in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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Der programmierte Sieg

Präsidentschaftswahl in Afghanistan

von Matin Baraki

Wie erwartet, wurde der afghanische Interimspräsident, Hamid Karsai, durch die von ihm selbst ernannte Wahlkommission am 30.10.2004 zum Wahlsieger erklärt. Ein bisschen spät, könnte man sagen. Der US-Botschafter in Kabul, Zalmay Khalilzad, gratulierte ihm schon in »BBC für Afghanistan« am 4.10.2004, also fünf Tage vor der Wahl zu seinem Sieg. Karsai war nicht nur der Wunschkandidat der USA, sie haben auch alles unternommen, um ihm zu diesem Wahlsieg zu verhelfen.

Sowohl Khalilzad als auch BBC, Stimme Amerikas, Radio Asadi, letzterer ein CIA-Sender, haben massiv im Wahlkampf zu Gunsten Karsais Partei ergriffen. Bei den Wahlsendezeiten wurde Karsai brutal bevorzugt. Martin Gerner stellt in der FR fest, dass Karsai „50 Prozent der Sendezeit in Funk und Fernsehen“ zur Verfügung hatte.1 BBC-Afghanistan spricht am 4.10 sogar von 75%. Den Gegenkandidaten wurden nur 6 Minuten eingeräumt. „Karsai kann zehnmal am Tage an jeden beliebigen Punkt Afghanistans fliegen“, kritisierte der Dichter und einer seiner Herausforderer, Latif Pedram. „Wir müssen mit dem Auto fahren, während Karsai den Hubschrauber benutzt.“2 Das wurde von sämtlichen Gegenkandidaten als Missbrauch staatlicher Ressourcen gewertet.

An dem Sieg Karsais zweifelte unter diesen Bedingungen kaum jemand und so verkündeten ausländische Medien dann auch unmittelbar nach der Schließung der Wahllokale am 10.10.2004 täglich den Sieg Karsais mit 62% Mehrheit, die BBC blieb dabei bis zum 19.10. Jetzt heißt es, er habe 55,4% der abgegebenen Stimmen erhalten. Dieses Ergebnis kam auf vielfältige Weise zustande. Etwa 80% der Bevölkerung sind nicht freiwillig wählen gegangen, wie eine Umfrage belegt. Sie mussten den Empfehlungen – genauer „dem Zwang der Mullas oder Stammesältester“ folgen, sagte UN-Sprecher Manoel de Almeida e Silva.3 Dies wurde auch von OSZE-Beobachtern bestätigt. Außerdem war das so genannte community voting vor allem für Frauen in Stammesgebieten die Regel. Sayed Mohammad vom Mangal-Stamm aus der Provinz Paktia behauptete, „unsere Frauen haben viel zu tun, deshalb haben sie alle morgens ganz schnell abgestimmt“.4 Eine Versammlung von 300 Clanführern in Paktia ließ folgenden Aufruf zur Wahl von Karsai im Radio verbreiten: „Alle Mitglieder des Terezai-Stammes müssen für Karsai stimmen. Wenn ein Terezai für einen anderen Kandidaten stimmt, wird der Stamm sein Haus niederbrennen.“5 Da müssen aber reichlich Dollars geflossen sein. Wichtig ist aber, ob dieser Sieg einen realen Machtgewinn bringt oder nur neue Kleider für den Kaiser? Karsai ist im Vorfeld der Wahlen denkwürdige Bündnisse eingegangen. Am 23. Mai 2004 traf er sich hinter verschlossenen Türen mit den hundert mächtigsten Milizen- und Modjahedinführern, die zum Teil vom »Afghanistan Justice Project« (AFP)6 als Kriegsverbrecher entlarvt worden sind. Darunter waren Ismael Chan aus Herat, die Ultra-Islamisten Rasul Sayaf und Burhanudin Rabani, Schiitenführer Karim Khalili, Verteidigungsminister Fahim, General Dostum und dessen Rivalen, Milizenführer Atta Mohammad, letzterer ein Verbündeter Fahims.7 Dieses Treffen hat den aufgekommenen Verdacht genährt, dass Karsai „mit Rückendeckung der USA – eher mit den Warlords die Macht teilt, als am Reformkurs“8 festzuhalten. Diese Koalition stimmt insofern mit der US-Strategie in der Region überein, als eine Allianz aus Karsai, Warlords- und Modjahedinführern das US-Militär hinsichtlich seines Einsatz in Irak entlasten dürfte. „Karzai habe alle Bedingungen akzeptiert,“9 sagte Rabani. Rabani soll künftiger Präsident der Nationalversammlung, Sayaf Oberster Richter und die Söhne der Wendehals-Modjahedinführer, Sebgahtullah Modjadedi und Sayed Ahmad Gailani sollen Posten im Kabinett erhalten. Außerdem ernannte Karsai zwei Modjahedinführer, Karim Khalili, Chef der schiitischen Partei der Einheit und den jetzigen Kabuler Botschafter in Moskau, Ahmad Zia Masud, den jüngsten Bruder des berühmten islamistischen Kommandanten der Nordallianz, Ahmad Schah Masud, und Schwiegersohn von Ex-Präsident Rabani zu seinen Stellvertretern. Karsai versprach darüber hinaus 50% der Posten im künftigen Kabinett mit Modjahedin zu besetzen, und »Heilige Krieger« sollen in Nationalarmee und Polizei aufgenommen werden. „Die Aufnahme der Modjahedin in die Nationalarmee hat die erste Priorität“10, sagte Fahim bei der Eröffnung der neuen Garnison in Herat. Hiermit wird die ohnehin bestehende Infiltration der Sicherheitsorgane durch Islamisten weiter verstärkt. Karsai kooperiert sogar mit den Teufeln und war auf der Suche nach »guten Taliban« sowie »guten Kommunisten« erfolgreich. Der ehemalige Erziehungsminister der prosowjetischen afghanischen Regierung, Raschid Jalili, rief seine Parteigänger auf, für Karsai zu stimmen. Wakil Ahmad Mutawakel, früherer Außenminister der Taliban, und deren berüchtigter und gefürchteter Polizeiminister Mawlawi Qalamudin sowie 700 weitere Talibankämpfer wurden aus der Haft entlassen,11 darunter 11 Personen aus Guantánamo. „Sie sind Söhne dieser Erde und uns bis auf ein paar wenige hoch willkommen,“12 verkündete Karsai. Ein hochrangiger Talibankommandant, Naim Kutschi, rief dazu auf, für Karsai zu stimmen.13 Diese Konstellation wird es Karsai schwer machen, seine verfassungsmäßige starke Position durchzusetzen. „Hamid Karzai muss seine Herrschaft mit vielen teilen, um an der Macht zu bleiben, mit Zalmay Khalilzad, dem amerikanischen Botschafter in Kabul, mit Verteidigungsminister Mohammad Fahim, mit Finanzminister Aschraf Ghani, mit den Königstreuen und selbst mit einem Teil der Taliban. Was bleibt ihm am Ende? Nichts als ein bloßer Titel!“14, resümierte die Kabuler Wochenzeitung »Pyame Mudjahed«.

Wie so viele Vereinbarungen zwischen den Modjahedinführern in der Vergangenheit, war auch diese nicht von langer Dauer. Karsais Sicherheitsberater Dostum war am 22.7. und der Erziehungsminister Qanuni am 26.7.2004 zurückgetreten, um für die Präsidentschaft kandidieren zu können.15 Auch Karsai hatte am 26.7. offiziell seine Kandidatur angemeldet,16 eine Amtsniederlegung aber kategorisch abgelehnt,17 trotz der Drohung von siebzehn Gegenkandidaten, ihre Kandidatur zurückziehen, sollte Karsai dies nicht rechtzeitig vor den Wahlen tun. Der Monarchist Satar Sirat bemängelte, „Karzai missbrauche Regierungseinrichtungen für seinen Wahlkampf. Das Interimsstaatsoberhaupt müsse deshalb innerhalb einer Woche zurücktreten.“18

Je höher die Zahl der Kandidaten, desto aussichtreicher wurde es für Karsai, schon im ersten Wahlgang gewählt zu werden, und seine mächtigsten Gegner, die Pandjschiris, personifiziert durch die Minister Fahim, Abdullah und Qanuni zu schwächen. Khalilzad und Karsai hatten versucht den aussichtsreichsten Gegenkandidaten Qanuni von einer Kandidatur abzuhalten.19 Ebenso wurde nach Angaben der Los Angeles Times Mohammad Mohaqeq in seinem Büro von Khalizad gedrängt, auf seine Kandidatur zu verzichten. Khalilzad zitierte dessen engsten Mitarbeiter in den Präsidentenpalast „Sie sollten mich unter Druck setzen“ damit ich auf meine Kandidatur verzichte und „sie sollten mich fragen was ich als Gegenleistung haben wolle.“20

Die internationale Gemeinschaft hatte, entgegen sonstiger Gepflogenheit, nicht die Absicht, Wahlbeobachter nach Afghanistan zu entsenden. Erst als dies in den Medien thematisiert worden war, schickte man sage und schreibe gerade mal 40 nach anderen Quellen ca. 150 OSZE-Wahlbeobachter (FR 6.10.2004) für insgesamt 5.000 Wahllokale. Lediglich temporär konnten 100 Wahllokale beobachtet werden.21 Da sie keine regulären Beobachter waren, wurde auch kein Bericht darüber vorgelegt. Die 120.000 bzw. 115.000 (FR 6.10.2004) afghanischen Wahlhelfer waren sehr schlecht auf ihren Einsatz vorbereitet worden und hatten nur eine kurze Einführung erhalten.22

Washington entscheidet und nicht Kabul

Die Präsidentschaftswahlen sollten gemäß der Petersberger Konferenz 2001 und Art. 160 der Verfassung vom 26.2.2004 im Juni 2004 gleichzeitig mit den Parlamentswahlen durchgeführt werden. Somit war die Amtszeit Karsais schon lange abgelaufen, aber er blieb monatelang ohne Mandat im Amt und statt dies niederzulegen, verschob er im Widerspruch zur Verfassung den Wahltermin ein zweites Mal, diesmal von September auf den 9. Oktober. Am 22. Juni 2004 hatten Demonstranten in Kabul den Rücktritt Karsais und die Einsetzung eines Übergangsrates bis zu den vorgesehenen Wahlen gefordert.23 Auch die Trennung der Parlaments- von den Präsidentschaftswahlen ist ein Verstoß gegen das Petersberger Abkommen wie gegen die Verfassung. Warum diese ganzen Manöver? Hätte Karsai die Wahlen gleichzeitig stattfinden lassen, wäre es kaum möglich gewesen, den Überblick zu behalten. Eine allumfassende Kontrolle, Beeinflussung oder gar Manipulation der Wahlen wären wesentlich erschwert worden. Eine Niederlage Karsais war jedoch für die USA unannehmbar. Daher musste zunächst Karsai gewählt werden, um dann, aus der Position der Stärke heraus, die Parlamentswahlen durchführen zu lassen.

Nicht zu vergessen die US-Präsidentschaftswahlen am 2.11.2004: George W. Bush brauchte einen außenpolitischen Erfolg, angesichts der katastrophalen Lage im Irak. Der Beschluss zur Verschiebung der Wahlen war ja auch nicht in Kabul, sondern im Weißen Haus gefallen. Als der innerafghanische Druck auf Karsai zugenommen hatte, sagte er zu „die Wahlen würden planmäßig stattfinden.“24 Daraufhin war Karsai nach Washington zitiert worden. Noch während seines Aufenthaltes in den USA verkündete Karsai, dass die Präsidentschaftswahlen verschoben werden müssen. Eine offizielle Bestätigung durch die Kabuler-Administration erfolgte erst Anfang Juli, d. h. über zwei Wochen danach.25 Daher ist die Ansicht eines Kioskbesitzers in Qandahar durchaus berechtigt, wenn er meinte: „Das ist eine Wahl, die uns von Amerikanern und Koalitionskräften aufgedrängt wird.“26 Anfangs hatten sich nur wenig Wähler registrieren lassen; obwohl ihnen da schon für jede Stimme eine Summe zwischen 100 bis 110$ angeboten worden war, wie mir in Kabul berichtet wurde. Bis Mitte Juni 2004 sollen „nicht einmal zwei Mio. erfasst“27 worden sein und genau einen Monat nach Ablauf des ursprünglichen Wahltermins, Anfang Juli war mit etwa 5,2 Mio. lediglich die Hälfte aller Wahlberechtigten registriert.28

Obwohl die Wähler neun Monate lang registriert wurden, wusste niemand genau, wie viele Menschen überhaupt wahlberechtigt und wie viele erfasst worden waren. Die Zahl der Wahlberechtigten schwankte zwischen 9,8 und 10,5 Millionen. Die UN gingen im August von rund 10,5 Millionen Wahlberechtigten und mehr als 9,6 Millionen Registrierten aus.29 Der Kandidat Qanuni äußerte „tiefe Zweifel, dass tatsächlich 9,5 Millionen Wahlberechtigte registriert worden sind.“30

Unregelmäßigkeit war die Regel

Es war ein Wettkampf um eine möglichst hohe Anzahl von registrierten Wählern entbrannt. Eine Ausweis-Kontrolle war nicht üblich. Wenn die zu registrierenden Personen behaupteten sich gegenseitig zu kennen, war das völlig ausreichend. Daher konnten sich auch 300.000 Ausländer mühelos mit Wahlkarten versorgen,31 und „Pakistan hat mitgestimmt“ wie der Kandidat Homajun Schah Asefi zu Protokoll gab.32 „Fälschung war die Regel“, sowohl in Pakistan als auch in Iran, sagte Qanuni.33 Die Flüchtlinge in Pakistan wurden selektiv registriert, nur Paschtunen wurden registriert, da man davon ausging, dass Nicht-Paschtunen für Karsais Gegner votieren würden. Ohne Alterskontrolle wurden komplette Schulklassen in die Wählerlisten eingetragen. Viele Afghanen lassen sich um die Wette mehrfach registrieren. Einige verschafften sich mehrere Dutzende Wahlkarten. Die BBC berichtete von Hunderttausenden gefälschten Wahlkarten.34 Der ARD-Korrespondent Christoph Heinzle berichtete von über einer Million Doppelregistrierungen.35 Dass mehr Wahlkarten ausgegeben worden sind als es Wahlberechtigte gibt, „mache ihm nichts aus“, sagte Karsai. „Und er freue sich auf die Wahlen, die ohne die USA nicht möglich gewesen wären. Thank you Mr. President,“ rief er in die Mikrophone.36 Kein Wunder, dass die Zahl der Wahlberechtigten immer weiter nach oben angepasst werden musste. Wohlhabende Warlords kauften massiv Karten auf. Je näher der Wahltermin rückte, desto teurer wurden die Stimmzettel. Die Wahlen in Afghanistan waren auf jeden Fall ein gutes Geschäft, für diejenigen, die die meisten Wahlkarten gehortet hatten, möglicherweise auch für Taliban und Al-Qaeda.

Um die gehorteten Stimmzettel auch in die Wahlurne zu befördern, wurden in vielen Teilen des Landes, auch in Kabul die Daumen von Wählern bei der Stimmabgabe nicht mit der langhaftenden Tinte, sondern mit der abwaschbaren markiert.37 Dadurch konnten viele Wähler problemlos mehrfach wählen. Daraufhin haben alle 15 Gegenkandidaten Karsais zum Wahlboykott aufgerufen und die Einstellung der Wahlen verlangt. Karsai sah jedoch die »Tinten-Frage« als nicht so wichtig an.38 Die Wahlbeobachter kündigten eine Untersuchung an, passiert ist jedoch nichts. Man habe „dem Volk die Stimme gestohlen“, sagte Qanuni und sprach außerdem von Dutzenden weiteren „Unregelmäßigkeiten und Betrugesfällen“, die einem „Putsch gleichkommen.“39 Viele Wahllokale wurde zwei Stunden später als vorgesehen geöffnet und schon um 16:00 Uhr geschlossen. In Qandahar wurden sie ohne Grund vorzeitig geschlossen und erst als die Wähler sich beschwerten, wieder geöffnet.40 „Es sind blanko Wahlkarten ausgegeben worden“41, sagte der Kandidat Mohammad Mohaqeq. „In einigen Wahllokalen waren überhaupt keine Wahlkarten mehr vorhanden“, schrieb die Kabuler Tageszeitung Tscheragh am 12.10.2004. „Fälschungen wurden organisiert durchgeführt,“42 sagte Qanuni und deswegen habe er nicht gewählt. Aber auch er selbst hat seine Stimmen „durch schmutzige Tricks vermehrt: Durch das Besorgen von mehr Registrierungskarten für seine Anhänger und durch Mehrfachwählen.“43 Wegen seiner Wahlverweigerung wurde Qanuni in seinem Privathaus von Khalilzad »besucht«. Danach erklärte er sich zur Stimmabgabe bereit, obwohl die Wahllokale schon seit einem Tag geschlossen waren.44 Die Unregelmäßigkeiten wurden bei der Bekanntgabe des Sieges von Karsai zugegeben, diese hätten jedoch für das Wahlergebnis keine Bedeutung. Business as usual also, schon auf der Loja Djirga im Juni 2002 waren für ihn 24 Stimmen mehr abgegeben worden als Delegierte anwesend waren.

Mit diesen Wahlen sind die Probleme nicht gelöst

Die Probleme Afghanistans sind mit dieser Wahlfarce allerdings nicht gelöst. Die USA haben sich aus taktischen Gründen mit den Warlords/Heroinbaronen verbündet; diese bleiben mächtig wie je und je, obwohl sie Karsai marginalisieren. Der Opiumertrag soll in diesem Jahr 3.600 Tonnen betragen, das entspricht 75% des weltweiten Heroinverbrauchs und einem Umsatz von 2,3 Milliarden $.45 Davon profitieren beachtliche Teile unter den hochrangigen Funktionären des Staatsapparats. Selbst der Kabuler Finanzminister sprach von einem „Drogenmafia-Staat“46 in Afghanistan. Aber auch die Taliban und Al Qaeda finanzieren sich durch Drogenhandel, da sie etwa 35% des Landes im Süden und Osten, wo im großen Stil Mohnanbau betrieben wird, kontrollieren. Der Aufbau der Nationalarmee kommt nicht nennenswert voran. 75.000 Mann wurden im Januar 2002 als Zielvorstellung genannt, sie kann aber gerade mal 8.300 Soldaten aufweisen. Das bedeutet gegenüber den vom Armeechef Bismillah Chan geschätzten 100.000 Privatmilizionären der Warlords ein Verhältnis „wie Maus und Elefant“.47 Die Entwaffnung der Privatarmee der Warlords wird permanent unterlaufen, sogar von Verteidigungsminister Fahim. Selbst wenn hier und dort eine Entwaffnungsshow veranstaltet wird, bei der zum größten Teil alte Waffen abgegeben werden, ist die Angelegenheit ein gutes Geschäft. Für jede alte abgegebene Kalaschnikow erhalten die Söldner 100 $ auf die Hand. Auf dem freien Markt kann sich jeder für 70 $ eine neue Kalaschnikow kaufen.

Polizei und Sicherheitsdienst sind von den Pandjschiri-Modjahedin dominiert, dafür zeichnet der erste Innenminister der Nach-Taliban-Regierung, Junus Qanuni, verantwortlich. Die Sicherheitsorgane sorgen eher für Unsicherheit als für Sicherheit. Nicht wenige Entführungen, Raubüberfälle und Morde gehen auf ihr Konto. In einer Untersuchung des britischen Parlamentes von Mai 2004 wird die Lage in Afghanistan als Desaster bezeichnet: „Die Infrastruktur liegt an Boden, die Opiumproduktion explodiert, und die Taliban kontrollieren ebenso wie die Warlords weite Teile des Landes.“48

„Noch ist Afghanistan von einer Demokratie weit entfernt“49, dieses Urteil der FAZ entspricht den vor Ort gesammelten Erfahrungen. Der Weg zu einer »Normalisierung« wird immer länger und nicht kürzer.

Der Machtkampf zwischen dem Warlord von Herat und dem von Karsai unterstützten ehemaligen Taliban-Kommandanten Amanullah, der seit August 2004 nicht nur die Infrastruktur weiter zerstörte, sondern den gesamten Westen Afghanistans destabilisierte,50 wurde vorläufig mit seiner Entlassung beendet. „Ich habe mit Ismael Chan gesprochen, obwohl dies die Aufgabe des Präsidenten ist“51, verkündete Khalilzad in Kabul. Im Norden kämpfen die Einheiten Dostums und des mit Fahim verbündeten Warlords Atta Mohammad weiter gegeneinander. Atta hat es sich sogar geleistet, den von Karsai ernannten Polizeikommandanten für Masare Scharif nach Kabul zu vertreiben. Die Gouverneure, die Karsai für die Provinzen Fariab und Sare Pul ernannt hatte, wurden ebenfalls nach Kabul gejagt.52 Sicherheit kann nicht einmal in Kabul gewährleistet werden, wie das letzte Bombenattentat in Kabul, vor der Unterkunft der US-Sicherheitsfirma »Dyncorp«, die Karsais Bodyguards stellt, bei dem etwa 20 Menschen ums Leben kamen, beweist.53 Über 35% des Landes im Osten und Süden sind nach wie vor für Angehörige der Kabuler Administration »No-Go-Area«“. Da stellen die Taliban vielerorts die Stadtverwaltungen.54 Nur die US-Marines führen ab und zu Operationen durch und ansonsten schalten und walten dort Al Qaeda, Taliban und die Milizen von Hekmatjar, dem ehemaligen Super-Modjahed der USA.

Anmerkungen

1) Gerner, Martin: Karsai am Straßenrand, in: Frankfurter Rundschau (FR), 6.10.2004, S. 3.

2) Heller, Jan: Zielscheibe Kandidat, in: Tageszeitung (TAZ), 7.10.2004, S. 4.

3) Gerner, s. Fn. 1.

4) Heller, Jan: Falsche Tinte trübt die Wahl, in: TAZ, 11.10.2004, S. 9.

5) Symonds, Peter: Präsidentschaftswahlen in Afghanistan, in: WSWS, 12.10.2004. (www.wsws.org); Möllhoff, Christine: Eine Frage der Legitimation, in: FR, 8.10.2004, S. 2.

6) AJP ist ein Zusammenschluss afghanischer und internationaler Forscher und Juristen, die seit der Talibanherrschaft diese Fälle dokumentieren.

7) Vgl. Taheri, Ahmad: Mit den Mudschahedin im Benehmen, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), 16.7.2004, S. 6.

8) Rubin, Barnett R: Kabul braucht ein Signal, dass die USA sich nicht zurückziehen, in: Die Welt, 15.6.2004, S. 6.

9) Taheri, A: Politik ist wie ein Basar – umsonst gibt es gar nichts, in: FAZ, 9.10.2004, S. 3.

10) BBC für Afghanistan, 28.9.2004.

11) Vgl. Früherer Taliban-Minister in Afghanistan freigelassen, in: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 15.9.2004, S. 3.

12) Koelbl, Susane: Ein Handel mit den Teufeln, in: Der Spiegel, Nr. 38, 13.9.2004, S. 127.

13) BBC für Afghanistan, 4.10.2004.

14) Taheri, A.: Mit den Mudschahedin im Benehmen, a.a.O.

15) Vgl. Dostum gibt Amt als Berater Karsais auf, in: NZZ, 26.7.2004, S. 2; Mühlmann, Sophie: Karsai bekommt einen Konkurrenten, in: Die Welt, 28.7.2004, S. 7.

16) Vgl. Karsai kündigt Kandidatur an, in: Süddeutsche Zeitung (SZ), 27.7.2004, S. 7.

17) Vgl. Karsai lehnt Rücktritt ab, in: TAZ, 20.8.2004, S. 10.

18) 17 Mitbewerber drohen Karzai mit Wahlboykott, in: FAZ, 19.8.2004, S. 5.

19) Vgl. Feilschen um Posten in Afghanistan, in: NZZ; 25./26.9.2004, S. 6.

20) Symonds, Peter: Präsidentschaftswahlen in Afghanistan, a.a.O.

21) Heinzle, Christoph, WDR 5, 10.10.2004.

22) BBC für Afghanistan, 11.10.2004.

23) Vgl. Heller, J.: Protest gegen Karsai in Kabul, in: TAZ, 23.6.2004, S. 10.

24) Rubin, B.R: Kabul braucht ein Signal, a.a.O.

25) Vgl. Kabul: Wahlen werden getrennt, in: TAZ, 7.7.2004, S. 9; Afghanische Parlamentswahl später, in: FAZ, 8.7.2004, S. 5.

26) Gerner, M.: Stillstand am Tor zur Wüste, in: FR, 8.10.2004, S. 2.

27) Lüders, Michael: Freie Hand für Kriegsherren und Opiumhändler, in: FR, 22.6.2004, S. 8.

28) Vgl. Imhasly, Bernard: Wahlen in Afghanistan verschoben, in: TAZ, 5.7.2004, S. 9.

29) Vgl. Ex-König von Afghanistan erhielt Wählerausweis, in: Neues Deutschland; 10.8.2004, S. 6; Jones, L. James: Afghanistan ist nicht der Irak, in: SZ, 16.8.2004, S. 7; Fast alle registriert, in: TAZ, 14./15.8.2004, S. 10.

30) Kanuni, Junus: Wir stellen die Rechtsmäßigkeit dieser Wahl infrage, in: Die Welt, 27.9.2004, S. 5.

31) BBC für Afghanistan, 11.10.2004.

32) BBC für Afghanistan, 12.10.2004.

33) BBC für Afghanistan, 12.10.2004; Kanuni, Junus: „Wir stellen die Rechtsmäßigkeit dieser Wahl infrage“, a.a.O.

34) BBC für Afghanistan, 9.10.2004.

35) Vgl. Heinzle, Chr., Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 6.9.2004, 18.30 Uhr.

36) O-Ton Karsai, Bericht von Chr. Heinzle, WDR 5, 5.10.2004, 8:15.

37) Heinzle, Chr., WDR 5, 9.10.2004.

38) BBC für Afghanistan, 9.10.2004.

39) Karzai-Konkurrent erhebt Vorwürfe, in: FAZ, 19.10.2004, S. 4.

40) BBC für Afghanistan, 9.10.2004.

41) BBC für Afghanistan, 12.10.2004.

42) BBC für Afghanistan, 11.10.2004.

43) Neudeck, Rupert: Premier in einem vergreisten System, a.a.O.

44) BBC für Afghanistan, 11.10.2004.

45) Vgl. Lüders, M.: Freie Hand für Kriegsherren und Opiumhändler, a.a.O.

46) NZZ online, 14.6.2003.

47) Mühlmann, S.: Afghanistans Warlords brechen die Regeln nach Belieben, in: Die Welt, 10.8.2004, S. 6.

48) Nach: Lüders, M.: Freie Hand für Kriegsherren und Opiumhändler, a.a.O.

49) Etappensieg, in: FAZ, 14.8.2004, S. 10.

50) Vgl. Mills, Richard: Afghan warlord closes in on West’s prize city, in: The Times, 25.8.2004, S. 25.

51) O-Ton Khalilzad: BBC für Afghanistan, 12.9.2004. Außenminister „Abdullah hat mir mitgeteilt, dass Khalilzad beschlossen hat, Ismael Chan zu entlassen“, so Verteidigungsminister Fahim im Hause Ismael Chans in Herat. BBC für Afghanistan, 29.9.2004.

52) BBC für Afghanistan, 14.7.2004.

53) Vgl. Taliban-Bombe trifft US-Firma in Kabul, in: FR, 30.8.2004, S. 5.

54) Vgl. Gerner, M.: Stillstand am Tor zur Wüste, in: a.a.O.

Dr. Matin Baraki ist in Kabul/Afghanistan geboren. Er lehrt Internationale Politik an den Universitäten Marburg und Kassel

in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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