in Wissenschaft & Frieden 2001-4: China im Umbruch

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Die Mauer als Organisationsschema

Die organisatorische Durchdringung der chinesischen Gesellschaft

von Andreas Seifert

Die Große Mauer ist lang – 5000 Kilometer schlängelt sie sich durch die chinesische Landschaft. Und die westliche Welt hat sie nicht erst wahrgenommen, seitdem sogar US-amerikanische Astronauten sie vom Mond aus gesehen haben wollen. Der Mythos vom exotischen China ist schon seit Jahrhunderten mit dem steinernen Wall verbunden. Aber eine Mauer grenzt ab – trennt zwei Bereiche. So galt denn auch lange die Große Mauer als steingewordener Wille eines Volkes, das nichts mit anderen Völkern zu tun haben wollte. Doch trifft das noch für das heutige China zu? Was ist geblieben vom Mythos der Mauer, welchen Einfluss hat sie noch in den Strukturen der chinesischen Gesellschaft?
Wenn man vom Mond zurück ist und vor die Große Mauer tritt, so kann man zwei Erfahrungen machen. Die erste: Es handelt sich um eine internationale Touristenattraktion, die heute weit mehr dazu angetan ist, den Dialog der Völker zu befördern, als diese voneinander zu trennen. Die zweite: In den nicht restaurierten Teilen ist die Mauer ein langer Schutthaufen, der heute nicht einmal eine Schafherde zurückhalten kann und schon aus hundert Metern kaum mehr zu erkennen ist. Als Touristenattraktion und Treffpunkt für Reisende aller Herren Länder dient die Mauer als Kommunikationsfläche und sogar der gelben deutschen Post als Schaufläche eigener Leistungsfähigkeit – bestückt mit den Produkten unseres Müllkonsums, arrangiert in einer 1000-köpfigen Armee aus Blechkumpanen, jede ein Unikat, fast wie die Terrakottaarmee am Grab des ersten Kaisers in Xi’an. Aber als Schutthaufen ist die Mauer auch Symbol: Symbol des zerrütteten Abgrenzungswillens des chinesischen Volkes bzw. seiner Führer; die seit den frühen 80er Jahren betriebene Öffnungspolitik findet in diesem Zerfall ihren handgreiflichen Ausdruck.

Die Große Mauer ist aber nicht die einzige Mauer in China. Der Reisende lernt schnell: China ist das Land der Mauern. Man trifft permanent auf sie, sie versperren den Blick, man fährt zwischen Mauern – selbst Bauzäune sind gemauert anzutreffen. Hier ist die Mauer noch das Instrument der Abgrenzung und Integration gleichermaßen – sie grenzen eine äußere Welt von einer inneren ab, für die sie den Stand der Gemeinsamkeit setzten. Und auch die Philosophie bemüht die Mauer für ihre Kulturkritik. In seiner prägnantesten Form bei dem Autor Sun Longji, der mit dem »Ummauerten Ich« eine adäquate Beschreibung der Tiefenpsychologie der Chinesen gefunden hat. Aber taugt die Mauer eigentlich noch als Metapher für ein »abgeschlossenes Volk«, wenn dessen schiere Kopfzahl schon ins Unvorstellbare abgedriftet ist und wenn dessen Produkte in jedem westlichen Kinderzimmer zuhauf herumliegen?

Man wird sehen, das sie nicht (mehr) taugt – dass sich die neuen wie die alten, die realen und gedachten Mauern im Abbröckeln befinden, zum Sichtschutz verkommen und ihre abschottende wie integrierende Funktion verlieren. Man wird aber vielleicht auch erkennen, dass es wieder neue Mauern geben wird, die nicht mehr unbedingt sichtbar, dennoch vorhanden sind: elektronische und psychologische Mauern.

Grenzziehung innerhalb der Gesellschaft

Über lange Zeit waren die Ordnungseinheiten der chinesischen Gesellschaft ein zentrales Thema gegenwärtiger, modern ausgerichteter Chinaforschung: Die eher städtischen Produktionseinheiten (chin: Danwei) und die ländlichen Kommunen, beide in einem restriktiven System der Aufenthaltserlaubnis (chin: hukou) zementiert. Die Volkskommunen haben ihren Niedergang bereits hinter sich – ohne dass sich dadurch die Mobilität verbessert hätte. Ländliche Migration ist heute in Form von leicht in die Illegalität zu drängenden Wanderarbeitern allgegenwärtig. Bessere Verdienstmöglichkeiten in den Boom-Gegenden an der Ostküste und im Süden locken die ländliche Jugend von den Dörfern in die größeren Städte und von dort aus weiter in die entfernten Metropolen – doch jederzeit auf die Gefahr hin, am Zielort von der Polizei wieder heim geschickt zu werden. Ihr Aufenthalt ist abhängig vom »Bedarf« und von der »Genehmigung«.

In städtischen Zusammenhängen ist dies noch ein wenig anders: Jeder ist, oder besser, jeder war in einer Einheit fest organisiert. Sie ist dabei als konkrete organisatorische Kategorie zu verstehen, das kann eine Universität, eine Fabrik, ein Laden oder was auch immer sein. Die Größe einer Danwei kennt letztlich keine natürlichen Grenzen. In erster Linie leistet die »Einheit« für ihre Mitglieder alles zum Leben Notwendige mit unterschiedlicher Vollständigkeit – d.h. eine kleine Danwei organisiert für ihre Mitglieder alles Notwendige durch Allokation externer Leistungen, eine große Danwei hat dies vielleicht schon integriert: eigene Schulen, eigene Krankenhäuser, eigene Läden, etc. Sie ist ein Staat im Kleinen, sie ermöglicht auch alle notwendigen sozialen Kontakte. Die Vollständigkeit des Angebots, die »eiserne Reisschüssel«, als Garantie der Lebensumstände und Grundversorgung ist so zum Sinnbild der Danwei geworden.

Heute wird dieses System von vielen Seiten in Frage gestellt. Der Staat will und kann wohl auch nicht mehr die Garantien übernehmen, für welche die Danwei steht und unrentable Unternehmen möchten den Ballast loswerden, der sich mit den Verpflichtungen gegenüber den alten Mitgliedern angesammelt hat. Sie aufzulösen ist weniger ein Problem für die jungen Arbeiter, als für die alten Rentner. Sie werden plötzlich in eine konsumorientierte Welt entlassen, die für alle Leistungen die Hand aufhält. Krankenversorgung wird für sie zu einem unerschwinglichen Luxus, kann sie und ihre Familie an den Rande des Ruins treiben. Das dichte soziale Netz der Danwei wird löchrig und zwingt z.B. mehr und mehr Menschen ärztliche Behandlungen abzubrechen, da sie für die Kosten nicht mehr aufkommen können. Neue Unternehmen und alte Staatsbetriebe möchten Arbeitskräfte rekrutieren können, ohne die Verpflichtungen einzugehen, die mit dem Status einer Danwei einhergehen. Staatsunternehmen, die sich für den kommenden Beitritt der Volksrepublik China in die Welthandelsorganisation (WTO) fit machen wollen, drängen auf die Flexibilisierung ihrer eigenen Strukturen.

Ist die Danwei also passé? Allen Unkenrufen zum Trotz sind noch die meisten Chinesen in einer Danwei organisiert und nicht allen geht es wirklich schlecht. Reiche Danweis sind die Motoren des Konsums in China und sie lassen sich nur ungern in die Karten schauen – eine weitere Funktion, die Mauern erfüllen können.

Mauern verhindern Transparenz und viele der Entscheidungen scheinen hinter hohen Mauern im Dickicht von Hierarchien und Vetternwirtschaft zu fallen. Dies trägt letztlich dazu bei, den Vorwurf der Korruption zu nähren und ein System der direkten Abhängigkeiten, Beziehungen und willkürlichen Zuständigkeiten zu unterstellen, das vielleicht gar nicht so existiert. Die bürokratische Durchdringung der einzelnen Einheiten ist jedoch eines ihrer bezeichnenden Merkmale und minimiert die Möglichkeiten der Mitglieder, selbst in Entscheidungsprozesse einzugreifen. Wer Beziehungen (chin: guanxi) hat, kann sich Vorteile erarbeiten, die er im verregelten Alltag nicht hat, und damit seinen eigenen sozialen Status aufbessern – wirklich verändern kann er ihn damit allerdings noch nicht. Die Differenzierung zwischen inner- und außerhalb der Danwei wird hier um die der sozialen Staffelung innerhalb der Danwei selbst erweitert und betriebsübergreifende Solidarität damit zusehends in Frage gestellt.

Machtmauern

Die alleinherrschende Kommunistische Partei Chinas bietet den Hintergrund für die klassische Erklärung der chinesischen Realität. Alles Schlechte wird ihr pauschal in die Schuhe geschoben, ihre Macht als nahezu unumschränkt und ihre Legitimität als konstruiert angesehen. So einfach dieses Muster ist, so problematisch ist es auch. Unbestreitbar ist die Partei der Bezugspunkt einer jeden Entscheidung in China – wichtige Entscheidungsposten in Staat und Wirtschaft sind an die Mitgliedschaft in der Partei gebunden. Und es existiert mit der Partei eine parallele Struktur zur staatlichen Bürokratie, die durch straffe Organisation wahrscheinlich sogar schneller agieren kann, als die staatliche. Jedoch einen monolithischen Block zu unterstellen, der jedes Parteimitglied zu einem Büttel Jiang Zemins macht, trägt kaum zur Erklärung der Realität bei. Man kann wiederum die hohen Mauern bemühen, die den Betrachter daran hindern, Strömungen innerhalb der Partei oder des Staatsapparates zu differenzieren, doch kann man die Existenz dieser Strömungen kaum leugnen. Fraktionen hat es in der Partei seit ihrer Gründung gegeben und diese sind nicht allein auf Vetternwirtschaft zu reduzieren, sondern auch Ausdruck von unterschiedlichen Vorstellungen über die Entwicklung des Landes. Längst ist das Bewusstsein, einem ideologischen Auftrag untergeordnet zu sein, der sich auf die Schriften von Mao, Marx und Engels bezieht und in dessen Mittelpunkt die Interessen der Arbeiterklasse stehen, einem institutionellen Pragmatismus gewichen, der sich weit mehr an der Ausgestaltung von Entscheidungen nach nachvollziehbaren Kriterien orientiert. Dengs Reformen und die sozialistische Marktwirtschaft, die eine Mischung sozialistischer Planung und kapitalistischen Marktmechanismen markieren soll, wirken hier auch zurück auf die Partei selbst, die neue Formen der Entscheidungsfindung fordert.

Lokale Interessen von Provinzen, Kreisen und Städten bekommen vor diesem Hintergrund einen höheren Stellenwert und der Staat tritt mehr und mehr in unterschiedlichen Rollen auf, von denen die des gesamtstaatlichen Dirigenten, der fest mit der höchsten Parteiebene verbunden ist, eben nur eine ist. Aufgabenfelder wie die Ansiedelung von Unternehmen, die lokale Bereitstellung von Infrastruktur oder die Aufrechterhaltung des sozialen Systems und die Steuerung des Arbeitsmarktes fallen zusehends aus der zentralen in eine lokale Verantwortung und unterliegen damit auch anderen Mechanismen der Politikfindung. Öffentlich gemachte Korruptionsfälle zeigen die verschiedenen Facetten auf, die staatliche Aktivität auf dem untersten Level angenommen hat: überforderte Beamte und Parteimitglieder, die mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen nach Gutdünken haushalten. In der unglaubwürdigen Erfüllung der ihnen zugedachten Aufgaben liegt das Legitimationsproblem des gesamten Systems. Machtmissbrauch und Korruption sind auch keine Phänomene der untersten Ebene, sondern gehen quer zu allen Entscheidungsstrukturen und -ebenen und stellen die moralische Integrität der Partei als Ganzem, des Staatsapparates und des Wirtschaftssystems in Frage.

Die mangelnde Trennschärfe zwischen Partei, Staat und Wirtschaft bzw. die organisatorische Verflechtung dieser drei Bereiche erweckt bei uns den Eindruck von einem Willkürregime, das dirigistische Methoden bevorzugt und Repression begünstigt. Es fragt sich allerdings, ob die Auswüchse der Machtausübung, die von chinesischer Seite gerne mit der Masse der zu »beherrschenden« Menschen entschuldigt wird, die ihren Anfang in der Gängelung im Kindergarten nehmen und in der Organentnahme Exekutierter ihren wohl barbarischsten Ausdruck finden, nur das gezielte Produkt der Willkürherrschaft der Partei sind. Es erscheint widersprüchlich, auf der einen Seite einen autoritären Staat zu unterstellen, dessen Agenten bis in den letzten Winkel Kontrolle und Repression ausüben können, und auf der anderen Seite ein durch lokale Interessen motiviertes Netzwerk anzunehmen, das mit Beziehungen (guanxi) diese Struktur untergräbt bzw. die Effektivität gesamtstaatlicher Politikentwürfe beeinträchtigt. Staatliche Repression findet nicht hinter geschlossenen Türen statt, sie kann der chinesischen Öffentlichkeit nicht vorenthalten werden. Auch eine systematische Zensur kann nicht verhindern, dass sich Vorfälle herumsprechen. Indes, was fehlt, ist die Solidarität in der Gesellschaft, denn zu viele leben zu gut mit dem System und es sind wiederum die Mauern um Danweis, Wohnquartiere und soziale Schichtungen, die Solidarität behindern.

Kommunikationsmauern

Der Zugang zu Informationen und die Kommunikation untereinander sind durch die neuen Medien leichter geworden – auch in China. So schnell sich neue Formen der Kommunikation ergeben, z.B. über das Internet, so schnell ist damit zu rechnen, dass Parteimitglieder wie Staatsorgane daran teilhaben wollen. Daran gewöhnt, dass sich der Inhalt der Medien aus dem (von der Partei) angenommenen Konsens speist, sind die vielfältigeren Medienangebote eine erschreckende Vision für die »zuständigen Stellen«. Die technologische Hochrüstung der neuen Medien wie auch das immer unüberschaubarer werdende Angebot von Printprodukten und Fernsehkanälen überfordert die Zensur in gleichem Maße wie die diffusen Wünsche der Konsumenten. Entertainment, Wirtschaftsnachrichten, Klatsch und Tratsch sind immer noch etwas Neues und werden begierig aufgesogen. Die neuen elektronischen Zensur-Mauern haben viel mit der großen chinesischen Mauer gemein, sie sind ähnliche Monumentalprojekte, die zu umgehen kein Ding der Unmöglichkeit ist. Als ein mehr oder minder auf die großen Städte beschränktes Phänomen sollte man hingegen die neuen Medien nicht überbewerten, doch ein Großteil derjenigen, die Zugang zu ihnen haben, besitzt auch genug Knowhow, um mögliche Sperren und Einschränkungen zu umgehen.

Auch kulturell drifteten Stadt und Land auseinander – bäuerlich dominierte Gegenden (ca. 80% Chinas) verharren in ihrer kulturellen Entwicklung auf dem Niveau der 50er Jahre, wohingegen die Großstädte entlang der Küste keine Probleme haben, zu westeuropäischen Metropolen aufzuschließen. Das Angebot von Musik über Film, Theater und Kunst in Beijing und Shanghai kann sich international sehen lassen. Produkte wie die chinesische Kunstavantgarde und Kunst-Filme vornehmlich im Westen bekannter chinesischer Filmemacher finden in China selten ein Massenpublikum, weder in der Stadt noch auf dem Land. Von Städtern bevorzugte Medienformate und ihr Konsum gleichen sich westlichen/japanischen Vorbildern an: schnell produzierte Soap-Opern im Fernsehen, Frauenzeitschriften und Sportnachrichten in sensationslüsterner Aufmachung für die Erwachsenen und katong, die chinesische Variante japanischer Manga (Comics) und Anime (Animationsfilme), für die Jugend. Einem ländlichen Bedarf entsprechen diese Formate kaum und der Preis schließt diese Konsumentenschicht auch weit gehend aus – falls, wie im Falle des Fernsehens, nicht ohnedies technische Hürden zu überwinden sind.

Dermaßen auseinander driftend verfestigen sich die in den 80er und 90er Jahren entstandenen Bilder, die Städter von der Landbevölkerung und umgekehrt die Landbevölkerung von den Städtern haben. Sie speisen sich unter anderem aus den bereits erwähnten Aufenthaltsbeschränkungen und der unterschiedlichen Qualifikation/Ausbildung, sie werden durch enorme Einkommensunterschiede immer weiter verschärft. Der Bauer verschwindet aus dem Bewusstsein der Städter und wird allenfalls noch als verklärte Ikone einen Platz in der Ahnentafel finden, in seinem Verhalten jedoch geht der Städter auf Distanz. Dieser Verdrängungsversuch wird heute noch gestützt durch die rigide Trennung der Bereiche (qua hukou). Doch in dem Maße, wie sich das System der hukou aufzulösen beginnt, werden die Widersprüche zwischen der ländlichen und der städtischen Entwicklung zutage treten und in Konflikte münden. Wie letztlich schon die Wanderarbeiter zeigen: Es sind noch die Mauern der Baustellen, die die Wanderarbeiter von der Urbanität fern halten, die sie selbst mit aufbauen. Heute wird deutlich, dass den divergierenden Bewegungen in dem Riesenreich nicht mit den klassischen Methoden der Abgrenzung beizukommen ist, sondern integrative Strategien gefragt sind, die eine behutsame Angleichung ermöglichen. Das System von Mauern hat ausgedient!

Andreas Seifert ist Doktorand am Seminar für Sinologie und Koreanistik der Universität Tübingen

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