in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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Diskurse der Gewalt – Gewalt der Diskurse

Internationale Konferenz des Transdisziplinären Forums Magdeburg

von Julia Reuter und Matthias Wieser und Aram Ziai

Zum zweiten Mal luden junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Fakultät für Geistes-, Sozial- und Erziehungswissenschaften der Magdeburger Otto-von-Guericke-Universität zur internationalen Konferenz (2.-4. Juli 2004) des Transdisziplinären Forums Magdeburg (TransForMa) ein. Der Name Trans-ForMa ist hierbei Programm: Die Magdeburger Konferenz ist eine grenzüberschreitende Veranstaltung, was sich nicht nur in der zweisprachigen Organisation (deutsch und englisch) widerspiegelt. Die über 150 TeilnehmerInnen kamen aus mehr als 15 Ländern. Neben PolitikwissenschaftlerInnen und SoziologInnen traf man auf PhilosophInnen, LiteraturwissenschaftlerInnen, MedienwissenschaftlerInnen oder EthnologInnen aus allen akademischen Gruppen. Die diesjährige Tagung stand unter dem Titel »Gewalt der Diskurse – Diskurse der Gewalt« und knüpfte damit thematisch an die letztjährige Auftaktveranstaltung »Reflexive Repräsentationen: Diskurs, Macht und Praxis im globalen Kapitalismus« an. Drei Tage lang wurde vor dem Hintergrund gegenwärtiger weltgesellschaftlicher Verhältnisse über die Verstrickung (physischer) Gewalt in Diskursen als auch über die Materialisierung der Diskurse in (physischer) Gewalt diskutiert. Wie im letzten Jahr standen auch dieses Mal vor allem neuere »radikale« Ansätze aus Diskurstheorie, Poststrukturalismus und Postkolonialismus im Vordergrund.

Den Auftakt zu einer sehr vielfältigen Bearbeitung des Themas Gewalt und Diskurs machte der international renommierte Politikwissenschaftler Rob B. J. Walker in seiner keynote address zu »Violence, Discourse and Sovereignty«. Am Beispiel der Übergabe der Regierungsgewalt von der US-Verwaltung an eine irakische Regierung verdeutlichte er, dass der unproblematische Gebrauch des gängigen Souveränitätsbegriffs der komplexen Problematik der Souveränität (die auch die diskursive Legitimation von Gewalt beinhaltet) in keiner Weise gerecht wird. Stattdessen gelte es die fortlaufende Herstellung unterschiedlicher Souveränitäten und ihre Funktionsweise genauer zu untersuchen und staatliche Souveränität nur als eine kontingente Antwort auf die Problematik zu verstehen. Die interessierten ZuhörerInnen wurden einer (hoffentlich) produktiven Verunsicherung ihrer sozialwissenschaftlichen Begrifflichkeiten ausgesetzt und mit vielen offenen Fragen zurückgelassen, aber fertige Antworten zu liefern entspricht eben (glücklicherweise) nicht Walkers Verständnis von kritischer Wissenschaft.

Auf der Podiumsdiskussion am zweiten Tag diskutierte Walker zusammen mit der indischen Literaturwissenschaftlerin Shaswati Mazumdar, der US-amerikanischen Sozialwissenschaftlerin L.H.M. Ling und dem deutschen Philosophen Alfred Hirsch über die Möglichkeiten der politischen Partizipation, insbesondere nach dem Diskurs des »11. September«, die Beziehung zwischen dem linguistic turn und Gewalt und die Produktivität von Gewalt. Den spannendsten Beitrag lieferte Ling mit ihrer überzeugenden Kritik am Mainstream der Disziplin der Internationalen Beziehungen als einem bürgerlichen, kolonialen und patriarchalen Gebäude, das alternativen Ansätzen und Konzepten strukturell den Zugang verwehrt.

Auch wenn die Tagung von bereits etablierten Mitgliedern des Wissenschaftsbetriebs »gerahmt« wird, ist sie vor allem eine »innovative Denkbaustelle « für und von Postgraduierten, Graduierten und Studierenden, die gemeinsam über ihre Ideen und Forschungsarbeiten zum Thema in insgesamt 21 Panels auf gleicher Augenhöhe diskutieren. Dabei reichte das »gewaltvolle« Themenspektrum vom »Attentat in Erfurt« über linguistische Fragen zur »Sicherheit als Sprechakt« bis hin zur »neuen Ökonomie der Kriege«. Neben »typischen« Schauplätzen, wie Nordirland oder 9/11, rückten auch »Nebenschauplätze« der Gewalt in den Blick, angefangen von sehr plastischen Schilderungen des »Femizid in Nordmexiko 1993-2003« bis hin zur eher theoretischen Rekonstruktion »epistemischer Gewalt im biowissenschaftlichen Diskurs«. Methodologisch wechselten sich Makroanalysen beispielsweise zu »Hegemonie und Krieg« mit Mikroanalysen zu Identitätspolitiken in Alltag, Wissenschaft und Medien ab.

Trotz der thematischen Bandbreite gab es dennoch Parallelen: Wie keynote lecture und Podiumsdiskussion nicht ohne kritische Worte in Richtung Hardt und Negris Empire auskamen, gab es wohl kaum einen panel, in dem nicht der Name Michel Foucaults fiel. Verweise auf andere diskurstheoretische An- und Einsichten französischer Theoretiker, wie Lacan, Deleuze oder Laclau, die auf der ersten Magdeburger Konferenz noch dominierten, blieben aber eher Randnotizen. Etwas überraschend dagegen war die (nicht vollständige, aber weitgehende) »Leerstelle« im Hinblick auf Beiträge aus der Perspektive der neo-gramscianischen Internationalen Politischen Ökonomie und ihres Konzepts des »neuen Konstitutionalismus«, zu denen im call for papers angeregt worden war.

Insgesamt eröffnete die Tagung ein breites Spektrum an Zugängen und Dimensionen von Gewalt und konnte damit einige blinde Flecken des klassischen Gewaltbegriffs sichtbar machen. Allerdings drohte durch die Ausweitung des Phänomenbereichs stellenweise der Gewaltbegriff zu entgleiten, in dem in undifferenzierter Weise von Gewalt als Macht gesprochen wurde. Bis auf wenige Ausnahmen, etwa von Seiten des Arbeitskreises Gegenmacht, waren Widerstandsoptionen eher Randthemen. Nichtsdestotrotz schimmerte das kritische Selbstverständnis der TransForMa durch, die Konferenz war im Vergleich zum Vorjahr auch ein gutes Stück konkreter und politischer – den meisten Referierenden war an einer praktischen Diskursanalyse sehr viel gelegen.

Zwei Sammelbände, einer mit ausgewählten englischsprachigen Beiträgen und einer mit ausgewählten deutschen Beiträgen der Konferenz, sollen im nächsten Jahr erscheinen. Dann wird es wohl, wie jetzt schon zu hören war, eine dritte TransForMa geben (Infos unter www.transforma-online.de) – natürlich nur, wenn die Geldgeber nicht streiken oder hochschulpolitische Nützlichkeitsvorstellungen neoliberaler Prägung kritische Innovationen zugunsten technischer Innovationen einsparen!

Julia Reuter / Matthias Wieser / Aram Ziai (Aachen)

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