in Wissenschaft & Frieden 2004-1: Kriegsbilanzen

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Kampf gegen Guerillas oder Terroristen

Drogen, Bürgerkrieg und Gewalt in Kolumbien

von Michael Funk

Während in Washington wohl zumindest inoffiziell bereits diskutiert wird, wie lange sich der Erfolg im Irak-Krieg der Weltöffentlichkeit noch als ein solcher verkaufen lässt, wird dem anderen amerikanischen Krieg – dem »drug war« – derzeit wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Vor gut drei Jahren machte Präsident Clinton mit seiner Unterschrift unter eine Gesetzesvorlage namens »Plan Colombia« den Weg frei für ein umfangreiches Hilfspaket für Kolumbien, den weltgrößten Produzenten und Exporteur von Kokain. Unter dem Deckmantel der Drogenbekämpfung sind seitdem mehr als 2,5 Milliarden Dollar Militär- und Wirtschaftshilfe aus Washington in den von blutigen Auseinandersetzungen gezeichneten Andenstaat geflossen, weitere 6,5 Millionen sollen noch in diesem Jahr folgen. Doch was 2000 als vage definierte Sicherheitsinitiative zur Drogenbekämpfung begann, ist längst zu einem offenen Feldzug gegen marxistische Guerillas, angebliche Terror-Drogen-Netzwerke und unterprivilegierte Bevölkerungsschichten geworden – ohne absehbares Ende, klare Strategie oder eindeutige Erfolgsaussichten.

Der »Plan Colombia« markierte einen deutliche Verschiebung innerhalb der US-amerikanischen Südamerikapolitik. Erinnerungen an beschämende Episoden in El Salvador oder Nicaragua in den 1980er Jahren wurden wach und nicht wenige Analysten legten in Kommentaren den »Schatten von Vietnam« über die vertiefte Teilnahme der USA am kolumbianischen Bürgerkrieg. Innenpolitischer Widerstand regte sich nicht zuletzt auf Grund der brutalen Geschichte des einheimischen Militärs und der Einsicht, dass der mehr als vier Jahrzehnte andauernde Konflikt nur durch Verhandlungen zu beenden sei. Als Rechtfertigung für den verschärften Kurs wurde das herangezogen, was der damalige Drogenbeauftragte der US-Regierung General Barry McCaffrey einen »Drogen-Notstand« (drug emergency) in Kolumbien nannte. Gemeint war ein deutlicher Anstieg der Koka-Produktion in den südlichen Provinzen Putumayo und Caquetá, gleichzeitig Hochburgen der »Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia« (FARC), der mit ca. 17.000 Kämpfern größten Rebellenbewegung des Landes. Kolumbien, so wurde argumentiert, verliere den Kampf gegen Drogen, weil Militär und Polizei nicht in der Lage wären, Kokafelder in von den Guerillas kontrollierten Gebieten zu vernichten. Dies wurde wiederum darauf zurückgeführt, dass die Sicherheitskräfte den durch Profite und Steuern aus dem Drogengeschäft hochgerüsteten Rebellen vor allem in den unzugänglichen Gebieten der Amazonasregion – in denen die Landbevölkerung Koka und Mohn anbaut – hoffnungslos unterlegen wären. Die massive Militärhilfe aus den USA sollte das Kräfteverhältnis verschieben und neu geschaffene Eliteeinheiten der kolumbianischen Armee in die Lage versetzen, in die südlichen Regionen vorzudringen und illegale Kokaplantagen oder Drogenlabore ausfindig zu machen. Die zwei Kriege Kolumbiens – gegen Drogen und gegen die Guerillas – wurden auf diese Weise zu einem verschmolzen. Bemühungen von NGOs und moderaten Politikern beider Länder um diplomatische Lösungen, wurden durch die von den USA forcierte militärische Eskalation zunichte gemacht. Die Drogenwirtschaft jedoch zeigt sich unbeeindruckt.

Die Netzwerke der Drogenwirtschaft

Der amerikanische Drogenkrieg ist mindestens ebenso alt wie der kolumbianische Bürgerkrieg. Für altgediente »drug hawks« in Washington ist Kolumbien nur eine Front in einem globalen Kampf. Mit wechselnden Schwerpunkten bekämpfen die USA seit den frühen 60er Jahren die Marihuana-, Heroin- und Kokainproduktion in Ländern wie Kolumbien, Peru, Bolivien oder Thailand. In Antwort auf steigenden Drogenmissbrauch und -abhängigkeit versucht die amerikanische Regierung, den Export illegaler Substanzen aus anderen Ländern einzudämmen, um den Straßenpreis zu erhöhen und damit die Nachfrage in der Heimat zu senken. Zu den eingesetzten Mitteln gehören die Vernichtung von Anbauflächen mittels Pestiziden, die Zerstörung von Pflanzen, Verarbeitungslaboren und anderer Infrastruktur, die Kontrolle von Schiffs- oder Flugzeugladungen und die Festnahme von Händlern und Schmugglern. Trotz Erfolgen auf allen diesen Gebieten blieben Operationen in den Quellenländern dennoch fast ohne langfristige Wirkung. Der Preis für Kokain oder Heroin in den USA wurde dadurch nie für mehr als ein paar Monate angehoben. Die Ausgaben für solche so genannten source and interdiction-Programme sind von wenigen Millionen Dollar in den frühen 70er Jahren bis heute in Milliardenhöhe gestiegen. In der gleichen Zeit fiel der Straßenpreis für ein Gramm Kokain von 1.400 auf unter 200 Dollar, der Preis für ein Gramm Heroin von ca. 4.000 auf einige Hundert Dollar. Im Vergleich sind die Kosten für Anbau und Verarbeitung sehr gering, die Erhöhung des Marktwertes geschieht größtenteils nachdem die Drogen bereits in die USA geschmuggelt wurden. 1997 lag der Preis der zur Herstellung eines Kilos reinen Kokains nötigen Menge Kokapflanzen bei ca. 300 Dollar. Verarbeitet hat sich der Preis des Kokains bereits verdreifacht und erreicht nach Export, Streckung und Verteilung den beinahe sagenhaften Schwarzmarktwert von 188 000 Dollar.1 Die Relationen machen deutlich, dass selbst eine deutliche Steigerung der Produktionskosten in Kolumbien keinen wahrnehmbaren Einfluss auf den Verkaufspreis in den USA hätte.

Das Drogenangebot wird von der Nachfrage gesteuert, nicht umgekehrt. Einschnitte würden allerhöchstens die Zwischenhändler zu spüren bekommen. Illegale Drogen können so kostengünstig produziert werden, die Einstiegsbarrieren sind so niedrig und die potentiellen Gewinne so hoch, dass der Markt unweigerlich neue, willige Produzenten, Händler, Kuriere und andere Helfer hervorbringt. Die Drogenökonomie bietet urbanen Gesellschaftsgruppen auf anderem Wege kaum erreichbare Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten. Globalisierung und Transnationalisierung der Drogenwirtschaft haben diesen von Experten als »Ballon-Effekt« bezeichneten Mechanismus weiter verstärkt: Wird der Ballon an einer Stelle zusammengedrückt, bildet sich an anderer Stelle eine neue Blase. Die offiziellen Erfolgsmaßstäbe – Tonnen beschlagnahmter Drogen, vernichtete Anbauflächen, Anzahl der Verhaftungen – sind deshalb ähnlich trügerisch wie die »body counts« des Vietnamkrieges. Die Misserfolge sind keineswegs auf den Mangel an Willen oder Ressourcen zurückzuführen, wie politische Hardliner gern behaupten, sondern auf die Struktur des Drogenmarktes.

Das wird auch bei einer näheren Betrachtung der US-amerikanischen Drogenbekämpfungsmaßnahmen der 80er und frühen 90er Jahren deutlich. Das Hauptziel waren damals die berüchtigten kolumbianischen Drogenkartelle, die die Kokapflanzen größtenteils aus Peru und Bolivien importierten. Eine Vernichtung der Organisationen, so erhofften sich die Behörden, würde die Verteilungslinien unterbrechen und die Preise erhöhen. Die Zerschlagung der Kartelle von Medellin und Cali veränderte jedoch lediglich die Struktur der Drogenindustrie und schuf Raum für viele kleine Produzenten und Zwischenhändler, deren Geschäftsidee die kolumbianischen Zeitung »El Tiempo« mit „etwas exportieren, viel verdienen, wenig Aufmerksamkeit erregen“ beschrieb. Schnell füllten aufstrebende mexikanische Verbrechenssyndikate das entstandene Vakuum und lösten die Kartelle als Hauptverteiler von Kokain an die Vereinigten Staaten ab. Der Preis der kolumbianischen Gesellschaft für das von den USA geforderte Vorgehen gegen die Kartelle war hoch. Hunderte von Regierungsbeamten, Richtern, Polizisten oder Journalisten, inklusive des Justizministers Rodrigo Lara Bonilla, des Generalstaatsanwalts Mauro Hoyos Jiménez und des liberalen Präsidentschaftskandidaten Luís Carlos Galán, fielen der Rache der Drogenbosse zum Opfer. Korruption und Angst infizierten so gut wie jede staatliche Institution, die mit der Drogenbekämpfung befasst war. Regelmäßig wurden Polizisten und Militärs von Drogenhändlern für das Übersehen von Laboren oder Transportwegen bezahlt. Es ist davon auszugehen, dass die schlechte Bezahlung der Sicherheitskräfte und die weitere Einbeziehung des Militärs in die Drogenbekämpfung auch in Zukunft die Verbindungen zwischen Militär und Drogenbaronen vertiefen werden.

In den 90er Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der amerikanischen Initiativen vom Handel auf den Anbau und damit von den Schmugglern auf die Landbevölkerung. Zur Reduzierung der Produktionsmenge wurden Mitte der 90er Jahre massive Pestizid-Sprühprogramme in Peru, Bolivien und Kolumbien begonnen, die im Rahmen von »Plan Colombia« fortgesetzt werden. Allein im Rahmen der Großoffensive »Push into Southern Colombia« wurden nach offiziellen Angaben zwischen Juli und Oktober 2002 mehr als 60.000 Hektar Bodenfläche für den Kokaanbau unfruchtbar gemacht. Eine UN-Studie dokumentierte einen Rückgang der Koka-Anbauflächen um etwa 30%. Doch die Erfahrungen relativieren den Wert dieses Sieges: Trotz der Sprühprogramme lag die Gesamtanbaufläche für Koka in der Andenregion innerhalb des letzten Jahrzehnts relativ konstant bei 200.000 Hektar (bereits ein Bruchteil davon würde zur dauerhaften Deckung des Weltbedarfes von Kokain ausreichen).2 Vernichtete Versorgungswege werden schnell ersetzt, neue Helfer rekrutiert und neue Flächen erschlossen. Die Produktion verlagert sich tiefer in die unzugänglichen Dschungel und Grenzregionen des Amazonasgebietes, wo keine staatliche Autorität existiert und wo sich die Sicherheitskräfte kaum hinwagen. Auch wenn kolumbianische Offizielle behaupten, jährlich Koka für die Produktion von 200 Tonnen Kokain – rund ein Drittel des Weltbedarfes – zu vernichten, werden die neuen Programme im südlichen Kolumbien trotz kurzfristiger Erfolge kaum Einfluss auf die regionale Kokainproduktion oder den Straßenpreis in den USA haben. Dennoch bleibt die Alternative – die mit einer kontrollierten Dekriminalisierung von Konsum und Drogenmissbrauch verbundene präventive bzw. therapeutische Reduzierung der Nachfrage in den amerikanischen Großstädten – für die Drogenbehörden eine weitgehend tabuisierte Option.

Gesellschaft im Belagerungszustand

Die Militarisierung der Drogenbekämpfung hat in den letzten Jahren unweigerlich auch zur Verschärfung der gesellschaftlichen Spannungen und zur Eskalation des bewaffneten Machtkampfes zwischen Regierung, Guerillas und Paramilitärs beigetragen. Die Zivilbevölkerung wird mehr und mehr zur Zielscheibe im Kampf um die Kontrolle über Drogenplantagen und Absatzwege. Für die marxistischen Rebellen ebenso wie die rechtsgerichteten Paramilitärs – die für einen großen Teil der Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien verantwortlich sind und deren Verbindungen mit Teilen des kolumbianischen Militärs immer wieder kritisiert werden3 – stellt die globalisierte Drogenökonomie die Grundlage der eigenen Konkurrenzfähigkeit innerhalb des Bürgerkrieges dar. Während die FARC hauptsächlich an der Erhebung von »Revolutionssteuern« verdient, macht der Kopf und Gründer des paramilitärischen Dachverbandes »Autodefensas Unidades de Colombia« (AUC) keinen Hehl daraus, dass die Organisation sich zu 70% durch die Einnahmen aus dem Drogengeschäft finanziert. Derselbe Castano spricht in Interviews erschreckend offen über „unvermeidliche Exzesse“ im patriotischen Kampf gegen die „kommunistische Bedrohung“.

Soziale Apartheid und die fortschreitende Erosion rechtsstaatlicher Strukturen in Kolumbien werden auch durch den Krieg gegen die kolumbianische Landbevölkerung, Gewerkschaften und alternative soziale Bewegungen verschärft, den die Regierung in Bogotá mit mehr oder minder offener Unterstützung aus Washington unter dem Deckmantel der »Politik der demokratischen Sicherheit« seit geraumer Zeit führt. Die für den Koka- und Mohnanbau geeigneten Flächen sind meist identisch mit traditionellen Anbaugebieten für die lokale, kleinflächige Landwirtschaft. Durch die Pestizid-Programme werden neben den Koka-Pflanzen auch andere Anbauprodukte wie Weizen oder Gemüse vernichtet oder das Ökosystem des Amazonasgebietes geschädigt, welches den Lebensraum vieler indigener Volksgruppen bildet. Den armen Bauern bietet sich kaum eine Alternative zum Kokaanbau, da andere Agrarprodukte durch die rigiden US-Schutzzölle nicht rentabel für den Export produziert werden können. Die Vernichtung der Ernte bedeutet für sie auch die Zerstörung ihrer Existenzgrundlage. Die zwangsläufige Folge ist eine Migrationsbewegung von Kleinbauern und Landarbeitern im nördlichen Choco sowie in Putumayo und Amazonia in Südkolumbien, die viele direkt in die Arme der verschiedenen Rebellengruppen oder der Paramilitärs treibt. Wer nichts zu essen hat, ist da nicht sehr wählerisch. Menschenrechtsorganisationen, wie amnesty international und Codhes, gehen von mittlerweile zwischen 2,2 und 2,7 Millionen Bürgerkriegsflüchtlinge in Kolumbien aus – eine gewaltige transnationale Diaspora, die gleichzeitig auch die Basis für das Florieren der Drogenwirtschaft darstellt. Der »Push into Southern Colombia« wird dem einige Zehntausend hinzugefügt haben.

Für die USA ist Kolumbien nicht zuletzt auf Grund seiner geostrategischen Lage von Bedeutung. Angesichts zunehmend kritischer Stimmen aus Latein- und Südamerika hat sich Washington mit den großzügigen Finanzspritzen im kolumbianischen Präsidenten, Álvaro Uribe, einen treuen Verbündeten herangezogen, der als eines von wenigen südamerikanischen Staatsoberhäuptern auch die Irak-Politik der USA vorbehaltlos unterstützte. Als außenpolitisches Instrument dient »Plan Colombia« mehr den Sicherheitsinteressen der USA im amerikanischen »Hinterhof«, denn der tatsächlichen Reduzierung des Drogenexportes. Trotz ihrer weitgehenden »Entideologisierung« gehören die ursprünglich marxistisch-leninistisch orientierte FARC oder die kleinere »Ejército de Liberación Nacional« (ELN) zu den letzten, operationsfähigen Guerilla-Organisationen der westlichen Hemisphäre, deren Bekämpfung für viele Militärs und hochrangige Angehörige der US-Administration die letzte Schlacht gegen den globalen Kommunismus darstellt.

Ein weiteres starkes Motiv bilden wirtschaftliche Interessen. Enorme Wachstumsraten und fehlende arbeitsrechtliche Regularien machen Kolumbien zu einem Investitionsparadies für große US-Firmen. Dabei geht es vor allem um die Zugangssicherung für amerikanische Unternehmen zu den Rohstoffvorräten der Region, die nach Chile den stärksten Wachstumsmarkt in Südamerika bildet. Kolumbien gehört zu den weltgrößten Exporteuren von Qualitätskaffee, Bananen und Edelsteinen, besitzt große Gold- und Kohlevorkommen und ist drittgrößter Erdölproduzent Lateinamerikas. Hinzu kommen wertvolle Tropenhölzer oder die schier unerschöpfliche Flora und Fauna Amazoniens, die für wissenschaftliche und wirtschaftliche Zwecke gleichermaßen interessant ist und für deren Ausbeutung es so gut wie keine ökologischen oder sozialen Beschränkungen gibt.4 An mehr Transparenz in dieser Hinsicht sind weder die Machthaber in Washington noch die konservative Regierung in Bogotá interessiert. Der politische Konflikt zwischen den legalen staatlichen Eliten Kolumbiens und den Guerillas, deren erklärtes politisches Ziel die Verbesserung der Lebensbedingungen der Landbevölkerung ist, wird deshalb schon aus strategischen Gründen aufrechterhalten. Im Kern stellt das entterritorialisierte System des Drogenhandels das verbindende Element zwischen Teilen der politischen und militärischen Eliten der Andenregion, ausländischen Investoren, Guerillas, Paramilitärs und der privatwirtschaftlichen Drogenmafia dar. Sie alle streben die Kontrolle an über die Anbauregionen, die Exportkorridore für die Drogen und die Importkorridore für Chemikalien zur Drogenherstellung, Waffen oder andere Handelsgüter. Die mit diesem Machtkampf verbundene Zunahme von Gewalt, Morden und anderen Menschenrechtsverletzungen dient im Gegenzug zur Rechtfertigung für verschärfte Sicherheitsmaßnahmen und die weitere Aufweichung demokratischer Bürgerrechte. Nicht zu Unrecht haben unabhängige Analysten immer wieder argumentiert, dass die einflussreiche amerikanische Drogenbekämpfungs-Industrie an der kontrollierten Überwachung des organisierten Drogenhandels mehr interessiert ist, als an dessen Eindämmung.

»Ein Haufen gesetz- und gottloser Rambos«

Der globale Anti-Terrorkrieg hat für die Situation in Südamerika weitreichende Konsequenzen. Drogen- und Terrorismusbekämpfung sind in Kolumbien kaum mehr voneinander zu trennen. FARC, ELN und AUC befinden sich allesamt auf der Liste ausländischer Terrororganisationen des amerikanischen State Department und der EU. Vergleiche mit islamistischen Terrorgruppen wie Al Qaida, Hamas oder Islamiyya al Gammat gehören in Washington ebenso zur üblichen Rhetorik wie die Gleichsetzung von Drogen mit Massenvernichtungswaffen.5 Der vom Kongress ausgegebene Blanko-Check zur Terrorbekämpfung hat dazu geführt, dass für die Drogenbekämpfung bewilligte Geldmittel nicht mehr zwangsläufig an diese gebunden sind. Materielle oder personelle Hilfen waren nicht zuletzt unter dem Druck unabhängiger Experten und NGOs selbst im Rahmen von »Plan Colombia« gesetzlich auf die neu gegründeten »counter-narcotics units« beschränkt und durften ausschließlich für Maßnahmen zur Drogenbekämpfung verwendet werden. Innerhalb des letzten Jahres sind viele dieser Beschränkungen aufgeweicht worden. Im August 2002 bewilligte der US-Kongress erstmals Gelder für die Terrorismusbekämpfung in Kolumbien.

Die Auflösung der Grenze zwischen dem »war on drugs« und dem »war on terror« in Kolumbien bleibt im öffentlichen Diskurs trotz der engagierten Arbeit verschiedener NGOs nicht nur weitgehend unbeachtet, sie ist auch mit dem zunehmenden Einsatz privater Sicherheits- und Militärunternehmen (Private Military Companies) verbunden. Die Strategie des »outsourcing«, die von Privatunternehmen ebenso wie vom US-Außenministerium und dem Pentagon praktiziert wird, schränkt die Möglichkeiten der Kontrolle ein und hat den Sicherheitssektor in den USA zu einem expandierenden Wirtschaftszweig gemacht. Der juristisch unklare Status der Unternehmen, die von der kolumbianischen Wochenzeitung »Semana« als „Haufen gesetz- und gottloser Rambos“ bezeichnet wurden, verschleiert die Verantwortlichkeiten. Eine strafrechtliche Verfolgung wegen der Teilnahme an Aktionen, die zum Tode von Zivilisten führen (z.B. Flächenbombardements gegen von Guerillas kontrollierte Dörfer), ist praktisch kaum möglich. Die »Angestellten« dieser privaten Sicherheitsdienste, fast ausschließlich ehemalige Militärangehörige, übernehmen den Schutz von Öl-Pipelines oder Elektrizitätswerken, beraten, trainieren und begleiten kolumbianische Einheiten aber auch bei Aufklärungsmissionen oder Kampfeinsätzen. Die mögliche Höchstzahl (»troop cap«) amerikanischer Militärangehöriger und privater Vertragspartner wurde durch das »Foreign Aid Law« Mitte 2002 auf ein Verhältnis 400 zu 400 festgelegt. Die vom US-Außenministerium veröffentlichten Angaben beziehen sich allerdings nur auf amerikanische Staatsbürger, deshalb sind viele private Sicherheitsunternehmen dazu übergegangen, Angehörige anderer Nationalitäten anzustellen. Die tatsächliche Zahl der in Kolumbien aktiven Söldner dürfte also weitaus höher liegen.6

Kolumbien ist heute nach Israel und Ägypten der drittgrößte Empfänger amerikanischer Militärhilfe. Die von der US-Regierung für die Zeit nach dem Ende von »Plan Colombia« im September 2005 offiziell angestrebte »Kolumbianisierung« des Konfliktes ist weder machbar noch liegt sie im Interesse der Beteiligten. Allein die involvierten privatwirtschaftlichen Aspekte und Machtkämpfe machen die Entwicklung von Lösungsstrategien für NGOs kompliziert und wie die Vergangenheit gezeigt hat, auch gefährlich. Kritische Stimmen werden vor allem durch die Paramilitärs, die zunehmend die schmutzige Arbeit für das vorbelastete Militär übernehmen, gewaltsam unterdrückt oder als kommunistische Sympathisanten der Guerillas denunziert. So lange Kolumbien als quasi rechtsfreier Raum für den Raubtierkapitalismus internationaler Großunternehmen attraktiv ist, effektive Sozialprogramme bei der finanziellen Unterstützung weitgehend ausgespart bleiben, ganze Bevölkerungsschichten im politischen System nicht repräsentiert werden, wird der Bürgerkrieg weitergehen; so lange weder der kolumbianische Staat noch die USA daran interessiert ist, die Ursachen für die Entstehung der Paramilitärs und der Guerillas zu beseitigen, wird auch die Bekämpfung der Netzwerke von Drogenproduktion und -handel kein erfolgreiches Ende finden.

Anmerkungen

1) Zu den Zahlen vgl. James A. Inciardi: The War on Drugs III: The Continuing Saga of the Mysteries and Miseries of Intoxication, Addiction, Crime, and Public Policy, New York, 2001.

2) U.S. State Department: International Narcotics Control Strategy Reports 1996-2002, http://www.ciponline.org/colombia/cocagrowing.htm.

3) Human Rights Watch: The Sixth Division: Military-paramilitary – Ties and the U.S. Policy in Colombia, Washington, D.C., 2001. Zuletzt auch Blätter für deutsche und internationale Politik 10/2003, S. 1239-1242.

4) Verschiedenes davon wurde zuletzt von dem Journalisten Thomas Kistner beschrieben: Thomas Kistner: Die Toten von Leticia – Organraub, Kokainschmuggel und Menschenjagd am Amazonas, München, 2003.

5) Vgl. z.B. den Bericht des CIA-Direktors George Tenet vor dem Senate Select Committee on Intelligence (Washington, D.C., 06.02.2002), http://www.cia.gov/cia/public_affairs/speeches/dci_speech_02062002.html

6) Nach offiziellen Angaben hatten im letzten Jahr drei solcher in Kolumbien aktiver Firmen Verträge mit dem US-Außen-, 17 weitere mit dem US-Verteidigungsministerium (unter ihnen DynCorp, Lockheed Martin, Northrop Grumman, AirScan, California Microwave oder Helikopterproduzent Sikorsky and Bell Textron). Siehe dazu: Peter Singer: Corporate Warriors – The Rise of the Privatized Military Industry, New York, 2003.

Michael Funk arbeitet als freier Autor in Berlin. Er hat in Washington als »legislative assistant« für Americans for Democratic Action (ADA) gearbeitet und sein Studium der Amerikanistik und neueren Geschichte mit einer Magisterarbeit zu »War on Drugs« abgeschlossen.

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