in Wissenschaft & Frieden 2003-4: Friedensforschung

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Konversion ist tot… es lebe die Konversion

von Peter Croll und Marc von Boemcken

Im Bereich der Wirtschaft bezeichnet Konversion die Umstellung des Produktionsprogramms eines Unternehmens auf andere Güter. Als vor fast zehn Jahren das Internationale Konversionszentrum in Bonn (BICC – Bonn International Center for Conversion) gegründet wurde, war in diesem Zusammenhang eine ganz bestimmte Art der Umstellung gemeint: Die Umwandlung militärischer Potenziale in zivile. In diesem Prozess soll das BICC – so wurde es bei der Gründung festgelegt – „als operativer Teil der Abrüstung“ wirken, bei der praktischen „Umsetzung von Demilitarisierung den notwendigen Transformationsprozess beschleunigen“ und die „entstehenden Kosten mindern“.
Schwerter zu Pflugscharen, dieses Sinnbild entspricht sicher dem, was man weitläufig unter einer »militärischen Konversion« versteht. Tatsächlich ist das Arbeitsspektrum aber wesentlich breiter. Sechs sich zum Teil überschneidende Aufgabenbereiche lassen sich im Zusammenhang dieser »klassischen« Rüstungskonversion zunächst voneinander unterscheiden:

Allein die sich bereits hier aus allen sechs Teilbereichen ergebende Vielfältigkeit der Herausforderungen lässt die mit einem umfassenden Konversionsprozess verbundene Komplexität erahnen. Es liegt auf der Hand, dass deren anwendungsorientierte und wissenschaftliche Bearbeitung einen zutiefst multidisziplinären Ansatz verlangt, der sowohl technische und ökonomische als auch politische und soziale Faktoren zu berücksichtigen hat. Als eine im Kern unabhängige Beobachtung und kritische Analyse der oben beschriebenen Konversionsprozesse, erstellt das BICC Empfehlungen für eine möglichst friktionslose Konversionsbewältigung, die verschiedene wissenschaftliche Perspektiven in sich bündeln und zu kombinieren versuchen.

Im populären Sprachgebrauch ist der Begriff der Konversion im Gegensatz zu diesem breiteren Verständnis häufig noch sehr eng einem ganz bestimmten historischem Bezugspunkt verhaftet. Gemeint ist natürlich ein sehr spezielles Konzept der Rüstungskonversion, das als ein vor allem politisches Unternehmen, die bestehenden Abrüstungserfordernisse unmittelbar nach Ende des »Kalten Krieges« möglichst reibungslos abzuwickeln versuchte. Die immer wieder gehörte Hoffnung auf eine »Friedensdividende« bezeichnete hierbei den aus der Freistellung von bisher militärisch genutzten Ressourcen für zivile Zwecke zu erwartenden Gewinn. Konversion war in diesem Sinne also vor allem ein kosten- und nutzungsorientierter Vorgang, eher utilitaristisch als idealistisch motiviert.

Schon bald wurden jedoch, aus den verschiedensten Gründen, die mit den Schlagworten »Schwerter zu Pflugscharen« und »Friedensdividende« umschriebenen Hoffnungen auf einen im großen und ganzen unproblematischen und profitablen Konversionsprozess enttäuscht. Die weltweiten Militärausgaben sind zwar im Zeitraum zwischen 1988 und 1998 um bis zu einem Drittel gesunken, trotzdem hat es aber – insbesondere in Osteuropa und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion – nicht unbedingt die vielfach erwartete direkte Verbindung zwischen einem sinkenden Verteidigungshaushalt und einer positiven sozio-ökonomischen Entwicklung gegeben. Im Westen manifestierte sich die Friedensdividende darüber hinaus nicht in der erhofften Steigerung von Sozialausgaben oder, wie im »Bericht zur menschlichen Entwicklung« von den Vereinten Nationen 1994 vorgeschlagen, in einer erhöhten Entwicklungshilfe, sondern in einer Reihe von »unsichtbaren« Bereichen außerhalb des öffentlichen Sektors, z.B. in der Senkung der Netto-Neuverschuldung. Hinzu kommt, dass die direkte Umstellung von Rüstungsproduktionskapazitäten sich häufig als eine zivilwirtschaftliche Fehlallokation erwies. Der zu einer erfolgreichen Konversion nötige immense Kapitaleinsatz wurde vielfach unterschätzt. In Deutschland wurde im Laufe der 90er Jahre, insbesondere nach dem durchaus erfolgreichen Abschluss einer Reihe von nötigen Liegenschaftskonversionen, die Nachfrage nach einer Rüstungskonversion – zumindest in Bezug auf das Erbe des Ost-West Konflikts – immer geringer.

Der folgende Artikel versucht über die sowohl geographischen als auch thematischen Begrenzungen eines derart »engen«, historisch behafteten und rein finanziell ausgerichteten Konversionsverständnisses hinauszudenken. Wird die Konversionsidee den aktuellen sicherheitspolitischen Bedingungen und Erfordernissen angepasst, dann ist sie mitnichten »tot«. Im Gegenteil, der Beginn des neuen Jahrtausends bleibt eine Zeit des unbestreitbaren militärischen und sicherheitspolitischen Umbruchs, der in seiner wissenschaftlichen Begleitung von einer multidisziplinären Herangehensweise an komplexe Transformationsprozesse nur profitieren kann. In diesem Zusammenhang bleibt Konversionsforschung, auch ohne die ursprünglichen Vorgaben seitens der erwünschten »Friedensdividende«, unverzichtbar.

Konversion, Sicherheit und Entwicklung

In Erweiterung des oben skizzierten utilitaristischen Prinzips soll der Konversion, und insbesondere der Konversionsforschung, zunächst eine normative Grundannahme unterstellt werden. Dieser Erweiterung liegt die Einsicht zugrunde, dass Konversion nicht unabhängig von der Frage der Sicherheit behandelt werden darf. Der Wille zur Konversion ist ein implizites Eingeständnis der mit ihrer Erforschung befassten Perspektive. Sie beruht auf der Annahme, dass das Kollektivgut »Sicherheit« nicht mittels Aufrüstung oder Bewaffnung gewonnen wird. Vielmehr erzeugen militärische Mobilisierungsmaßnahmen in der Regel eine erhöhte Unsicherheit – eine paradoxe Logik, die der Politikwissenschaftler John Herz1 während des »Kalten Krieges« als ein im internationalen System fest verankertes Sicherheitsdilemma erkannte. Die Hypothese lautet, dass der Versuch durch steigende Militärinvestitionen ein sowohl subjektiv empfundenes als auch objektiv verifizierbares Sicherheitspotenzial zu produzieren, den gegenteiligen Effekt zur Folge hat, nämlich mehr Instabilität und Unsicherheit.

Hier hinterfragt die Konversionsforschung sowohl die theoretischen Axiome als auch die praktischen Konsequenzen orthodoxer Sicherheitsvorstellungen. Wirkliche Sicherheit kann nämlich in diesem Sinne nur das Ergebnis eines nachhaltigen sozio-ökonomischen Demilitarisierungsprozesses, sprich einer Konversion, sein.

Der Rahmen für eine thematische Erweiterung des Konversionsbegriffes folgert aus dem ihm innewohnenden Imperativ der Demilitarisierung. Konversion erscheint jetzt nicht mehr als die reine Umwandlung ehemals militärisch genutzter Kapazitäten im Interesse eines zivilwirtschaftlichen oder öffentlichen Nutzungsanspruchs. Konversion ist darüber hinaus die Verminderung des Einsatzes militärischer Instrumente gegenüber den Möglichkeiten ziviler Maßnahmen. Neben den anfangs erwähnten sechs »klassischen« Themengebieten lassen sich damit auch eine Reihe weiterer Aufgaben der Konversionsforschung zurechnen. So befasst sie sich mit der

Wenngleich diese Bereiche nicht unbedingt immer auf eine zivile Nutzungsumschichtung abzielen, so sind sie dennoch eine notwendige Vorraussetzung für eine durch Demilitarisierung gewonnene erhöhte Sicherheit. Konversion wird durch diese Erweiterung somit zu einem integralen Bestandteil einer konstruktiven Konfliktbearbeitungs- und -präventionsstrategie.

Wird Konversion in diesem Zusammenhang als Teil einer umfassenden Konfliktprävention verstanden, so muss sie sich des Weiteren an den Referenzpunkten eines sich verändernden Sicherheitsdiskurses orientieren. Auf internationaler Ebene wird Sicherheit zunehmend nicht mehr ausschließlich als das traditionelle »sichern« territorialer Integrität verstanden, sondern auch als der Schutz des Lebens und der Rechte aller Menschen. Als nunmehr vorrangiges Objekt der Sicherheitspolitik besitzt dieses Individuum ein Recht auf körperliche Unversehrtheit (vor direkter Gewalteinwirkung, Krankheiten, Hunger, etc.) und auf die Einbettung in eine stabile ökonomische Struktur als Lebensbasis. Unter dem Stichwort »human security« kann somit, zumindest in der Rhetorik, eine epistemologische Verschiebung des Sicherheitsbegriffes von der Wahrung der Souveränität spezifischer Staatsräume hin zu einem Interesse an dem Wohlergehens der Menschen darin beobachtet werden. Die Kommission der Vereinten Nationen für menschliche Sicherheit unter dem Vorsitz der früheren Hohen Kommissarin der UN für Flüchtlinge, Sadako Ogata, und des Nobelpreisträgers Amartya Sen benutzt diesen Sicherheitsbegriff: „to protect the vital core of all human lives in ways that enhance human freedoms and human fulfilment.“2 Und UN-Generalsekretär Kofi Annan reflektierte: „The demands we face also reflect a growing consensus that collective security can no longer be narrowly defined as the absence of armed conflicts.“3 Die von der UNDP vorgeschlagenen »Millenniums-Entwicklungsziele« zur Beseitigung der menschlichen Armut sind daher auch und vor allem eine Herausforderung an eine verantwortliche Sicherheitspolitik. Eine entsprechend ausgerichtete Konversionsforschung kann sich mitnichten nur auf ein kritisches Studium des politischen Realismus beschränken. Im speziellen Kontext der Verringerung militärischer und der Stärkung ziviler Gesellschaftsstrukturen, haben sie auch Fragen der Armutsbekämpfung und der Ressourcenumverteilung zu interessieren. So sind unverhältnismäßig hohe Militärausgaben noch immer in vielen Entwicklungsländern ein wesentlicher Faktor für weitverbreitete Armut. Dies wurde zum Beispiel besonders im noch nicht weit zurückliegenden Krieg zwischen Äthiopien und Eritrea, zwei der ärmsten Länder der Welt, sehr deutlich.

Armut selbst kann wiederum zur Quelle von Unsicherheit werden. Arme Menschen leben mit größerer Wahrscheinlichkeit in unsicheren Verhältnissen und sind eher bereit Gewalt anzuwenden, manchmal auch als Mittel zur Sicherung des Lebensunterhalts. Auch werden Armut und mangelnde Entwicklung häufig als Rechtfertigung für terroristische Aktivitäten angeführt. Zwar kommen Täter nicht unbedingt aus armen Familien, doch beziehen sie oft aus wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und Ausbeutung die Motivation und Rechtfertigung für ihre Taten. Aus Sicht der Konversionsforschung erscheint Armut also zuallererst als ein Sicherheitsproblem. Indem sie sich der Bekämpfung der Armut als eines zentralen Beitrags zur menschlichen Sicherheit annimmt, weist die Konversionsforschung somit eine Reihe von Berührungs- und sogar Überschneidungspunkten mit der Entwicklungspolitik und Entwicklungsforschung auf.

Die zum Teil erheblichen Verschiebungen in der internationalen Staatengemeinschaft nach Ende des »Kalten Krieges« haben, alles in allem, die Grundlage für ein Konversionsverständnis geschaffen, das über ihre »klassischen« Themenbereiche entscheidend hinausgeht. Im zweiten Teil dieses Artikels sollen zunächst die möglichen Aufgabenbereiche einer pro-aktiven, also konfliktverhütenden, Konversion etwas genauer umrissen werden. Vor diesem Hintergrund wird dann eine über das bisher beschriebene Konzept hinausgehende Erweiterung des Konversionsbegriffes auf den Bereich des zivil-militärischen »peace-keeping« diskutiert.

Entwicklungen und Perspektiven

Die 90er Jahre markierten nicht die Geburt einer friedlicheren Weltordnung, sondern eine erneute Verschärfung des sicherheitspolitischen Gefahrendiskurses. Der medienwirksame Zusammenbruch und die Fragmentierung – auch »Balkanisierung« – vieler Staatengebilde, etablierten sich als ein in seinen humanitären Auswirkungen häufig katastrophales Grundproblem der vielbeschworenen »Neuen Weltordnung«. Der hierin zu beobachtende Typus der Kriegsführung hatte sich von Clausewitz’ Idealmodell weit entfernt. Ein innerstaatlicher, asymmetrischer, hochgradig emotionalisierter Krieg rückte plötzlich in den Blickpunkt einer schockierten Öffentlichkeit. Er zeichnete sich besonders durch ein Verschwimmen der »militärischen« und der »zivilen« Domäne beim Treffen taktischer Entscheidungen aus. Die grausame Konsequenz war eine unmittelbare Einbeziehung der Zivilbevölkerung in die Kampfhandlungen. Unsicherheit war überall.

Neue Welt(Un)ordnung – Alte Aufgaben

Mit der verstärkten Wahrnehmung von »Bürgerkriegen« wandelten sich auch Kernthemen der Konversion. Der Beitrag der Konversionsforschung zu interdisziplinären Krisenpräventions- und -bearbeitungsstrategien in den Ländern des Südens rückte immer mehr in den Mittelpunkt der von ihr zu bewältigenden Aufgaben und verdrängte zunehmend die Entsorgung der Altlasten des Ost-West Konfliktes. Damit Konversion pro-aktiv zur Konfliktverhinderung wirken kann, müssen aber auch die Ursachen von Konflikten und die Strategien zu ihrer Überwindung analysiert werden.

Methodologisch lässt sich Forschung für eine pro-aktive Konversion in eine Makro- und eine Mikroebene aufteilen.

Die für die Konversion relevante makro-gesellschaftliche Konfliktanalyse befasst sich zum einen mit den gesellschaftlichen und politischen Strukturen, die eine nachhaltige Friedensordnung behindern, und zum anderen mit den gewaltfördernden ökonomischen Strukturen, die den Konflikt überlagern.

So werden erstens vor allem staatsinterne Krisen und gewaltsame Auseinandersetzungen durch entweder das Fehlen oder die verfassungswidrige Ausnutzung des staatlichen Gewaltmonopols immer wieder angefacht. Eine die menschliche Sicherheit berücksichtigende pro-aktive Konversion bedeutet hier die strukturelle Reform des Sicherheitssektors von einer »Privatisierung« der Gewalt hin zu einer der demokratischen Kontrolle unterworfenen »öffentlichen« Sicherheitsordnung.

Zweitens sind gerade afrikanische Kriege darüber hinaus häufig in regionale, wenn nicht gar internationale, ökonomische Verflechtungen eingebunden, die das Fortdauern von Kampfhandlungen unabhängig von konfliktinternen Dynamiken selbstständig fördern. Konversion kann hier als das Durchbrechen von – mit den Worten Johan Galtungs – »struktureller Gewalt« hin zu einer den »strukturellen Frieden« schaffenden sozio-ökonomischen Ordnung gedeutet werden.4 Die Konversionsforschung kann auf die meist komplexen Grundstrukturen dieser Konflikte hinweisen und Strategien für deren Überwindung formulieren.

Der »klassische« Aufgabenbereich der Konversion manifestiert sich allerdings weniger in einer strukturellen Konfliktanalyse als vielmehr in der mit ganz spezifischen Problematiken beschäftigten Mikrokonversion. Vor allem hier präsentieren sich viele Regionen – auch zehn Jahre nach Ende des »Kalten Krieges« – als eine große Herausforderung an die Friedensforschung. Pro-aktive Konversion kann insbesondere die im Moment abflauender Kampfintensität anlaufenden Friedensprozesse durch eine nachhaltige Entsorgung des Kriegsmaterials konsolidieren und vorantreiben. In einem Post-Konflikt Szenario fällt ihr zudem die schwierige Aufgabe zu, eine sowohl materiell abgesicherte als auch psychologisch sinnvoll betreute Wiedereingliederung ehemaliger Kombattanten – unter gleicher Berücksichtigung von Männern, Frauen und ganz besonders auch Kindern – in eine funktionierende Zivilgesellschaft zu ermöglichen. Es bleibt anzumerken, dass die Konversionsforschung – in Ergänzung ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit – in diesem Zusammenhang einen »consulting service« anbieten, also als eine von den Konfliktparteien unabhängige beratende Instanz für alle gesellschaftlichen Akteure dienen kann.

»Peace-keeping« als Konversionsprozess

Innerhalb des Strategie- und Militärdiskurses westlicher Streitkräfte sind tiefgreifende und andauernde Veränderungen zu beobachten, die einer wissenschaftlichen Begleitung bedürfen. Einerseits haben die Ereignisse des 11. September 2001 die ohnehin schon aggressive und dem Völkerrecht oft gleichgültig gegenüberstehende Sicherheitsstrategie der USA noch weiter verschärft. Andererseits, und ironischerweise häufig als Konsequenz eben dieser neuen Interventionspolitik, gewinnen auch von den Vereinten Nationen getragene militärische Friedenseinsätze zunehmend an Bedeutung. Wie die am 21. Mai 2003 vom Bundesministerium der Verteidigung herausgegebenen »Verteidigungspolitischen Richtlinien« noch einmal in aller Deutlichkeit betonen, werden nicht Kriegseinsätze, sondern friedenssichernde Maßnahmen der »Konfliktverhütung und Krisenbewältigung« die zukünftige Marschrichtung der Bundeswehr bestimmen. Nicht zuletzt die derzeitigen Erfahrungen in Afghanistan zeigen, dass selbst das Unterfangen zivilgesellschaftlicher Rekonstruktion eine militärische Komponente zumindest nicht ausschließen kann. Wie sich bei der Diskussion um die mögliche zivil-militärische Zusammenarbeit in den »Provincial Reconstruction Teams« (PRTs) herausgestellt hat, ist diese vermeintliche Notwendigkeit militärischer Fähigkeiten bei friedensfördernden Maßnahmen jedoch alles andere als unproblematisch. Bereits während der »peace-keeping« Einsätze auf dem Balkan prägte sich der denkwürdige Satz: „It’s not a job for a soldier, but only a soldier can do the job.“ Eine solche Aussage deutet darauf hin, dass ein fortan hauptsächlich mit »peace-keeping« Aufgaben betreutes Militär sich unter Umständen auf einschneidende Veränderungen einstellen muss. Hier eröffnet sich ein neuer Bereich für die Konversionsforschung. Paul Klemmer hat dies bereits 1995 erkannt: „Konversion [darf] nicht nur mit Transformation des Rüstungskomplexes in einen auf zivile Güter ausgerichteten Produktionskomplex gleichgesetzt werden, sondern kann auch als eine interne Umstrukturierung des Militärkomplexes selbst interpretiert werden.“5

Vor dem Hintergrund der nun plötzlich von der Weltgemeinschaft beachteten Bürgerkriege entstand am Anfang der 90er Jahre nicht nur die moralische Notwendigkeit, ein Konzept für »menschliche Sicherheit« zu entwerfen. Auch die Idee des »peace-keeping« und sogar »peace-enforcement« wurde in bis dato nicht gekannter Klarheit formuliert.6 Seiner alten Feindbilder und Aufgaben beraubt, nahm sich die Nordatlantische Allianz dieser Herausforderung dankbar an (Weißbuch 1994). Das aus dieser Vereinigung geborene Phänomen des »humanitären Krieges«7 entpuppte sich jedoch schnell nicht nur als ein begrifflicher Widerspruch, sondern auch – und vor allem – als ein das Militär selbst durchschneidender Widerspruch seines eigenen, historisch gewachsenen Selbstbildes. Denn erfolgreiches »peace-keeping« setzt, ungleich den Ausbildungserfordernissen des »Kalten Krieges«, ein radikales Umdenken militärischer Aufgaben und militärischer Doktrin voraus. Die notwendige Überwindung eines statischen Freund/Feind Schemas bedarf einer grundlegenden Transformation der strategischen und taktischen Einsatzgrundsätze des Militärs. Auch das mentale Selbstverständnis des »Soldat-sein« muss in den sich verändernden sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

Mit Rückblick auf die 90er Jahre und die andauernden Probleme militärischer »Friedenseinsätze« ist festzuhalten, dass sich der Militärkomplex westlicher Streitkräfte als gegenüber den neuen Aufgaben häufig als unflexibel herausgestellt hat. Konversionsforschung kann einen Beitrag dazu leisten, den nötigen inner-militärischen Wandel kritisch und unabhängig zu beobachten, zu analysieren und gegebenenfalls, durch anwendungsorientierte Beratung von Entscheidungsträgern und über die Öffentlichkeit, zu forcieren, um neue Perspektiven und Möglichkeiten zukünftiger Friedensoperationen, insbesondere für den Bereich der zivil-militärischen Zusammenarbeit, zu entwickeln und auf Schwierigkeiten hinzuweisen. Vor allem muss sie sich aber den inhärenten Widersprüchen der neuen Konzepte stellen, sich mit ihnen sowohl praktisch als auch theoretisch auseinandersetzen, und deren (Un)Möglichkeiten in Bezug auf potenzielle neue Krisenherde ausloten. Ein solches Unterfangen ist alles andere als einfach. Um der neuen Herausforderung des »peace-keeping« gerecht zu werden, muss der notwendige Wandel militärischer Denkmuster nämlich den originären Berechtigungsgrund des Militärischen, sprich die unbedingte Identifikation des Feindes, in Frage stellen.

Problemskizzen

Nachdem auf mögliche Richtungen einer Weiterentwicklung der Konversion, insbesondere in Richtung Entwicklung und Frieden, hingewiesen wurde, sollen abschließend zwei noch immer bestehende Problematiken kurz dargestellt werden. Die erste bezieht sich auf ein spezifisches Problem aktueller Kriege, die zweite auf den nach dem 11. September 2001 intensivierten Militarisierungstrend in den Vereinigten Staaten.

Die »neuen« Kriege der vergangenen Jahre, in Osteuropa und im Süden, weisen nicht nur auf die Dringlichkeit eines andauernden Nachdenkens über Chancen und Möglichkeiten der Konversion hin. Von einer anderen Perspektive aus betrachtet, stellen sie die Konversion selbst in Frage. Das grundlegende Konzept einer Konversion beruht nämlich auf der Annahme einer unproblematischen Existenz zweier klar voneinander zu unterscheidenden Domänen – dem »Militärischen« und dem »Zivilen«. Eine der vielleicht am besorgniserregendsten Charakteristiken vieler aktueller Kriege und Konflikte ist, dass genau diese beiden Kategorien ineinander zu verschwimmen drohen. Als Beispiel sei der Zerfall von Staatsstrukturen und die sich daraus ergebende Privatisierung des Sicherheitsmonopols genannt. Eine sinnvolle Konversion muss also häufig zuerst die Parameter erforschen, auf Grund derer sie überhaupt erst möglich wird. Dies ist zwar kein neues Problem für die Konversionsforschung – es stellt sich zum Beispiel auch durch die Problematik des »dual-use«-Charakters vieler moderner Technologien – aber seine Bedeutung nimmt zu.

Im Rahmen der von »präventiven Interventionen« bestimmten neuen US-Außenpolitik könnte sich der Konversionsforschung ein breites Tätigkeitsfeld unter dem Schlagwort »nation-building« eröffnen. Das Gebot der Stunde lautet Gesellschaftskonversion, der Übergang von Diktatur zu Demokratie. Wobei diese Frage sicherlich von hoher aktueller Brisanz ist, so muss sich die Konversionsforschung sehr hüten, sich nicht als beratendes Element einer aggressiven Interventionspolitik instrumentalisieren zu lassen, die die Welt nach westlichem Muster zu strukturieren versucht. Konversionsforschung ist mehr als nur die praktisch-utilitaristische Beratung zur Effizienzsteigerung bereits bestehender und als unproblematisch empfundener Sicherheitspolitik, sei es im Namen eines nationalen Interesses oder auch der menschlichen Sicherheit. Konversions- und Friedensforschung muss auch die ontologischen Grundlagen, Denkmuster und Diskurse hinterfragen, die eine solche Politik überhaupt erst in Erscheinung treten lassen und sich um die Formulierung realistischer Alternativen und Perspektiven bemühen.

Mit Hinblick auf ihre normative Grundeichung muss die Konversionsforschung – wie auch schon zur Zeit des »Kalten Krieges« – weiterhin eine Kritik orthodoxer Sicherheitsvorstellungen bleiben. Häufig wird der »Feind« erst im Moment seiner Kenntnisnahme und den damit verbundenen Abwehr- sprich Aufrüstungsmaßnahmen überhaupt erschaffen. Die zur Zeit stattfindende Popularisierung eines Weltbildes vom »clash of civilizations« (S. Huntington) – sei es von morgen- oder abendländischer Seite propagiert – hat den Bedarf nach realistischen und vor allem kritischen Antworten seitens der Wissenschaft deutlich erhöht. Eine sich ernst nehmende Konversionsforschung muss auf die einer permanenten Dialektik der (Un)Sicherheit verhafteten populärpolitischen Militarisierungsdiskurse hinweisen und Alternativen aufzeigen können, die stattdessen einen Beitrag zu wirklicher globaler Sicherheit, und somit menschlicher Entwicklung, zu leisten vermögen.

Unter Berücksichtigung der in diesem Artikel angerissenen Perspektiven stellt sich das BICC den vielfältigen neuen Aufgaben der Konversionsforschung mit seinem gewandelten Profil. Nach wie vor verstehen wir Konversion als einen Prozess, der darauf abzielt, Sicherheit und Entwicklung zu unterstützen. Unser Hauptanliegen ist es, die zu diesem Zweck unterschiedlichen politischen, sozialen und ökonomischen Erfordernisse und Entwicklungen durch anwendungsorientierte wissenschaftliche und beratende Arbeit zu untermauern und zu forcieren. Die Notwendigkeit hierzu hat auch lange nach Ende des »Kalten Krieges« nicht abgenommen. Im Gegenteil, insbesondere nach den Anschlägen des 11. September 2001 erscheint vielen die Welt unsicherer als jemals zuvor. Das BICC als internationaler Think Tank und Beratungseinheit setzt sich somit verstärkt auf nationaler und internationaler Ebene mit konversionsrelevanten Fragen dieser neuen Unsicherheit auf interdisziplinäre, praxisorientierte und vor allem innovative Weise auseinander.

Anmerkungen

1) John Herz: Das Sicherheitsdilemma im Atomzeitalter. In: Weltpolitik im Atomzeitalter, Stuttgart, 1950, S. 130-7.

2) Human Security Now, Final Report of the Commission on Human Security, 2003, S. 4.

3) Kofi Annan: Report of the Secretary-General on the Work of the Organization, General Assembly Official Records Fifty-fifth session Supplement No.1 (A/55/1), New York, United Nations, 2000, p.4.

4) Johan Galtung: Frieden mit friedlichen Mitteln,Leske + Buderich, Opladen, 1998.

5) Paul Klemmer: Konversion – Dimensionen eines komplexen Forschungsfeldes. In: Konversion – Herausforderung für Wissenschaft und Forschung, BICC Report 7, Bonn, 1995, S. 16.

6) Boutros Boutros Ghali: Agenda for Peace, 1993.

7) Adam Roberts: Humanitarian War – military intervention and human rights. In: International Affairs, 69(3), 1993.

Peter Croll ist Direktor des Internationalen Konversionszentrums Bonn (BICC) Marc von Boemcken ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am selben Institut

in Wissenschaft & Frieden 2003-4: Friedensforschung

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