in Wissenschaft & Frieden 2001-4: China im Umbruch

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Gütekraft (Satjagrah)

Ein Thema für die Friedens- und Konfliktforschung

von Martin Arnold

Kein Zweifel: M. Gandhis Satjagrah (»Kraft der Wahrheit«, »Gütekraft«) funktioniert – oder hat immer mal funktioniert. Das Wie scheint aber die Profis für solche Dinge wenig zu interessieren. Gewiss hat es seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts immer mal Aufforderungen und Versuche gegeben, ein entsprechendes Forschungsprogramm anzuschieben. Die nötige man- and woman- and money-power aber haben diese Ansätze bis dato nicht auf sich gezogen. Vielleicht weil der von Weber, Hobbes, Luther u.s.w. ererbte »staatsreligiöse« Glaube an die Gewalt als eigentlicher Kitt der Gesellschaft eine kulturspezifische Kollektivneurose darstellt. Wie auch immer, vor ein paar Jahren hat der Autor des vorliegenden Beitrags einen neuen Versuch der wissenschaftlichen Aufarbeitung von »Gütekraft« initiiert und 1998 wurde die Arbeitsgruppe Gütekraft1 gegründet. Sie hat vor, das Wissen von der Gütekraft durch Forschungen, die sie anregt, zu vertiefen und – später – zu verbreiten.
Gütekraft ist mit Versöhnung eng verwandt. Versöhnung wird aber von der Konfliktforschung erst seit Kurzem thematisiert.2 1995 wurde in der Arbeitsgemeinschaft Friedens- und Konfliktforschung gefordert, die Forschung solle sich mehr den Friedensursachen zuwenden. Es gibt einige neuere Arbeiten zu Versöhnung, besonders englische Literatur (s. Gutierrez, 1998). Am Beispiel der Wahrheits- und Versöhnungs-Kommission in Südafrika wird »Versöhnung« von manchen AutorInnen einer bestimmten Konfliktphase zugeordnet (Wanie, 1999 und Antoch, 1999). Versöhnungsarbeit soll bei diesem Verständnis nach dem Kampf die Wunden in den Beziehungen der Konfliktpartner heilen. Anders Hiskiaz Assefa (1999), Professor zweier US-Universitäten, Friedensforscher und -Praktiker in Nairobi: Versöhnung ist für ihn ein eigenständiger Ansatz des Umgangs mit Konflikten. Sein Konzept von »reconciliation« zeigt aufschlussreiche Verwandtschaft mit dem Gütekraft-Ansatz. Er ordnet verschiedene Konzepte zum Umgang mit Konflikten danach, in welchem Ausmaß beide KonfliktpartnerInnen bei der Lösungssuche beteiligt sind (siehe Grafik).

Unabhängig davon, um welche Konfliktbeteiligten es sich handelt, zeigt der Intensitätsbalken (low – high) deren wechselseitige Beteiligung (mutual participation) an der Lösungssuche. Mit dieser Intensität korreliert eine Qualitätsskala: Die Güte einer Konfliktbearbeitung dürfte zunehmen, je stärker beide Seiten den Konflikt gemeinsam zu lösen versuchen. Denn je mehr sich beide Seiten verständigen, desto größer sind die Chancen für eine wirkliche Lösung, bei der kreativ neue Möglichkeiten für bessere Beziehungen zwischen den Beteiligten gefunden werden und sich so die Zukunftsaussichten auch im Sinne der Vorbeugung gegen neue Konflikte verbessern.

Die Gütekraft kann in all den Ansätzen eine Rolle spielen, die Konfliktlösung (conflict resolution) ermöglichen können. Nur mit Gewalt (im Sinne von Schädigung des Anderen) ist die Gütekraft nicht vereinbar. In dieser Tatsache ist die bislang gängige Bezeichnung »Gewaltfreiheit« begründet. Aber Gütekraft bedeutet mehr als keine Gewalt auszuüben. Gütekraft kann ein Element oder Aspekt des Prozesses aktiver Konfliktaustragung sein.

Drei Beispiele

Die folgenden Beispiele fokussieren einenAspekt in teils vielschichtigen Konflikten. Sie beschreiben weder die jeweilige Situation noch die Hintergründe, die inneren und äußeren Faktoren im Konflikt insgesamt. Sie stecken auch nicht das zu erforschende Terrain ab, noch sind es Handlungsregeln. Sondern sie sind erste Hinweise für ein konkreteres Verstehen und auf Forschungsmöglichkeiten.

Verfolger wird Helfer

Ein Mädchen ging von der Schule nach Hause mit einem großen Stapel Bücher in ihren Händen. Während sie auf einem Waldweg lief, hörte sie, dass jemand schnell hinter ihr herkam. Es war ein Mann, der sie verfolgt hatte. Als er schließlich neben dem Mädchen war, drückte sie ihm die Bücher mit der Bemerkung in die Hände: „Schön, dass ich jemand gefunden habe, der mir helfen kann, meine Bücher zu tragen; und der mich hier im Wald beschützen kann.“3 Der Mann lief mit ihr, während das Mädchen allerlei über ihre Schule erzählte. Als sie bei ihr zuhause angekommen waren, bedankte sie sich bei dem Mann für die Hilfe; worauf er antwortete: „Ich fand es auch schön.“ Er deutete an, dass er etwas ganz anderes vorgehabt hatte.

Menschen gegen Panzer

1986 wurde auf den Philippinen der Diktator Marcos durch »People Power« dazu gebracht, das Land zu verlassen. Das Besondere und wohl historisch Erstmalige: Es geschah auf Grund bewusster Entscheidung wichtiger Oppositionspolitiker für die gütekräftige Vorgehensweise. Die im Widerstand Aktiven hatten sich und ihr gütekräftiges Vorgehen intensiv methodisch vorbereitet. Was war dem vorausgegangen?

Anfang der 1980er Jahre nahmen der wirtschaftliche Niedergang großer Teile des Volkes und die Unterdrückung durch das Marcos-Regime auf den Philippinen erschreckend zu. Viele Oppositionelle, unter ihnen GewerkschafterInnen und StudentInnen wurden auf brutale Weise von der Polizei terrorisiert. Die allermeisten Einwohner der großen Inseln sind katholisch. Viele Priester und Ordensleute setzten sich gegen die Verarmung auch politisch ein. Die teilweise im Untergrund agierenden Kommunisten bekamen immer mehr Unterstützung und bewaffneten sich. Benigno Aquino (»Ninoy«) war einer der Hoffnungsträger des Volkes gegen Marcos. Eine langjährige Gefängnisstrafe durfte er für einen krankheitsbedingten Aufenthalt in den USA unterbrechen. Er entschied sich für den Weg der Gütekraft, (»non-violence«) und entschloss er sich trotz der Warnungen, nach Manila zurückzukehren. Dort angekommen wurde er noch auf der Gangway erschossen.

Das war 1983. Die Spannung steigerte sich, Bürgerkrieg lag in der Luft. 1984 folgte das Wiener Ehepaar Jean und Hildegard Goss-Mayr einem Hilferuf von Ordensleuten aus Manila. Sie fuhren zunächst durchs Land, um die Menschen und die Lage auf den Philippinen kennen zu lernen. Dann erläuterten sie in mehreren Begegnungen führenden Oppositionellen, Gewerkschaftsführern, StudentInnen, Bauern, Kirchenleuten und Menschen aus der bürgerlichen Opposition, darunter Ninoys Bruder Agapito (»Butz«) Aquino, das gewaltfreie Kampfkonzept der Gütekraft. Sie machten deutlich, dass die Entscheidung für den gewaltfreien Weg genauso den vollen Einsatz des Lebens erfordere wie eine Entscheidung für den Einsatz von Gegengewalt. Sie erklärten sich vor ihrer Abreise bereit – für den Fall der Entscheidung für die Gewaltfreiheit – zu Schulungen und Seminaren zurück zu kommen. Und sie kamen bald zurück. Nach mehreren Multiplikatoren-Seminaren (u.a. einem für 30 Bischöfe) wurde eine Organisation ins Leben gerufen, die auf breiter Ebene Schulungen und vielfältige andere Vorbereitungen ins Werk setzte. Die Zeitschrift Alay Dangal (Würde anbieten) informierte und mobilisierte. Der Glaube spielte eine große Rolle: Die biblische Botschaft mit ihren vielen Befreiungsgeschichten (Exodus usw.) wurde als Impuls zur Befreiung neu entdeckt; religiöse Riten wurden neu mit Inhalt gefüllt und auf die eigene Situation der Unterdrückung bezogen. Das Ausland wurde informiert. Als Marcos für den 7. Februar 1986 aufgrund außenpolitischen Druckes, vor allem seitens der USA, sehr kurzfristig Wahlen ansetzte, wurde die Organisation NAMFREL4 gegründet. Für Ereignisse wie Stimmenkauf, Urnenklau, Wahlbetrug und Ignorieren des Wahlergebnisses wurden verschiedene Aktionsmöglichkeiten durchgespielt. In einer Zeltstadt in Manilas Innenstadt-Park wurden ständig Schulungen angeboten, es wurden gütekräftige Haltung und Methoden, u.a. auch Fasten, massenhaft eingeübt. Als Bewaffnete am Wahltag Urnen entwenden wollten, hielten viele Frauen diese erfolgreich fest. Nach der Bekanntgabe eines falschen Wahlergebnisses wurde zum Boykott der Banken, die Marcos nahe standen, übergegangen. Marcos-Treue zerstörten den einzigen unabhängigen, kirchlichen Sender Radio Veritas – man war vorbereitet, so dass er nach kurzer Zeit weitersenden konnte. Teile des Militärs begannen, sich von Marcos zu distanzieren, und verschanzten sich im Camp Aguinaldo, Kardinal Sin rief die Bevölkerung auf, die von Marcos abtrünnigen Soldaten zu schützen und Nahrung zu bringen, was sofort massenhaft geschah. An eine Kampfhubschrauber-Einheit erging der Marcos-Befehl, das Meuterer-Camp zurück zu erobern, die Eroberer-Einheit aber solidarisierte sich. Als Panzer-Einheiten in Richtung des Camps rollten, ging die Bevölkerung massenhaft auf die Straße. Angeführt von Nonnen und Priestern, Brote und Blumen und Würde anbietend, stellte sie sich den Panzern entgegen. Mit den Soldaten wurde gesprochen und nach Stunden fuhren sie zurück. Marcos’ Macht war gebrochen.

Tschechoslowakei 1968

1968 propagierten die in Prag regierenden Reformkommunisten einen »Sozialismus mit menschlichem Gesicht«, d.h. mit bürgerlichen Freiheiten. Am 21. August 1968 marschierten Panzertruppen aus der Sowjetunion, der DDR, Polen, Ungarn und Bulgarien in die Tschechoslowakei ein, um die Regierung auf einen Moskau genehmen Kurs zurück zu zwingen. Prag entschied, nicht das Militär einzusetzen. Aber es gab vielfältigen, auch gütekräftigen Widerstand, den das Volk leistete, angeleitet zu großen Teilen über den Rundfunk: Um Zeit zu gewinnen wurden durch Sitzblockaden auf Straßen die Panzer bei der Überquerung der Karpaten aufgehalten, auf dem Weg zur Hauptstadt wurden Schilder nach Prag verdreht, so dass Truppenteile sich plötzlich auf einem Holzweg im Wald wiederfanden. In Prag, wo die wichtigsten Führer Svoboda, Dubcek und Smrkowski festgenommen werden sollten, wurden zur Desorientierung der Truppen Straßenschilder verdreht, Straßennamen und Hausnummern übermalt und an Tausenden von Wohnungsklingeln die Namen dieser Führer angebracht. Geheime Ersatzsender wurden aufgebaut, die aktiv wurden, als die Truppen die Sendestation zum Schweigen gebracht hatten. Am wichtigsten beim gütekräftigen Vorgehen ist der Kontakt mit dem Gegner: Die einmarschierenden Soldaten wurden von der Bevölkerung in Gespräche verwickelt. Man erzählte ihnen begeistert vom neuen Sozialismus-Frühling. Die Führung wechselte daraufhin nach zweieinhalb Tagen die Truppen aus. So erfuhren immer mehr Menschen aus den Einmarsch-Ländern Authentisches, von den staatlich gelenkten Medien Verschwiegenes über den »Prager Frühling«.5 Der Widerstand der TschechoslowakInnen war erfolgreich, solange er aufrecht erhalten wurde. Erst als er nach einer Woche aufgegeben wurde, konnte sich Moskau durchsetzen. Vorausgegangen war dem der »freiwillige« Flug führender Köpfe nach Moskau. Dort wurden sie getrennt und durch psychische Druckmittel und Falschinformationen dazu gebracht, zur Vermeidung massenhaften Blutvergießens bei ihrer Rückkehr in Prag das Volk aufzufordern, den Widerstand zu beenden. Der neue »Kompromiss«-Regierungschef Husak hörte auf Moskau, Stück für Stück schränkte er die neu gewonnene Freiheit wieder ein.

Bemerkungen zu den Beispielen

Beispiele vom Wirken der Gütekraft sind im allgemeinen Bewusstsein so wenig geläufig, dass sie gelegentlich selbst von den Beteiligten oder von JournalistInnen als »Wunder« bezeichnet werden. Leicht werden Berichte als unglaublich abgetan oder als Einzelfälle von nur singulärer Bedeutung. Hier jedoch wird unterstellt, dass es sich bei den positiven Wirkungen gütekräftigen Vorgehens, auch wenn sie erstaunlich erscheinen, weder um übernatürliche noch um unerklärliche Vorgänge noch um Zufälle handele. Längst gibt es auch Traditionen einschließlich ausgearbeiteter Methodiken für gütekräftiges Handeln (traditionell als »gewaltfreies Handeln« oder »gewaltfreie Aktion« bezeichnet) und vielerlei Erfahrungen bei uns und in der ganzen Welt, und es gibt viele geschichtliche Beispiele.1

Zu »Verfolger wird Helfer«

Nochmals: Der Bericht vom Verhalten des Mädchens ist nicht als »Verhaltensrezept« gedacht. Weniger die äußere Verhaltensweise (ansprechen, Bücher geben), sondern mehr die innere Haltung, die dem Verfolger positive Verhaltensmöglichkeiten zutraut, erscheint wesentlich für die Entwicklung der kurzen Beziehung.

Zu »Menschen gegen Panzer«

Die Reaktion der Soldaten nahm Marcos die Machtmittel aus der Hand, die er als seine wichtigsten ansah. Sie wird beeinflusst worden sein durch eine Reihe von Faktoren, die teilweise zur Herausbildung von »People Power« bewusst eingesetzt wurden, z.B.: Delegitimierung von Marcos’ Autorität; der Appell an das Gewissen jedes Einzelnen; Gespräche der BürgerInnen mit den Soldaten; der Mut der Massen sich öffentlich gegen Marcos zu stellen; Hemmungen der Soldaten gegen eigene Verwandte vorzugehen, die unter den Massen sein könnten; das Ansprechen religiöser Gefühle und die Teilnahme offensichtlich Unbewaffneter und traditionell als unschuldig Geltender (Nonnen, Priester) an den Protesten. Dazu gehört auch, dass nachdem die ersten Meuterer nicht von Marcos-Truppen getötet worden waren, sich die anderen Soldaten weniger bedroht fühlten.

Bei Kämpfen auf der politischen Ebene hat sich gezeigt, dass gütekräftiges Vorgehen häufig indirekt wirkt: Diejenigen, an die die Botschaft Unrecht abzubauen an erster Stelle gerichtet ist, die Hauptverantwortlichen, ändern ihren Willen nicht, aber weil sie für die Aufrechterhaltung ihrer unrechten Aktivitäten auf andere Menschen angewiesen sind, kommt die Gütekraft dennoch zur Wirkung, auf einem Umweg sozusagen: Die Mittel, die sie einsetzten, z.B. Polizisten oder Soldaten, funktionieren nicht mehr oder werden ihnen aus der Hand genommen.

Zu »Tschechoslowakei 1968«

Dass die Einmarschierenden nicht der »Klassenfeind«, sondern die Verbündeten waren, trug sicherlich zur Motivation und zum tagelangen Erfolg des gütekräftigen Vorgehens bei. Die Diskussionen und menschlichen Kontakte waren gewiss auch darin begründet, dass viele TschechoslowakInnen im Wissen, wie fehlinformiert die Soldaten waren, nicht akzeptieren wollten, dass die »sozialistischen Brüder« sie als Feinde betrachteten.

Das Volk war nicht auf den gütekräftigen Widerstand vorbereitet. Dennoch war er eine Woche erfolgreich. Hier zeigt sich (wie in vielen Beispielen), dass es vermutlich ein verbreitetes Vorwissen um gütekräftige Möglichkeiten gibt. „Der Frieden wartet nicht auf die Gewalt.“6 Ein Wissen um die Gütekraft scheint – mehr unbewusst als bewusst – breit vorhanden. Vielerlei Beispiele spontanen gütekräftigen Verhaltens in der Weltgeschichte weisen darauf hin (vgl. Berg, 1999). Es ist zu vermuten, dass es in allen Völkern vorhanden ist und im Menschsein wurzelt.

Die Gütekraft

Die Gütekraft ist eine bestimmte Dynamik im Prozess der Beziehung zwischen KonfliktpartnerInnen. Gütekraft entfalten heißt, eine Aufgabe zu verwirklichen. Gütekraft hat die besondere Qualität (Güte) der Verständigung auf mehr Gerechtigkeit und Humanität und auf solche Lösungen hin, aus denen alle Konflikt-Beteiligten Gewinn ziehen (»win/win«-Lösung). Sie vermeidet den Teufelskreis der Gewalt. Gütekräftige Verhaltensweisen fließen aus inneren Haltungen, die ebenfalls als gütekräftig bezeichnet werden können und wesentlich die Würde des Gegners achten.

Gütekraft bezieht sich also nicht nur auf konfliktimmanente Aspekte (wie beim reinen Interessenausgleich), sondern auch auf Werte, die als außerhalb der KonfliktpartnerInnen wahrgenommen oder postuliert werden, die (hier vorläufig mit »mehr Gerechtigkeit und Humanität« bezeichnet) wahrscheinlich in der menschlichen Bereitschaft zu solidarischem Handeln gegen Bedrohungen der Gemeinschaft wurzeln.

Clausewitz, Gewaltfreiheit, Gütekraft

General von Clausewitz stellte fest: Kriegführen geschieht nur, wenn der Wille und die Fähigkeit dazu (d.h. Verfügung über Soldaten usw.) zusammenkommen (Burrowes 1996). Wer gütekräftig vorgeht, versucht nicht die Fähigkeit, sondern den Willen des Anderen zu beeinflussen, und zwar nicht mit Gewalt wie im Krieg. Daher ist Gewaltfreiheit ein auffälliges Merkmal des gütekräftigen Vorgehens in Bedrohungssituationen. Doch damit ist nicht der Kern der Sache benannt. Nicht zu Gewalt zu greifen mag tief begründet, ehrenwert und allgemein hoch geschätzt sein. Allein dadurch wird eine positive Verhaltensänderung der anderen Seite jedoch nicht begründet, es kann sogar als Opferverhalten zu mehr Gewalt anregen. Vielmehr kommt für die Überwindung von Gewalt eine Wirksamkeit zum Nicht-Gewalt-Ausüben hinzu. „Man soll Mut zeigen. Man muss bereit sein, einen Schlag hinzunehmen, vielleicht auch mehrere Schläge – um zu zeigen, dass man nicht zurückschlagen und nicht weichen wird. Durch diese Haltung erreicht man, dass etwas in der menschlichen Natur freigelegt wird, das den Hass kleiner werden lässt, und schließlich dazu führt, dass derjenige respektiert wird. (…) ich habe festgestellt, dass es funktioniert.“7

Um die Sache richtig zu bezeichnen, ist diese Dynamik zu benennen. Mohandas K. Gandhi hat diese Notwendigkeit gesehen und das Sanskrit-Wort Satjagrah (Englisch: satyagraha) dafür gebildet. Er erklärte es als »soul force«. Dass er dafür oft das international aufgenommene Wort »non-violence« gebrauchte, das »Gewaltlosigkeit« und »Gewaltfreiheit« zu Grunde liegt, hat er später als Fehler erkannt. »Gütekraft« ist eine Übertragung von Satjagrah, ohne das Verständnis durch den asiatischen Kontext zu begrenzen (vgl. Egel-Völp, 1999: 132f und Blume, 1987).

Unrecht abbauen! – Vertrauen anbieten

Das Wesentliche des gütekräftigen Vorgehens besteht darin, diejenigen, die Unrecht vorhaben, tun oder verhindern können, so anzusprechen, (etwa) in ihrem Gewissen, dass sie sich für mehr Gerechtigkeit und Humanität einsetzen wollen. Die Gütekraft wirkt durch den Appell zu Solidarisierung gegen Unrecht und zu Abbau von Gewalt.

Der Bezug zur Humanität kommt bereits an der Stelle zum Ausdruck, wo – bereits im Ansatz, nicht erst in der Zielsetzung – die Gleichberechtigung der anderen Seite anerkannt, d.h. wo der anderen Seite ihre Entscheidungsfreiheit und Würde gelassen, ja, Vertrauen anbietend eben darauf gebaut wird. Gütekräftiges Vorgehen schließt daher Beleidigung oder Verleumdung des Gegners wie körperliche Schädigung aus.

Überforderung des Menschen?

Das Gütekraft-Konzept bietet einen selbstständigen Ansatz des Umgangs mit Konflikten. Es stellt bestimmte Ansprüche an die danach Handelnden und eröffnet daher auch besondere Möglichkeiten.

Mohandas K. Gandhi unterschied zwischen der »Gewaltlosigkeit der Schwachen« und der »Gewaltfreiheit der Starken«: Gewaltloses Handeln ist auch ohne gütekräftige Haltung aus taktischen Gründen möglich, z.B. weil keine Waffen zur Verfügung stehen. Als stärker sah er jedoch das Verhalten, das in »soul force« gründet, an, weil es durch die Bereitschaft einer Seite, Schläge hinzunehmen ohne zurück zu weichen, beiden Konfliktparteien ermöglicht, aus dem Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt herauszukommen.

Die Besonderheit der Anforderungen dieses Kampfkonzeptes liegt darin begründet, dass es seine Stärke auf der Ebene der inneren Haltung entwickelt. Hier zu lernen erfordert innere Offenheit, es kann nicht erzwungen werden, ist aber möglich. Es kann Sinnerfahrung bringen und sehr attraktiv sein. Wo es ernsthaft versucht wurde, zeigten sich Wirkungen, die belegen: Auch gewöhnliche Menschen, nicht nur, wie es gelegentlich heißt, „Heilige wie Martin Luther King jr. oder Mohandas K. Gandhi“ können diese Kompetenzen entwickeln und sogar massenhaft zur Geltung bringen: Indien, die Philippinen und Prag, wie auch der gewaltlos verlaufene Umbruch in der DDR, stehen neben vielen weiteren Beispielen.

Literatur

Antoch, R. (1999): Gütekraft: Liebe als Heilkraft. In: Arnold/Knittel (1999): S. 73-77.

Arnold, M. /Knittel, G. (Hrsg.) (1999): Gütekraft erforschen. Kraft der Gewaltfreiheit, Satyagraha, Strength to love. Minden (Intern. Versöhnungsbund, Dt. Zweig [Hrsg.]: gewaltfreie aktion, H. 121) vergriffen; Text in: www.guetekraft.net

Arnold, M. (1999): Gütekraft – Spurensuche in verschiedenen Kulturen, Traditionen und Religionen. In: Arnold/Knittel (1999) S. 48-57.

Assefa, H. (1999): The Meaning of Reconciliation. In: People building Peace. 35 Inspiring Stories from Around the World. A Publication of the European Centre for Conflict Prevention in cooperation with IFOR and the Coexistence Initiative of the State of the World Forum. ISBN 90 5727 029 3.

Berg, B. (1999): Vom Gewaltkult zur Gütekraft. Beispiele und Aspekte einer neubenannten Qualität. In: Arnold/Knittel (1999): S. 17-30.

Blume, M. (1987): Satyagraha. Wahrheit und Gewaltfreiheit, Yoga und Widerstand bei M. K. Gandhi, Gladenbach.

Burrowes, R. (1996): The strategy of nonviolent defense. A Gandhian approach. Albany (US): State University of New York Press.

Ebert, T. (1981, 1982): Soziale Verteidigung. 2 Bd.,Waldkirch.

Egel-Völp, R. (1999): Der Begriff Gütekraft als Kompass für eine zweite Entdeckungsreise. In: Arnold/Knittel (1999): S. 131-136.

Fuchs, A. (1999): Satjagraha – Herausforderung für die empirische Wissenschaft. Ansatzpunkte für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gandhis Satjagraha. In: Arnold/Knittel (1999): S.116-121.

Gutierrez, J. (1998): Friedens- und Versöhnungsarbeit – Konzepte und Praxis – Unterwegs zu einer dauerhaften, friedensschaffenden Versöhnung. In: Merkel, Chr. (Koord.): Friedenspolitik der Zivilgesellschaft. Zugänge – Erfolge – Ziele. Schriftenreihe des Österreichischen Studienzentrums für Friedens und Konfliktlösung, Münster, agenda, S. 114-148.

Hummel, Hartwig (Hrsg.) (2001): Völkermord – friedenswissenschaftliche Annäherungen. Baden-Baden: Nomos, Schriftenreihe der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- u. Konfliktforschung, Bd. 28, S. 207-221.

Instituts für Friedensarbeit und Gewaltfreie Konfliktaustragung (IFGK): Arbeitspapier Nr. 16, siehe www.ifgk.de

Imbusch, P. / Zoll, R. (Hrsg.) (1996): Bibliographie zur Friedens- und Konfliktforschung, Marburg.

Lammers, C. / Battke, K. / Hauswedell, C. (Hrsg.) (1993): Handbuch Friedenswissenschaft. ExpertInnen, Institutionen, Hochschulangebote, Literatur, Marburg 3. Auflage.

Riehm-Strammer, A. (Hrsg.) (1999): Es geht auch anders. 50 Geschichten zum gewaltfreien Widerstand. Unveröffentlichtes Manuskript.

Wagner, U. (1999): Beiträge der empirischen Sozialpsychologie zur Gütekraft-Forschung. In: Arnold/Knittel (1999): S.78-82.

Wanie, R. (1999): Versöhnung – ein großes Wort? In: Versöhnungsprozesse und Gewaltfreiheit, Idstein, S.121-125

Anmerkungen

1) Ausführlicher: Gütekraft (Satjagrah) – handlungsleitendes Theorem auf dem Weg der Versöhnung, in: Hummel, H. (2001), S. 207-221 und in IFGK.

2) Es kommt weder unter den Stichwörtern im Handbuch Friedenswissenschaft (Lammers, 1993) vor, noch in Imbuschs Bibliographie (1996).

3) Riehm-Strammer (Bericht 2).

4) offiziell anerkanntes Bürgerkomitee zur Wahlüberwachung und Stimmenzählung.

5) Widersprüche beim Gegner verstärken ist ein Mittel der Sozialen Verteidigung, vgl. Ebert 1981/1982.

6) Juan Gutierrez am 2. November 2000 in Iserlohn.

7) Mohandas K. Gandhi in dem gut übertragenden Attenborough-Film »Gandhi«

Martin Arnold ist Berufsschulpfarrer in Essen

in Wissenschaft & Frieden 2001-4: China im Umbruch

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