in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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Wissenschaft, Rüstungstechnik und totaler Krieg

Historische Einblicke in eine Wechselbeziehung

von Jürgen Scheffran

Auf den ersten Blick scheint ein Widerspruch zu bestehen zwischen der »Destruktivkraft« Rüstung und der als »Produktivkraft« verstandenen Wissenschaft und Technik, deren Fortschritte zum Wohle der Menschheit beitragen sollen. Dabei ist der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt schon immer für Rüstung und Krieg benutzt worden, und Revolutionen in Naturwissenschaft und Technik hatten Umbrüche im Kriegswesen und in der Waffentechnik zur Folge. Im 20. Jahrhundert ermöglichten Wissenschaft und Technik eine Steigerung der Bedrohung ins Unermessliche. Der Einfluss der Kräfte, die sich für eine grundsätzliche Umkehr einsetzen und den aufklärerischen Impuls der Wissenschaft für eine nachhaltige Friedenssicherung und Entwicklung nutzen und die Gewaltmittel präventiv begrenzen wollen, ist nach wie vor sehr begrenzt.

Etwa 1480 schrieb Leonardo da Vinci an den Grafen Sforza: „Ich habe außerdem noch Pläne für eine Art von Bombarden, die ganz bequem und leicht zu transportieren sind und mit denen man kleine Steine gleich einem Ungewitter schleudern kann; mit dem Rauch derselben wird der Feind in großen Schrecken gestürzt und bei ihm eitel Schaden und Verwirrung gestiftet.“1 Er fährt fort: „Wo Bombarden ihre Wirkung verfehlen würden, will ich Schleudermaschinen, Wurfgeschütze, Trabuken und anderes Gerät von wunderbarer Wirksamkeit machen, wie es nicht im Gebrauch ist.“

Leonardos Zwiespalt

An der Schwelle zur Neuzeit und vor Herausbildung der modernen Wissenschaft stand Leonardo im Brennpunkt der Umwälzungen der Rennaissance. Es gab fast nichts, was er nicht unter die Lupe nahm und auf zahllosen Papieren festhielt.

Um seine Forschungen betreiben zu können, war Leonardo auf die Gunst und die Förderung der Mächtigen angewiesen, und die aussichtsreichsten Verdienstquellen waren zu dieser Zeit Kunst und Krieg. Angestoßen durch die ungesicherten Verhältnisse Norditaliens am Ende des 15. Jahrhunderts, bedingt auch durch die neuen Schusswaffen, suchte er sein Heil in der Waffentechnik. Er entwarf das U-Boot und den muskelbetriebenen Panzer, Riesenkatapulte und Armbrust-Maschinengewehre, das Radschloss- und das Schnellfeuergewehr, Orgelbüchsen und Dampfkanonen, Artilleriegranaten und Geschosse mit mehreren Sprengkapseln (Schrapnell). Zu seinem Repertoire gehörten stromlinienförmige Festungsbauten und eine Maschine zur Herstellung von Kriegsgerät. Er erwog die Möglichkeiten ökologischer Kriegsführung (Erntevernichtung, Unwetter als Waffe) und malte sich aus, Brandbomben und vergiftete Gasbomben auf den Feind zu schleudern, damit „alle, die das besagte Pulver einatmen, daran ersticken.“2

Wie selbstverständlich setzte er dabei die Erkenntnisse seiner »produktiven« Untersuchungen für »destruktive« Zwecke ein und umgekehrt. Er entwickelte beides im Wechselspiel, ohne eine Trennung zwischen friedlicher und militärischer Nutzung zu vollziehen. Für die militärische Flussumleitung benutzte er Erkenntnisse aus Geographie und Geologie, im Katapultbau die Mechanik, im Kanonenbau die für Standbilder entwickelte Gusstechnik, in der Sprengstoffherstellung die Chemie. Andererseits zog er aus den Erfahrungen mit Waffenbau und -anwendung allgemeine Erkenntnisse. Bei der Untersuchung der Flugbahn von Geschossen kam er auf das Problem des Luftwiderstandes, die von ihm intuitiv richtig gezeichnete parabel-ähnliche Flugbahn widersprach der bis dahin behaupteten Zusammensetzung aus zwei geraden Teilstücken. Bei Experimenten an Kriegsgerät bestimmte er einen durchschnittlichen Reibungskoeffizienten. Zur effektiveren Produktion von Kanonen und Gewehren beschritt er den Weg der Mechanisierung und Standardisierung und die Verwendung hydraulischer Kraft.

Eine Umsetzung von Leonardos Plänen hätte zu der Zeit eine wissenschaftlich-technische Revolution in Gang setzen können. An Phantasie mangelte es ihm nicht, eher an der praktischen Realisierbarkeit. Vieles war zu teuer, wie die Flussumleitung, anderes prinzipiell unrealisierbar wie die mechanische Flugmaschine. John Desmond Bernal schreibt dazu: „Ohne quantitative Kenntnis von Statik und Dynamik und ohne die Möglichkeit, eine Kraftquelle, wie etwa die Dampfmaschine, zu verwenden, konnte der Ingenieur der Rennaissance niemals wirklich die durch die traditionelle Praxis gesetzten Grenzen überschreiten.“3 Dennoch gelang es ihm intuitiv – Jahrhunderte vor ihrer eigentlichen Entdeckung – einige Grundsätze zu erraten, für die er den Begriff »Naturgesetz« prägte, darunter das Huygenssche Prinzip der Wellenausbreitung und der Energiesatz. Um Naturgesetze präzise zu formulieren, fehlte ihm aber das mathematische Handwerkszeug und um sie zu überprüfen die physikalischen Messgeräte.

Leonardo sah aber auch den Widerspruch zwischen seinem Anspruch, durch Technik die Mühsal menschlicher Existenz zu erleichtern, und dem eigenen Beitrag zur Zerstörung im Krieg, den er „bestialischen Wahnsinn“ nannte. In seinem Essay »Von der Grausamkeit des Menschen« schreibt er: „Man wird Geschöpfe auf Erden sehen, die einander fortwährend bekämpfen werden, und zwar unter sehr großen Verlusten und oft auch Todesfällen auf beiden Seiten. Sie werden keine Grenze kennen in ihrer BosheitDa wird auf der Erde, unter der Erde oder im Wasser nichts übrigbleiben, was sie nicht verfolgen, aufstöbern oder vernichten werden, und auch nichts, was sie nicht aus einem Land in ein anderes schleppen werden.“

Offensive und Defensive: Anfänge der Kriegstechnik

In der Frühgeschichte des Krieges spielten Wissenschaft und Technik keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Das Kampfgeschehen wurde bestimmt durch den Zweikampf. Die »Technik« bestand hier vor allem in der Beherrschung des eigenen Körpers und der Geschicklichkeit beim Umgang mit den eingesetzten Waffen. Oftmals waren es nur minimale Differenzen, die über Leben und Tod entschieden. Der Mensch war Hauptträger und -ziel der im Krieg eingesetzten Energie, deren Wirkung durch technische Instrumente gesteigert (Schwert, Streitaxt) oder abgeschwächt (Schild, Helm, Panzerung) wurde.

Beim Aufeinandertreffen von Armeen spielte das koordinierte Zusammenwirken der Individuen eine entscheidende Rolle; die organisiert eingesetzte Energie ist der ungeordneten überlegen. Nicht nur Masse entscheidet, auch taktisches Geschick und qualitative Merkmale der Bewaffnung und Beweglichkeit, Ausbildung und Disziplin können Vorteile bringen. Für Sokrates war „ein geordnetes Heerunendlich viel mehr wert als ein ungeordnetes“ und Platon sah in der Aufstellung einer Armee in Reih und Glied die einzige praktische Anwendung der Geometrie. Um die Kommunikation im Gefecht zu ermöglichen, war ein ausgefeiltes Meldewesen erforderlich. Um den Abstand zum Gegner zu überbrücken und ihn so auf Distanz zu halten, wurden Fernwaffen immer wichtiger.

Eine dynamische Komponente kam ins Spiel durch den Einsatz des Pferdes in der Kriegführung, dessen Stärke, Wendigkeit und Ausdauer dem Menschen überlegen war. Pferde wurden auch zur wichtigsten Energiequelle beim Transport militärischer Güter und Waffen. Durch die Beherrschung der Reitkunst konnten Hunnen und Mongolen zur erheblichen Gefahr für die technisch weiter entwickelten europäischen Nationen werden.

Die »Kriegskunst« des Feldherrn bestand darin, alle Elemente der Kriegführung ausreichend zu kennen und mit ihnen unter Berücksichtigung von Gelände, Zeit, Gegner geeignet zu operieren, wobei wissenschaftlich-technische Kenntnisse Vorteile brachten. So verdankt z.B. Alexander der Große einen Teil seiner Erfolge der Erziehung und Vorbildung durch Aristoteles. Es gab aber keine systematisch betriebene Forschung, die für den Krieg hätte genutzt werden können, eher eine ungeplante Sammlung von Alltagserfahrungen, die in Form von Überlieferung oder in der Struktur der Waffen selbst gespeichert wurden.

Die Antike brachte Anfänge der Physik (Mechanik), Mathematik (Dezimalsystem, Geometrie, Landvermessung, Algebra), Astronomie (Sternbilder, Zeitmessung) und Chemie (Metallherstellung, Baustoffe). Wissenschaftliche Begrifflichkeiten (Theorie und Experiment, Ursache und Wirkung, Deduktion und Induktion) waren Gegenstand der antiken Philosophie, verbanden sich aber noch nicht zu einer einheitlichen Methodik.

Was an Wissen für den Krieg nutzbar war, wurde ohne Bedenken eingesetzt, wobei der Krieg selbst zum wissenschaftlichen Gegenstand wurde. Besonders die Verwendung von Metallen erforderte große technologische Fertigkeiten (Schmelzen, Gießen, Formen), was zur Spezialisierung und Bildung neuer Berufszweige (Waffenschmied) beitrug.

Eine besondere gesellschaftliche Organisation erforderte das Wettrüsten zwischen Festungsbau und Belagerungstechnik. Allein schon die umgesetzten Massen an Material, um dicke Mauern zu errichten oder tiefe Gräben auszuheben, benötigten eine große Zahl von Menschen und das Zusammenspiel verschiedener Fachleute, unterstützt durch technische Geräte und Tragetiere. Um die in den Bollwerken gebundene Energie zu überwinden, war für ihre Eroberung ein hoher Energie- und Materialeinsatz erforderlich, wenn nicht durch List und Tücke ein Zugang geöffnet werden konnte. Die belagerte Gesellschaft war vollständig in den Krieg einbezogen und von der Außenwelt abgeschnitten, auch von externen Nahrungs- und Wasserquellen, was eine Autarkie über lange Zeiträume erforderlich machte. Die Belagerer mussten die Lebensmittel aus der näheren Umgebung besorgen. Wer am Ende den längeren Atem hatte, das war auch eine ökonomische Frage.

Mit der Stärke der Befestigung wuchs auch die Größe und Stärke der Belagerungs- und Eroberungsgeräte, die erhebliche Massen in Bewegung bringen und zugleich transportabel sein mussten. Im Römischen Reich gab es unter Vitruvius eigene Werkstätten und Lehrwerke zur Herstellung von Kriegsmaschinen. Katapulte wandelten ihre mechanisch gespeicherte in kinetische Energie und schleuderten zentnerschwere Blöcke gegen Befestigungsmauern oder Feuerbälle hinter feindliche Linien. Die Konstruktion der Katapulte setzte einen für die damalige Zeit recht hohen Stand wissenschaftlich-technischer Organisation voraus. Sie erforderte Kenntnisse aus dem Bereich der Mathematik (Arithmetik, Geometrie), Mechanik (Hebelgesetze, Beschleunigungskräfte, Ballistik, Aerodynamik, Elastizität), Chemie (geeignete Materialien). Es gab eigene Schulen (z.B. in Alexandria) die systematische Beobachtungen und Experimente anstellten. So sah sich Archimedes, der sonst keinen großen Wert auf die Anwendung seiner Forschung legte, angesichts der Belagerung seiner Heimatstadt Syrakus durch die Römer (214 v.Chr.) veranlasst, eine Vielzahl von Verteidigungswaffen zu konstruieren, darunter auch riesige Katapulte, die römische Schiffe zerstörten. Dennoch konnte Syrakus nach zweijähriger Belagerung durch Verrat und Überraschung bezwungen werden, wobei Archimedes selbst getötet wurde.

In der Schifffahrt und im Seekrieg dienten zunächst Muskelkraft (von Sklaven) und Windenergie als treibende Kraft, wobei letztere auch zur Überwindung interkontinentaler Distanzen potenziell geeignet war. Damit wurde es möglich, die für die Landkriegsführung wesentlichen Rohstoffe, Finanzmittel (Gold) und Waffensysteme über große Distanzen zu transportieren. Dies blieb im Wesentlichen der Stand der Rüstungstechnik bis zum ausgehenden Mittelalter.

Zweck und Mittel: Feuerwaffen und moderne Wissenschaft

Umbrüche in der Wissenschaft wie auch in der Kriegstechnik ergaben sich im Gefolge der Renaissance, wobei Leonardo antike Tradition und Moderne verbindet. Während Leonardo noch verschiedene Seiten der Technik verkörperte, trat in der weiteren Entwicklung das künstlerisch-tätige Moment zunehmend in den Hintergrund zugunsten der künstlichen Gegenstände, die als Mittel zum Zweck funktionieren sollten. Für Francis Bacon ist Wissenschaft das neue Werkzeug (novum organum), und ein Mittel zum Fortschritt, um das Wohl der Menschheit zu mehren, unter rationaler Anwendung der auf Wirkungssteigerung gerichteten neuen Wissenschaftsmethodik. Indem erlangtes Wissen als Grundlage für technische Entwicklungen dient, die wiederum Wissen erzeugen, nimmt Bacon die explosive wissenschaftlich-technisch Wachstumsdynamik vorweg.

Die Zweck-Mittel-Relation korrespondiert zur Ursache-Wirkungs-Beziehung in der Newtonschen Mechanik. Die Kraftwirkung und die dafür aufgewendete Energie wird zum Mittel, die bezweckte Beschleunigung einer Masse zu erreichen. Unter Angabe von Kräften und der Kenntnis von Masse, Ort und Zeit ist nach der mechanistischen Denkweise »im Prinzip« die Systemdynamik für alle Zeiten berechenbar. Die Grenzen liegen in der mangelnden Verfügbarkeit von Materie und Energie zur Erreichung des Zwecks und in der mangelnden Kenntnis der relevanten physikalischen Größen und ihrer Wechselwirkung.

Der Anspruch, die vermessenen und berechneten Naturgesetze zur Beherrschung und zweckmäßige Nutzung der Natur einzusetzen, feierte grandiose Erfolge. Das Wechselspiel von Empirie und Theorie führte zu einer Perfektionierung der technischen Mittel, die den Zufluss an Ressourcen (Materie, Energie, Information) in die effiziente Erreichung von Zielen und die Erfüllung von Zwecken transformieren.

Kaum geboren, wurde die neue Wissenschaft schon in das Kampfgetümmel hinein gezogen. Das analytische Instrumentarium erlaubte die bessere Beherrschung von Raum, Zeit, Masse, Kraft und Energie, und die wissenschaftliche Suche nach dem Neuen und Unbekannten war im Zeitalter des Kolonialismus zeitgemäß.

Die Initialzündung war die Entdeckung des Schwarzpulvers und die Ausbreitung der Feuerwaffen, deren Bedeutung Bacons Namensvetter Roger Bacon schon im 13. Jahrhundert erkannt hatte. Der Kanonendonner, den Leonardo vernahm, veranlasste auch andere, ihr Werk in den Dienst des Krieges zu stellen. So pries Galilei 1609 in einem Brief an den Dogen Leonardo Danato den „unschätzbaren Wert“ des Fernrohrs bei der Entdeckung des Feindes, und der Anfang des 16. Jahrhunderts lebende Mathematiker Niccolo Tartaglia versuchte, die größte Reichweite von Geschützen zu berechnen. Skrupel veranlassten ihn, sein Werk zu vernichten, erschien es ihm doch als „ein tadelnswertes, schändliches und barbarisches Unterfangen,eine Technik zu perfektionieren, die schädlich wäre für den Nächsten und verderblich für die Menschheit.“ Angesichts der drohenden Invasion Italiens durch die Türken änderte er seine Meinung aber wieder.4

Die Schwarzpulver-Revolution beförderte die zunehmende Technisierung und Verwissenschaftlichung des Krieges. Die Verbesserung der Feuerwaffen und die Untersuchung des Schießvorgangs führte auf Fragen der Mechanik (Kraft und Gegenkraft, Reibung und Luftwiderstand, Ballistik) und Chemie (Ausdehnung von Gasen, Zusammensetzung der Luft). Der Umgang mit der immer komplexer werdenden Rüstungstechnik erforderte eine Professionalisierung und Spezialisierung des damit umgehenden Personals, was sich in der Bildung vom Militärakademien und Ingenieurschulen niederschlug. Rüstungstechnik beanspruchte einen wachsenden Anteil der Innovationen in Naturwissenschaft und Technik und trieb deren Entwicklung mit voran. Der wissenschaftliche Wettbewerb wurde zunehmend kriegsentscheidend und staatlich gefördert. Mit der Technisierung verbunden war die industrielle Großproduktion in Pulverfabriken, Kanonengießereien und Büchsenmachereien, was die Mechanisierung und Standardisierung des Produktionsprozesses beförderte.

Die Kriegführung wandelte sich angesichts immer neuer Waffentypen. Hierzu gehörten Kanonen für Belagerung und Feldschlacht, Gewehre mit unterschiedlicher Zündmethode, Bajonette, Pistolen, Handgranaten, Minen, Brand- und Sprengbomben, Hohlgeschosse, Hagelgeschosse, Petarden, Raketen. Dem Ansturm der Artillerie war die antike Befestigungstechnik nicht mehr gewachsen, Stadtbefestigungen wurden zunehmend durch großräumige Landbefestigungen und eine aktive Defensive ersetzt, unter Einsatz von Artillerie, mobilen Forts und Feldfestigungen (Schützengräben).

Die Zahl der Opfer wuchs durch die Perfektionierung der Handfeuerwaffen sprunghaft an. Die Einführung des Schnellfeuer- und Maschinengewehrs ermöglichte das automatisierte Abschlachten und erschwerte das Manövrieren im Feld. Mit neuen Sprengstoffen (Nitrozellulose, Ballistit, Dynamit, TNT), schweren Artilleriegeschützen, Schrapnell- und Brandgeschossen wurden Flächenbombardements möglich.

Durch die Wirkungssteigerung wurde nicht nur der Energieeinsatz gesteigert, sondern auch die Reichweite. Das Kriegsbild wandelte sich, die kleinräumigen politischen Strukturen des Mittelalters lösten sich auf. Durch die Vielzahl neuer Waffentypen und die Überlegenheit der Offensive wurden Kriegführung und Militärstrategie immer komplexer. Zur Massierung des Feuers wurden Massenheere benötigt und gedrillte Soldaten. Die napoleonische Strategie von Mobilität und Konzentration der Mittel löste die starren Schlachtreihen des Absolutismus auf und ermöglichte die Vorherrschaft auf dem Kontinent. Die Eisenbahn erlaubte es, Truppen und Versorgungseinrichtungen in größerer Zahl und weit höherer Geschwindigkeit zu bewegen. Die Kriegsflotte mit Kanonen gewann entscheidende Bedeutung im Kampf um die Kolonien.

Der Wettlauf zwischen Artillerie und Festungsbau ging insgesamt unentschieden aus. Die Eroberung einer Festung wurde zum materialintensiven, kostspieligen Dauerbombardement (Sebastopol), die Feldschlacht zum opferreichen Grabenkrieg, so im russisch-japanischen Krieg 1904/05, v.a. aber im Ersten Weltkrieg. Hier war es gerade die Schutzlosigkeit gegenüber den auf beiden Seiten vorhandenen Angriffsmitteln, die eine Bewegung verhinderte.

Totaler Wissenschaftskrieg und neue Rüstungstriade

In seinem Werk »Vom Kriege« schreibt Carl von Clausewitz (1780-1831): „Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum Äußersten führen muss.“ Diese von Clausewitz erkannte Tendenz des Krieges alle Bereiche der Gesellschaft zu erfassen und damit zum totalen Krieg zu werden, entfaltete sich im 20. Jahrhundert in vollem Umfang. Die von dem holländischen Philosophen Hugo Grotius, der mit seinem 1625 erschienen Werk »De Jure Belli ac Pacis« die Grundlagen des Völkerrechts legte, geforderten rechtlichen Grenzen für die Mittel und Formen des Krieges spielten in den beiden Weltkriegen praktisch keine Rolle, umso mehr aber Wissenschaft und Technik. Im Winter 1940, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, schrieb der Herausgeber des Journal of the American Institute in seinem Editorial: „Krieg ist seinem Charakter nach universell, mit der gesamten Natur und Gesellschaft verbunden. Um den Krieg zu erfassen, muss die Wissenschaft einen gleichermaßen umfassenden Anspruch habenDas Studium des Krieges muss ein integraler Untersuchungsgegenstand seinEs muss mehr an allen Aspekten des Gewalteinsatzes orientiert sein als an der derzeitigen Konzeption des Friedens als einzigem Bezugsrahmen. Es muss eine totale Wissenschaft vom Krieg sein.“

Der Erste Weltkrieg wurde trotz verschiedener Neuerungen (U-Boot, Maschinengewehr, Motorisierung) im Wesentlichen noch mit den Waffengattungen und Strategien des 19. Jahrhunderts ausgetragen. Das relative Gleichgewicht der Kräfte und die Gleichwertigkeit der gegnerischen Waffensysteme führte zur Erstarrung aller Fronten. Vor und während des Krieges entwickelte neue Waffentypen wie der Panzer, das Militärflugzeug oder Gaskampfstoffe kamen zwar zum Einsatz, konnten jedoch die militärische Entscheidung kaum beeinflussen. Die langjährige Materialschlacht kostete Millionen Soldaten das Leben und wurde letztlich durch ökonomische Ressourcen entschieden. Die Massenproduktion an Waffen und Munition ging an die Grenze der industriellen Kapazität.

Trotz der nach dem Krieg weltweit auftretenden Friedensbestrebungen, der Gründung des Völkerbundes und der Ächtung chemischer Waffen hatte die qualitative Aufrüstung und Weiterentwicklung der Waffensysteme kein Ende. Kriegführungsstrategien passten sich an die veränderten Verhältnisse, zu Land, zur See und in der Luft an:

Den neuen Angriffswaffen und -strategien konnten die aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Strategien der Totalverteidigung nicht viel entgegen setzen. Sowohl die französische Maginotlinie wie auch der deutsche Westwall sollten im Zweiten Weltkrieg nur wenig Bestand haben.

Schon der Erste Weltkrieg hatte Elemente einer wissenschaftlichen Kriegsführung gezeigt, doch der Zweite Weltkrieg sollte dies noch bei weitem überbieten. Die Phase zwischen den Kriegen, eine der fruchtbarsten Perioden der Naturwissenschaft und Technik, legte dazu die Grundlage. Die Erfolge nahmen unter der Wirkung der verschärften internationalen und nationalen Spannungen der 30er Jahre eine Wendung zum Destruktiven. Die Machtergreifung durch die Nazis führte zur totalen Mobilisierung der Forschung für Kriegszwecke, was zu Friktionen führte. Gleichzeitig wurde die deutsche Forschung durch die Emigration von Wissenschaftlern geschwächt wie auch durch den ideologischen Druck einer arischen Wissenschaft. Die langfristige Grundlagenforschung wurde gegenüber der kurzfristigen Zweckforschung vernachlässigt. Der internationale Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaftlern wurde eingeschränkt.

Dies hatte zunächst keine Auswirkung auf den Kriegsverlauf. Die Erfolge der deutschen Blitzkriegs-Strategie überraschten die Angegriffenen, gegnerische Verteidigungsketten wurden rasch überwunden. Erst nachdem die Alliierten unter forcierten Rüstungsanstrengungen eine Gegenstreitmacht aufgebaut hatten und der deutsche Vorstoß im Osten zum Erliegen kam, konnte der deutsche Angriff an allen Fronten zurückgeschlagen werden. Dabei gab die totale Mobilmachung menschlicher und materieller Ressourcen den Ausschlag, insbesondere die industrielle Massenproduktion von Rüstungsgütern. Allein die USA fertigten zwischen 1939 und 1945 100.000 Panzer, 800.000 Maschinengewehre, 36 Milliarden Geschützgranaten, 41 Milliarden Gewehrpatronen und 500.000 Kampfflugzeuge. Bestimmend für den Kriegsverlauf waren auch neue technische Entwicklungen im Bereich der Produktion (Fließband), der Nachrichtentechnik (Funk) und des Transports (Verbrennungsmotor).

Das durch die Weltkriege angetriebene Wettrüsten der Gehirne brachte in der Triade aus Zerstörungs-, Träger- und Führungsmitteln neue Entwicklungen hervor:

Rüstungseskalation im Kalten Krieg

Mit der gelenkten Atomrakete wurde eine Waffe geboren, gegen die es bis heute keinen wirksamen Schutz gibt. Die Vernichtung der Erde auf Knopfdruck wurde möglich. Die Tendenz zum Äußersten, die den Wechselwirkungen des Krieges eigen ist, hatte einen Gipfel erreicht. Das unermessliche Bedrohungspotenzial in der Hand eines Angreifers steigerte zugleich dessen Verwundbarkeit, sofern der Gegner über die gleichen Waffen verfügte. Traditionelle Gesetzmäßigkeiten der Kriegführung verloren angesichts des nuklearen Overkills an Bedeutung. Der Begriff der Verteidigung im militärischen Sinn wurde bedeutungslos. Angesichts der gegenseitig gesicherten Vernichtung entstand die paradoxe Situation, dass die beiden Supermächte zwar allmächtige Waffen zu Tausenden in ihren Händen hielten, aber sie nicht als Gewaltmittel einsetzen konnten. Allmacht und Ohnmacht fielen hier unmittelbar zusammen.

Um die vollständige Zerstörung zu vermeiden, musste der nächste große Krieg verhindert werden. Die zum Kriege drängenden Kräfte waren jedoch nicht geschwächt, sondern im Militärisch-Industriellen Komplex stärker denn je. Der Anspruch, Sicherheit durch neue Bedrohungsmittel herstellen zu wollen, trieb die Spirale von Bedrohung und Gegenbedrohung. Der Kalte Krieg transformierte zum »totalen Wettrüsten«, er glich einer jahrzehntelangen Belagerung, die bis zum Äußersten ging und die Menschheit an den Rand einer atomaren Vernichtung brachte.

Rüstungszyklen und Krieg der Netze

Auch nach dem Ende der Blockkonfrontation wird an der Aufrechterhaltung und technischen Perfektionierung von Waffensystemen und Gewaltstrukturen gearbeitet, um jederzeit und an jedem Ort Krieg führen zu können. Die fortgesetzte Modernisierung betrifft längst nicht mehr nur die mit einem Waffensystem verbundenen Komponenten (Gewaltmittel, Trägermittel, Führungsmittel), sondern auch die sozio-ökonomische Infrastruktur, in die ein Waffensystem eingebettet ist, in der es erdacht, konstruiert, entwickelt, getestet, hergestellt, stationiert, eingesetzt und wieder beseitigt wird.

Das Wettrüsten der Gehirne perpetuiert die Rüstungsdynamik ad infinitum. Wissenschaftler erdenken neue waffentechnische Möglichkeiten und suchen politische Zwecke zu ihrer Rechtfertigung. Die Mittel des Krieges verselbständigen sich, sie brauchen den Feind, ob er nun real existiert oder nur in der Phantasie. Das Schlachtfeld wird zum Beobachtungsfeld zur Erprobung neuer Waffen, der Krieg insgesamt zum wissenschaftlichen Experiment.

Die Ambivalenz, die schon bei Leonardo erkennbar war, wird zum Strukturmerkmal moderner Hochtechnologie-Rüstung. Diese ist Ausfluss ziviler Entwicklungen und prägt diese zugleich. Längst zu groß und zu teuer für eine Förderung allein durchs Militär, wird die wissenschaftlich-technische Entwicklung insgesamt für die Rüstung verplant. Die Revolution in Military Affairs umfasst nahezu den gesamten High-Tech Sektor (Nanotechnik, Bio- und Gentechnologien, Computer- und Kommunikationssysteme, künstliche Intelligenz, Sensorik, Nuklearsysteme, Trägersysteme, Weltraumtechnik, Laser, Materialwissenschaften), sie findet ihren Ausdruck in neuen Waffensystemen und Formen der Kriegführung (Cyberwar, Biowar, asymmetrische Kriegführung). Im Mikro- und Nanobereich verschmelzen Physik, Chemie und Biologie. Die Entwicklung ist zum einen gekennzeichnet durch globale räumliche Ausweitung von Waffeneinsatz, Transport und Kommunikation, Verkürzung der Entscheidungszeiten, Verbesserung der Zielgenauigkeit, Schadensbegrenzung beim Waffeneinsatz, Anwachsen der Informationsflut und Komplexität, Computerisierung und Automatisierung der Kriegführung, wachsende »Intelligenz« der Waffensysteme.

Über den Kalten Krieg hinaus reicht das Bestreben, die durch die Atomwaffe entstandene Selbstverwundbarkeit militärisch zu überwinden und strategische Kriege wieder führbar zu machen. Während die Luftabwehr gegen Flugzeuge Fortschritte machte, stagnierte die Entwicklung von Raketenabwehrsystemen aufgrund physikalischer Grenzen und überirdischer technischer Anforderungen. Die von Reagan in seiner Star-Wars-Rede 1983 entwickelte Vision von der Unverwundbarkeit bleibt jedoch weiter lebendig. Durch ballistische Raketen, Raketenabwehr und Weltraumrüstung wird der Weltraum zum potenziellen Kriegsschauplatz und seine Beherrschung zum strategischen Ziel. Der Traum von der Eroberung und Kontrolle des Weltraums, der vom US Space Command geträumt wird, ist ein Traum von globaler Herrschaft, der in eine neue Form des totalen Krieges einmündet.

Wissenschaft und Technik spielen auch eine Schlüsselrolle im Netzwerk globalisierter Gewalt, das im weltumspannenden Netz aus Sensoren, Kabeln, Antennen, und Computern seinen militärischen Ausdruck findet. Das C3I-System (command, control, communication and intelligence) dient als Kräftevervielfacher (Force Multiplier) und erlaubt die Steuerung aller Elemente ebenso wie die umfassende Überwachung potenzieller Gegenspieler. Da Netze überall hinreichen, verknüpfen sie die Globalisierung der Gewalt mit der Miniaturisierung von Gewalt, was in den Informationskriegen auf unseren Computern ebenso zum Ausdruck kommt wie in Nanosystemen, Mini-Kampfmaschinen und Killer-Mikroben. Durch sie findet der Krieg Einzug in unseren Nahbereich, unsere Wohnung, ja den eigenen Körper. Der Anspruch zur Beherrschung des äußeren Raumes (outer space) findet sein Gegenstück in der Beherrschung des inneren Raum (inner space) innerhalb der Gesellschaften.

Der totale Kontrollanspruch findet seinen Widerpart im Terrorismus, der sich dieser Kontrolle widersetzt und sie doch durch die Wahl seiner Mittel weiter provoziert. Terrornetzwerke, die durch dezentrale Organisation und diffuse Kommunikationsstrukturen gekennzeichnet sind, lassen staatliche Angriffe, mit welchem Gewaltapparat auch immer versehen, ins Leere laufen. Sie nutzen das Prinzip der Selbstorganisation für destruktive Zwecke. Schon immer konnten nichtstaatliche Akteure beträchtliche Schäden anrichten und den Gang der Geschichte beeinflussen, doch im Zeitalter von Flugzeugen, Schiffstankern, Atombomben und Kernkraftwerken gibt es dafür ganz andere Mittel, wie der 11. September zeigt. Aufgrund des Destruktionspotenzials der Mittel wird ihr Einsatz zum Zweck, und ihre Wirkung wird multipliziert durch die voraussehbaren staatlichen Reaktionen. Das Wechselspiel von individuellem und staatlichem Terror perpetuiert den archaischen Zyklus der Gewalt auch im 21. Jahrhundert. Dem Terror den Krieg zu erklären, redet einer neuen Totalität des Krieges das Wort, der innerhalb der globalisierten Gesellschaft ausgetragen wird. Das Ziel der Sicherheit geht so auf allen Ebenen verloren.

Ein Ausweg lässt sich nur finden, wenn der Zyklus der Gewalt verlassen wird, durch Verzicht und Kontrolle der Gewaltmittel und friedliche Konfliktlösung, die die gegenseitigen Interessen respektiert. Grotius hat den Weg des Völkerrechts vorgezeichnet. Im Wechselspiel aus Aufrüstung, Abschreckung, Angriff, Abwehr, Abrüstung liegt die Präferenz bei Abrüstung. Wissenschaft und Technik müssen die Allianz mit dem Militär schrittweise auflösen, die Rüstungstechnik muss einer präventiven Rüstungskontrolle unterworfen werden.

Anmerkungen

1) Leonardo da Vinci: Erfinder – Maler – Forscher, Winterthur: Belser, 1981.

2) Ebenda.

3) J.D. Bernal: Sozialgeschichte der Wissenschaften, Rowohlt, 1970.

4) Siehe die entsprechenden Dokumente in W. Quitzow, Naturwissenschaftler zwischen Krieg und Frieden, Düsseldorf: Schwann, 1986, S. 33-35.

Dr. Jürgen Scheffran ist Mitglied des Redaktionsteams von W&F. Er arbeitet als Senior Research Scientist im Program in Arms Control, Disarmament and International Security (ACDIS)an der University of Illinois in Urbana-Champaign.

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