in Wissenschaft & Frieden 2000-4: Frieden als Beruf

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Schützende Begleitung in Krisen- und Konfliktgebieten

von Christoph Klotz

Der Gedanke, gewaltfrei durch internationale »Peace Brigades« in Konfliktgebieten zu intervenieren geht auf Gandhi und andere Persönlichkeiten der indischen gewaltfreien Bewegung zurück. Gandhi beschrieb diese Idee erstmals 1938 im Zusammenhang mit Straßenunruhen in Bombay. Die Peace Brigades sollten zwischen die Fronten treten und durch eine gewaltfreie Arbeit deeskalierend wirken. Mit der sogenannten »Shanti Sena«, der Friedensarmee, die 1957 von Vinoba Bhave gegründet wurde und in den 60er Jahren bei Unruhen zwischen Hindus und Moslems zum Einsatz kam, wurde Gandhis Idee erstmals in die Tat umgesetzt. Die mehrere tausend Personen starke Organisation übernahm Vermittlungsfunktionen, wirkte mit einer unabhängigen und verlässlichen Informationspolitik Gerüchten entgegen und half bei Wiederaufbau- und Versöhnungsprojekten.

Die Shanti Sena war wiederum Vorbild für spätere internationale gewaltfreie Organisationen, so etwa für die »World Peace Brigades«, die 1962 in Beirut von den »War Resisters International« und dem »Internationalen Versöhnungsbund« mitbegründeten wurden. Diese hatten einige beachtliche Erfolge vorzuweisen. So gelang es ihnen in 1964, einen Waffenstillstand in Nagaland (Nord-Indien) zwischen Aufständischen und der Zentralregierung auszuhandeln und zu überwachen. In 1972/73 begleitete eine Freiwilligengruppe während der Zypernkrise die Wiederansiedlung türkisch-zypriotischer Flüchtlinge.

Als 1981 auf Grindstone Island (Kanada) FriedensaktivistInnen aus vier Kontinenten zusammen kamen, um mit den Peace Brigades International den erneuten Versuch zu unternehmen, eine dauerhafte internationale Organisation aufzubauen, da waren mehrere Mitbegründer der World Peace Brigades wieder dabei.

Damals stand die Idee am Anfang, friedensstiftende, friedenserhaltende und friedensschaffende Initiativen auf der Grundlage aktiver Gewaltfreiheit und humanitärer Einsatzbereitschaft zu ergreifen. Diese Arbeit sollte geleitet sein von den Prinzipien der Gewaltfreiheit, der Nichtparteinahme (unabhängige Position), der Nichteinmischung (weder ihre Präsenz noch Lösungen irgendeiner Art aufzudrängen und nur auf Anfrage tätig zu werden), der Basisdemokratie und des Konsensprinzips im Inneren, der Internationalität der Einsätze und der finanziellen und politischen Unabhängigkeit der Friedensarbeit. Damals verfügte die Organisation noch über keine eigenen Erfahrungen. Dennoch lässt sich heute sagen, dass diese Prinzipien unverändert ihre Gültigkeit und sich bewährt haben – sowohl für die Bestimmung der inhaltlichen Arbeit als auch in der Beständigkeit der Organisation.

Der Aufgabenbereich der Peace Brigades wurde damals sehr breit angelegt: Er umfasst die schützende Begleitung und Präsenz internationaler Freiwilligen-Teams in Krisen- und Kriegsgebieten, die Augenzeugen- und Informationsfunktion zur Verbreitung verlässlicher Informationen durch unabhängige BeobachterInnen vor Ort, die Friedenserziehung und Vermittlung gewaltfreier Methoden der Konfliktbearbeitung, die Vermittlung und Unterstützung von Verhandlungen sowie die Unterstützung von Versöhnungsarbeit.

In der Folge waren PBI-Freiwilligen-Teams in Guatemala (1983-1999), El Salvador (1987-1992), Sri Lanka (1989-1998), Nordamerika (1991-1999) sowie zu Kurzeinsätzen in Nord-Nicaragua und beim World Uranium Hearing in Salzburg. Aktuell ist PBI mit Projekten in Kolumbien, Haiti, Mexiko, Ost-Timor/Indonesien sowie im Rahmen von zwei Friedenskoalitionen im Kosovo (Balkan Peace Team) und in Chiapas/Mexico (SIPAZ) engagiert.

Heute, nach nahezu 20 Jahren hat sich die Organisation natürlich verändert, es gibt bestimmte Akzente und Schwerpunkte. In einigen Bereichen verfügt die Organisation über bedeutende Erfahrungen, andere wurden kaum praktiziert und weiterentwickelt. Als ein Resümee lässt sich vielleicht festhalten, dass die bedeutendste Arbeit von PBI darin liegt, gewaltfreie Methoden im Bereich von Sicherheitsfragen und dem Schutz bedrohter Personen und Opfergruppen, die von politischer Gewalt betroffen sind, praktisch umgesetzt zu haben.

PBI-Freiwilligen-Teams beschützen durch ihren persönlichen Einsatz Menschen, die von politisch motivierter Gewalt, Entführung, Folter, Ermordung oder Massakern bedroht sind. Das können engagierte MenschenrechtlerInnen sein, Flüchtlinge oder interne Kriegsvertriebene. Dazu gehören aber auch Mitglieder von Bauernverbänden und Gewerkschaften, Frauenorganisationen und Indigenagemeinschaften, die für soziale, politische und ökonomische Rechte gewaltfrei eintreten.

Indem PBI sie physisch begleitet, erfahren sie zugleich eine Ermutigung, selbst gewaltfreie Lösungen für die Probleme zu entwickeln. In diesen Bemühungen werden sie von PBI unterstützt. Dies kann auf sehr unterschiedliche Weise geschehen: durch eine 24 Stunden-Präsenz bei bedrohten Personen und ihren Familien-Angehörigen, durch einen zeitweisen Eskortendienst z.B. wenn eine Augenzeugin vor Gericht aussagen möchte oder bei der Rückkehr einer Flüchtlingsgemeinschaft, durch kontinuierliche Besuche in den Büros der betroffenen Organisationen oder in den Wiederansiedlungen und Flüchtlingsherbergen zu wechselnden Zeiten, durch die Anwesenheit bei Kundgebungen und Demonstrationen oder in der Menschenrechts- und Gemeinwesenarbeit.

Das von PBI entwickelte Konzept einer schützenden Begleitung der lokalen Zivilbevölkerung leistet einen unmittelbaren Beitrag zur Gewaltprävention und trägt langfristig zur Stärkung ziviler Konfliktlösungsmöglichkeiten bei. PBI hat sich deshalb das Motto »Making space for peace« gegeben.

Darüber hinaus spielen als zweiter Bereich die Bildungsarbeit und die Weitervermittlung von Methoden der gewaltfreien Konfliktbearbeitung an lokale Menschenrechtsorganisationen und Basis-Initiativen eine große Rolle. Abhängig von Anfragen und insoweit leistbar, veranstaltet PBI auch Seminare und Trainings in der Traumarbeit und vermittelt Techniken zum Schutz gegen Repression (Kolumbien) sowie in der Friedenserziehung und Ausbildung von MultiplikatorInnen in gewaltfreier Konfliktbearbeitung (Haiti und Ost-Timor/West-Timor/Indonesien).

Auch Dialog-Initiativen und eine generelle Informationsarbeit gegenüber den Konfliktparteien können eine Rolle spielen, so z.B. im interreligiösen Dialog im SIPAZ-Projekt in Chiapas, Mexiko. PBI ist an der Friedenskoalition im Trainingskomitee beteiligt und eine PBI-Freiwillige ist vor Ort.

Die interkulturelle Jugendbegegnungsarbeit des Balkan-Peace-Teams im Kosovo ist eine andere Form, um zur Deeskalation und Prävention gewaltförmiger Konflikte beizutragen. PBI unterstützt diese Arbeit mit Informationsarbeit in der Bundesrepublik und international.

Wohin die Zukunft geht, ist eine offene Frage. So wird zum Beispiel derzeit bei PBI diskutiert, ob die Organisation sich auf Sicherheitsfragen und schützende Begleitung weiter spezialisieren oder eher einen breiten Ansatz vertreten sollte. Eine andere Frage ist, wie lassen sich schützende Begleitung und Friedenserziehung kombinieren. Das Ost-Timor/Indonesien-Projekt von PBI arbeitet in dieser Richtung.

Ganz besonders leben die Praxis und Relevanz von PBI von den internationalen Freiwilligen. Mehr als 1.000 Freiwillige sind seit 1983, dem ersten Projekt in Guatemala, mit PBI in einem mehrmonatigen bis zu zweijährigen Einsatz gewesen. Sie waren als internationale BeobachterInnen und AugenzeugInnen in Krisen- und Konfliktgebieten in Lateinamerika, Asien, Nordamerika und auf dem Balkan. Sie nahmen dabei erhebliche Risiken auf sich – und doch ist das Risiko der Freiwilligen ungleich geringer, verglichen mit dem Risiko jener Menschen, die sie tagtäglich in ihrer engagierten Arbeit begleiten (siehe dazu auch den Erfahrungsbericht von Annette Finqscheidt im Kasten).

Ansichten einer Rückkehrerin
von Annette Finqscheidt

Ist die Arbeit einer PBI-Freiwilligen gefährlich, so aufregend wie der Gang durch eine fremde Stadt, in der man nicht weiß, was einen an der nächsten Ecke erwartet oder wird sie irgendwann einmal wie fast jede Tätigkeit zur Routine? Nach einem Jahr im tropischen Urabá, unter armen Flüchtlingen und reichen Geschäftsleuten, Soldaten und BürokratInnen, AnalphabetInnen und Intellektuellen, in Urwalddörfern ohne Weg und Steg und in einem mit moderner Technologie ausgestattetem Büro sowie in einem aus sehr verschiedenen Menschen zusammengesetzten Team würde ich sagen, es ist beides. Begleiten in Urabá bedeutet unzählige Dinge tun. In Turbo, ein nicht gerade idyllisches Hafenstädtchen, in dem unser Büro und Wohnhaus liegt, leben etwa 3.500 Vertriebene, die von PBI begleitet werden. Das bedeutet mehrmals täglich mit dem Fahrrad oder Auto und mit einem T-Shirt bekleidet, das deutlich aussagt, dass man zu PBI gehört, die sogenannte Runde zu machen, die Sporthalle von Turbo und zwei Herbergen, in denen die Flüchtlinge provisorisch untergebracht sind, zu besuchen. Es ist wichtig, dass sie uns dort sehen, damit sie die Flüchtlinge in Ruhe lassen. »Sie«, das sind Polizisten und Soldaten, aber auch Zivile, die auf Motorrädern oder in Autos ohne Nummernschild herumfahren, oft mit einer Waffe unter dem Hemd, und wehrlose Menschen bedrohen. Manchmal, wenn die Situation gespannt ist, müssen diese »Runden« auch nachts gedreht wwerden, dann im Auto, zu zweit und mit Telefon. Das gehört dazu: Sicherheit geht vor; wir müssen uns von überall und zu jeder Zeit mit den KameradInnen im Büro verständigen können.

Begleiten bedeutet, um 6 Uhr morgens verschlafen am Hafen von Turbo zu stehen und die Abfahrt eines Bootes abzuwarten, mit dem einige Vertriebene und die MitarbeiterInnen einer sie beratenden Menschenrechtsorganisation ins Flussgebiet Cacarica begleitet werden möchten. Schon im Hafen wird klar, dass man beobachtet wird. Manchmal versucht jemand die Vertriebenen auszufragen, wohin sie fahren, wie viele sie sind, warum sie Lebensmittel mitnehmen. Begleiten bedeutet, an einem Kontrollposten der Marine vorbeizufahren, oft stundenlang auf dem Fluss unterwegs zu sein, das Boot mühsam durch viel zu flaches Wasser zu schieben, in Gummistiefeln durch matschiges Gelände zu waten und tage- oder gar wochenlang in einem kleinen, abgelegenen Dorf zu leben, in dem es weder Strom noch fließendes Wasser oder Zufahrtswege gibt. Das Satellitentelefon ist die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Begleiten bedeutet, das einzige gute Kleid anzuziehen, um in der Militärgarnison in Carepa dem Kommandanten unsere Besorgnis um die Sicherheit der Vertriebenengemeinden in Urabá mitzuteilen, ihn daran zu erinnern, dass wir innerhalb seines Zuständigkeitsgebietes arbeiten. Es bedeutet, ihm die Hand zu schütteln und freundlich zu lächeln, obwohl man weiß, dass er an Menschenrechtsverletzungen beteiligt ist oder sie zumindest mit seinem Einverständnis begangen werden.

Begleiten bedeutet aber auch stunden- oder tagelange Büroarbeit, das Schreiben von Berichten und Informationen, das Lesen der Berichte aus Bogotá, Barrancabermeja und Medellín (die anderen drei Teams in Kolumbien), Teamsitzungen von bis zu 12 Stunden, in denen die Arbeit geplant und über die allgemeine politische Situation gesprochen wird, Sitzungen mit kolumbianischen oder anderen internationalen Organisationen, das Bedienen des fast pausenlos klingelnden Telefons.

Wir sind immer froh, wenn unsere KameradInnen, die gerade unterwegs sind, anrufen: Alles in Ordnung? Im Ernstfall ist unser kleines Haus in Turbo das Zentrum aller Operationen. Von hier unternehmen wir die nötigen Schritte, um den Schutz der von uns begleiteten Menschen und auch der eigenen Teammitglieder zu verstärken. Deshalb sind die zwei Telefone und die Computer ständig besetzt: Kommunikation und Information sind einige der wichtigsten Bestandteile der Arbeit.

Wie gesagt, Begleitarbeit in Urabá kann vieles bedeuten und kein Tag sieht aus wie der andere, Freizeit gibt es selten, dafür oft zu wenig Schlaf. Doch man gewöhnt sich an die Hektik, die Unvorhersehbarkeit der Lage und an die unglaublich vielen und verschiedenen Menschen, die man kennen lernt. Die Ausnahmesituation wird zum Alltag, das tägliche Risiko fast zur Routine. Im Nachhinein habe ich noch nicht einmal das Gefühl, etwas Außergewöhnliches getan zu haben.

Annette Finqscheidt, gelernte Sozialanthropologin aus Wuppertal, war mit PBI ein Jahr lang in der Region Urabá im Nordosten Kolumbiens im Einsatz.

Peace Brigades International

PBI ist eine internationale Friedensorganisation, die 1981 gegründet wurde und seither in mehreren Projekten erfolgreich tätig war, u.a. in Guatemala, Sri Lanka und El Salvador. Derzeit sind PBI-Teams in Kolumbien, Mexiko, Haiti und Indonesien im Einsatz. PBI entsendet internationale BeobachterInnen als AugenzeugInnen in Krisen- und Konfliktgebiete. PBI-Freiwilligen-Teams beschützen durch ihren persönlichen Einsatz Menschen, die von politisch motivierter Gewalt, Entführung und Ermordung bedroht sind. Dabei setzt PBI direkter und struktureller Gewaltausübung die Mittel der Gewaltfreiheit entgegen. PBI ist als internationale Nichtregierungsorganisation bei den Vereinten Nationen akkreditiert und hat dort Beobachterstatus inne. Bis dato gehören ihr 12 voll anerkannte Ländersektionen und 5 assoziierte Ländergruppen aus Europa und Nordamerika sowie Australien und Neuseeland an. Die deutsche Sektion PBI – Deutscher Zweig e.V. besteht seit 1986 und ist seit 1991 ein gemeinnützig anerkannter Verein mit Sitz in Hamburg. Sitz des Internationalen Sekretariates ist London.

Christoph Klotz ist Referent für Öffentlichkeitsarbeit bei PBI – Deutscher Zweig
PBI – Deutscher Zweig e.V., Hohenesch 72, D-22765 Hamburg, www.igc.org/pbi

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