in Wissenschaft & Frieden 2001-3: Ökonomie der Bürgerkriege

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Gewaltmärkte und Entwicklungspolitik

von Georg Elwert

In den letzten zehn Jahren hat sich in den Entwicklungsländern die Anzahl und die Intensität von lokalen, regionalen und zwischenstaatlichen Konflikten deutlich erhöht. Wie die Ursachen und Verläufe dieser Konflikte einzuschätzen und zu bewerten sind, ist nicht eindeutig. Jedoch hat vor allem die jüngere sozialwissenschaftliche Feldforschung in Konfliktgebieten neue Erkenntnisse zutage gefördert, die der Berliner Ethnologe Georg Elwert in einer Reihe von Arbeiten unter dem Oberbegriff »Gewaltmärkte« zusammengefasst hat. Der folgende Beitrag gibt eine komprimierte und überarbeitete Fassung eines Beitrags wieder, der nach einer Vorlage von Elwert (unter Mitarbeit von U. Hiemenz) als Stellungnahme des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundesministerium für wirtschaftliche Entwicklung angenommen und im Herbst 1998 vom BMZ veröffentlicht wurde (BMZ-aktuell, Nr. 92, 1998). Dieser Tatbestand ist insofern von Interesse, als angenommen werden könnte, dass die im Beitrag enthaltenen Schlussfolgerungen und Empfehlungen für die deutsche Entwicklungspolitik von der neuen Bundesregierung nach 1998 aufgegriffen worden wären. Dies ist leider nicht der Fall. Jüngste Konflikte haben die Analysen Elwerts bestätigt, die Vorschläge sind weiter aktuell.
Hinter den vordergründigen Konfliktursachen spielt rational nachvollziehbares ökonomisches Handeln eine Rolle für den Einsatz von Gewalt. »Gewalt-Unternehmer« instrumentalisieren Emotionen, wie Hass und vor allem Angst, um sich ökonomische Vorteile zu verschaffen. Sie agieren zugleich innerhalb von Konfliktgebieten mit Raub, Erpressung und Hehlerei und außerhalb dieser Gebiete auf den internationalen Märkten für Diamanten, Gold, Drogen und Waffen. Es liegt deshalb nahe, im Zusammenhang mit Konfliktsituationen vom Entstehen von »Gewaltmärkten« zu sprechen, die Gewalt-Unternehmer oder »Kriegsherren« aus Profitmotiven organisieren. Dieser ökonomische Aspekt kann dann auch die Reproduktion, die Selbst-Stabilisierung, von Konfliktsituationen erklären.

Es geht um Bürgerkriege, die ein Geschäft sind

Ein Gewaltmarkt ist ein überwiegend von Erwerbszielen bestimmtes Handlungsfeld, in dem sowohl Raub als auch Warentausch sowie deren Übergangs- und Kombinationsformen Lösegeld-Erpressung, Schutzgelder, Straßenzölle usw. vorkommen. Jeder Akteur hat grundsätzlich mehrere Optionen von Raub bis Handel. Vor diesem Hintergrund wird klar, dass der Ausdruck »Gewaltmarkt« Tatbestände abdeckt, die über die üblicherweise mit »Markt« assoziierten Tauschbeziehungen hinausgehen.1 Unter der Oberfläche moralischer, weltanschaulicher und machtpolitischer Konflikte dominiert das ökonomische Motiv des materiellen Profits. Solche Gewaltmärkte können in gewaltoffenen Räumen, d.h. bei Abwesenheit eines Gewaltmonopols, entstehen.2 Gewaltoffen sind Räume, in denen keine festen Regeln den Gebrauch der Gewalt begrenzen. Durch die ungeregelte Gewalt können sich zwar Routinen, aber keine festen Regeln etablieren. Auch Verträge zwischen Krieg führenden Parteien können gebrochen werden. Selbst innerhalb einer Krieg führenden Partei kann Gewalt die Klientelbeziehungen zwischen Kriegsherren, ihren Obersten und den Söldnern auflösen. Im gewaltoffenen Raum ist der Mord nicht ausgeschlossen, wenn er auch den meisten Akteuren unökonomisch erscheinen mag.

Die Generäle, Stammesfürsten, Milizchefs und Parteiführer, die Truppen vorstehen, bezeichnet die Forschung als Kriegsherren (englisch: warlords). Kriegsherren sind Unternehmer, die zweckrational eingesetzte Gewalt als effizientes Mittel eines im Prinzip marktwirtschaftlichen Erwerbsstrebens nutzen. Vom marktwirtschaftlichen Unternehmer unterscheidet sie, dass sie auch – aber nicht ausschließlich – Gewalt als Instrument zur Erzeugung von Profiten einsetzen. Dieses Bild von in erster Linie unternehmerisch agierenden Personen wird durch die wenigen wissenschaftlichen Berichte aus den Zentren der Kämpfe und durch Beobachtungen über den gleichen Personenkreis, der – wie vor drei Jahren in Äthiopien – im Frieden weiter unternehmerisch tätig ist, bestätigt. Diese Sicht entspricht nicht den von den Medien überwiegend verbreiteten Stereotypen von Bürgerkriegen, die Emotionen und Tradition als Erklärung bemühen. Moderne Kriege benötigen strategische Planung und Logistik. Ohne die kühle Planung des Nachschubs an Waffen, Munition, Nahrung und Kraftstoff kann eine militärische Auseinandersetzung nicht von Dauer sein. Strategisches Handeln und militärische Logistik setzen einen kühlen Kopf voraus, nicht die Dauermobilisierung von Emotionen.

Da seit Ende des Kalten Krieges die Großmächte an Legitimation zum gewaltsamen Eingreifen in solchen Situationen verloren haben und zugleich die Kontrolle über Waffenverkäufe geringer wurde, ist heute ein wichtiger äußerer Faktor der Gewaltkontrolle entfallen. Wo gewaltoffene Räume, abschöpfbare Ressourcen und abnahmebereite Märkte zusammentreffen, werden Gewaltmärkte entstehen und bei gleichbleibenden Randbedingungen (insbesondere dem Unwillen zur Intervention und zur Waffenhandels-Kontrolle) eher an Häufigkeit zu- als abnehmen.

Gewaltmärkte fanden sich in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts und finden sich z. T. bis heute in Somalia, Äthiopien, Sudan, Sierra Leone, Liberia, Guinea, Nord-Mali, der zentralafrikanischen Republik, Tschad, Mosambik, D. R. Kongo (Zaïre), Angola, Libanon, dem Kaukasus, Afghanistan, Tadschikistan, Nord-Burma, Kolumbien, Bosnien und bald auch Mazedonien.

Zur Entstehung von Gewaltmärkten

Wie können Gewaltmärkte entstehen? Ein Gewaltmonopol zerbricht nicht plötzlich; es zerbröckelt mit zunehmender Geschwindigkeit v. a. durch erfolgreiches Räubertum oder vom Staat tolerierte Willkür lokaler Machthaber. In der Mehrzahl der Fälle zerfällt das Gewaltmonopol von innen. Das heißt: Staatliche Übergriffe verletzen die im Volk bestehende Vorstellung von legitimem Gewaltgebrauch und legitimieren damit Gegengewalt – Befreiungsbewegungen – oder eine Imitation dieser Willkür auf unterster Ebene. Entwicklungspolitische Wachsamkeit könnte hier den Anfängen wehren, indem in solchen Situationen ein Dialog zwischen Gebern und den Mittel empfangenden Regierungen aufgenommen und Hilfe und Schuldenerlass von Bedingungen abhängig gemacht, konditionalisiert, wird.

Wo die Institutionen der Konfliktschichtung und Rechtssicherung durch ein Wirtschaftswachstum in besonderem Maße beansprucht werden, können sich diese Institutionen als unzuverlässig oder zu schwach erweisen. Dann liegt der Gedanke an Selbsthilfe nahe, die zum Recht verhelfen soll. Diese »Selbsthilfe« nimmt gerade in vitalen Bereichen wie etwa Bodenrechten oft gewaltsame Formen an. Vertreibungen von Bevölkerungsgruppen in Nigeria, der Elfenbeinküste und in Zentralasien führten zu zeitweilig oder andauernd gewaltoffenen Räumen.

In Lokalgesellschaften ohne zentralisiertes Gewaltmonopol kann ein ökonomisches oder technologisches Ungleichgewicht – z.B. eine Nachfrage nach Späherdiensten oder nach Gold oder ein günstiges Angebot für effizientere Waffen – die interne Gewaltkontrolle zum Versagen bringen. Die vorher überwiegend als Jäger und Sammler tätigen Ik sahen im ugandischen Bürgerkrieg die Chance, sich als Späher zu verdingen, was zu einer partiellen Auflösung der internen moralischen Kontrolle und dadurch zu einer Hungersnot der Alten und der verlassenen Frauen und Kinder führte. Im Hochland Neuguineas verwandelten sich Fehden in Kriege, als automatische Feuerwaffen erhältlich wurden und Speere, Bögen, Beile oder Keulen ersetzten. In Somalia entstanden manche Milizen aus Selbstschutz-Einheiten der Nomaden, die sich ohne staatlichen Schutz Zugang zu Brunnen und zu Lebensmitteln sichern mussten. Die Waffen erhielten sie von ihren Partnern im Viehhandel geliefert, die wirtschaftlich von den Vieh-Lieferungen der Nomaden abhingen. Bald entdeckten die jungen Leute, die – im Widerspruch zum traditionellen Clan-System – diese Waffen kontrollierten, dass auch Geiselnahme, Begleitschutz und Schutzgelderpressung lohnend sind. Diese Beispiele beleuchten das Problem des internationalen Waffenhandels und die Notwendigkeit eines rechtsstaatlich garantierten Gewaltmonopols zugleich; beides sind bisher keine klassischen Felder der Entwicklungspolitik, wohl aber von großem Einfluss auf Entwicklungsprozesse.

Der Zerfall des Gewaltmonopols ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für die Entstehung von Gewaltmärkten. Zumindest die zukünftigen Kriegsherren müssen mit ökonomischen Regeln vertraut sein. Das erklärt, warum diese z.B. im Kaukasus und Zentralasien v.a. aus dem Kreis der früheren Schwarzmarkt-Aktivisten stammen. Weiterhin müssen Waffen, Munition und Treibstoff zu akzeptablen Preisen zu erhalten sein. Der Preisverfall für Kriegswaffen, der seit Beginn der 90er Jahre in Afrika beobachtet werden kann, dürfte dort zur Verbreitung von Gewaltmärkten beigetragen haben. Nicht zuletzt müssen aber auch abschöpfbare Ressourcen vorhanden sein. Extreme Armut der Opfer erstickt auch in gewaltoffenen Situationen das Entstehen von Gewaltmärkten (so in den Hochgebirgsregionen Afghanistans und Tadschikistans). Reichtumskonzentration und der Zugang zu legal oder illegal ausbeutbaren Ressourcen begünstigt hingegen das Entstehen und die Ausbreitung von Gewaltmärkten. Wenn gewaltoffene Räume und Marktwirtschaft zusammentreffen, kann es zu einer positiven Rückkoppelung kommen: Die ökonomischen Interessen vergrößern die gewaltoffenen Räume, und in gewaltoffenen Räumen werden Marktinteressen in wachsendem Maßstab realisiert. Es entsteht das sich selbst stabilisierende System des Gewaltmarktes (so hielten z.B. in Zaïre Edelmetalle und Edelsteine die Gewaltmärkte seit den 60er Jahren aktiv).

Zur Funktionsweise und Dynamik von Gewaltmärkten

Die Entscheidung darüber, ob bestimmte Güter geraubt oder durch Handel erworben werden, ist in den Gewaltmärkten prinzipiell immer offen. Um strategisch entscheiden und die Optionen offen halten zu können, müssen die Kriegsherren Zeit gewinnen. Daher ergibt sich für diese Akteure ein strategisches Dreieck aus Gewalt, Handel und Zeit. Zwischen diesen Polen optimiert der Kriegsherr. Er kalkuliert das Verhältnis von Aufwand und Ertrag.

Die Produktion von Gewalt folgt ökonomischen Imperativen. Kriegsherren sind bemüht, die Kosten der Gewalt zu reduzieren. Zu den unverzichtbaren Ressourcen gehören Waffen, Munition und Treibstoff, aber es empfiehlt sich für die Kriegsherren nicht, hier auf Kosten der Qualität zu sparen. Machbar ist hingegen, am Sold der Söldner zu sparen. Das »Marodieren«, der systematische Raub durch Soldaten, ist daher eine naheliegende Form der Reproduktion der Kampfkraft. Es kann sogar ein Markt für das Marodieren entstehen. Das heißt, man bezahlt eine Gebühr, um an organisierten Raubzügen teilnehmen zu können.3

Für die Entwicklungspolitik besonders zu beachten ist, dass auch Nahrungsmittelhilfe zur Truppenversorgung eingesetzt werden kann (z.B. in Liberia) und Flüchtlingslager zu Kasernen für auf den Kampfeinsatz wartende Truppen und ihren Tross umfunktioniert werden (z.B. in Ostafrika für Truppen aus Somalia, dem Sudan, der D. R. Kongo und Äthiopien).

Für die Kriegsherren Kosten senkend ist es auch, eine gesellschaftliche Nachfrage nach Prestige zu bedienen. Dort, wo der junge Mann erst dann zum Mann wird, wenn er riskante Unternehmen (wie z.B. Viehdiebstahl) bestanden hat, oder wo Gewaltausübung gar als Bedingung zu einem Initiationsritual gehört, lassen sich junge Männer als hochmotivierte »Freiwillige« gewinnen. Für eine kurze Frist – wichtig vor allem für die Anfangsphase des Gewaltmarkts – kann auch die Verheißung von Recht und Freiheit, genauer: die Hoffnung latente Konflikte zu lösen oder eine Willkürherrschaft zu beseitigen, Freiwillige, d.h. unbezahlte Akteure, mobilisieren.

Eine besonders kostengünstige Form der Mobilisierung von Arbeitskraft ist die Erzeugung von Angst. Die Propaganda wird so ein wichtiges Produktionsinstrument. Ökonomisch gesehen, kann »sinnlose Gewalt« so ihren Sinn finden. Die Angst vor der Vergeltung der Opfer lässt keine andere Option zu als die, sich einer Armee anzuschließen oder sie zum eigenen Schutz zu unterstützen. Die Angst vor Rache stabilisiert das System. Die Angst, selbst Opfer von Gewalt zu werden, führt auch zu Präventivschlägen. Diese sind meist kaum strategisch geplant, eskalieren rasch und enden in der Ermordung von Nachbarn, welche sich zuvor u. U. sogar nahe standen. Berichte aus Ruanda wie aus Bosnien rücken dabei die Bedeutung der Radio- oder Fernsehpropaganda in den Vordergrund. In Ruanda spielte der aus Entwicklungshilfemitteln aufgebaute Rundfunk die Rolle des Angsterzeugers und -verstärkers, welcher dann die Gemetzel provozierte.

Der große Unterschied zwischen den heutigen Gewaltmärkten und denen des letzten Jahrhunderts ist, dass heute die elektronische Propaganda schneller und kostengünstiger große Bevölkerungsmassen erreicht und damit die Angst der Menschen in einem bisher unbekannten Ausmaß in eine Massenbeteiligung an den für einige Wenige ökonomisch Gewinn bringenden militärischen Unternehmungen umgemünzt werden kann. Der Automatismus von Rache und Racheangst schafft Eindeutigkeit, wo zuvor multiple Zugehörigkeiten (z.B. nach Sprache oder nach Religion) die Menschen neutral gegenüber den militanten Akteuren bleiben ließen. Mit der neuen Eindeutigkeit kann damit großräumiger agiert werden. Die militärstrategisch sinnvolle Freund/Feind-Trennung kann, ideologisch überformt, die Gestalt der »ethnischen Säuberung« erhalten. Die Angst, als Feind deklariert und damit zum potenziellen Opfer zu werden oder die Angst vor Rache verwandeln dabei bisher nicht mobilisierte Zivilisten in unbezahlte »Säuberungshelfer«. Dass eine rein »technisch« verstandene und unzureichend konditionalisierte Entwicklungshilfe solcher Propaganda Vorschub leistete, bedarf der Korrektur.

Auch der Warenhandel ist für Gewaltmärkte wichtig. Für räumlich mobile Räuber-Händler sind jene Tauschgüter besonders wichtig, welche leicht zu transportieren und unter Umständen sogar zu verbergen sind. Im Gewaltmarkt erhält aus diesen Gründen der Handel mit wertvollen Objekten ein überproportionales Gewicht. Diamanten, Gold und Smaragde, aber auch seltene Erden, Stahlveredler oder geschützte Tiere werden besonders interessant, weil hier mit einem einzigen Transport große Wertmengen bewegt werden können. Lukrativ ist auch der Handel mit Drogen oder Rauschmitteln – in Zentralasien z.B. Heroin – und mit Waffen. Dort, wo gewaltoffene Märkte entstanden sind, kann der Handel im Hochwertsegment sogar rasch zunehmen, wie derzeit etwa in Tadschikistan zu beobachten. Für den illegalen Handel, den Schmuggel mit Drogen und Waffen, kann der professionelle Begleitschutz durch Kriegsherren und unter Umständen sogar der Entrepot-Handel, das Zwischenlager im »sicheren« Gebiet, attraktiv sein. Handelsströme (Schmugglerrouten) nehmen dann den (Um-)Weg durch Konfliktgebiete.

In einigen wenigen, dafür international aber besonders beachteten Gewaltmärkten wird außerdem noch mit einem Gut gehandelt, das die fernen Käufer nicht als Ware identifizieren: mit dem ideologisch motiviert erscheinenden Opfer. Begleitet von ausführlicher Berichterstattung werden Schlachten für ein ideelles Ziel geschlagen. Das Leben der Gegner oder auch der eigenen Leute wird einer Sache geopfert, die Emigranten oder am Weltschicksal interessierten Ausländern etwas wert ist. Der »freie Westen«, »die sozialistische Weltrevolution», »die Ehre unserer Nation«, »die Rettung unseres Glaubens« scheinen auf dem Spiel zu stehen. Beträchtliche Ressourcen lassen sich von außen in den Gewaltmarkt transferieren, wenn die Kriegsherren diese Ware durch Aufbau einer rhetorisch geschulten und international kommunizierenden Spezialtruppe besonders bearbeiten. Jonas Savimbi konnte so seine Schlachten in Angola sowohl für die maoistische Weltrevolution zugunsten des Sozialismus als auch – später – für die Verteidigung des freien Westens gegen den Sozialismus verkaufen, bevor er sich wieder seinem Kerngeschäft in der Diamantenwirtschaft Angolas und Zaïres zuwandte.

Als Zwischenform zwischen Handel und Raub haben der Einzug von Schutzgeldern, auch Zölle genannt, und die Geiselnahme große Bedeutung. Heute besonders aktuell ist der Begleitschutz. Diamanten- und Goldschmuggler im heutigen Zaïre, Qat-Händler in Somalia, Smaragd-Schmuggler in Kolumbien und nicht zuletzt die Konvois mit Nahrungsmittelhilfe im Sudan, in Somalia, Liberia oder in Bosnien lassen in bestimmten Perioden diesen Wirtschaftszweig zum wichtigsten Einkommenssektor der Kriegsherren werden.

»Bürgerkrieg« als langfristiger Zustand – Die Stabilisierung von Gewaltmärkten

Eine Folge der Gewaltsituation ist, dass die Erwerbschancen in alternativen Wirtschaftszweigen schwinden. Gewerbe, Industrieproduktion, friedlicher Handel und Landwirtschaft geraten in Krisen und brechen dann, wenn sie auf kontinuierliche Inputs von außen angewiesen sind, vollständig zusammen. Die Löhne und Einkommen in diesen Sektoren sinken. Das investierte Kapital wird entwertet. Für die Lohnabhängigen und kleinen Selbstständigen wird es sinnvoll und oft sogar die einzige Überlebensoption, zu Söldnern und/oder Marodeuren zu konvertieren. Die Unternehmer sind gut beraten, wenn sie ihr flüssiges Kapital in den Aufbau einer Truppe und den Kauf von Waffen investieren. Es ist insofern nicht überraschend, dass etwa die Kriegsherren Somalias zuvor – in der friedlichen Periode – überwiegend als Großhändler oder als politische Unternehmer (auch als Partner der Entwicklungszusammenarbeit) tätig waren. Der Gewaltmarkt stabilisiert sich selbst, indem alternative Erwerbszweige unter Druck geraten und ihre Reproduktionschancen weit gehend verlieren, wodurch Arbeitskraft und Kapital von den – relativ gesehen – höheren Löhnen und den höheren Profitchancen in den gewalttätigen Wirtschaftsbereich gesogen werden. Zur Stabilisierung gehören auch Anstrengungen auf dem symbolisch-ideologischen Feld. Waffenparaden vor den Kameras der internationalen Fernsehteams gehören ebenso wie demonstrative Brutalität zu den erfolgreich verwendeten Propagandamethoden dieses Gewerbes. Die ideologische Selbstdarstellung, die Gewalt in den Vordergrund rückt, soll die Position im Gewaltmarkt stabilisieren. Sie erleichtert u.a. den Verkauf von »Schutz«.

Die Wahl der Opfer folgt recht komplexen Kalkülen. Nicht jeder, der etwas hat, wird beraubt. Die Kriegsherren brauchen auch Handelspartner, Unterstützer und neutrale Kräfte. Damit sich diese sicher fühlen, ist es hilfreich, die Gewalt klaren, symbolisch vorgezeichneten Linien folgen zu lassen. Abzeichen einer Religion, städtische oder ländliche Tracht, regionaler Akzent u.ä. dienen dazu und erwecken den Eindruck ethnischer oder religiöser Konfrontation. Kein Handels- oder Bündnispartner kann jedoch sicher sein, nicht auch zum Opfer der Begehrlichkeit der Verbündeten von gestern zu werden. Jede der Allianzen in Somalia wurde schon einmal gebrochen.

Zerfall von Gewaltmärkten

Gewaltmärkte bestehen maximal immer »nur« für einige Jahrzehnte. Die Gründe ihres Zusammenbrechens hängen sowohl mit ihrer internen Struktur als auch mit ihrem Umfeld zusammen. Gewaltmärkte entstehen und bestehen nicht in einem Vakuum. Sie erwachsen aus sich selbst organisierenden sozialen Systemen, die als solche auf einen Austausch mit ihrer Umwelt angewiesen sind, und sie setzen diesen Austausch (mit sich verändernden) Formen fort. Da Gewaltmärkte das landesinterne Institutionengefüge und Produktionspotenzial weitgehend zerstören, sind sie entscheidend von Abnehmern, Lieferanten, Banken und anderen Dienstleistungen außerhalb ihres Raumes abhängig. Die Bedeutung des Dienstleistungssektors wird leicht übersehen. Gewaltmärkte brauchen eine externe Infrastruktur. Somalische Kriegsherren nutzten etwa intensiv Ausbildungszentren, Spezialkrankenhäuser, Banken, Versicherungen, Börsen und Handelsschiedsgerichte auf anderen Kontinenten (nachweisbar: Nordamerika, Asien). Der Austausch über die Grenzen des eigenen Systems ist also eine der neuralgischen Stellen von Gewaltmärkten. Blockaden, also Behinderungen dieses Austauschs, können sie von außen zerstören. Allerdings lassen sich Beispiele für erfolgreiche Blockaden derzeit nur schwer aufzählen. Mosambik nach der Wende in der südafrikanischen Republik, welche vorher die externe Infrastruktur für die Gewalt bereitstellte, war ein solcher Fall. Der durch deutsche Intervention zuwege gebrachte Waffenboykott gegenüber Eritrea und Äthiopien wirkte präventiv. Die Behinderung der gesamten externen Infrastruktur von Gewaltmärkten müsste eine europäische (entwicklungs-)politische Aufgabe werden.

Die Prioritäten der agierenden Parteien und Personen können sich im Zeitablauf ändern. Der Einsatz von Gewalt beruht nicht nur auf Profit-Motiven. Ohne sekundäre Motivationen ließen sich, wie oben dargestellt, Gewaltmärkte nicht verstetigen. Aus sekundären Motivationen – wie etwa den Bemühungen um die Schaffung einer neuen ethnonationalen Gemeinschaft – können primäre werden, die dann ein neues Zielsystem etablieren. Dies belegt auch die europäische Geschichte: Aus den Führern der Söldnerheere des 30jährigen Krieges wurden Macht akkumulierende Staatsmänner und friedliche Unternehmer. Damals, wie heute im Libanon, hat möglicherweise die durch die Gewalt bewirkte Erschöpfung der Ressourcen zur relativen Befriedung beigetragen.

Der Übergang vom Gewaltmarkt zu friedlicheren Zuständen kann also sowohl durch eine Erschöpfung der Ressourcen, durch externe Blockaden als auch durch interne Verlagerungen der Prioritäten erreicht werden. In der Übergangsperiode entstehen ambivalente Handlungsräume.

Möglichkeiten der Intervention im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit

Die vorangegangene Analyse hat eine Reihe von Anhaltspunkten geliefert, in welcher Weise die Entwicklungszusammenarbeit auf das Entstehen und den Zerfall von Gewaltmärkten Einfluss nehmen kann. Grundsätzlich kann zwischen Präventiver Hilfe, Hilfe durch Intervention und Hilfe zur Stabilisierung des Friedens unterschieden werden.

Präventive Hilfe

Die Förderung von Rechtssicherheit durch Unterstützung des Institutionen-Aufbaus kann vor allem im Bereich der Landrechte der Neigung zur gewaltsamen Konfliktlösung vorbeugen und somit die Entstehung gewaltoffener Räume behindern.

Im Vorfeld potenzieller Bürgerkriegssituationen liegt es insbesondere nahe, auf den sich andeutenden Zusammenbruch des innerstaatlichen Gewaltmonopols in seiner rechtsstaatlichen Form rasch und deutlich zu reagieren. Instrumente sind:

Die Rückenstärkung von verantwortlichem Journalismus und die Untersagung von Minderheitenhetze kann Gewalt-Unternehmern das Instrument der Angst-Mobilisierung entziehen. Als absurd erscheint es, wenn Entwicklungshilfe zum Aufbau und zur Förderung von Massenmedien nicht von einer politischen Konditionalisierung begleitet wird. Wenn solche Massenmedien zur Volksverhetzung (nach deutscher Rechtsterminologie) und Gewaltaufforderung benutzt werden, müsste die Hilfe zurückgefordert werden. Dies mag heute utopisch erscheinen, wäre aber nur die Verlängerung eines innerstaatlichen Rechtsprinzips.

Hilfe durch Intervention

Das, was hier im streng formalen Sinn als Intervention bezeichnet wird, kann nur zu einem Teil Gegenstand von Entwicklungszusammenarbeit sein. Da solche Interventionen aber ohne eine entwicklungspolitische Komponente keinen Erfolg haben können, muss hier der Gesamtzusammenhang dargestellt werden.

Sowohl die Wirtschaftsinteressen (Schmuggel, Anlage der Erlöse aus Handel, Raub, Erpressung und Geiselnahme in sicheren Drittstaaten) als auch der Waffennachschub können durch eine Blockade empfindlich getroffen werden. Eine solche Blockade ist freilich nicht einfach zu realisieren. Sie ist an den Grenzen der Kriegsgebiete personalintensiv oder technologisch aufwändig und setzt voraus, dass die Kräfte, die diese grenzpolizeiliche Aufgabe ausüben, zur Durchsetzung ihrer Pflichten auch die Waffe einsetzen können (anders als dies im Jugoslawienkonflikt praktiziert wurde). Zeitgleich muss eine solche Blockade auch als Blockade der Dienstleistungen und insbesondere der Geldbewegungen realisiert werden, was von neutralen Staaten als Eingriff in ihre »Bankenfreiheit« bezeichnet werden könnte.

Zusätzlich zu einer Blockade kann zur Beendigung der Gewalt in manchen Fällen auf eine zeitlich befristete Gewährleistung des innerstaatlichen Gewaltmonopols durch externe Kräfte nicht verzichtet werden. Diese polizeiliche (und im eigentlichen Sinn nicht militärische) Aufgabe setzt freilich vier Dinge voraus: Erstens muss Bewaffnung und Logistik der Interventionskräfte der der internen Akteure gewachsen sein, zweitens muss der Einsatz sanktionierender Gewalt an rechtsstaatliche Normen gebunden sein und dies institutionell gesichert werden, drittens muss eine Waffenkontrolle erreicht werden, viertens muss auch ein begrenzter Teil der alltäglichen Konflikte geschlichtet werden, wenn nicht Gewalt – in der Form der Selbsthilfe, »um zu seinem Recht zu kommen« – wieder aufflammen soll. Hierbei muss unumgänglich an lokale Vorstellungen von Gerechtigkeit und an lokale Institutionen angeknüpft werden, wenn man ein Fundament für den endogenen Aufbau von Rechtsstaatlichkeit durch einheimische Kräfte legen will. Dies setzt sozio-kulturelle Kompetenz der Interventen voraus, wie sie in der üblichen Kooperation mit Entwicklungsländern zwar häufig zu finden ist, in diesen vitalen Situationen leider aber oft zu vermissen ist.

Die derzeit am weitesten verbreiteten Formen der Intervention sind die Entsendung von Ärzten und Krankenschwestern und die Verteilung von Nahrungsmitteln und Bekleidung an die Opfer der Gewalt. Insofern die Menschen in Lagern zusammengefasst werden, wird den Kriegsherren die Rekrutierung von Truppen eher erleichtert als erschwert (wie das Beispiel der ruandischen Flüchtlinge in Zaïre zeigte). Flüchtlingslager, die als Kasernen und Trosslager der Kriegsherren dienen und durch die Vergabe von Nahrungsmittelhilfe gefördert werden, sind als Intervention kontraproduktiv. Dezentrale Versorgungskonzepte wären hier angebrachter. Dass Hilfslieferungen durch Erpressung von Schutzgeldern, »Zöllen«, Bezahlung von Geleitschutz oder Raub nur zum Teil die Zielgruppen erreichen, ist nie gänzlich zu verhindern. Dass solche Lieferungen aber die Kriegsherren mehr stärken als ihre Opfer, könnte durch ein sozialwissenschaftliches Monitoring (über Güterflüsse, Allianzdynamiken, Rekrutierungsformen, Aufbau eigener Erzwingungsstäbe usw.) vermieden werden.

Stabilisierung von Frieden

Was oben über die Notwendigkeiten eines rechtsstaatlich kontrollierten Gebrauchs der staatlichen Gewalt und über verantwortungsvollen Journalismus ausgeführt wurde, bezeichnet auch Notwendigkeiten der Entwicklungszusammenarbeit in der Nachkonfliktphase. Besonders vordringlich ist die Unterstützung des Aufbaus von lokalen Institutionen der Konfliktschlichtung. »Wahrheitskommissionen«, die durch ihre Verfahren beide Seiten eines Konflikts implizit auf die gleichen Werte verpflichten, können eine Vorstufe hierzu sein. Auch Formen des Täter-Opfer-Ausgleichs können diesen Institutionen-Aufbau und die Entwicklung eines gemeinsamen Rechtsbewusstseins fördern. Dabei ist sowohl die Anknüpfung an endogene Rechtsvorstellungen zu gewährleisten als auch eine Information über die Erfahrungen anderer Länder einzubringen. Beides zusammen könnte Gegenstand einer genuin partnerschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit sein.

Da kriegerische Zustände die Werte der Krieger besonders prämiieren, liegt eine besondere Gefahr für den Frieden darin, dass er nur als vorübergehender Waffenstillstand erscheinen kann. In gewaltoffenen Räumen stabilisiert sich oft eine gewaltspezifische Prestigeordnung, die die Chance junger Männer, Ehre und Ansehen zu erwerben, an Gewalttaten gegen Fremde oder an die Rache von »Ehrverletzungen« bindet. Solange diese Prestigeordnung besteht, wächst auch im Frieden kontinuierlich eine Reservearmee zur Verfügung eventueller Bürgerkriegsstrategen heran. Dies ist allerdings nicht zwangsläufig so. Es ist auch möglich, neue Wege zur gesellschaftlichen Anerkennung zu eröffnen: eine schwierige, aber nicht unmögliche Aufgabe. Die Förderung unternehmerischen Ehrgeizes in friedlichen Formen kann hier potenziell destruktive Energien umleiten und sowohl Prestige als auch Profit vermitteln (wie etwa Entwicklungen in Äthiopien zeigten).

Literatur

Elwert, Georg, Stephan Feuchtwang, Dieter Neubert (eds.) (1999): Dynamics of Violence. Processes of Escalation and De-Escalation in Violent Conflicts. Berlin, Duncker & Humblot.

Jean, François und Jean-Christophe Rufin (dir.) (1996): Économie des guerres civiles. Paris, Hachette.

Koehler, Jan und Sonja Heyer (Hrsg.) (1998): Anthropologie der Gewalt. Berlin, VWF, S. 205-216.

Anmerkungen

1) Aus dieser ökonomischen Perspektive sind Gewaltmärkte jene Märkte, auf denen die Mittel zur Ausübung strategischer Gewalt (Waffen, Munition, Militärfahrzeuge und komplementäre Treibstoffe, Söldner und komplementäre Grundbedarfsgüter) angeboten und nachgefragt werden. Solche Märkte können entstehen, wenn mit der Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols und einer rechtsstaatlichen Ordnung Anbieterpreise (Preisuntergrenzen potenzieller Anbieter dieser Mittel) zustande kommen, die bestehende Nachfragerpreise (maximale Zahlungsbereitschaft für diese Mittel) unterschreiten.

2) Dass es zum Zerfall des Gewaltmonopols kommt, ist freilich meist nicht direkt ökonomischen Motiven zuzuschreiben. In der ersten Phase der Entwicklung der hier diskutierten Gewaltsituationen haben daher politische Motive und nicht ökonomische die Oberhand.

3) In Jugoslawien bedienten sich Freiwilligen-Organisationen der Unterstützung von »Wochenendsoldaten«, die Freitag nachmittags gegen entsprechende Gebühr und Waffenverleih mit Bussen an die »Front« gefahren werden, um Sonntagabend reich beladen wieder zurückzukehren. Dass man es auch Sadisten, die ihre Gebühr bezahlt haben, gestattet, sich ihre Befriedigung zu suchen, ist in diesem Sinne ökonomisch.

Prof. Dr. Georg Elwert lehrt am Institut für Ethnologie der Freien Universität Berlin.

in Wissenschaft & Frieden 2001-3: Ökonomie der Bürgerkriege

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