in Wissenschaft & Frieden 2005-1: Triebfedern der Rüstung

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Triebfedern der Rüstung

von Regina Hagen

Der wissenschaftlich-technisch-militärisch-industrielle Komplex (Lichterman), komplettiert um die machtpolitische Komponente, dient als Leitmotiv für etliche Betrachtungen über »Triebfedern der Rüstung« in dieser Ausgabe von W&F.

Dabei sind, auch dies zeigen manche der Autoren auf, die Erwartungen an eine Befriedung der Erde durch technische Mittel eigentlich hoch. Wolfgang Neef zitiert Otto Lilienthal, der von der Erfindung des Flugzeugs Großes erhoffte: „Ich bin überzeugt, dass meine Erfindung den Frieden in der Welt möglich macht.“ Statt dessen erwies sie sich als ideale Angriffswaffe.

Die zivil-militärische Ambivalenz technischer Erfindungen verkörpert beispielhaft Eugen Sänger (1905-1965). Ein Pionier der Raketen- und Raumfahrttechnik, hob Sänger bereits an der TH Wien hervor, dass die Rakete, zu deren theoretischer Entwicklung er bis dato Bahnbrechendes beigetragen hatte, „notfalls eine Kriegswaffe von außerordentlicher Wirkung bilden“ könne (»Raketenflugtechnik«, 1933). 1936 nahm er das Angebot des deutschen Reichsluftfahrtministeriums an, seine Forschungs- und Entwicklungsarbeiten unter Aufsicht des Militärs mit optimaler Ausstattung fortzuführen. Sänger befasste sich bis 1945 mit Raketenantrieben, Staustrahlantrieben für Flugzeuge und dem Konzept eines Raketen-Raumflugzeuges. »Über einen Raketenantrieb für Fernbomber« (1944) beschreibt das Prinzip eines Raumgleiters, der von Europa aus auf der Stratosphäre schlitternd Amerika erreichen kann und die Bombardierung von Washington und New York ermöglicht.

Die militärische Nutzung seiner Raketentechnologie war Sänger allerdings nur Mittel zum Zweck. Wie viele andere, die sich zur Verwirklichung ihrer technischer Ideen in den Dienst des Militärs begaben, richtete sich seine Hoffnung mehr auf die Eroberung von Luft- und Weltraum denn auf die Vernichtung der Erde. „Der Umstand, dass die fliegenden Körper in diesen ersten vier Jahrzehnten hauptsächlich militärische Verwendung im Krieg zwischen Menschen fanden, hat zwar ihre technische Entwicklung sehr gefördert; doch haben wir alle das Empfinden, auf diesen Umstand heute nicht mehr besonders stolz sein zu dürfen“, bekannte Sänger einige Jahre später. Die Erwartung, dass „die technische Entwicklung sich offenbar aus naturgesetzlichen Ursachen von der militärischen Anwendung im heutigen Sinn, also der Waffenanwendung, abkehrt“ verleitet ihn zu der kühnen These, dass sich unter den „zwischen 1960 und 2000 voraussichtlich neu entstehenden Fluggerätenkein einziges Kriegsgerät befindet“. Sein Appell gipfelt im Aufruf „wir müssen uns an der Raumfahrtentwicklung – die Luftwaffen wie Atomwaffen naturgesetzlich gegenstandslos macht – mit allen unseren Kräften beteiligen und so den Verzicht auf Atombomben auf der ganzen Welt erzwingen, indem wir mithelfen, den Krieg technisch zu überholen“ und in der Überzeugung „dass, wer Frieden will auf Erden, Raumfahrt wollen muss“. (»Raumfahrt – technische Überwindung des Krieges«, 1958).

Naturgesetzlich trägt, im Widerspruch zu diesen Zitaten, die wissenschaftlich-technische Entwicklung nicht zur Befriedung der Nationen bei – die Autoren dieser Ausgabe beschreiben das genau (Scheffran, Neef). Nein, das Gegenteil ist wahr: Das Wechselspiel aus wissenschaftlichen Erkenntnissen, technischen Möglichkeiten, militärischen Dominanzbestrebungen, industriellem Profitdenken und politischen Machtprojektionen führt zu zügellosem Rüsten. (Vermeintliche) technische Machbarkeit weckt Begierden vor allem beim Militär, in der Luft- und Raumfahrtindustrie findet es willige Bündnispartner (Hennes). Insbesondere der Weltraum ist also weiterhin im Fokus der Beteiligten. So wird Sängers Weltraumbomberkonzept von den US-Waffenentwicklern für das »Hypersonic Cruise Vehicle« rigoros einer Wiederverwendung zugeführt.

Die Konsequenz aus alledem scheint unseren Autoren klar: Technologiefolgenabschätzung, präventive Rüstungskontrolle, strikte Trennung von ziviler und militärischer Forschung, Stärkung des Völkerrechts, Abrüstung, Vorrang für nichttechnische Problemlösungsstrategien, auch: ein Bewusstsein für die „Notwendigkeit der Gestaltung von Forschung und Technik insgesamt“ (Liebert).

Zweifellos, all das ist dringend notwendig. Eine naturgesetzliche Implementierung dieser Konzepte gibt es aber nicht. Europa bewegt sich vielmehr exakt in die andere Richtung. Hier soll die neue Rüstungsagentur laut Verfassungsvertrag „die permanente EU-Aufrüstung und die globale Kriegsführungsfähigkeit“ organisieren (Schulze), und das, wo doch „Friedensunterstützung und nicht-provokative Stabilisierung in Krisenregionen“ eigentlich „in übergreifende politische Konzepte eingebettete Friedensunterstützung“ erfordert (Unterseher).

Es liegt auch an uns, Akteuren in Friedensforschung, -wissenschaft und -bewegung, bei den Regierenden friedenspolitisch kompatibles Handeln einzufordern. Das setzt Wissen voraus – dieses Heft soll dabei helfen.

Ihre Regina Hagen

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