in Wissenschaft & Frieden 2000-4: Frieden als Beruf

zurück vor

Die Beurteilung des Kosovo-Kriegs im Kontext relevanten politischen Wissens

von Jan Christopher Cohrs

Im Frühjahr 1999 führte die NATO Krieg gegen Jugoslawien. Zum ersten Mal griff sie ohne Mandat der UNO einen souveränen Staat an und zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg war deutsches Militär aktiv an einem Krieg beteiligt. Wohl nicht zuletzt deshalb war und ist die politisch-moralische Beurteilung des Kosovo-Kriegs umstritten. Während BefürworterInnen das militärische Eingreifen angesichts einer brutalen Unterdrückungspolitik des jugoslawischen Präsidenten Milosevic für gerechtfertigt oder sogar für notwendig hielten, meinten KritikerInnen, die militärische Intervention sei ungerechtfertigt oder zur Lösung des Kosovo-Konflikts ungeeignet. Beide Seiten begründeten die jeweilige Position mit verschiedenen Argumenten. Diese werden im Folgenden zunächst anhand von Ergebnissen der psychologischen Grundlagenforschung zur moralischen Urteilsbildung systematisiert. Dann wird über einige empirische Befunde zur politisch-moralischen Beurteilung des Kosovo-Kriegs sowie zur Beziehung zwischen relevantem Wissen und der Beurteilung des Kriegs berichtet.1

Man stelle sich vor, Person X (die Akteurin/der Akteur) füge Person Y (dem Opfer) Schaden zu. Von welchen Bedingungen hängt es ab, ob eine solche Handlung gebilligt oder aber als ungerechtfertigte Aggression abgelehnt wird?

Aspekte der moralischen Beurteilung

Die psychologische Forschung (vgl. Bandura, 1991; Lerner, 1980; Rule & Ferguson, 1984) nennt vor allem vier relevante Gesichtspunkte. Eine verletzende Handlung wird als legitim betrachtet,

Um diese Aspekte auf die Bewertung des Kosovo-Kriegs zu übertragen, ist die NATO als Akteurin und Jugoslawien als Opfer zu sehen. Die Relevanz der vier Punkte lässt sich an den Argumenten demonstrieren, die zur Rechtfertigung oder Ablehnung des Kriegs benutzt wurden. Bundeskanzler Schröder z.B. »erklärte« den Krieg so: „In der Nacht zum Donnerstag hat die NATO mit Luftschlägen gegen militärische Ziele in Jugoslawien begonnen. Das Bündnis war zu diesem Schritt gezwungen, um weitere schwere und systematische Verletzungen der Menschenrechte im Kosovo zu unterbinden und um eine humanitäre Katastrophe dort zu verhindern. Der Bundesaußenminister, die Bundesregierung und die Kontaktgruppe haben in den letzten Wochen und Monaten nichts, aber auch gar nichts unversucht gelassen, eine friedliche Lösung des Kosovo-Konfliktes zu erzielen. Präsident Milosevic hat sein eigenes Volk, die albanische Bevölkerungsmehrheit im Kosovo und die Staatengemeinschaft ein ums andere Mal hintergangen. (Deutscher Bundestag, 1999, S. 2571)

In diesem Zitat kommen – wie in Äußerungen anderer KriegsbefürworterInnen – alle vier erwähnten Punkte vor:

  1. Durch den Hinweis, die Luftangriffe seien auf militärische Ziele beschränkt, wurde nahe gelegt, es entstehe nur ein geringer Schaden. Auch die oft benutzte Metapher der »chirurgischen Schläge« impliziert eine »saubere« Kriegführung.
  2. Die westlichen Staaten hätten alles versucht, um ein militärisches Eingreifen zu vermeiden, trügen also keine Verantwortung für die Eskalation zum Krieg. Entsprechend wurde vielfach betont, es habe keine Wahl gegeben, sondern man habe militärisch eingreifen müssen.
  3. Mit dem Verweis auf die Verteidigung der Menschenrechte wurde eine eindeutig positive Motivation der NATO herausgestellt. Ähnliche Beweggründe nannte z.B. Peter Struck: Der Krieg solle den „Terror und Völkermord mitten in Europa beenden und die Grundlage für ein friedliches Miteinander garantieren“ (Deutscher Bundestag, 1999, S. 2580).
  4. Milosevic wurde angeklagt. Deutlicher drückte sich z.B. Außenminister Fischer aus: Milosevic trage für den Krieg „die alleinige Schuld und eine schwere Verantwortung“ (Deutscher Bundestag, 1999, S. 2584). Heftigere Anschuldigungen, gelegentlich verbunden mit Anspielungen auf die Verbrechen der Nazis, fanden sich in der Boulevardpresse: „Irrer Serbe stürzt uns in den Krieg“ (Berliner Kurier, 25.3.1999) und „Sie treiben sie ins KZ“ (Bild, 1.4.1999). Im letzten Zitat bezog sich die Anklage nicht nur auf Milosevic, sondern wurde auf »sie« – »die SerbInnen« – ausgeweitet.

Die Argumente der KriegsgegnerInnen (vgl. z.B. Albrecht & Schäfer, 1999) betrafen weitgehend die gleichen Beurteilungsaspekte. Einige Beispiele:

  1. Durch den Kosovo-Krieg entstünden sehr negative Folgen. Vor allem die Zivilbevölkerung leide unter den Luftangriffen. Die jugoslawische Infrastruktur werde zerstört und die Umwelt werde nachhaltig und weiträumig verseucht. Die gesamte Balkanregion werde destabilisiert und ihr würden große wirtschaftliche Schäden zugefügt.
  2. Die westlichen Staaten trügen eine große Verantwortung für den Krieg. Sie seien viel zu wenig um eine friedliche Lösung des Kosovo-Konflikts bemüht gewesen und hätten den Konflikt jahrelang ignoriert und ihn dadurch eskalieren lassen.
  3. Es wurden verschiedene »unlautere« Motive angeführt: Deutschland wolle seine Außenpolitik »normalisieren«, es sollten Flüchtlingsströme nach Westeuropa verhindert werden, die USA wollten ihre weltweite Vormachtstellung ausbauen oder die NATO wolle die Effektivität ihrer Hightech-Waffen vorführen und die Notwendigkeit ihres Bestehens beweisen.
  4. Es habe keinen einseitigen Krieg Jugoslawiens gegen die Kosovo-AlbanerInnen gegeben, sondern einen beidseitigen Bürgerkrieg, in dem auch die Kosovo-albanische Seite nicht vor brutalen Übergriffen zurückgeschreckt habe.

Bedeutung der Aspekte
für die Gesamtbewertung

Ob Unterschiede in der Einschätzung der vier Bewertungsaspekte – der Folgen des Kosovo-Kriegs, der Verantwortung der NATO, der Motive der NATO und dem »Charakter« Jugoslawiens – tatsächlich zu Unterschieden in der Gesamtbewertung des Kriegs führten, wurde empirisch untersucht.

Um die individuelle politisch-moralische Beurteilung des Kosovo-Kriegs zu erfassen, wurden 32 Items anhand von bewertenden Aussagen aus der öffentlichen Diskussion formuliert und zu Skalen für die beschriebenen vier Aspekte und für die Gesamtbewertung des Kriegs zusammengefasst.

Durch eine multiple Regressionsanalyse2 konnten 77 % der Unterschiede in der Gesamtbewertung des Kriegs auf drei der vier Beurteilungsaspekte zurückgeführt werden. Bedeutsame Prädiktoren des Gesamtbewertung waren die Einschätzungen (a) der Verantwortung der NATO, (b) der Motive der NATO und (c) der Folgen des Kriegs. Im Einklang mit den theoretischen Überlegungen zeigte sich, dass Personen, die die Folgen des Kosovo-Kriegs besonders negativ einschätzten, die der NATO Mitverantwortung für den Krieg zuschrieben und die der NATO eher machtbezogene als humanitäre Motive für den Krieg unterstellten, den Krieg ablehnten. Dagegen leistete die Beurteilung Jugoslawiens keinen eigenständigen Beitrag zur »Erklärung« der Gesamtbewertung.

Die Beurteilungen der Einzelaspekte hingen allerdings auch untereinander zusammen. Wer z.B. keine Verantwortung der NATO sah, glaubte auch an die humanitäre Motivation der NATO und beurteilte die Folgen des Kriegs weniger negativ. Die verschiedenen Bereiche der moralischen Beurteilung wurden von den Versuchspersonen also kaum differenziert.

Moralische Beurteilung
und relevantes Wissen

BefürworterInnen und GegnerInnen des Kosovo-Kriegs stützten sich auf bestimmte Fakten, um die jeweilige Position zu untermauern. KriegsbefürworterInnen verwiesen z.B. auf die jugoslawische Politik gegenüber dem Kosovo, auf die langjährige ethnische Diskriminierung der Kosovo-AlbanerInnen und auf den Charakter des Milosevic-Regimes. KritikerInnen argumentierten u. a., dass Deutschland vielen Flüchtlingen aus dem Kosovo kein Asyl gewährt hat, dass das Abkommen von Rambouillet unerfüllbare Forderungen an Jugoslawien stellte und dass die NATO uranhaltige Waffen und gefährliche Streubomben einsetzte. Wie hängt nun solches Faktenwissen mit der moralischen Beurteilung des Kriegs zusammen?

Um das relevante politische Wissen zu erheben, wurden 25 Items zu Informationen formuliert, mit denen die Ablehnung oder Befürwortung des Kriegs in der öffentlichen Diskussion begründet wurde. Sie bezogen sich u. a. auf die Entwicklung und Hintergründe des Kosovo-Konflikts, auf die UCK (»Befreiungsarmee des Kosovo«), auf das »Massaker von Racak«, auf die Konferenz von Rambouillet, auf von der NATO eingesetzte Waffen und auf das Neue Strategische Konzept der NATO. Die Informationen wurden danach unterschieden, ob sie eher gegen (Contra-Informationen) oder eher für die militärische Intervention (Pro-Informationen) sprechen.

Aus den Beantwortungen der Contra- und der Pro-Items wurden Skalenwerte errechnet, die von -1 (alle Items mit subjektiver Sicherheit objektiv falsch beantwortet) bis +1 (alle Items mit subjektiver Sicherheit objektiv richtig beantwortet) reichen konnten. Die Mittelwerte waren 0.03 (s = 0.20) für das Contra- und 0.43 (s = 0.25) für das Pro-Wissen.

Die Contra-Informationen waren also insgesamt sehr wenig bekannt. Mehrere Items wurden von deutlich mehr Personen falsch als richtig beantwortet – etwa dass das Auswärtige Amt noch kurz vor dem Krieg berichtete, es gebe kein staatliches Verfolgungsprogramm Jugoslawiens gegen die ethnische Gruppe der AlbanerInnen; dass die finnische Untersuchungskommission sich nicht festlegte, ob es das »Massaker von Racak« tatsächlich gegeben hatte; dass die serbische Seite der Autonomieregelung im politischen Teil des Rambouillet-Abkommens grundsätzlich zustimmte; dass sich die NATO-Truppe laut Rambouillet-Vertrag in ganz Jugoslawien frei hätte bewegen dürfen und dass die UCK Zwangsrekrutierungen von wehrfähigen Männern durchführte.

Die Pro-Informationen waren dagegen deutlich bekannter. Kein einziges Item wurde häufiger falsch als richtig beantwortet. Der überwiegende Teil der Personen wusste z.B., dass die jugoslawische Armee Massaker unter der Kosovo-albanischen Zivilbevölkerung anrichtete und systematisch ganze Dörfer zerstörte, dass die Kosovo-AlbanerInnen bereits vor den Gewaltakten der UCK ethnischen Diskriminierungen ausgesetzt waren und dass die großen Medien Serbiens seit Jahren unter der Kontrolle des Milosevic-Regimes standen.

Pro- und Contra-Wissen gingen in erwarteter Weise mit der Gesamtbewertung des Kosovo-Kriegs einher: Je mehr Contra-Informationen gewusst wurden, desto negativer wurde der Krieg bewertet (r = -.31, p .001), und je mehr Pro-Informationen gewusst wurden, desto positiver wurde er beurteilt (r = .18, p .05).

Diese Beziehungen wurden auch getrennt für KriegsgegnerInnen (n = 72) und KriegsbefürworterInnen (n = 88) analysiert.3 Das Contra-Wissen hing bei den KriegsgegnerInnen negativ mit der Gesamtbewertung des Kriegs zusammen (r = -.42, p .001), bei den KriegsbefürworterInnen jedoch gar nicht (r = -.07, ns.) und das Pro-Wissen korrelierte bei den KriegsbefürworterInnen positiv mit der Gesamtbewertung (r = .38, p .001), bei den KriegsgegnerInnen jedoch negativ (r = -.24, p .05).

Zwar ging also das Wissen über den Krieg mit der Bewertung des Kriegs einher, die selben Informationen hatten aber – ähnlich wie bei einem Kippbild – je nach Einstellung zum Krieg eine unterschiedliche Bedeutung. Während einstellungskonsistentes Wissen die jeweilige Bewertung des Kriegs verstärkte, wurde einstellungsinkonsistentes Wissen offenbar uminterpretiert oder in seiner Bedeutung abgewertet. Informationen wurden nicht objektiv verarbeitet, sondern subjektiv »gewürdigt«.

Fazit

Die empirischen Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Aus dem Berichteten lassen sich einige Folgerungen ziehen:

Erstens können die Beeinflussungsversuche der politisch Verantwortlichen entlarvt werden, indem vermittelt wird, dass sich viele ihrer Argumente auf Aspekte beziehen, die systematisch zu positiven Beurteilungen führen: die Minimierung des Schadensausmaßes, die Ablehnung der Verantwortung und die Rechtfertigung durch positive Motive. Zweitens lässt sich vermuten, dass die Medien vor allem kriegsunterstützende Informationen vermittelten und ihrer Rolle der umfassenden Berichterstattung über den Krieg nicht gerecht wurden.4 Drittens ist jedoch die Vermittlung kritischer Informationen gerade deswegen wichtig, weil Informationen einstellungskonsistent verarbeitet werden.

Literatur

Albrecht, U. & Schäfer, P. (Hrsg.) (1999). Der Kosovo-Krieg. Fakten, Hintergründe, Alternativen. Köln: PapyRossa.

Bandura, A. (1991). Social cognitive theory of moral thought and action. In W. M. Kurtines & J. L. Gewirtz (Hrsg.), Handbook of moral behavior and development, volume 1: Theory (S. 45-103). Hillsdale, NJ: Erlbaum.

Deutscher Bundestag (1999). Plenarprotokoll 14/31 vom 26.03.1999. http://dip.bundes-tag.de/btp/14/14031.pdf (eingesehen im August 2000).

Lerner, M. J. (1980). The belief in a just world. A fundamental delusion. New York: Plenum.

Rule, B. G. & Ferguson, T. J. (1984). The relations among attribution, moral evaluation, anger, and aggression in children and adults. In A. Mummendey (Hrsg.), Social psychology of aggression (S. 143-155). Berlin: Springer.

Anmerkungen

1) Die Ergebnisse stammen aus der Diplomarbeit des Verfassers, der sich für die sehr hilfreiche Betreuung der Arbeit herzlich bei Dr. Barbara Moschner bedankt. Im Rahmen der Arbeit wurde eine Fragebogenuntersuchung durchgeführt, an der 165 deutsche Studierende (74 Männer und 91 Frauen) der Universität Bielefeld teilnahmen. Die Personen waren im Mittel 25 Jahre alt, studierten verschiedene Fächer und verteilten sich über das gesamte Links-Rechts-Spektrum. Die Datenerhebung fand im November 1999 statt, also etwa ein halbes Jahr nach dem Krieg. Genauere Informationen zur Untersuchung sind vom Verfasser erhältlich.

2) Bei einer multiplen Regressionsanalyse wird versucht, Werte in einer Variablen (der so genannten Kriteriumsvariablen, hier der Gesamtbewertung des Kriegs) möglichst gut durch eine Linearkombination der Werte in anderen Variablen (den Prädiktoren, hier den Einzelaspekten der politisch-moralischen Beurteilung) vorherzusagen bzw. zu »erklären«.

3) Die Untergruppen wurden anhand der Gesamtbewertung des Kriegs gebildet, indem die Stichprobe am »Nullpunkt« der Antwortskala geteilt wurde. Bei fünf Personen fehlte der Wert.

4) Diese Vermutung wurde durch Ergebnisse zum Zusammenhang zwischen der Mediennutzung und dem Wissen über den Krieg gestützt, die hier nicht berichtet werden konnten.

Christopher Cohrs studiert Psychologie an der Universität Bielefeld.

in Wissenschaft & Frieden 2000-4: Frieden als Beruf

zurück vor

weitere Informationen dieses Fenster ausblenden