in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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Dual-use revisited

Die Ambivalenz von Forschung und Technik

von Wolfgang Liebert

Die Fortentwicklung und Nutzung der Wissenschaft für Kriegsvorbereitungen und die Kriegsführung ist im 20. Jahrhundert zu einem besonders augenfälligen Thema geworden und geht mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung und Technisierung des »Kriegshandwerks« in den industrialisierten Ländern einher. Die Kritik an dieser Tendenz von Seiten besorgter Wissenschaftler ist insbesondere im Gefolge des Kalten Kriegs zunehmend artikuliert worden.1 Nach der Implosion des mit dem Westen konkurrierenden Systems, sah es für kurze Zeit so aus, als ob in Wissenschaft und Technik die Konzentration auf den zivilen Sektor Dominanz bekommen würde, doch heute ist die Verzahnung von militärischer und ziviler Forschung unübersichtlicher als jemals zuvor.

Das Wechselverhältnis zwischen zivilen und militärischen Fortentwicklungen in Wissenschaft und Technik wurde in den Jahren kurz vor Ende des Kalten Kriegs und dem damit einhergehenden Wettbewerb der Systeme und des intrinsischen Rüstungswettlaufs eingehender thematisiert. Die Dominanz der Rüstungsforschung in den öffentlichen Forschungshaushalten der Kernwaffenstaaten (USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich) wurde als zunehmend problematisch angesehen angesichts der weit stärker zivil ausgerichteten Forschung in anderen Ländern, wie beispielsweise Japan, und dem damit einhergehenden wirtschaftlichen Erfolg. Man begann sich auch in den großen Militärnationen Sorgen zu machen, ob nicht die Dominanz militärischer Zielsetzungen in Forschung und Entwicklung (FuE) den zivilen Fortschritt aufhalten würde, ob der Abzug von Know-how und jungen Wissenschaftlern von wirtschaftlich attraktiven Projekten für überwiegend militärisch ausgerichtete FuE nicht nachteilig für die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften sein könnte.2

Die Beruhigung durch den erhofften, aber zumeist nicht existenten, »Spin-off« für die zivile Industriegesellschaft aus militärischer FuE verlor ihre Wirksamkeit. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass sogenannte generische Technologien im Bereich von Elektronik, Mikroelektronik, Informationstechnologie und neue Materialien mit ihrer breiten Anwendbarkeit sowohl im militärischen als auch im zivilen Kontext eine wichtige Rolle als Sub- oder Sub-sub-systeme für größere technische Systeme bekommen hatten. Teilweise ist dabei ein unterschiedsloser Gebrauch für militärische wie zivile Systeme zu konstatieren. Man denke im Bereich des Schiffbaus an moderne Schlachtschiffe bzw. Frachtschiffe, in die zu einem gewissen Maße ähnliche oder gar dieselbe moderne Technologie integriert wird. Dennoch bleiben natürlich Unterschiede und die entscheidende Frage ist, welche Anforderungsprofile im Überlappbereich die Gesamtentwicklung im Bereich generischer Technologien dominiert, die eher aus militärischen oder die eher aus zivilen Kontexten stammenden. Die militärische Community in den USA reagierte schnell und forderte schon in den späten 1980er Jahren die frühzeitige Integration von militärischen und zivilen Technologien unter der Leitlinie, die militärische »Verteidigungsfähigkeit« technologisch auf dem neuesten Stand zu halten, ohne weiterhin eine finanziell ungünstige Förderung von abgrenzbar vorrangig militärischer FuE betreiben zu müssen.3

Grauzonen

Mit der Zeitenwende 1989/90, in deren Gefolge eine Argumentation für hohe Militärhaushalte zunächst politisch schwerer durchsetzungsfähig war, wurden die Verhältnisse noch etwas unübersichtlicher. Die Einsicht, dass die dem zivilen Bereich entstammende Forschungs- und Technologiedynamik im globalen Maßstab längst die Führung übernommen hatte – trotz der massiven Förderung des Militärischen – und die Sorge, ökonomisch den Anschluss zu verlieren, führten in den USA zu einer neuen Strategie. Einflussreiche Studien propagierten den stärkeren Bezug auf die zivil-technologische Basis, als Grundlage für die Schaffung ausreichender Wettbewerbsbedingungen für die nationale Volkswirtschaft und als Basis für die fortgesetzte Förderung militärtechnischer Innovation. Anstatt auf Spin-off zu hoffen, werden bewusst zivil-militärische Grauzonen anempfohlen, um beide Ziele, wirtschaftliche wie militärische, kostengünstiger erreichen zu können.4 Eine klare Trennung von eindeutig militärischen von eindeutig zivilen Projekten und Etatansätzen erscheint so häufig nicht mehr möglich.

In anderen Ländern hatte sich die Politik im Grenzbereich militärischer und ziviler Forschung und Technologie anders entwickelt, so auch in Deutschland. Im November 1992 veranstalteten die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS), die Naturwissenschaftler-Initiative und der Bund demokratischer Wissenschaftler gemeinsam mit einer Reihe weiterer Organisationen in München einen Kongreß unter der Titel »Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik«.5 Darin wurden Indizien vorgelegt für eine schon länger – zumindest bereits seit der Endphase des Kalten Krieges – existierende Dual-use-Politik der deutschen Bundesregierung. Die ausschließliche Dominanz des Zivilen in zivil deklarierten Förderprogrammen musste nun teilweise fraglich werden, da regierungsamtliche Veröffentlichungen Absprachen zwischen dem Verteidigungs- und Forschungsressort für einige Technologiefelder sichtbar machten oder programmatisch einforderten. Die Details blieben zwar in aller Regel im Dunkeln, aber die Zielrichtung, bei sogenannten Dual-use-Technologien die militärischen Anforderungen frühzeitig in den zivilen Technologieprogrammen mitberücksichtigen zu lassen oder militärische Durchentwicklungen (add-on) auf der Basis solcher Technologien zu planen, wurde offensichtlich. Die im Vergleich zu anderen Nationen geringeren Anteile der Rüstungsforschungsmittel an den staatlichen FuE-Etats in Deutschland erschienen so auch in neuem Licht. Unter dem Deckmantel des Zivilen waren möglicherweise bereits in der Vergangenheit militärtechnologische Interessen mitbefördert worden.

Ambivalenz und Missbrauch?

Bei diesem Kongress über die »Janusköpfigkeit« spielte ebenso die Identifikation wichtiger zivil-militärisch ambivalenter Forschungs- und Technologiebereiche eine wesentliche Rolle (Informationstechnologie, künstliche Intelligenz, Laser, Raumfahrt, nukleare Forschung und Technologie, Biotechnologie), sowie Ansätze zur Analyse von Ambivalenz und zur Umsteuerung in der Politik. Anhand einiger dieser Beispielfelder wird auch deutlich, dass die Diskussion eines »Missbrauchs« von Forschung und Technik für militärische Zwecke zumeist zu kurz greift. So ist zum Beispiel nukleare Technologie zunächst im militärischen Bereich entwickelt worden und viele Fortschritte nuklearer Forschung wurden ebenfalls in diesem Kontext erzeugt. Ebenso sind staatliche Raketen- und Raumfahrtprogramme zunächst ausschließlich mit militärischer Zielsetzung betrieben wurden. Zivile Nutzung und Weiterentwicklungen sind jeweils erst später organisiert oder propagiert worden. Wie kann man da von Missbrauch sprechen? Müsste nicht die wissenschaftliche Entwicklung in diesen Bereichen als fundamental ambivalent eingestuft werden? Folgerichtig spricht Carl Friedrich von Weizsäcker schon Anfang der 1960er Jahre davon, dass Wissenschaft ein „zweischneidiges Schwert“ sei.6

Die Problematik der Zweischneidigkeit holt uns nach Ende der Ost-West-Konfrontation auch im globalen Maßstab wieder ein. Die nachholende Entwicklung in einigen Ländern setzt gerade auch auf den Zugriff auf ambivalente Technologien, die einerseits mit wirtschaftlichen Beweggründen erklärbar sind, aber andererseits auch den Aufbau gefährlicher militärischer Potenziale ermöglichen. Man denke beispielsweise an den Streit über das nordkoreanische Nuklearprogramm oder die Urananreicherung im Iran, die sowohl einem autarken Nuklearenergieprogramm dienen könnte als auch ein entscheidender Schritt zu einem Atomwaffenprogramm sein kann. Der stets drohende Dual-use von Bio-, Nuklear- oder Raketentechnologien hat heute eine immense Bedeutung für die Debatte über die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bekommen. Dies ist ein weiterer zentraler Aspekt der Unübersichtlichkeit an der Übergangszone ziviler und militärischer Forschung und Technologie. Ein eklatantes Missverhältnis der Wahrnehmung in den Industriestaaten, die ebenfalls die großen Militärnationen umfassen, zeigt sich an der Brandmarkung des Dual-use in Schwellen- und Entwicklungsländern bei Beförderung des Dual-use im eigenen Haus. Sorgen bereitet in diesem Zusammenhang auch die Entwicklungsdynamik in der biotechnologischen Forschung. Man möchte den Fortschritt nicht bremsen, muss aber erkennen, dass erhebliche »Missbrauchsmöglichkeiten« existieren und ständig weitere hinzukommen oder dass sogar eine tiefgreifendere Ambivalenz bei der Verfolgung bestimmter aktueller Entwicklungsrichtungen vorliegt.7 Noch dominiert in der Debatte die Wahrnehmung der Gefahren »anderswo«, dort wo die Weiterverbreitung von Biowaffenpotenzialen von statten gehen könnte.

… und Europa?

Die Sicherheits-, Forschungs- und Industriepolitik im zusammenwachsenden Europa trägt ebenfalls zur Unübersichtlichkeit bei, die zunehmend eine Undurchsichtigkeit in der zivil-militärischen Grauzone generiert. In der EU wächst die Bereitschaft, die US-Modelle des Dual-use in die europäische Politik zu übertragen. Vor fast acht Jahren erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Lammers: „Jedenfalls können wir nicht so tun, als seien wir von der Entwicklung in den USA nicht betroffen. Der Zusammenschluss von Boeing und McDonnell zeigt ja, dass man sich dort erhebliche Einsparungen in der Entwicklung wie in der Produktion von einer Zusammenführung des zivilen und militärischen Geschäfts erhofft.“8 Was sich aus dem Munde des Koordinators für Luft- und Raumfahrtindustrie der letzten CDU-geführten Bundesregierung noch vergleichsweise harmlos, aber eigentlich schon programmatisch, anhörte, scheint in der europäischen Rüstungskooperation – auch für die rot-grüne deutsche Bundesregierung – ein nicht mehr in Frage gestelltes Programm zu sein. Firmenzusammenschlüsse zu großen zivil-militärisch agierenden europäischen Konzernen sind bereits innerhalb weniger Jahre vollzogen worden und werden weiter vorbereitet. Die europäische Rüstungsindustrie organisiert sich um, macht sich fit für den Weltmarkt und baut auf zivil-militärische Kooperation im je hauseigenen Firmennetz. Die Politik der europäischen Kommission sekundiert. Im November 2003 wurde beispielsweise ein Weißbuch zur Raumfahrtpolitik vorgelegt.9 Darin wird ganz selbstverständlich und selbstbewusst, das Raumfahrtinstrumentarium als ein Mittel für die Verwirklichung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) sowie für die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) angepriesen. Betont wird: Raumfahrtsysteme, wie die ehrgeizigen europäischen Satellitenprogramme, „unterstützen nicht nur eine breite Palette ziviler Politikbereiche, sondern können auch einen unmittelbaren Beitrag zur GASP und ESVP leisten“.

Eine Nachdenklichkeit, wie mit den Problemen des Dual-use und der Ambivalenz strukturell zu verfahren sei, sucht man vergeblich. Eigentlich müsste doch geklärt werden, wie mit der militärischen Nutzung des geplanten Satellitennavigationssystems GALILEO konkret zu verfahren ist bzw. ob ein solcher militärischer Gebrauch nicht zu vermeiden gewesen wäre – gerade im Unterschied zu den Erfahrungen mit dem US-amerikanischen GPS-System. In welcher Weise Erdbeobachtungssysteme, die vielfältige zivile Anwendungsfelder haben, auch zu militärischer Angriffsplanung nutzbar sind, wäre ebenfalls dringend zu klären. Dies betrifft auch das aktuell mit überwiegend deutscher Finanzierung betriebene Projekt TerraSAR-X, in dem ebenfalls der zivil-militärisch agierende europäische EADS-Konzern involviert ist. Auch bei der Gewinnung von Höhenprofildaten der Erdoberfläche, die vom BMBF mitfinanziert wird, ist offensichtlich, dass eine militärische Nutzung, z.B. für die Steuerung von Kampfdrohnen und Cruise-Missiles, frühzeitig diskutiert bzw. ausgeschlossen werden sollte.

Die europäische Politik scheint aber so sehr von rüstungspolitischen Notwendigkeiten gedrängt oder bereits gesteuert zu sein, dass ein eigentlich zu forderndes sensibles Umgehen mit Ambivalenz und Dual-use nur als hinderlich erscheinen kann. Ein Aufsehen erregendes Signal ist in diesem Zusammenhang sicher der Entwurf für einen EU-Verfassungsvertrag, in dem die Bestimmungen zur Gemeinsamen Sicherheits- und Außenpolitik ein zentrales Element, wenn nicht sogar der Kern sind, und der im Artikel I-41 (3) die Mitgliedstaaten verpflichtet „ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern.“10 Das ruft geradezu danach, eine alle Bedenken bei Seite schiebendes Agieren in der Grauzone des Dual-use zu propagieren, damit die militärtechnologische Innovation optimal und kostengünstig vorbereitet werden kann. Dies zeigt sich auch an der anhaltenden Diskussion über die mögliche Streichung offenbar lästig gewordener Zivilklauseln, die für eine Reihe deutscher Großforschungseinrichtungen bislang Geltung hatten.11

Ambivalenz und Dual-use

Um zu Konzepten des Umgangs mit Ambivalenz und Dual-use zu kommen, ist es hilfreich, zunächst zu versuchen, die Begrifflichkeiten zu klären.

Dual-use geht von der Möglichkeit des Gebrauchs von Technologie oder von Wissen (im Sinne von Know-how) für zivile oder militärische Zwecke aus. Die Verwendung dieses Begriffs legt nahe, von der Seite des Umgangs mit und der Nutzung von »fertigen« technischen Artefakten oder Know-how her auf die Problematik des möglichen Gebrauchs zu blicken. Daher ist auch häufig vom »Missbrauch« für militärische Zwecke die Rede. Dies würde aber voraussetzen, dass ursprünglich mittels der Technologie, um die es geht, ein rein ziviler Gebrauch angestrebt war, was häufig gar nicht der Fall ist.

Die Begrifflichkeit der Ambivalenz bezieht sich stärker auf die grundlegenderen Prozesse von Forschung und Technologieentwicklung bzw. die wissenschaftlich-technischen Wurzeln zukünftig oder bereits aktuell nutzbarer Forschung und Technologie. Mit dieser Sicht kommt einerseits die grundsätzliche Problematik der »Zweischneidigkeit« in den Blick und andererseits die Möglichkeit der Bearbeitung dieser Problematik bereits auf der Ebene von Forschung und Technologieentwicklung selbst.

Die Unterscheidung von Ambivalenz und Dual-use ist eher im idealtypischen Sinne zu verstehen und es werden in der Praxis häufig Mischformen anzutreffen sein.

Umgangsmöglicheiten

Dual-use und »Missbrauchsmöglichkeiten« rufen nach Möglichkeiten der Kontrolle des gesellschaftlichen Umgangs mit sensitiven militärisch relevanten Technologien. Dies ist zumindest dann breit akzeptiert, wenn es sich um Technologien handelt, die im Bereich von Massenvernichtungswaffen Bedeutung haben und in der weltweiten Proliferationsdynamik eine Rolle spielen. Hier geht es zumeist eher um Maßnahmen der politischen Kontrolle des Gebrauchs von Technologien, die ggf. auch technisch vermittelte Verifikationsverfahren erforderlich machen können. Wenn die militärischen Nutzungsmöglichkeiten aber mit grundlegenderen Problemen der Ambivalenz von Forschung und Technologie zu tun haben, ist demgegenüber nicht unbedingt zu erwarten, dass Maßnahmen der Kontrolle des Gebrauchs zu längerfristig stabilen Lösungen führen. Im Sinne der Überlegungen des englischen Soziologen Zygmunt Bauman12 kann dies statt dessen zu einer sich immer weiter aufschaukelnden, quasi unendlichen Ambivalenzspirale führen, in der jeder Versuch der »Trennung« von erlaubtem und nicht erlaubtem Gebrauch zu einer erneuten Problematik der Ambivalenz führt, die wiederum zu bearbeiten ist, ohne dass eine wirkliche Lösung in Sicht kommt. Dies kann am Beispiel der nuklearen Technologien im Zusammenhang mit der Proliferationsproblematik eindrücklich demonstriert werden.13

Sollen Probleme, die mit der grundsätzlicheren Zweischneidigkeit von Forschung und Technologie verbunden sind, angegangen werden, so wird man auf der Ebene von Forschung und Technologie selbst nach Lösungen suchen müssen. Um Gefahren im Bereich militärischer Verwendungsmöglichkeiten von Forschung und Technologie bearbeiten zu können, wird zur Zeit das Konzept Präventiver Rüstungskontrolle (PRK) entwickelt. Der Projektverbund PRK des Forschungsverbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS) hat dazu einige Ergebnisse vorgelegt.14 Der Fokus dieser Bemühungen liegt auf der Technologiedynamik selbst und wird in Fallstudien behandelt, die Gefahren im Bereich von Massenvernichtungswaffen (Nuklear- und Biowaffen und Trägersysteme) und anderen modernen Technologieentwicklungen (Weltraum, Nanowissenschaften, etc.). bearbeiten. Die Untersuchungen sind nicht auf Ambivalenzaspekte beschränkt, es können auch Dual-use-Probleme oder Technologieentwicklungen, bei denen bislang ausschließlich ein militärischer Verwendungskontext erkennbar ist, analysiert werden. Die im Rahmen von PRK-Studien entwickelten Empfehlungen für den Umgang in Wissenschaft und Technik und auf der politischen Ebene umfassen dementsprechend das ganze Spektrum von denkbaren Maßnahmen, vom Monitoring der Entwicklungsdynamik über die Kontrolle von spezifischen Formen des Gebrauchs bis zur Gestaltung der Technologieentwicklung oder der Forschungsprozesse selbst.

Gestaltung

Ein Beispiel kann mit der Orientierung am Konzept der Proliferationsresistenz angegeben werden.15 Hier soll der militärische Gebrauch, so weit möglich, durch die Auslegung von technischen Systemen selbst, die im zivilen Kontext Verwendung finden können, verhindert werden. Solche Ansätze sind besonders relevant im Bereich nuklearer Technologien, da sie die Gefahr der sich gegenseitig aufschaukelnden Ambivalenzen und Kontrollversuche versucht abzubrechen durch die Etablierung eines Ansatzes der an die technologische Quelle der Problematik selbst zurückgeht. Dadurch können besonders effektive Maßnahmen der Proliferationsvermeidung durch Bemühung um Ambivalenzvermeidung aufgefunden werden. Eine absolut »wasserdichte« Ambivalenz- und Proliferationsverhinderung ist so allerdings auch nicht möglich, aber die Barrieren gegen Proliferationsgefahren können deutlich erhöht werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Durchsetzungsfähigkeit und Wirksamkeit des Konzeptes ist es, dass auch die fortgeschrittenen Technologienationen eine entsprechende Gestaltung auf der Ebene der technischen Auslegung von Systemen und ihrer Fortentwicklung akzeptieren, die ja bewusst keine Blockade der gegenwärtigen oder zukünftigen Techniknutzung darstellt, und somit für globale Akzeptanz sorgen. Ein herausragendes Beispiel ist der zunehmend durchgesetzte Verzicht auf die Nutzung von waffengrädigem hochangereichertem Uran im zivilen Bereich – verbunden mit einer entsprechenden Auslegung von Forschungsreaktoren (proliferationsresistente Gestaltung).

Die hier vorgestellte Begrifflichkeit des Dual-use und der Ambivalenz suggeriert, dass es nur um die Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Gebrauchsweisen von Forschung und Technologie ginge. Dies greift allerdings zu kurz. In Wirklichkeit sind häufig viele problematische Spannungsfelder (weitere Ambivalenzaspekte oder Multi-Valenzen z.B. im Bereich von Ökologie und Ökonomie) und ein vielfältiger »Multi-use« zu diskutieren. Weder kann der Hinweis auf interessante zivile Nutzungsmöglichkeiten allein, den eigentlich ungewollten – parallel möglichen – militärischen Missbrauch weniger bedeutsam oder gar hinnehmbar erscheinen lassen, noch sollte das Erkennen einer militärischen Entwicklungsmöglichkeit allein den Blick auf die Weiterentwicklung gewollter ziviler Entwicklungspfade blockieren können. Ebenso ist eine Analyse der umfassenderen Ambivalenzaspekte häufig mitentscheidend für eine angemessene Einschätzung der zivil-militärischen Ambivalenz und entsprechender Umgangsweisen. Daher sind selbst bei dem Versuch einen Umgang mit der zivil-militärischen Ambivalenz zu finden, eigentlich auch die vielfältigen zivilen Verwendungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten ziviler Forschung und Technologie mitzubetrachten. Dies öffnet den Blick für die Notwendigkeit der Gestaltung von Forschung und Technik insgesamt.16

Anmerkungen

1) Vgl. z.B. S. Zuckerman: Scientists and War, London, 1966.

2) Ph. Gummett, J. Reppy (Hrsg.): The Relation between Defense and Civil Technologies. NATO Advanced Science Institutes Series, Kluver Publ., Dordrecht 1988.

3) Vgl. J. Gansler: The Need – and Opportunity – for Greater Integration of Defense and Civil Technologies in the United States. In: Gummet/Reppy 1988, op. cit. S. 138-158.

4) J. Alic, L. Branscomb, H. Brooks, A. Carter, G. Epstein: Beyond Spinoff – Military and Commercial Technologies in a Changing World, Boston, 1992. Vgl. weiterhin einige Studien des Office of Technology Assessment (OTA) des US-Congress, zitiert u.a. in: R. Rilling: Zuviel Feuerkraft, zu wenig in die Gehirne… Die Rüstungs- und Technologiepolitik der USA im Übergang, in: Liebert/Rilling/Scheffran 1994 (s. nächste Fußnote), S.44-106.

5) Dokumentiert in W. Liebert, R. Rilling, J. Scheffran (Hrsg.): Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik. Zum Problem der zivil-militärischen Ambivalenz, Marburg 1994.

6) C. F. v. Weizsäcker: Die Tragweite der Wissenschaft, Stuttgart 1964.

7) K. Nixdorff et al.: B- und C-Waffen Potenziale und die Gefahr eines Einsatzes durch Terroristen. Dossier 44, in: Wissenschaft und Frieden, 4-2003.

8) Berliner Tagesspiegel, 21.01.1997.

9) Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Weißbuch. Die Raumfahrt: Europäische Horizonte einer erweiterten Union. Aktionsplan für die Durchführung der europäischen Raumfahrtpolitik. Brüssel, 11.11.2003, KOM (2003) 673.

10) Vgl. A. Fuchs: Wer wollte sagen, er habe es nicht wissen können. Die Militarisierungsprogrammatik im EU-Verfassungsvertrag, Dossier 47, in Wissenschaft & Frieden, 4-2004.

11) Vgl. Beitrag von D. Schulze: Die Neuordnung der Rüstungsforschung, in dieser W&F-Ausgabe, S. 30-33.

12) Z. Bauman: Moderne und Ambivalenz. Hamburg, 1992 (auch als Fischer-Taschenbuch).

13) W. Liebert: Wertfreiheit und Ambivalenz – Janusköpfige Wissenschaft. In: Scheidewege – Zeitschrift für skeptisches Denken, Jg. 29, 1999/2000, S.126-149.

14) Vgl. insbes. die zusammenfassende Darstellung in FONAS und Wissenschaft und Frieden (Hrsg.): Präventive Rüstungskontrolle. Dossier 38, in: W&F 3-2001.

15) W. Liebert: Proliferationsresistenz. Risiken und notwendige Schritte zur effektiven Eindämmung der nuklearen Proliferation. Erscheint in G. Neuneck, C. Mölling (Hrsg.): Die Zukunft der Rüstungskontrolle. Hamburg 2005.

16) Vgl. W. Liebert: Wissenschaft jenseits der Wertfreiheitshypothese: Ambivalenz und Wertfreiheit versus Wertbindung und Gestaltung der Wissenschaft, in: H.-J. Fischbeck: Wertorientierte Wissenschaft. Perspektiven für eine Erneuerung der Aufklärung. Berlin, Sigma, 2003, S.61-83; W. Bender, J. Schmidt (Hrsg.): Zukunftsorientierte Wissenschaft – Prospektive Wissenschafts- und Technikbewertung, Münster, Agenda 2003.

Dr. Wolfgang Liebert ist wissenschaftlicher Koordinator und Sprecher der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) an der TU Darmstadt und Vorsitzender des bundesweiten Forschungsverbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS)

in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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