in Wissenschaft & Frieden 2002-2: Frauen und Krieg

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Gender im Konflikt

Ein Werkstattgespräch der AFK

von Anja Feth und Nana Heidhues

Warum und in welcher Hinsicht ist die Kategorie Gender für die zivile Konfliktbearbeitung von Bedeutung? Inwiefern würden sich Projektplanung/-durchführung sowie Ausbildung von Friedensfachkräften ändern (müssen), wenn die geschlechtsspezifischen Dimensionen von Konflikten – und daraus resultierend der Konfliktbearbeitung – die notwendige Berücksichtigung fänden? Auf welche Erfahrungen kann hier bislang zurückgegriffen werden? Zu einer Auseinandersetzung mit diesen dringenden Fragen lud am 18. Januar 2002 die Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung (AFK) zu einem Werkstattgespräch in Berlin ein.
Unter dem Titel »Zur Kategorie Gender in der zivilen Konfliktbearbeitung« versammelte die Tagung Praktikerinnen, Policymakerinnen und Wissenschaftlerinnen mit dem Schwerpunkt zivile Konfliktbearbeitung und/oder Gender zu einem Austausch. Denn während das Instrument des Gender-Mainstreaming in der Entwicklungszusammenarbeit mittlerweile fest verankert ist, findet eine Reflexion über die Bedeutung der Kategorie Gender im Rahmen der zivilen Konfliktbearbeitung kaum statt. Zwar war die Tagung ursprünglich nicht als reine Frauenveranstaltung konzipiert, jedoch fand von den eingeladenen männlichen Vertretern aus Theorie und Praxis bedauerlicherweise keiner den Weg ins Harnack-Haus.

Nach einer kurzen Begrüßung durch die derzeitige Frauenbeauftragte des AFK, Dr. Ruth Stanley (Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft, Freie Universität Berlin), zugleich Initiatorin und Organisatorin des Werkstattgespräches, begann die Tagung mit einem Beitrag aus der Wissenschaft. Cordula Reimann (School of Peace Studies, Universität Bradford, England) schuf mit ihrem Eingangsreferat eine gemeinsame theoretische Basis, auf welcher der weitere Tages- und Diskussionsverlauf aufbauen konnte. Sie thematisierte u.a. die verschiedenen Handlungsebenen der zivilen Konfliktbearbeitung, auf denen Frauen sehr unterschiedlich stark vertreten sind. Während zivilgesellschaftliche Anstrengungen der Konfliktbearbeitung oft von Frauen maßgeblich mitgetragen werden, sind sie von den offiziellen Friedensverhandlungen meist ausgeschlossen.

Der von Cordula Reimann dargestellte theoretische Zugang wurde anschließend mit praktischen Erfahrungen aus dem bosnischen Friedensprozess untermauert. Sabine Klotz von der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) in Heidelberg war im Jahr 2000 als Mitglied verschiedener OSZE-Missionen in Bosnien; Dr. Martina Fischer ist am Berghof-Zentrum für konstruktive Konfliktbearbeitung in Berlin tätig. Beide Beiträge führten anschaulich vor Augen, dass und in welcher Weise gewaltsame Konflikte und Friedensprozesse keineswegs Gender-neutral sind, sondern im Gegenteil in je spezifischer Weise auf Frauen und Männer wirken und daher auch auf zugrunde liegende gesellschaftliche Geschlechterverhältnisse. So wurde beispielsweise auf den Zusammenhang zwischen der Traumatisierung bosnischer Kämpfer und dem deutlichen Anstieg innerfamiliärer Gewalt in der Post-Konfliktphase hingewiesen. Detraumatisierungsprogramme für ehemalige Kämpfer, so der Vorschlag, müssten die Militarisierung der männlichen Geschlechterrolle gezielter thematisieren.

Deutlich wurde vor allem eines: Gender darf auf keinen Fall als isolierte Kategorie verstanden werden, sondern muss im Gegenteil immer in Zusammenhang mit historischen, kulturellen und religiösen Machtverhältnissen gesehen werden. Diese wirken sich in einem »gender-culture-double-bind« (Reimann) auf Geschlechteridentitäten und -verhältnisse aus. Die Frage lautet also, wie im Rahmen von ziviler Konfliktbearbeitung die Partizipation einheimischer Frauen gefördert werden kann, wenn eben diese mit bestehenden gesellschaftlichen Normen kollidiert. (Zum Beispiel dann, wenn Bosnierinnen nicht an politischen Veranstaltungen teilnehmen können, weil es ihnen nicht erlaubt ist, abends alleine das Haus zu verlassen. Auch neu geschaffene Ausbildungsprogramme für Frauen und Mädchen oder die Einführung einer Frauenquote für nationale Parlamente können nur erfolgreich sein, wenn sie die Lebensrealitäten der Frauen berücksichtigen.)

Kulturell festgeschriebene Geschlechterrollen machen sich im Übrigen auch für weibliche Mitglieder einer Friedensmission bemerkbar: Sabine Klotz wurde in Bosnien damit konfrontiert, als Frau bei der Bevölkerung auf geringere Akzeptanz zu stoßen und vor allem von einheimischen Männern weniger ernst genommen zu werden als ihre männlichen Kollegen. Tatsächlich wirkt sich jedoch die Beteiligung von Frauen an internationalen Friedensmissionen entscheidend darauf aus, welche Informationen die ausländischen Friedensfachkräfte erhalten. So wollen bzw. dürfen einheimische Frauen oft nicht mit ausländischen Männern über erfahrene Gewalt oder ihre spezifische Lebenssituation nach dem Konflikt sprechen. Eine rein männlich besetzte Mission läuft also Gefahr, nur die halbe (Konflikt-)Wahrheit zu erfahren. Ein weiteres Problem, welches sich an die hauptsächlich männliche internationale Präsenz in Krisengebieten knüpft, darf von internationalen Organisationen auf keinen Fall (weiter) ignoriert werden: In Bosnien wie in vielen anderen Gebieten muss seit dem Beginn der Einsätze internationaler (militärischer und ziviler) Friedensmissionen eine deutliche Zunahme von Prostitution und Frauenhandel registriert werden sowie ein drastischer Anstieg von HIV-Erkrankungen. Die Tagungsteilnehmerinnen stimmten darin überein, dass ein umfassendes Gender-Training nicht nur zur Grundausbildung von Friedenspersonal gehören muss, sondern auch praxisorientierter gestaltet werden sollte, als dies bisher geschieht (z.B. mit Rollenspielen).

Im weiteren Diskussionsverlauf wurden auch Maßnahmen der gesellschaftlichen Wiedereingliederung von ehemaligen Kämpfern problematisiert. Die anerkannte und weit verbreitete Methode, Exkombattanten Arbeitsplätze zu verschaffen, um ihre Re-Integration zu unterstützen, kann durchaus ambivalente Wirkungen erzielen. Werden hier möglicherweise unbeabsichtigt Täter bevorzugt behandelt? Welche Signale werden dabei an Frauen gesendet, die Opfer von Vergewaltigungen und sexueller Folter wurden? Könnte eine – ohne Zweifel notwendige und extrem wichtige – Wiedereingliederung von Exkombattanten dieser Gefahr entgehen, indem z.B. gleichzeitig gezielte Ausbildungs- und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen für Frauen angeboten werden?

Insgesamt waren sich alle Teilnehmerinnen einig in der Feststellung, dass dieses Werkstatt-Gespräch nur der Ausgangspunkt für eine zukünftige intensive Beschäftigung mit geschlechtsspezifischen Fragestellungen innerhalb der zivilen Konfliktbearbeitung sein könne. Zu viele Fragen blieben unbeantwortet; neue wurden aufgeworfen. Die Forschungslücke klafft beträchtlich zwischen der Erkenntnis, dass Konflikte in ihren geschlechtsspezifischen Dimensionen aus der Mainstream-Perspektive nur unvollständig wahrgenommen und erfasst werden können und der Tatsache, dass sich Gender als analytische Kategorie bisher nicht hat etablieren können. Aufgabe der feministischen Forschung muss es demnach sein, die konflikttheoretische Bedeutung der Kategorie Gender und somit die »andere« Betroffenheit von Frauen im Rahmen von Konflikten der Mainstream-Forschung zu vermitteln. Es muss gezeigt werden, warum ein Konflikt nicht vollständig erfasst werden kann, wenn Gender als analytische Kategorie außen vor bleibt. (Bei einer anderen Kategorie, der Ethnie, besteht dieses Vermittlungsproblem offensichtlich nicht. Der explosive Charakter sozialer Ungleichheiten zwischen Ethnien wird angesichts der Erfahrungen vergangener Kriege nicht in Frage gestellt. Soziale Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern bleiben dagegen weiterhin unberücksichtigt.)

Abschließend wurde festgehalten, dass zukünftig nicht nur der kontinuierliche Dialog zwischen Theorie und Praxis notwendig sei, um Gender in der zivilen Konfliktbearbeitung fester zu verankern. Es müsste auch ein intensiverer Austausch mit verwandten Disziplinen stattfinden, die mit Gender bereits Erfahrungen gesammelt und entsprechende Instrumente entwickelt haben (wie z.B. die Entwicklungszusammenarbeit). Diese auf ihre Anwendungsmöglichkeiten in der zivilen Konfliktbearbeitung hin zu überprüfen ist eine der nun anstehenden Aufgaben.

Anja Feth und Nana Heidhues studieren Politikwissenschaft an der FU Berlin

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