das Genießen der Früchte ihres Siegs vorenthalten wurde. Dies begann gleich nach 1975, als es den USA und dem Westen gelang, das Land komplett zu isolieren und in die Abhängigkeit von den sozialistischen Staaten zu treiben. Und das setzte sich fort in den Aggressionen der Roten Khmer und der Vertreibung der Völkermörder und die internationale Bestrafung dafür durch die Invasion chinesischer Truppen im Norden und die Unterstützung Chinas und des Westens für die Pol-Pot Banden. Eine Zeitlang konnte man den Enthusiasmus und die Opferbereitschaft des Volkes aus dem Befreiungskampf noch für den Aufbau einsetzen, aber der Boykott – und eigene Fehler – verhinderten, dass es in Vietnam ein Aufbau-Wunder gab, wie etwa in der BRD nach 1950.

Aus der Heldenrolle mit weltgeschichtlicher Bedeutung fiel Vietnam zurück in die Situation eines rückständigen Entwicklungslandes, das extrem schlimme Kriegsfolgen zu beseitigen hatte und in dieser Kriegszeit an derjenigen geschichtlichen Entwicklung gehindert wurde, die seine Nachbarstaaten nahmen. Dann brach das sozialistische System zusammen und die von dort fließende solidarische Hilfe blieb aus. Errungenschaften der »Revolution«, die auf dieser Hilfe beruhten (z.B. das kostenlose Gesundheits- und Erziehungssystem), mussten aufgegeben werden. Der Anschluss an den Westen und die Integration in ein globales kapitalistisches Wirtschaftssystem waren jetzt ohne Alternative. Die »Öffnungs-Politik«, 1986 initiiert, spülte zugleich westliches Konsum- und Konkurrenzdenken ins Land. Alte Traditionen und kulturelle Werte, die mit zum Sieg beigetragen hatten, wurden verdrängt, und neu entstehende, vor allem materielle Bedürfnisse konnten wegen des ausbleibenden Aufschwungs nicht befriedigt werden.

In den jüngeren Generationen entstand ein Lebensgefühl, in dem sich Anspruchsdenken und Rückzug in die individuelle Sphäre mischten. Bei manchen, vor allem jungen Schriftstellern, äußerte sich das in einer zuweilen zynischen Ablehnung der revolutionären Tradition, in der Weigerung, die heroische Vergangenheit als ihre eigene zu betrachten. Damit provozierten sie nicht nur den erbitterten Widerstand der Älteren, die plötzlich ihre Verdienste, ihre Opfer, die das Leben der meisten von ihnen so geprägt und erfüllt haben, dass es für sie danach keine Perspektive mehr gab, in Frage gestellt sahen. Diese »jungen Wilden« brachten darüber hinaus sogar die existentielle Frage in die öffentliche Diskussion ein, ob diese Krieg überhaupt sinnvoll war, die Opfer »etwas gebracht« haben, womit ein Tabu gebrochen wurde, das für das nationale Selbstverständnis der Vietnamesen von existentieller Bedeutung ist.

Diese Auseinandersetzungen, die wie ein Generationenkonflikt erscheinen, aber eher ein grundsätzlicher Disput über nationale Identität sind, zeigen sich einem fremden Besucher in Vietnam nicht unmittelbar im Alltagsleben. Und sie werden auch in den Reden zum Jubiläum nicht auftauchen. Die Oberfläche, die sich derzeit einem Besucher (in den Städten) bietet, ist geprägt von einem Umbruch, der sich vor allem ökonomisch zeigt: Kosum- und Warenwerbung, Freizeitindustrie, unpolitisches Karrieredenken. Regierung und Partei tun sich schwer, angesichts noch immer verbreiteter Armut, angesichts von Analphabetismus, von Mängeln in der Bildungs- und Gesundheitsversorgung oder im Kampf gegen AIDS an die Solidarität der Menschen zu appellieren. Aber das Schisma ist noch nicht so stark, dass es die soziale Einheit und Ordnung ernsthaft gefährden würde. Und vor allem ist es nicht so strukturiert, wie es eine westliche Presse naiv behauptet bzw. gerne sähe: Hier kann nicht die Rede sein von einer Opposition der Bevölkerung gegen das Regime, sondern die Bruchstellen sind in Partei und Regierungsapparat ebenso evident wie in bestimmten Gruppen, Klassen und Institutionen. Dazu kommt, dass die offizielle Rhetorik, der öffentliche Disput noch immer geprägt sind vom hohen Ideal der nationalen Einheit, das auf der einen Seite eine manchmal zweifelhafte Behandlung bestimmter Konflikte in den Minderheiten-Regionen oder im kulturellen Bereich legitimieren muss. Auf der anderen Seite ist dieses Ideal aber immer noch für die Mehrheit der Bevölkerung die Basis ihres Selbstverständnisses als Volk und als Nation, hat infolgedessen immer noch das Potenzial, den Sinn für soziale Harmonie, der in einer langen kulturellen Tradition wurzelt, zu erhalten.

Denn zu lange haben die Kriege in Vietnam gedauert, zu sehr waren sie durch den Kampf ums Überleben sowohl des Einzelnen als auch des Landes als identifikatorischer Bezugspunkt geprägt, als dass diese Erfahrungen, auch als überlieferte, so schnell ihre Wirkungskraft verlieren könnten. Die Anstrengungen des Staates, das oft beschämende Schicksal der Veteranen zu mildern, für die Opfer des Einsatzes von Giftstoffen (Dioxin) zu sorgen, auch die Privilegien, die aktive Kriegsteilnehmer (Kämpfer für die Befreiung!) genießen, all dies wird nicht in Frage gestellt, auch von denen nicht, die die heroisierende und alle Widersprüche und das elende Verkommen im Dreck vieler Soldaten und Zivilisten verdrängende Behandlung des Krieges in historischen und künstlerischen Darstellungen ablehnen.

Das Gedenken an diesen Krieg kann für uns nur darin bestehen, dass wir dafür sorgen, die nivellierende Verharmlosung zu verhindern, und das ist nur durch genaues Erinnern möglich, und nicht durch das Feiern eines abstrakten, übermenschlichen »Heldentums« (wie es in Vietnam lange Zeit geschah), nicht als Rehabilitation »soldatischer Tugenden«, wie es bei uns geschah und geschieht. Das Gedenken an diesen Krieg, an Kriege überhaupt, muss stets ein entmystifizierendes sein, verbunden mit der Neugier auf die geschichtlichen Fakten, von denen mit dem zeitlichen Abstand immer mehr sich der Erkenntnis und dem Lernen aus der Geschichte darbieten, einem Lernen, das Stellung bezieht und einen Sieg der »richtigen Sache« auch nach 30 Jahren noch als einen solchen anerkennt.

Günter Giesenfeld, Vorsitzender der Freundschaftsgesellschaft Vietnam, Autor von Büchern und Artikeln zu Indochina. Professor für Neuere deutsche Literatur und Medien an der Philipps-Universität Marburg, Lehre und Forschungsprojekte zu den Massenmedien, Filmhistoriker und Filmemacher. Seit einem Jahr Pensionär.

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