in Wissenschaft & Frieden 2001-1: Von SDI zu NMD

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US-Raketenabwehr

Zurück zum globalen Schutzschild?

von Tom Bielefeld und Götz Neuneck

Die Ankündigung US-Präsident Clintons, die Entscheidung über die Stationierung des umstrittenen landesweiten Raketenabwehrsystems National Missile Defense (NMD) seinem Nachfolger zu überlassen, hat Befürwortern und Gegnern des Systems lediglich eine kurze Atempause verschafft. Spätestens nach der Vereidigung der neuen Administration im Januar wird die Debatte um Zweck und Architektur der Raketenabwehr jedoch wieder aufleben. Beide Präsidentschaftskandidaten haben sich prinzipiell für die Einführung einer Raketenabwehr zur Landesverteidigung ausgesprochen. Während der Demokrat Gore weitgehend an den bisherigen Plänen der Clinton-Administration festhalten möchte, hat der Republikaner Bush angekündigt, ein noch umfassenderes System entwickeln lassen zu wollen, das auch verbündete Staaten vor Raketenangriffen schützen soll. Gleichzeitig lockt Bush mit einer Überprüfung der US-Nukleardoktrin und stellt eine einseitige Reduzierung der Nuklearstreitkräfte in Aussicht. Auch scheint er eher geneigt zu sein, den ABM-Vertrag, der den USA und Russland die Entwicklung einer landesweiten Raketenabwehr verbietet, im Zweifelsfall aufzukündigen, falls Russland einer Anpassung des Vertrages nach US-amerikanischen Wünschen weiterhin nicht zustimmen sollte. Gore kündigte an, in intensive Verhandlungen zur Lösung des Streits insbesondere mit Russland, aber auch mit China zu treten.
Unterdessen wird die Debatte um NMD vor dem Hintergrund fehlgeschlagener Testflüge und wachsender Zweifel an der technischen Durchführbarkeit des Projekts zunehmend angereichert durch Forderungen nach Alternativen zur jetzigen NMD-Architektur. Es existieren mittlerweile aus den verschiedenen politischen Lagern einige neue Vorschläge, die das NMD-System entweder durch ein weniger aufwändiges ersetzen oder durch neu zu entwickelnde Komponenten zur See oder im Weltraum ergänzen sollen – letzteres mit möglicherweise verheerenden Folgen für den Abrüstungsprozess.

Clintons Entscheidung, nicht zu entscheiden

In seiner Rede vom 1. September1 begründete Präsident Clinton die Verschiebung der Stationierungsentscheidung von NMD damit, dass er aufgrund der bisherigen Testergebnisse noch nicht genügend Vertrauen in Technik und Effektivität des Gesamtsystems habe. Clinton erwähnte auch die Vorbehalte der europäischen Verbündeten und kündigte an, die diplomatischen Bemühungen für eine Änderung des ABM-Vertrages mit Russland fortzusetzen. Desweiteren betonte er, dass seine Entscheidung den NMD-Programmablauf nicht verzögere. Der ursprüngliche, ehrgeizige Zeitplan, der die Stationierung der NMD-Eingangsstufe2 bereits im Jahre 2005 vorgesehen hatte, war zwischenzeitlich aufgrund der fehlgeschlagenen Tests und unvorhergesehener Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Abfangraketen allerdings bereits um ein bis zwei Jahre nach hinten korrigiert worden.

Außenpolitisch hatte die Clinton-Administration sowohl Russland und China als auch die europäischen Verbündeten von der Notwendigkeit und Unschädlichkeit ihrer Planungen zu überzeugen versucht. Die Europäer blieben skeptisch, Russland und China verharrten in offener Ablehnung. Die Regierungen beider Länder warnten wiederholt vor „ernsthaften Konsequenzen für die internationale Sicherheit Russlands, Chinas und anderer Länder (…) und die weltweite strategische Stabilität“.3 Innenpolitisch wurde jeder diplomatische Schritt der Clinton-Administration von der republikanischen Kongressmehrheit misstrauisch beäugt. Deren Vertreter stellten mittlerweile die Gültigkeit des ABM-Vertrages überhaupt in Frage und kündigten an, jedes Abkommen mit Russland, das die Vereinigten Staaten in ihren Bemühungen um ein Abwehrsystem einschränken könnte, verhindern zu wollen.4 Die europäischen Regierungen begrüßten Clintons Entscheidung. Die britische und deutsche Regierung nannten sie „weise“ und der NATO Generalsekretär Robertson bezeichnete sie als „klugen Schritt“. Clinton betonte in seiner Rede, dass die Vereinigten Staaten in Zukunft alliierte Unterstützung haben „müssen“.

Countermeasures

Neben der Diskussion um die politischen Konsequenzen einer NMD-Stationierung bestimmte vor allem der Streit über die technische Durchführbarkeit des Projekts die letzten Monate. Im April veröffentlichte eine Gruppe von US-Naturwissenschaftlern, unter ihnen renommierte Experten wie Richard Garwin und Ted Postol, eine Studie, in der sie ihre technischen Einwände gegen das System vorbrachten und durch detaillierte Rechnungen belegten.5 Die Studiengruppe kam zu dem Schluss, dass vergleichsweise geringe technische Mittel ausreichten, um die Sensoren des geplanten Abwehrsystems zu überlisten und dass diese so genannten »Countermeasures« (Gegenmaßnahmen) sehr wahrscheinlich von jedem Land installiert werden könnten, das in der Lage sei, ballistische Raketen mit großer Reichweite zu bauen oder zu kaufen. Die Bedrohungsanalyse der US-Geheimdienste bestätigte, dass Länder wie Nordkorea, Iran oder Irak auf einfach zugängliche Technologien für Gegenmaßnahmen wie Ballonattrappen oder radarabsorbierende Materialien zurückgreifen können: „Diese Länder können Gegenmaßnahmen basierend auf diesen Technologien zu dem Zeitpunkt entwickeln, zu dem sie ihre Raketen testen.“6

Die Einwände, ein Abwehrsystem sei technisch recht einfach zu umgehen, sind nicht neu, allerdings wurden sie im Rahmen der Studie erstmals mit quantitativen Abschätzungen und konkreten Berechnungen für drei Beispiele unterfüttert:

Im ersten Fall, in dem der B-und C-Kampfstoff anstatt in einem einzigen Gefechtskopf in vielen kleinen Behältern transportiert wird, die gleich nach dem Ausbrennen der letzten Stufe freigesetzt werden, wird das Verteidigungssystem durch die große Anzahl einfliegender Objekte schlicht überfordert. Das NMD würde auch nach der letzten geplanten Ausbaustufe im Jahre 2011 lediglich für das Abfangen einiger Dutzend Sprengköpfe ausgelegt sein. Das bedeutet, dass die Ortung, Verfolgung und Zerstörung hunderter »Bomblets« aus mehreren angreifenden Raketen unmöglich wäre. Diese Angriffstaktik ist zudem für einen B- oder C-Waffeneinsatz die effektivste Methode, weil so der Kampfstoff im Zielgebiet über eine große Fläche verteilt werden kann.

Im zweiten und dritten Fall werden den NMD-Sensoren die notwendigen Informationen über das Ziel vorenthalten, die es braucht, um einfliegende Gefechtsköpfe zu orten, von Attrappen zu unterscheiden und schließlich mit dem Abfangflugkörper anzusteuern. Es gibt jedoch für die Radaranlagen und IR-Sensoren keinerlei Unterscheidungskriterium mehr zwischen einem Gefechtskopf und zusätzlich freigesetzten Attrappen, wenn der Gefechtskopf im Inneren eines metallbeschichteten Ballons versteckt, also selbst als Attrappe getarnt wird.7

Es existieren zahlreiche weitere Tarnmöglichkeiten, zum Beispiel verhindert die Freisetzung des Gefechtskopfes innerhalb einer großen Wolke von kleinen Metallfäden eine exakte Radarortung. Diese Methoden sind allesamt keine Reißbrett-Phantasien, die in der Realität schwierig zu implementieren wären, sondern realistische Möglichkeiten, die auch technisch weniger entwickelten Ländern zur Verfügung stehen sollten, sobald diese in der Lage sind, ballistische Raketen zu konstruieren.

Walk before you run? Teil I: Pleiten, Pech und Pannen des Testprogramms

Im Flugtestprogramm der dem Pentagon zugehörigen Raketenabwehrbehörde BMDO fanden ernstzunehmende Gegenmaßnahmen bisher wenig Beachtung.8 Die Devise lautete: „Walk before you run“. Die beiden ersten Testflüge im Juli 1997 und Januar 1998, bei denen Prototypen des Abfangflugkörpers Sensordaten über Zielköpfe und Attrappen sammeln sollten, wurden zunächst als Erfolg gewertet. Allerdings wurde nach diesen Flügen die Anzahl der Attrappen für die eigentlichen Abfangtests im Oktober 1999 sowie im Januar und Juli diesen Jahres, drastisch gesenkt, nämlich auf einen einzigen hellen Ballon. Dieser runde Ballon, der sich schon äußerlich deutlich von einem konisch geformten Gefechtskopf unterscheidet, leuchtete noch dazu unter den Versuchsbedingungen sechs bis sieben Mal heller als der Gefechtskopf, war also gut zu erkennen.

Trotz des weitgehenden Verzichts auf realistische Gegenmaßnahmen und der Tatsache, dass sich das Ziel weitgehend »kooperativ« verhielt (das Abfangteam kannte die Flugbahn und die Angriffszeit, die physikalischen Eigenschaften des Ziels und der Attrappe sowie die genauen Koordinaten des Gefechtskopfes, die dieser über einen Sender übermittelte) verlief nur der erste der drei Abfangtests erfolgreich. Der zweite Test scheiterte an einer Panne im Kühlsystem für den Infrarotsensor des Abfangflugkörpers. Beim dritten Test verhinderte eine Fehlfunktion der letzten Trägerstufe das Ausklinken des Abfangflugkörpers, so dass beide zusammen unverrichteter Dinge ins Meer stürzten.

Der Mangel an ernstzunehmenden Attrappen und die Verwendung kooperativer Ziele bilden die Hauptkritikpunkte am Testprogramm. Vor dem dritten Test im Sommer war befürchtet worden, dass dem System im Erfolgsfalle vom Verteidigungsminister die technische Reife bescheinigt werden würde, nach lediglich drei Tests, die allesamt nicht unter den wahrscheinlichen Bedingungen des Ernstfalls stattgefunden hätten. Nach dem unerwarteten Scheitern des letzten Tests mehrten sich jedoch auch im Kongress die Stimmen, die für eine Verschiebung der Stationierung eintraten. In der Tat zitierte Clinton in seiner Rede die beiden fehlgeschlagenen Testflüge als eine Begründung dafür, dass ihm noch das Vertrauen in die NMD-Technologie fehle. Weitere „robuste Entwicklungs- und Testprogramme“ seinen nötig, um die „operative Effektivität“ des Systems zu prüfen. Der nächste Test ist frühstens im Januar 2001 geplant. Die weitere Testplanung dürfte aber stark vom Ausgang der US-Wahl und den Plänen der neuen Administration abhängen.

Walk before you run? Teil II: Manipulationsvorwürfe

Die Kritik am NMD-Testprogramm ließ auch nach den letzten Misserfolgen nicht nach, im Gegenteil. Im Mai dieses Jahres schrieb der MIT-Professor Ted Postol einen Brief an den Stabschef des Weißen Hauses, in dem er Vorwürfe gegen ein an der NMD-Entwicklung beteiligtes Unternehmen erhebt.9 Postol beruft sich auf technische Unterlagen über den ersten Testflug IFT-1a (Juli 1997), die im Rahmen eines Prozesses einer entlassenen Mitarbeiterin gegen ihren ehemaligen Arbeitgeber TRW zugänglich gemacht wurden. Die Protokolle über die Auswertung des Testflugs zeigten, so Postol, Inkonsistenzen und deutliche Hinweise auf Datenmanipulationen, die allen Beteiligten bekannt gewesen sein müssten.

Bei IFT-1A flog ein Testabfangflugkörper an einem Feld mit zehn Objekten vorbei. Dabei handelte es sich um den Gefechtskopf, acht Attrappen verschiedener Form und Größe sowie den Bus, auf dem die anderen neun Objekte in den Weltraum gebracht wurden. Ziel dieses Versuchs war, die Sensoreinheit des Abfangflugkörpers zu erproben und Daten über die zehn Objekte zu sammeln. Mit diesen Daten wiederum sollten die Zielerkennungs- und Diskriminierungsalgorithmen für den Bord-Computer des Abfangflugkörpers getestet werden. Laut BMDO war dieser Test erfolgreich. Die Sensoren hätten die Objekte erkannt und die Software sei in der Lage gewesen, den Gefechtskopf von den Attrappen zu unterscheiden.

Postols Analyse der technischen Unterlagen hingegen zeigte, dass die gemessenen Signale der zehn Objekte keinerlei Merkmale enthielten, die zur Unterscheidung von Gefechtsköpfen und Attrappen hätten dienen können. Mehr noch, die vorliegenden Protokolle ergäben, dass versucht wurde, dieses Ergebnis mit Hilfe einer Manipulation der Auswertungssoftware zu vertuschen. Postol kommt zu dem Schluss, dass aufgrund der ihnen zur Verfügung stehenden Daten die Sensoren und Computer des Abfangflugkörpers prinzipiell nicht in der Lage sein werden, Gefechtsköpfe von einfachen Attrappen zu unterscheiden.10

Das Pentagon reagierte auf Postols Vorwürfe, indem es den Brief und die technischen Anhänge, die allesamt aus freigegebenen Unterlagen bestanden, eine Woche später wieder als geheim einstufte. Zur Zeit sind die Behauptungen Postols Gegenstand einer Überprüfung durch das General Accounting Office. Tatsache ist auch, dass nach dem zweiten Testflug, der wie der erste ebenfalls ein Vorbeiflugtest war, die Anzahl der Attrappen für die eigentlichen Abfangtests auf eine einzige reduziert wurde, nämlich auf den oben bereits erwähnten hellen Ballon.11 Weitere BMDO-Unterlagen zeigen, dass auch bei den für die kommenden Jahre geplanten Abfangtests auf glaubwürdige Attrappen verzichtet werden wird.

Von Frachtschiffen und Weltraumwaffen: Alternativen zu NMD?

Die andauernde Diskussion um die technischen Unzulänglichkeiten von NMD und die Ankündigung von George W. Bush, im Falle seiner Wahl zum Präsidenten das Abwehrsystem um zusätzliche Komponenten erweitern zu lassen, haben dazu geführt, dass im Laufe des Jahres von verschiedenen Seiten Vorschläge für alternative Raketenabwehrsysteme vorgetragen wurden. Auf den ersten Blick sehen sich einige der Vorschläge sehr ähnlich, bei näherem Hinsehen wird aber klar ersichtlich, dass es drei sehr unterschiedliche Ansätze gibt:

Richard Garwin hat den Vorschlag gemacht, das NMD-System durch ein kleineres, so genanntes Boost-Phase-Intercept-System (BPI) zu ersetzen.12 Ted Postol hat diese Ideen, an denen er mitgearbeitet hat, als effizienter bezeichnet als NMD. Im Gegensatz zu NMD, dessen in Nordamerika stationierte Abfangraketen anfliegende Gefechtsköpfe im Weltraum abfangen sollen, schlagen sie vor, feindliche Raketen bereits wenige Minuten nach dem Start noch während der Antriebsphase abzuschießen. Zu diesem Zweck müssten die BPI-Abfangraketen in der unmittelbaren Nähe des Angreifers, nicht mehr als einige hundert Kilometer entfernt stationiert werden, denn die Antriebsphase einer Interkontinentalrakete dauert nicht länger als etwa vier Minuten. In dieser Zeit müsste der Start der Rakete registriert werden, ihre Flugbahn berechnet, die Abfangrakete gestartet und schließlich der Abschuss erfolgt sein. Die Zeitkritikalität ist der gravierendste technische Nachteil dieser Abfangmethode.

Die erforderliche Nähe zum Angreifer hingegen ist bei kleineren Staaten von der Größe Nordkoreas oder auch des Irak kein unüberwindliches Problem. Die Abfangraketen könnten in diesen Fällen auf Frachtschiffen im Japanischen oder Kaspischen Meer oder auch in kooperierenden Ländern wie der Türkei stationiert werden. Russland und China hätten vor einem solchen System nichts zu befürchten, denn ihre schiere Größe würde es ihnen immer ermöglichten, einen Abschussort zu finden, der außerhalb der Reichweite des BPI-Systems liegt. Aus diesem Grunde wäre BPI für diese Staaten wahrscheinlich eher akzeptabel als NMD. Garwin hofft, dass über die auch für das BPI-System notwendigen Anpassungen des ABM-Vertrags leichter ein Konsens zu finden sein wird. In der Tat hatte der russische Präsident Putin Anfang Juli im Vorfeld des Moskauer Gipfeltreffens mit Präsident Clinton angedeutet, Russland und die USA könnten bei örtlich begrenzten Raketenabwehrsystemen zusammenarbeiten.

Eine weiterer, technisch weniger überzeugender Vorschlag für ein BPI-System wurde unter anderem vom ehemaligen CIA-Chef John Deutch vorgetragen.13 Dieser Vorschlag beinhaltet, vorhandene Marineschiffe, die mit dem Schiffsverteidigungssystem AEGIS ausgestattet sind, das sich gerade in der Weiterentwicklung zum Raketenabwehrsystem »Navy Theater Wide«-System (NTW) befindet, so umzurüsten, dass die Abfangraketen an Bord dieser Schiffe angreifende Raketen in der Antriebsphase abfangen können. Ungewiss ist bei diesem Vorschlag vor allem die Frage, ob das NTW ohne weiteres für BPI-Missionen umgerüstet werden kann. Es ist denkbar, dass eine Neuentwicklung gemäß dem Garwin/Postol-Vorschlag, mit Frachtschiffen und landgestützten Abfangraketen, billiger zu realisieren wäre. Deutch und seine Kollegen haben ihren Vorschlag im Sommer als Übergangslösung veröffentlicht, weil sie der Überzeugung waren, das geplante NMD-System sei noch nicht ausgereift und eine verfrühte Stationierungsentscheidung würde zudem den Beziehungen zu Russland und China schweren Schaden zufügen. Die Ideen der Gruppe sind jedoch wenig detailliert und nicht ausgereift. Viele Fragen bleiben offen.

Die Fraktion der Befürworter einer globalen Raketenabwehr, zu der traditionell weite Kreise der Republikaner gehören, hat die technische Kritik der NMD-Gegner ebenfalls aufgenommen. Jedoch verkehrt sie deren Argumentation in ihr Gegenteil, indem sie betont, dass der Verwundbarkeit des begrenzten Abwehrsystems der Clinton-Administration durch eine Ergänzung dieses Systems um zusätzliche Komponenten zur See und möglicherweise auch im Weltraum begegnet werden müsse.

Ein Vorschlag in diese Richtung wurde 1999 von der konservativen Heritage Foundation vorgelegt.14 Deren Autoren möchten ebenfalls die Raketenabwehr »Theater Missile Defense« (TMD) der Marine aufrüsten und in ein globales, see- und weltraumgestütztes Raketenabwehrsystem verwandeln. Ihr Vorschlag zielt darauf ab, die landgestützten NMD-Abfangraketen auf Schiffen unterzubringen und desweiteren die für das NMD geplante Infrastruktur an Aufklärungssatelliten und Radaranlagen zu nutzen. Hinzukommen sollen weltraumgestützte Abwehrwaffen, die feindliche Raketen sowohl in der Antriebsphase als auch in der mittleren Flugphase abfangen sollen. Einige der Vorschläge erinnern verdächtig an die alten SDI-Fantasien.Eines dieser Systeme, der »Space-Based Laser« (SBL), befindet sich bereits in der Entwicklung. Das Ziel des SBL ist es, startende Raketen noch in der Antriebsphase mit Hilfe eines Laserstrahls zu zerstören. Dieses Programm, das gemeinsam von der Luftwaffe und dem BMDO betrieben wird, hat jedoch laut einer aktuellen GAO-Studie15 noch hohe technische Hürden zu überwinden. Ein Prototyp des SBL wird frühestens im Jahre 2008, wahrscheinlich aber erst zwischen 2010 und 2012, in den Weltraum gebracht werden können. 12 bis 24 SBLs könnten die gesamte Erde abdecken.

Das zweite vorgeschlagene System sind die sogenannten weltraumgestützten kinetischen Interzeptoren (SBI), die als »Brilliant Peebles« bereits aus früheren Studien zu SDI bekannt sind.16 Dieses System würde aus Abfangprojektilen bestehen, die, gekoppelt an Satelliten, ständig auf einer Erdumlaufbahn kreisen. Wenn ein Satellit einen Raketenstart registriert, würden sich diese Abfangraketen in Bewegung setzen und auf Kollisionskurs zum anfliegenden Gefechtskopf gehen. Auch hier müssten die Weltraumprojektile ihre Ziele selbständig orten und von Attrappen unterscheiden können.17

Unabhängig von den astronomischen Kosten, die eine solche umfassende Raketenabwehr verursachen würde und die die Kosten für das aktuelle NMD-System bei weitem übersteigen, ist äußerst zweifelhaft, ob dieses System überhaupt zuverlässiger funktionieren würde. See- und weltraumgestüzte Abfangraketen, die Gefechtsköpfe in der mittleren Flugphase abschießen sollen, sind natürlich genauso durch Attrappen zu verwirren wie landgestützte Raketen. Die prinzipiellen Probleme, die das NMD-System plagen, wären also auch mit umfangreicheren Systemen wie dem der Heritage Foundation nicht gelöst. Letztlich hätte ein solches System also sehr viel Geld gekostet, zu einer Bewaffnung des Weltraums geführt und die ohnehin schon schwierigeren politischen Probleme, die mit strategischen Raketenabwehrsystemen verbunden sind, dramatisch verschärft.

BPI-Systeme, die feindliche Raketen bereits in ihrer Antriebsphase abfangen sollen, hätten möglicherweise mehr Aussicht auf Erfolg, obgleich auch solche Systeme bei weitem keine absolute Verlässlichkeit garantieren könnten. Auch hier steckt der Teufel im Detail. Das BPI-System von Garwin/Postol scheint prinzipiell technisch machbar zu sein. Das gleiche gilt für eine Variante, bei der die Abfangraketen von Kampfflugzeugen aus losgeschickt werden. In beiden Fällen wäre der logistische Aufwand groß und die zu überwachende Fläche, etwa die eines Landes von der Größenordnung Iraks oder Libyens, vergleichsweise klein. Dies stellt aber, wie bereits erwähnt, mit Bezug auf die Beziehungen zu Russland und China keinen Nachteil dar. Die extrem kurzen Reaktionszeiten, die dadurch begründet sind, dass die Antriebsphase von Raketen nur wenige Minuten dauert, würde bei BPI-Systemen lange Befehlsketten ausschließen. Das System müsste sofort quasi automatisch reagieren, Zeit für eine Autorisierung durch höhere Kommandoebenen oder die politische Führung bliebe nicht.

Garwins und Postols BPI-System existiert gegenwärtig nur als Vorschlag. Hingegen werden von der BMDO zwei andere BPI-Systeme bereits entwickelt. Das ist neben dem weltraumgestützten Laser SBL das sogenannte »Airborne Laser«-Programm (ABL), bei dem ebenfalls ein Laserstrahl zum Abschuss von aufsteigenden Raketen benutzt werden soll. Der dazugehörige Laser soll an Bord einer Boeing 747-400 untergebracht werden, die in mehreren hundert Kilometern Entfernung vom Startplatz der feindlichen Rakete patrouilliert. Geplant ist, bis zum Jahre 2007 eine Flotte von sieben Flugzeugen zu stationieren. Ein ABL-Flugzeug ist leichter gegen startende ICBM einzusetzen, da deren Wände dünner sind als die von Kurzstreckenraketen. Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen darüber, ob das ABL-System überhaupt in der Lage sein wird, innerhalb der Erdatmosphäre und aus mehreren hundert Kilometern Entfernung einen Laserstrahl genügend lange auf einen Punkt auf der Hülle einer sich bewegenden Rakete zu fokussieren, um diese schließlich zu durchdringen. Ähnliche Vorbehalte existieren über den weltraumgestützten Laser. Letzterer ist jedoch sicherheitspolitisch noch kritischer, weil er völlig unzweideutig die Bewaffnung des Weltraums einläutet.

Die schon heute in der Entwicklung befindlichen TMD-Systeme haben alle das Potenzial der Vernetzung untereinander und mit der geplanten NMD-Radar und Weltraumsensorik (SBIRS). So kann zum Beispiel das mobile »Theater High Altitude Area Defense System« (THAAD), dessen Zweck es sein soll, Bevölkerungszentren oder militärische Einrichtungen vor Raketen zu schützen, mit den NMD-Frühwarnsatelliten SBIRS verbunden werden. Diese Vernetzung würde dem System im Prinzip die Fähigkeit geben, größere Bereiche (einige 100 km Durchmesser) abzudecken. Auch kann das System im Prinzip gegen strategische Raketen mittlerer und langer Reichweite eingesetzt werden.18 Somit könnte THAAD Teil eines landesweiten, strategischen Abwehrsystems werden und das »begrenzte« NMD-System gleich um mehrere hundert Abfangraketen erweitern. Ähnliches gilt für das Marine-Abwehrsystem NTW. So tragen diese beiden Systeme de facto zur weiteren Erosion des ABM-Vertrages bei.

Aussichten

Durch die Einführung von mehreren TMD-Systemen oder einer BPI-Raketenabwehr kann die Funktion des NMD-Systems ergänzt oder erweitert werden, so dass eine mehrschichtige Raketenverteidigung entsteht. Dies wäre mit der Idee des ABM-Vertrages genauso wenig vereinbar wie die Schaffung einer globalen Weltraumaufklärungs- und Steuerkomponente (SBIRS, SBL etc.). TMD-Systeme sollten ursprünglich außerhalb der USA zum Schutz von US-Truppen oder Alliierten vor Raketenangriffen stationiert werden. Ihr militärischer Hauptzweck besteht darin, den Handlungsspielraum von US-Truppen weltweit zu erhalten.

Für einige Regionen und Länder wie z.B. Taiwan bzw. Japan oder Israel würden diese effektiv aber auch ein nationales Verteidigungssystem darstellen. Der tatsächliche Nutzen solcher Systeme ist jedoch zweifelhaft, denn die Möglichkeiten von Gegenmaßnahmen bestehen auch hier. Entscheidend ist, ähnlich wie beim NMD, wie effektiv die Abwehr gegen einfache Gegenmaßnahmen ist und nicht, ob es prinzipiell gelingt einen anfliegenden, ungetarnten Gefechtskopf im Flug zu treffen.

Die Bost Phase-Vorschläge bieten ebenfalls lediglich eine technische Lösung des heutigen Proliferationsproblems. Regionale, see- oder landgestützte BPI-Systeme wären mit dem ABM-Vertrag leichter in Einklang zu bringen. Zumindest Russland könnte einer solchen Lösung zustimmen. Das Problem dieser Systeme liegt, neben den noch zu überwindenden technischen Hürden darin, dass sie aus US-Perspektive in der gegenwärtigen Situation eher als weitere Ergänzung der NMD-Architektur betrachtet werden und nicht als deren Ersatz.

Die in den USA fortdauernde Debatte zeigt, dass die USA nach wie vor gewillt sind, eine umfassende Raketenabwehr aufzubauen. Keines der vorgeschlagenen Konzepte ist jedoch bisher ausgereift und überzeugend. Es wird entscheidend von der nächsten Administration abhängen, welcher der genannten Wege beschritten wird und ob es gelingt, die Sorgen Russlands und Chinas zu zerstreuen. Die Befürchtigung dieser Nuklearstaaten liegt darin, dass durch den Wegfall des ABM-Vertrages ein Offensiv-Defensiv-Wettrüsten beginnt, das u.a. auch in den Weltraum getragen wird. Eine Aufkündigung der Substanz des ABM-Vertrages könnte den Rüstungskontroll- und Abrüstungsprozess weiter schwer behindern und sogar die zweite Säule des internationalen Rüstungskontrollregimes, den Nichtverbreitungsvertrag, zum Einsturz bringen.19 Im Zuge einer solchen Entwicklung könnten sich weitere Staaten gezwungen fühlen, in eigene Nukleararsenale zu investieren. Die beste Rückversicherung gegen den Aufbau einer Raketenabwehr ist in der Logik nuklearer Abschreckung der Aufbau bzw. Ausbau eigener Nukleararsenale. Die Paradoxie der heutigen Diskussion besteht darin, dass zwar der Kalte Krieg beendet ist, nicht jedoch sein Erbe, das Denken in Abschreckungskategorien. Soll aber die nukleare Abschreckung überwunden werden, ist der einfachere Weg sicher die konsequent fortgesetzte nukleare Abrüstung und Rüstungskontrolle von Massenvernichtungswaffen. Diese hat zumindest in der Vergangenheit mehr Raketen unschädlich gemacht als alle bisherigen Raketenabwehrversuche.

Literatur

Siehe dazu: Tom Bielefeld, Götz Neuneck: Ende der Illusion?, Spektrum der Wissenschaft, September 2000, S. 92-94. Eine aktuelle, offizielle Bewertung des NMD-Testprogramms findet sich in: Statement by The Honorable Philip E. Coyle, Director, Operational Test and Evaluation, Before the House Committee on Government Reform, Subcommittee on National Security, Veterans Affairs, and International Relations, 8. September 2000,
http://sun00781.dn.net/spp/starwars/congress/2000_h/ coyle_sept_8. htm

Anmerkungen

1) The White House, Office of the Press Secretary: Remarks by the President on National Missile Defense, 1. September 2000, www.whitehouse.gov/library/hot_releases/ September_1_2000_2.html

2) »SDI light« oder die Aushöhlung des ABM-Vertrages, in: Wissenschaft & Frieden 2/1999, S.58-63.

3) The Washington Post, 19. Juli 2000.

4) Senator Trent Lott et al.: Letter to the President, 25. September 1998; R. James Woolsey: What ABM Treaty?, Washington Post, 15. August 2000; Mirko Jakubowski: Öffentliche Meinung, gesellschaftliche Gruppen und Raketenabwehr in den USA, HSFK-Bulletin Nr. 5, Frühjahr 2000.

5) Union of Concerned Scientists, MIT Security Studies Program: Countermeasures – A Technical Evaluation of the Operational Effectiveness of the Planned US National Missile Defense System, Cambridge, April 2000.

6) National Intelligence Council: Foreign Missile Developments and the Ballistic Missile Threat to the United States Through 2015, September 2015 (Unclassified Summary of the Intelligence Communitys 1999 National Intelligence Estimate).

7) Leere Ballons haben wegen des fehlenden Luftwiderstands im Weltraum dasselbe Driftverhalten wie der schwere Gefechtskopf und ihre Oberflächentemperatur lässt sich leicht durch einen dünnen Farbanstrich manipulieren, der das Sonnenlicht in gewünschter Menge absorbiert. Bei nächtlichen Angriffen würde ein kleines, batteriebetriebenes Heizaggregat denselben Zweck erfüllen. Im Übrigen könnten auch alle Attrappen eine leicht unterschiedliche Temperatur haben, wenn das System die eigentliche Temperatur des Gefechtskopfs nicht genau kennt.

8) B = Siehe dazu: Tom Bielefeld, Götz Neuneck: Ende der Illusion?, Spektrum der Wissenschaft, September 2000, S. 92-94. Eine aktuelle, offizielle Bewertung des NMD-Testprogramms findet sich in: Statement by The Honorable Philip E. Coyle, Director, Operational Test and Evaluation, Before the House Committee on Government Reform, Subcommittee on National Security, Veterans Affairs, and International Relations, 8. September 2000, http://sun00781.dn.net/spp/starwars/congress/2000_h/ coyle_sept_8. htm

9) Theodore A. Postol, Letter to John Podesta, White House Chief of Staff, 11. Mai 2000; William J. Broad: Antimissile System's Flaw Was Covered Up, Critic Says, New York Times, 18. Mai 2000; Uwe Schmitt: Kritik an US-Raketenabwehrsystem, Die Welt, 27. Mai 2000.

10) Den Autoren dieses Artikels liegen die technischen Unterlagen, auf die Postol sich bezieht, teilweise vor. Wir teilen die wissenschaftlichen Ergebnisse seiner Analyse und können ebenfalls bestätigen, dass diese Unterlagen in entscheidenden Passagen inkonsistente Behauptungen und irreführende bzw. physikalisch unhaltbare Schlussfolgerungen enthalten.

11) Kleinere Ballons, deren Infrarotsignatur der des Gefechtskopfs ähnlicher ist und die ursprünglich ebenfalls bei den ersten Abfangtests hätten mitfliegen sollen, wurden, wahrscheinlich aufgrund der Erfahrungen aus den Vorbeiflugtests, nicht mehr berücksichtigt.

12) Richard L. Garwin: A Defense that Will Not Defend, in: The Washington Quarterly 23:3, Summer 2000, S. 109-123; The Wrong Plan, in: The Bulletin of the Atomic Scientists, March/April 2000, S. 36-41.

13) John Deutch, Harold Brown, John P. White: National Missile Defense: Is There Another Way?, in: Foreign Policy, Summer 2000, S. 91-100.

14) Defending America: A Plan to Meet the Urgent Missile Threat, Report by The Heritage Foundation's Commision on Missile Defense, March 1999, http://www.heritage.org/missile_defense . Eine detaillierte Analyse dieses Vorschlags findet sich in: Rodney W. Jones, Taking National Missile Defense to Sea, Council for a Livable World Education Fund, October 2000, http://www.clw.org/ef/seanmd.html

15) United States General Accounting Office, DoD Efforts to Develop Laser Weapons for Theater Defense, GAO/NSIAD-99-50, March 1999.

16) Dieser Vorschlag wurde insbesondere während der Bush-Administration populär. Es sollte sozusagen eine etwas realistischere Variante von SDI darstellen und wurde wiederum von Edward Teller und seinen Kollegen propagiert. Eine Kritik findet sich in: Richard L. Garwin: Brilliant Pebbles Won't Do, in: Nature, Vol. 346, S. 21, July 5, 1990.

17) Die Strecke, die die Abfangrakete bis zu ihrem Zielen zurücklegen müsste, hängt ab von der Anzahl der stationierten Satelliten und deren Abständen zueinander. Je mehr Satelliten stationiert werden, desto dichter das Netz und desto kürzer der zurückzulegende Weg.

18) Lisbeth Gronlund, George Lewis, Theodore Postol, David Wright: Highly Capable Theater Missile Defenses and the ABM Treaty, Arms Control Today, April 1994, S. 3-8.

19) Siehe dazu das VDW-Memorandum: Warnung vor den Raketenabwehrplänen der USA – Plädoyer für ein europäisches Diplomatie Zuerst!- Konzept, W&F 1-2001.

Tom Bielefeld ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg (IFSH)
Dr. Götz Neuneck ist Wissenschaftlicher Referent am IFSH und Vorsitzender des Forschungsverbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS)

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