in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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Neue Technologien – Problemlöser oder -erzeuger

Über die Rolle und Verantwortung des Ingenieurs

von Wolfgang Neef

Bei der Debatte um »Verantwortung« von Wissenschaft und Technik lässt sich auf der allgemeinen Ebene sehr leicht Einigkeit zwischen allen Beteiligten erzielen. Man formuliert relativ flott, was sein müsste, sein sollte, sein könnte, gießt dies z.B. in Ethik-Codices – wenn es dann aber praktisch werden soll, gibt es einen riesigen Abstand zur Umsetzung in die Realität. Möglicherweise ist die konkrete Wirkung der »Verantwortungsdebatte« umgekehrt proportional zu ihrem Umfang, der sich in den letzten 20 Jahren erheblich vergrößert hat. Um dieser Gefahr des allzu schnellen Konsenses und damit der Unverbindlichkeit zu entrinnen, möchte ich in den drei Teilen des Artikels schrittweise so konkret werden, dass selbstkritische Fragen an Naturwissenschaftler und Techniker entstehen, die die allzu leichte Einordnung in »gute« und »böse« Technik und damit eben jenen wirkungslosen Konsens auf der Ebene der unverbindlichen »Verantwortungs-Debatte« mindestens erschweren.

Im ersten Teil geht es um die ambivalente Rolle der Technik: Einerseits um ihre, trotz großer Leistungen für die Menschen, bedenklichen gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen – also Technik als Teil des Problems; andererseits um das große Potenzial einer richtig verstandenen Technikentwicklung, also um die Problemlösungskompetenz der Technik.

Im zweiten Teil beleuchte ich die Rolle der Ingenieurinnen und Ingenieure als Berufsgruppe.

Im dritten Teil gehe ich kurz ein auf die militärischen Wurzeln von Technik und Ingenieurberuf und deren nach wie vor große Wirkung auch in der »zivilen« Technik.

Technik als Teil des Problems

Wissenschaft und Technik haben als Motor der industriellen Revolution die Lebensweise der Industrienationen wesentlich bestimmt. Sie haben die Lebensverhältnisse der Menschen in den Industrienationen revolutioniert und dabei erheblich verbessert. Damit errangen sie zu Recht einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Dieser resultiert aber auch aus ihren großen Visionen, die den Preis für die ständige Umwälzung der Produktions- und Lebensverhältnisse vertretbar erscheinen ließen. Sie versprachen und versprechen noch – allerdings mit nachlassender Überzeugungskraft – unbegrenzte Ressourcen für ein »gutes Leben«, ja sogar von Glück, Zufriedenheit und erfülltem Leben für die gesamte Menschheit. Lange schien die Gleichung zu gelten: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt bringt sozialen Fortschritt. Und eben so lange konnten sich Ingenieure, gefragt nach Ihrer »Verantwortung«, auf diese Position zurückziehen. So prägte dieser „Mythos der Moderne“ (Otto Ullrich) in den letzten 250 Jahren das Selbstverständnis der Ingenieure und wegen der unbestreitbaren großen materiellen Erfolge auch ihren Stolz und ihren Status in unserer Industriegesellschaft.

Nun lässt sich seit der ersten Studie des »Club of Rome« zunehmend konkret zeigen, dass dieser Mythos eine Täuschung war, dass die bisherige gesellschaftliche Prägung von Wissenschaft und Technik und ihre Umsetzung nicht nur die Heilsversprechen auf das gute Leben für alle nicht einlöst, sondern gar nicht einlösen kann. Dass Technologien neben Problemlösungen auch neue Probleme erzeugen, ist seit langem banal – bislang galt aber immer die Vorstellung, dass diese mit der nächsten oder übernächsten Generation von neuen Technologien bewältigt sein würden. Diese »Durchbrecherstrategie« finden wir auch in der aktuellen Debatte um eine Innovationsoffensive in Deutschland wieder: Der Innovationsbegriff wird nicht gesellschaftlich gefüllt, sondern orientiert sich ausschließlich an mehr oder weniger vorgegebenen Definitionen von Spitzentechnologie und an der Verwertung auf den Märkten.

Da wir aber inzwischen wissen, dass die Größenordnungen der neuen Probleme die Dimensionen des erzielten Fortschritts möglicherweise erheblich übersteigen, dämmert uns mittlerweile: Kleine Verbesserungen werden oft bezahlt mit riesigem Aufwand, der Ersatz menschlicher Arbeitskraft und Kommunikation durch entsprechende Technologien kostet Energie (bislang fossil scheinbar unbegrenzt verfügbar) und stoffliche Ressourcen, beeinflusst so zunehmend das Klima, die Biosphäre und hat in vielen Fällen nur noch einen geringen gesellschaftlichen Grenznutzen. Ingenieurmäßig ausgedrückt: Der Wirkungsgrad wird immer schlechter, dafür wachsen die Profite.

Dafür nur ein Beispiel: Die Folgen der weltweiten Verbreitung von Geräten der Informations- und Kommunikationstechnik für den Ressourcenhaushalt, aber insbesondere die Entsorgungsprobleme (allein in Deutschland jährlich 250 Tausend Tonnen Elektronikschrott) werden möglicherweise die angenehmen und nützlichen Wirkungen dieser Technik weit in den Schatten stellen. Allein bei der Herstellung eines PC werden Tonnen von Material und Wasser verbraucht – so fällt als Ergebnis des Produktionsprozesses z.B. rund eine Tonne CO2 an. 90% der Umweltbelastung von PCs entstehen bei ihrer Herstellung. Der Nutzungszyklus ist aber in den vergangenen Jahren auf zwei bis drei Jahre verringert worden, wobei die Lebensdauer der Geräte bei bis zu zehn Jahren liegt. Microsoft sorgt für den wachsenden Bedarf an Speicherkapazität und Schnelligkeit und sorgt so für den »moralischen Verschleiß« der Geräte, die Hersteller von PCs folgen und drücken sie über Supermärkte den Kunden aufs Auge, obgleich der wirkliche Nutzen nicht steigt. Ähnliches gilt für Handys.

Grob abgeschätzt, könnte man plakativ sagen: Wenn wir die extensiv von Technik gekennzeichnete Lebensweise der klassischen Industrienationen auf den gesamten Erdball übertragen würden, müsste man Energieaufwand, Emissionen, verbrauchte Rohstoffe und Müll wie heute in den Industrienationen multiplizieren mit fünf (20% der Erdbevölkerung leben in der Triade der Industrienationen; sie verbrauchen rd. 85% der meisten Ressourcen). Das macht einen Bedarf von mindestens vier Planeten Erde zusätzlich, als Rohstoffquelle und Müllhalde, denn wir wissen, dass die Grenzen der Belastbarkeit des Planeten schon heute erreicht sind.

Rolle der Berufsgruppe der Ingenieure

Um den Ingenieur des 20. Jahrhunderts zu verstehen (ich benutze bewusst nur die männliche Form), lohnt sich zunächst ein kurzer Blick auf die Berufsgeschichte vor dieser Zeit. Die »Geburt« dieser Berufsgruppe fällt zusammen mit der industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert – Ingenieure sind gleichzeitig ihr Produkt und ihre Protagonisten. Der Begriff Ingenieur hat seinen Ursprung im Militär, und erst Mitte des 19. Jahrhunderts ist er als »Zivilingenieur« für nichtmilitärische Berufstätigkeit gebräuchlich. Seine Aufgaben: Transformation der zünftig-handwerklichen Produktionsweise in ein Fabriksystem mit kapitalistischer Ökonomie. Das hieß im Gegensatz zum konservativen Handwerk: Ständige systematische Innovation von Produkten und Produktionstechniken auf naturwissenschaftlich fundierter Basis und Nutzbarmachen für die Gesellschaft auf breiter Ebene. Leitfigur war daher der »Unternehmer-Ingenieur«, der auch bei der Gründung des VDI (1856) als Leitbild Pate stand.

Im Bewusstsein des Ingenieurberufs dieser Zeit waren dann auch die sozialen und gesellschaftlichen Funktionen der Technik inbegriffen – wenn auch verkürzt auf technisch-wissenschaftliches bzw. unternehmerisches Handeln im sich entwickelnden Industriesystem. Mit dem starken Wachstum der Betriebe Ende des 19. Jahrhunderts vom Familien- zum Großunternehmen und zu noch schneller wachsenden technischen Büros wurde in diesen Unternehmen aber Hierarchisierung und Arbeitsteilung zur bestimmenden Determinante der Ingenieurarbeit: Sie begrenzten ihre Tätigkeit auf die rein technische Funktion. Obgleich in den selben Zeitraum auch die Akademisierung der Ingenieurausbildung und damit ein entsprechender Statusgewinn fällt (durch das ab 1899 errungene Recht auf den »technischen« Doktortitel), reduzierte sich damit das Selbstverständnis im Ingenieurberuf auf die Rolle des technischen Spezialisten, eingebaut in eine den Gesamtzusammenhang vermittelnde vielstufige Hierarchie, in der aufzusteigen, wichtigstes Ziel der Berufslaufbahn wurde.

Zwar träumten Ingenieure auch weiterhin davon, für den Nutzen der Menschen, für friedliche Zwecke, für sozialen Fortschritt wirken zu können, ohne die Fesseln von Ökonomie und politischer Macht. Sie hatten seit der Jahrhundertwende aber kaum mehr den Freiraum, dieser Sinngebung unmittelbar zu folgen. Sie waren nicht einmal frei in einem technokratischen Sinn, d. h. im Handeln nach rein technischen Gesichtspunkten: Auch hier erfuhren sie ständige Einschränkungen insbesondere durch die Ökonomie. So definierte sich der Ingenieur des 20. Jahrhunderts resigniert, aber auch mit einer Art masochistischem Stolz durch den Satz: „Die Techniker sind die Kamele, auf denen Kaufleute und Politiker reiten.“1

Naturwissenschaftler und Ingenieure gelten folglich auch als unpolitisch, negativ gesehen als gefühls- und kontaktarme Technokraten, positiv gesehen als präzise denkende, rein sachlich orientierte und gegenüber sozialen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Interessen neutrale Experten. Soweit Naturwissenschaften und Technik gesellschaftliche Probleme, negative soziale oder ökologische Auswirkungen verursachen, liegt das in diesem Verständnis nicht an »den Ingenieuren« oder »der Technik«, sondern an deren falscher, missbräuchlicher oder leichtfertiger Anwendung durch Kaufleute, Politiker, Bevölkerung. Denn die Technik ist ja so gesehen nur der immer gutgemeinte Versuch, ständig mehr und besser zu produzieren, immer größere Leistungen zu vollbringen und die Menschen von den Zwängen der Natur (auch ihrer eigenen) zu befreien. Ziel ist es in vielen Ingenieur-Utopien, schließlich in der vollautomatisierten Gesellschaft durch den (technischen) »Fortschritt« das »Reich der Freiheit« zu finden.

So kommt man zu Positionen, die sich am besten mit dem häufig benutzten Begriff der »Herrschaft der Sachzwänge« beschreiben lassen. Die Technik produziert, so verstanden, zusätzlich zu den vorhandenen natürlichen und sozialen weitere technikbedingte Zwänge, denen sich Menschen unterwerfen müssen – bestenfalls werden die einen durch die anderen ersetzt. Der naheliegenden Frage, wie die Zwänge in die Sachen kommen, haben sich bislang weder die Sozialwissenschaftler noch die Techniker selber gestellt, obgleich deren intime Kenntnis der technischen Entwicklungsprozesse eine gute Basis für eine entsprechende Analyse wäre.

Eine Folge der Sachzwang-Ideologie ist es, dass die Ausschaltung der »Störgröße Mensch« – aus zunächst ganz einleuchtenden Überlegungen z.B. zur Sicherheit – zum letztlich zentralen Gesichtspunkt für den Entwurf komplexer technischer Systeme wird und dabei über diese Systeme die entsprechenden Werte und Menschenbilder allen davon Betroffenen aufgezwungen werden. Die Gefahr hierbei hat Günter Anders in seinem Buch »Die Antiquiertheit des Menschen«2 schon 1956 beschrieben: Scheinbar sind nun die technischen Artefakte vollkommener als der Mensch und damit angesichts wachsender Komplexität und Abhängigkeit von der Technik zur Steuerung von Gesellschaft und letztlich auch von Naturprozessen prädestiniert. Damit aber kehren wir den Sinn der Technik um, sie wird vom Mittel zum Zweck.

Stellvertretend für diese Strömung der modernen Technikdebatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, möchte ich dazu Robert Boguslaw, einen US-amerikanischen Systemtechniker, zitieren: „Was wir brauchen, ist eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten, menschliches Verhalten zu kontrollieren, und eine Beschreibung der Instrumente, die uns helfen, diese Kontrolle zu ermöglichen. Wenn wir auf diese Weise ausreichende Mittel in die Hand bekommen, das Menschenmaterial sinnvoll zu verwenden, dass wir es also behandeln können wie Teile aus Metall, Elektrizität oder chemische Reaktionen, ist es uns gelungen, es auf der gleichen Ebene wie jedes beliebige andere Material einzusetzen; erst dann können wir beginnen, uns mit unseren Problemen im Entwurf von Systemen auseinander zu setzen. Beim Einsatz dieser menschlichen Bedienungseinheiten tauchen allerdings viele Mängel und Nachteile auf. Sie sind ziemlich anfällig für Ermüdung, Vergesslichkeit, Krankheit, und überdies sind sie sterblich. Sie sind häufig dumm und unzuverlässig und haben meist ein beschränktes Gedächtnis. Darüber hinaus versuchen sie aber gelegentlich auch noch, sich eigene Regelkreise aufzubauen. Das allerdings kann man einem Material auf keinen Fall verzeihen, und jedes System, das ein solches Material einsetzt, muss dementsprechende Sicherungsmaßnahmen entgegensetzen“3.

Nun soll damit keineswegs gesagt sein, dass alle Techniker und Ingenieure diese Sichtweise haben. Seit einigen Jahren beginnt auch bei ihnen das Nachdenken, wir finden eine wachsende Bereitschaft, Kritik an der Technik wahrzunehmen, und selbst bislang so konservative Organisationen wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) wenden sich gegen eine Technik ohne Menschlichkeit, die immer wieder »Sachzwänge« ins Feld führt oder produziert und dabei auch noch Umwelt und Natur unumkehrbar schädigen könnte.

So hat nach einer Studie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen vom Anfang der 90er Jahre ein relevanter Teil (etwa die Hälfte) der technischen Fachkräfte in mittleren Management-Positionen durchaus Bedenken bezüglich der Wirkung ihrer Produkte auf Natur und Gesellschaft. Allerdings beziehen sie diese weniger auf ihre professionelle Tätigkeit am Arbeitsplatz, sondern eher auf eine Art Ausgleich in der Freizeit z.B. durch Unterstützung von Greenpeace (die Autoren sprechen von einer »Zorro-Moral«: Tagsüber mit der Entwicklung von Automobilen beschäftigt, abends aktiv in der Bürgerinitiative autofreie Innenstadt)4.

Aber auch in diesem Punkt ändert sich die Situation: Nicht nur durch wachsendes Bewusstsein für die Probleme, die eine Technikbewertung erforderlich machen, sondern auch durch die Veränderung in der beruflichen Situation. So stieg bereits Mitte der 1970, besonders stark aber seit 1990 die Arbeitslosigkeit von Ingenieurinnen und Ingenieuren an (von rund 45.000 in 1992 auf knapp 60.000 im Jahr 2002), und auch wenn seit drei Jahren aufgrund geringer Absolventenzahlen der Ingenieur-Studiengänge wieder Werbung für den Ingenieurberuf gemacht wird, fördert dies das Nachdenken bei der Berufsgruppe. Hinzu kommen die seit Mitte der 1990 verbreiteten ständigen Strukturveränderungen in den Betrieben, Outsourcing, Verlagerung der Entwicklung ins Ausland etc. und die damit wachsende Unsicherheit.

Mit diesen Veränderungen verbunden sind – wohl irreversible – Verschiebungen im Qualifikationsprofil und damit im Berufsbild: Die Bedeutung der reinen technisch-naturwissenschaftlichen Fachkenntnisse nimmt relativ ab, »soft skills« und andere nicht-technische Qualifikationselemente nehmen relativ zu. Ingenieure, denen zur Lösung eines Problems immer nur Technik einfällt, sind wegen ihres verkürzten Problemverständnisses nicht mehr gefragt („Wenn unser einziges Werkzeug ein Hammer ist, neigen wir dazu, alle Probleme als Nägel zu sehen“, sagt Mark Twain). Gefragt ist statt dessen neben technisch-naturwissenschaftlichen Fachkenntnissen vernetztes Denken, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, interkulturelle Kompetenzen. Es geht nun um ganzheitliche Problemlösungen, bei denen man zwischen technischen, sozialen und organisatorischen Innovationen abwägt und in einem Aushandlungsprozess eine aus mehreren Sichtweisen betrachtet möglichst gute Lösung unter den gegebenen Verhältnissen entwickelt.

Verbunden mit der gesellschaftlichen Kritik an den ökologischen Schäden durch immer mehr Technik und den entsprechenden sozialen Folgen heißt das: Zum Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein neuer Ingenieurtypus5 gefragt. Ingenieurinnen und Ingenieure sollen nicht nur Technik in der Gesellschaft aktiv gestalten, sondern auch die Verantwortung für ihre Arbeit und das Kommunizieren des Sinns der gefundenen Lösungen mit übernehmen. Das heißt insbesondere: Realisierung von Nachhaltiger Entwicklung auf dem Sektor der Technischen Entwicklung als bewusster Prozess, der ökologische, soziale, ökonomische und kulturelle Dimensionen berücksichtigt.

Ingenieure des 21. Jahrhunderts sollten sich weder einseitig an einem veralteten rein technisch-fachlich orientierten Innovationsbegriff orientieren, noch die Unterwerfung unter die Ökonomie als unveränderbares Schicksal hinnehmen. Mit einem Wort von Günter Ropohl heißt das: „Der Geist der Konstruktivität, derden Menschen auszeichnet, (sollte) sich auch auf die institutionellen Strukturen jener Industriegesellschaft richten, welche die technische Innovationsdynamik freigesetzt hat und nun dringend sozialer (und ökologischer. D. Verf.) Erfindungskraft bedarf, um diese Dynamik in menschengerechte Bahnen zu lenken“6

Die militärischen Wurzeln – aktueller denn je

Otto Lilienthal, flug- und zivilisationsbegeisterter Erfinder, sagte über die gesellschaftlichen Wirkungen des Flugzeugs (sinngemäß): „Ich bin überzeugt, dass meine Erfindung den Frieden in der Welt möglich macht. Die Menschen werden sich über Grenzen und Kontinente weg begegnen und kennen lernen – so werden Kriege besser zu verhindern sein“.

Der erste Einsatz des Flugzeugs als Mordmaschine im 1. Weltkrieg stand da nur wenige Jahre bevor. Lilienthals Hoffnung ist charakteristisch für die naiven Vorstellungen vieler Ingenieure. Aufgrund seines hohen militärischen Wertes wurde die Entwicklung des Flugzeugs durch die militärische Nutzung (für so etwas ist ja immer Geld da) enorm beschleunigt, so dass die zivile Nutzung davon stark profitierte. Dieses Muster charakterisiert viele technische Entwicklungen (so konnte Siemens, Artillerieoffizier im preußischen Heer, sein Unternehmen wesentlich durch militärische Aufträge aufbauen7), und lange Zeit hieß es gerade in der Technik, der Krieg sei der »Vater aller Dinge«. Auch die Großunternehmen in Deutschland waren bis weit in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nach militärischem Muster hierarchisch organisiert. Selbst in der Sprache der Ingenieure (s.o. das Boguslaw-Zitat) finden wir typisch militärische Ausdrucksweisen en gros, und Schilderungen großer Ingenieursleistungen (z.B. in Kellermanns Tunnel-Roman8) schwelgen geradezu in Kriegs-Methaphern. Bacons berühmte Formulierung von der »Folter«, mit der man der Natur ihre Geheimnisse entreißen müsse, ist ebenfalls nicht weit weg.

Allerdings ist der Nutzen durch diese Verflechtung mit der zivilen Technik höchst zweifelhaft. Wie das Flugzeug zeigt, werden seine Vorteile z.B. für den Massen-Tourismus durch entsprechende Nachteile für Umwelt und Klima aufgewogen, und es könnte sein, dass man in einigen Jahrzehnten angesichts der Resultate von 300 Jahren »moderner« Technik zu Recht von den Folgen eines Krieges gegen die Natur sprechen wird. Es könnte sein, dass – längerfristig betrachtet – die Verheerungen durch Atom- oder Gentechnik bzw. durch massenhaft genutzte Alltags-Techniken wie das Auto und den PC die durch die Militärtechnik übertreffen. Das heißt nicht, dass man zum Wahnsinn der Militärtechnik schweigt. Es scheint ja so (und dies wurde drei Tage nach der Wahl von Herrn Bush für eine weitere Amtszeit geschrieben), dass die widerwärtige Allianz zwischen männlich-autistischer Aggressivität in Politik und Ökonomie und der Faszination von technischen Systemen, die das Morden optimieren oder den Menschen zum personellen Subsystem reduzieren, noch keineswegs am Ende ist.

Fazit

Wenn man also – um auf den Anfang zurückzukommen – ernsthaft und folgenreich eine Debatte über die Verantwortung der Naturwissenschaftler und Ingenieure führen will, tut man gut daran, sich nicht auf die vordergründige Unterscheidung von militärischer und ziviler Technik zu kaprizieren. Man sollte sich fragen, welche unserer heutigen Selbstverständlichkeiten in Naturwissenschaft und Technik welche Wirkungen haben, was sie wirklich menschlich und gesellschaftlich an Nutzen abwerfen – und ob es nicht einfacher, weniger aufwändig, möglicherweise ohne Einsatz von Technik geht. Das heißt aber auf keinen Fall, dass wir nun – wie oft polemisch gesagt wird – »zurück auf die Bäume« müssten, um die Welt zu retten. Wir brauchen nötiger denn je Wissenschaft und Technik. Allerdings: Wir müssen unsere eingefahrenen Bahnen verlassen, müssen andere Energiequellen erschließen, den Ressourcenverbrauch entscheidend senken (das Wuppertal-Institut spricht von einem Faktor 10). Wir müssen aber auch ganz neue Fragestellungen entwickeln, um andere Antworten zu finden. Statt wie bisher technischen Innovationen die Schlüsselrolle zu geben und erst darauf aufgesetzt ihre soziale und ökologische Einpassung zu betreiben; statt Technik nach einer Ökonomie auszurichten, die nur Geld als Erfolgskriterium kennt, wird es darum gehen, zuerst soziale und politische Innovationen hervorzubringen und darauf aufbauend die nachhaltige Gestaltung von Technologien. Möglicherweise müssen wir – auch als Naturwissenschaftler und Ingenieure – viel mehr nichttechnische Lösungen für die Aufgaben entwickeln, die bisher primär über den Einsatz von Technik bewältigt wurden.

Auch hier gilt wieder: Zustimmung auf der allgemeinen Ebene fällt relativ leicht, schwieriger wird es auf der Handlungsebene. Das Bestreben nach einer auf die ganze Welt verallgemeinerbaren Lebens- und Wirtschaftsweise muss deshalb auf konkrete Fragestellungen herunter gebrochen werden (sinngemäß nach Otto Ullrich):

Mitwelterhaltung:

Herstellung von Verallgemeinerbarkeit:

Beendigung des »Wettlaufs ohne Sieger«:

Verantwortung in der Technikgenese:

Anmerkungen

1) Aus einer Umfrage von Eugen Kogon aus dem Jahr 1971: Die Stunde der Ingenieure, Düsseldorf, 1976. Zwei Drittel der von ihm befragten 25.000 Ingenieure stimmten diesem Satz zu.

2) Anders, Günter: Die Antiquiertheit des Menschen, München, 1956.

3) Boguslaw, R.: The new Utopians, Englewood Cliffs (New Jersey), 1965, Zitat nach Cooley, M.: Produkte für das Leben statt Waffen für den Tod, Reinbek, 1982.

4) Baethge, M., u.a.: Das Führungskräfte-Dilemma, Frankfurt/New York, 1995.

5) Vgl.: Neef, W. und Pelz, Th. (Hrsg.): Ingenieurinnen und Ingenieure für die Zukunft, Berlin, Technische Universität, 1998.

6) Ropohl, Günter: Wie die Technik zur Vernunft kommt, Amsterdam, 1998, S. 162.

7) Vgl. Siemens, Werner v.: Lebenserinnerungen, München, 1956.

8) Kellermann, Bernhard: Der Tunnel, Berlin, 1914.

Dr. phil., Dipl. Ing. Wolfgang Neef hat Flugtechnik studiert, dann Hochschuldidaktik und Berufsforschung betrieben und war von 1989 bis 93 Vizepräsident der TU Berlin. Seitdem leitet er die Zentraleinrichtung Kooperation der TU, die sich mit der verstärkten Zusammenarbeit zwischen Universität und Gesellschaft befasst – Schwerpunkt der Projekte: Nachhaltigkeit. Wolfgang Neef ist Vorsitzender der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative »Verantwortung für Friedens- und Zukunftsfähigkeit« e.V.

in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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