in Wissenschaft & Frieden 2002-2: Frauen und Krieg

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Macht der Medienbilder oder Medienbilder der Macht?

von Jutta Röser

Die Macht der Medien – nirgends wird sie so nachdrücklich unterstellt wie beim Thema Mediengewalt. Denn die zentrale Frage der auf diesem Gebiet dominierenden Wirkungsforschung lautet: Ermuntern die Medienszenarien Zuschauer dazu, selbst Gewalt auszuüben oder zu billigen? Haben Medien also die Macht, Gewalt in die Gesellschaft zu tragen? Und warum werden solche Effekte nur für Männer vermutet, während die Reaktionen von Frauen unbeachtet bleiben?
Die besorgte Debatte um die Wirkung von Mediengewalt droht aus den Augen zu verlieren, dass wir in einer keineswegs gewaltfreien Gesellschaft leben. Die Kritik an Mediengewalt geht in weiten Teilen von einem Denkmodell aus, wonach in unsere potenziell friedfertige Gesellschaft Gewalt von außen hineingetragen wird – durch die Medien. Plastisch ausgedrückt: Wirklichkeitsferne, abstruse Gewaltszenarien treffen auf triebgesteuerte, gefährdete (und immer männlich gedachte) Individuen. Und das Unheil nimmt seinen Lauf.

Irreale Mediengewalt?

Wie friedlich ist unsere Gesellschaft wirklich? Sind es tatsächlich in erster Linie die Medien, die Kinder und Jugendliche mit Gewalt konfrontieren? Ein Schlaglicht: Allein in den letzten zwölf Monaten hat jede/r zehnte deutsche Jugendliche Gewalt zwischen den Eltern erlebt – also in der Regel Gewalt des Vaters gegen die Mutter. Unter ausländischen Kindern waren es noch deutlich mehr. Vier von zehn Jugendlichen sind innerhalb eines Jahres selbst Opfer von Gewalt geworden.1

»Kindermörder für immer wegsperren« – mit dieser Stammtisch-sicheren Forderung verabschiedete sich unser Medienkanzler in die letztjährige Sommerpause. Sie betrifft statistisch gesehen vier Täter jährlich. Unterhalb dieser Spitze des Eisbergs werden Kinder in der Normalität des Alltags tausendfach missbraucht und misshandelt.

Das große Dunkelfeld an alltäglicher, verheimlichter Gewalt – gegen Frauen, gegen Kinder, gegen Homosexuelle, am Arbeitsplatz – basiert auf Machtverhältnissen und taucht weder in den Kriminalitätsstatistiken noch im öffentlichen Diskurs angemessen auf. Die journalistische Gewaltberichterstattung ist Teil dieses einseitigen Diskurses: Sie ist auf Gewalt gegen die öffentliche Ordnung und auf Kriminalität konzentriert, sie konstruiert das Bild des triebgesteuerten, anormalen Einzeltäters, sie vernachlässigt alltägliche Gewalt und strukturelle Hintergründe.

Es sind die fiktionalen Gewaltstorys, die die hässliche und verdrängte Seite der gesellschaftlichen Wirklichkeit behandeln. Natürlich nicht eins zu eins, nicht als statistisch zutreffendes Abbild. Spielfilme und Serien sind »symbolisches Material«. In der Forschung werden die Gewalterzählungen des Fernsehens meist nur oberflächlich betrachtet. Unterstellt wird die schlichte Gleichung: mediale Gewalthandlung = Gewaltbotschaft = Gewaltwirkung. Es gilt aber genauer hinzusehen, welche Geschichten um die Gewalt eigentlich erzählt werden. Erzählt wird von Bedrohung, Gefahr und Angst auf der einen Seite. Und von Helden, die Ohnmacht und Ausgrenzung überwinden, auf der anderen Seite.

Bedrohung, Angst und hierarchische Weltbilder

Die Mediengewaltforschung sucht Wirkungen ausschließlich in Form von Aggressionseffekten. Es wird implizit davon ausgegangen, dass Zuschauende »mit dem Täter« fühlen, das Mediengeschehen durch seine Brille betrachten. Eine Gewaltszene enthält aber nicht nur eine aggressive Tat, sondern – durch die Brille des Opfers gesehen – ebenso eine höchst bedrohliche Situation. Tatsächlich sprechen diverse Befunde dafür, dass für Zuschauer und Zuschauerinnen Empathie mit dem Opfer ganz wesentlich ist. Die Frage nach den Wirkungen von Gewalt ist also zu öffnen. Vor allem die Dimension der Bedrohung und Angst rückt ins Blickfeld, wenn Gewaltstorys aus der Perspektive des Publikums erforscht werden. Dies veranschaulicht eine Rezeptionsanalyse2 anhand einer Krimigewaltszene mit der typischen Geschlechterkonstellation »Mann verfolgt und tötet Frau«. Eine positive Wahrnehmung der Gewalt, ein Fühlen »mit dem Täter« erweist sich als irrelevant – bei Frauen ebenso wie bei Männern. Einerseits ist die Rezeption von Mitgefühl für das Opfer geprägt, was insbesondere bei Frauen mit Angst und Belastungsgefühlen einher geht. Andererseits herrschen Langeweile und Desinteresse, weil das schwache, weibliche Opfer nicht empathiefähig ist und vor allem Männer keinen Zugang zum Geschehen finden – ohne sich deshalb mit dem Täter zu »verbünden«. Ein kleinerer Teil der männlichen Zuschauer blickt geringschätzig von oben herab auf die schwach inszenierte Frau: »So blöd kann nur eine Frau reagieren«. Demgegenüber aktualisiert ein größerer Teil der Zuschauerinnen anlässlich der Szene ihre Angst, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden: »Das könnte mir auch passieren«. Damit wirkt die Szene, aber anders als gemeinhin angenommen: Sie aktualisiert Angstgefühle, sie bebildert existierende Gewaltstrukturen und sie bestätigt das hierarchische Geschlechterverhältnis, in dem Frauen Gewalt von (fremden) Männern fürchten und Männer auf Frauen herabsehen. Die Szene steht in ihrer Grundstruktur im Einklang mit der erlebten gesellschaftlichen Wirklichkeit, sie ist »realistisch«.

Symbolische Überwindung von Ohnmacht und Ausgrenzung

In Krimis und Actionfilmen werden nicht nur Gewaltdrohung, sondern auch Themen wie Macht und Ohnmacht, Auflehnung und Marginalisierung symbolisch verhandelt. Ob sie auch sozial konstruktivverhandelt werden, ist damit allerdings nicht gesagt.

In diesem Rahmen erschließt sich die Bedeutung vieler populärer Heldengeschichten: Die Medienhelden müssen Ungerechtigkeit und Ohnmacht überwinden, weil z.B. Polizei und Gesellschaft versagen. Das Vergnügen an Helden und Heldinnen ist nicht identisch mit Lust an Gewalt, auch wenn diese gewalttätig agieren. Mediale Kämpfe scheinen insbesondere für männliche Zuschauer auch als Metapher für den sozialen Lebenskampf zu stehen. Kräfteverhältnisse einschätzen, Chancen nutzen, sich behaupten, Überlegenheit gewinnen – diese Aspekte der Gewalt können zugleich das Thema Selbstbehauptung in einer hierarchisch erlebten Sozialwelt symbolisieren. Das Problem dabei liegt weniger in der Anstachelung zur Gewalt, denn Zuschauende unterscheiden durchaus zwischen realer und medialer Gewalt. Es liegt eher darin, dass hier der männliche Dominanzanspruch gespiegelt und auf wenig soziale Weise gestützt wird.

Trotzdem muss ein solches Vergnügen nicht zwangsläufig anti-sozial sein und es betrifft auch nicht nur Männer. Dazu ein weiterer Befund aus der erwähnten Rezeptionsstudie.2 In einem nicht ganz typischen Heldenszenario besiegt eine Frau einen männlichen Angreifer souverän mittels Kampftechniken. Dieses Szenario erlebten die meisten Zuschauerinnen mit großem Vergnügen, mit Genugtuung und als Ermutigung. Hier manifestierte sich aber nicht Lust an der Gewalt, sondern das Vergnügen daran, symbolisch Ohnmacht zu überwinden und Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Dieser Szene konnten männliche Zuschauer übrigens kaum vergnügliche Seiten abgewinnen, sie zeigten sich irritiert und mühten sich mit der Deutung des Gesehenen. Gleichwohl dürfte auch das Vergnügen von Männern an Dirty Harry, Rocky & Co. oder von Kindern an Filmen wie »Kevin allein zu Haus«, in denen David gegen Goliath besteht, in ähnlicher Weise motiviert sein. Dies bedeutet: Die Attraktivität populärer Gewaltszenarien kann gerade darin liegen, dass Ohnmacht und Marginalisierung symbolisch überwunden werden.

Medienerzählungen über Machtverhältnisse

Prägnant formuliert führt dies zu der Schlussfolgerung: Wir haben deshalb soviel Gewalt in der Populärkultur, weil hier Themen wie Macht und Ohnmacht, Auflehnung und Marginalisierung, Hierarchie und auch Gewaltdrohung symbolisch verhandelt werden können. Medienbilder geben abstrakten Verhältnissen und Strukturen eine Gestalt. Insofern repräsentiert Mediengewalt nicht die Macht der Medien, sondern Medienerzählungen über Macht. Und weil die Machtverhältnisse in unserer Gesellschaft tief greifend vergeschlechtlicht sind, geschehen zwei Dinge: Auf der einen Seite enthalten die Gewaltinszenierungen unterschiedliche Positionen für Frauen und Männer. Auf der anderen Seite blicken Zuschauerinnen und Zuschauer aus unterschiedlichen Perspektiven auf das gewaltträchtige Geschehen in Film und Fernsehen. Darum bedeutet dieselbe Story für Frauen und Männer häufig eben nicht dasselbe.3

Jutta Röser ist Kommunikationswissenschaftlerin und Vertretungsprofessorin an der Ruhr-Universität Bochum.

Anmerkungen

1) Christian Pfeiffer & Peter Wetzels (2000): Gewalt hat ein Geschlecht. In: Emma, Nr.1/2000: 49-51.

2) Jutta Röser (2000): Fernsehgewalt im gesellschaftlichen Kontext. Eine Cultural Studies-Analyse über Medienaneignung in Dominanzverhältnissen. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

3) Eine frühere gekürzte Fassung dieses Artikels ist von der Autorin unter dem Titel »Das Märchen von der Gewalt in den Medien«, zuerst erschienen in: Cover. Medienmagazin des Instituts für Journalistik der Universität Hamburg, September 2001.

Der Artikel erscheint parallel in der Vierteljahreszeitschrift „Wir Frauen“, Düsseldorf, deren Redaktion wir an dieser Stelle für die gute Zusammenarbeit danken.

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