in Wissenschaft & Frieden 2000-4: Frieden als Beruf

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Vermittelnd eingreifen

Zur Rolle der Mediation in großen Konflikten

von Gert Sommer

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler können dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit gewaltfreier Konfliktaustragungen zu erhöhen oder die Wahrscheinlichkeit gewaltträchtiger Konfliktaustragungen zu mindern. In der Agenda für den Frieden (1992) des früheren UNO-Generalsekretärs Boutros-Ghali sind Verhandlungslösungen und dazu erforderliche Strategien unter dem Begriff »peace-making« zusammengefasst. In diesem Zusammenhang spielen die psychologischen Erkenntnisse eine nicht zu unterschätzende Rolle. Die Psychologie hat sich u.a. mit Mediation befasst, denn das »vermittelnde Eingreifen« nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. Eine zivile Lösung vieler Großkonflikte ist ohne Mediation nicht denkbar. Gert Sommer untersucht die Möglichkeiten und Grundmuster der Mediation.

Mediation ist die Intervention einer dritten Partei in einem Konflikt mit dem Ziel, diesen durch Verhandlungen zu bearbeiten bzw. zu lösen. Durch das Einbeziehen einer dritten Partei kann – im Sinne einer strukturellen Veränderung bzw. eines systemischen Effektes – die Interaktion zwischen den Konfliktparteien positiv beeinflusst werden (vgl. Überblicke bei Bercovitch & Rubin, 1992, Kressel & Pruitt, 1989).

MediatorInnen können offizielle RepräsentantInnen von Staaten, regionalen oder internationalen Organisationen sein oder aber Privatpersonen (z.B. Geschäftsleute) oder WissenschaftlerInnen ohne offizielles Mandat (z.B. Rubin, 1992). Der Vorteil offizieller RepräsentantInnen kann darin bestehen, dass sie die politische, ökonomische und militärische Macht ihrer Institution effektiv einsetzen; der Vorteil von inoffiziellen Personen liegt häufig in der informellen Arbeit, wenn die üblichen politischen Kommunikationskanäle zwischen den Konfliktparteien bereits blockiert sind (Carnevale, 1985).

MediatorInnen benötigen spezifische Kompetenzen, um erfolgreich intervenieren zu können. Dazu gehört, dass sie über den Konflikt und die beteiligten Parteien gut informiert sind (inhaltliche Kompetenzen) und dass sie hervorragende Fertigkeiten in Konfliktanalyse, Konfliktaustragung und zwischenmenschlicher Kommunikation besitzen (prozessuale Kompetenzen; Rubin, 1992).

Konfliktparteien sind dann zur Austragung ihres Konfliktes mit Hilfe von Mediation motiviert, wenn sie damit positivere Konsequenzen erreichen und/oder negativere Konsequenzen vermeiden können als mit alternativen Vorgehensmöglichkeiten oder wenn diese Alternativen mit unakzeptablen Kosten verbunden sind (Susskind & Babbitt, 1992).

Mediation mag für eine Regierung z.B. dann wenig attraktiv erscheinen, wenn einseitige – z.B. ökonomische oder militärische – Aktionen eine schnellere und höhere subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit haben. Voraussetzung zur Akzeptanz von Mediation ist zudem, dass die Person der Mediatorin/des Mediators Vertrauen und Respekt der Parteien genießt. Mediation kann dadurch erschwert werden, dass die MediatorInnen selbst nicht neutral sind, sondern ausgeprägte eigene Interessen haben (Carnevale, 1985; Bercovitch,1992), z.B. die Sicherung von Einflusssphären (dies war ein wesentliches Motiv von Kissingers Reisediplomatie im Mittleren Osten; vgl. Wessells, 1993).

Zu den Aktivitäten von MediatorInnen gehören u. a.:

Eine wesentliche Aufgabe der Mediation ist die Eingrenzung des Konflikts, also das Verhindern einer Konflikteskalation, insbesondere hin zum Krieg. Dies geschieht u.a. durch Einflussnahme auf die Kommunikation und die Einstellungen der Konfliktparteien oder auch dadurch, da die zugrundeliegenden – zunächst unvereinbar erscheinenden – Interessen so umformuliert oder uminterpretiert werden, dass sie als gemeinsame Interessen der Konfliktparteien erscheinen. Solche gemeinsamen Interessen können etwa sein: intensiver Handel; Verhindern eines Krieges; Sichern einer intakten Umwelt. Damit ist konstruktives Denken im Sinne von Gewinn-Gewinn-Strategien verbunden, d.h. beide Konfliktparteien gewinnen mit einem für beide vorteilhaften Kompromiss.

Eine wichtige Mediationsstrategie besteht darin, die Gesamtproblematik so zu fragmentieren, dass möglichst mit einem kleineren Problem begonnen werden kann, bei dem eine Einigung wahrscheinlich ist. Kleine anfängliche Erfolge können dann für die weiteren Verhandlungen von großer Bedeutung sein (Carnevale & Pruitt, 1992). Bei einer ähnlichen Strategie werden die unterschiedlichen Bedeutsamkeiten einzelner Konfliktpunkte für die Konfliktparteien herausgearbeitet: Jede Partei kann dann bei den Themen nachgeben, die für sie selbst relativ wenig, für die andere Partei jedoch hoch bedeutsam sind (zu weiteren Mediationsstrategien vgl. Zartmann & Tuval, 1985).

In schwierigen Situationen können die Parteien räumlich getrennt werden, so dass die Mediatorin/der Mediator die wesentliche Kommunikationsinstanz ist. Dies kann besonders bedeutsam sein bei ausgeprägten Feindbildern, also bei hochemotionalen Konflikten, wenn z.B. jede Partei in Äußerungen der anderen Seite nur Versuche der einseitigen Gewinnmaximierung sieht (Nullsummen-Denken). Eine Möglichkeit, dies zu überwinden, besteht darin, dass die Mediatorin/der Mediator Verhandlungsvorschläge macht, die sie/er als die eigenen ausgibt und mit denen die Konfliktparteien sich dann sachlich auseinandersetzen können; beim Akzeptieren eines solchen Vorschlages können die Parteien zugleich ihr »Gesicht wahren«.

Konfliktparteien haben – insbesondere zu Verhandlungsbeginn – häufig den starken Wunsch, jeden Anschein von Schwäche zu vermeiden. Anfängliche Zugeständnisse werden daher vermieden, da sie von der Gegenseite ausgenutzt werden könnten. Zur Motivierung einer produktiven Konfliktaustragung können MediatorInnen ggf. Druckmittel einsetzen, indem sie u.a. mit Sanktionen oder dem Abbruch der Verhandlungen drohen oder aber substanzielle Anreize politischer, ökonomischer oder militärischer Art bieten.

Internationale Mediation ist wegen der meist hoch komplexen Problemkonstellation sinnvollerweise, wenn nicht notwendigerweise ein multidisziplinäres Vorgehen. Dabei ist die Bedeutung von Psychologie offensichtlich, z.B. bei der Analyse der wesentlichen Strukturen und Prozesse von Mediation und bei Vorbereitung, Training und Beratung von MediatorInnen, z.B. durch Unterweisung in effektiver Kommunikation und Problemlösekompetenz (Wessells, 1993).

Bercovitch, Anagnoson & Wille (1991) haben die Relevanz von Mediation bei 79 bewaffneten zwischenstaatlichen Konflikten (Kriterium: Mindestens 100 Tote) von 1945-1989 empirisch analysiert. Bei 44 dieser Konflikte wurde Mediation eingesetzt, bei vielen sogar wiederholt in verschiedenen Konfliktphasen. Das Gesamtergebnis ist ernüchternd. Insgesamt 62 mal wurde Mediation von den Autoren als Erfolg eingeschätzt, 134 mal als Misserfolg und 61 mal wurde sie angeboten, aber nicht akzeptiert. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das Kriterium »Erfolg« weit definiert wurde: Dazu zählen nicht nur Beendigung des Konfliktes, sondern auch Beginn von Verhandlungen sowie auch schon das Beenden bzw. Unterbrechen der bewaffneten Auseinandersetzung. Bercovitch et al. (1991) leiten aus ihrer Analyse Bedingungen ab, unter denen Mediation mit erhöhter Wahrscheinlichkeit erfolgreich ist. Dazu gehören u.a.

Mediation ist eine wichtige Form gewaltfreier Konfliktaustragung. Es ist daher eine bedeutsame Aufgabe, die Bedingungen weiter zu erforschen, die ihre Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen.

Mediation und andere gewaltfreie Lösungsstrategien haben vor allem dann eine hohe Erfolgswahrscheinlichkeit, wenn die Konfliktparteien grundsätzlich an einer nicht-militärischen Konfliktaustragung interessiert sind. Das ist häufig nicht der Fall, wenn sich die RepräsentantInnen bzw. Eliten einer Konfliktpartei größeren Gewinn an Macht, Einfluss und materiellen Ressourcen erhoffen, wenn sie den Konflikt gewaltsam austragen und wenn sie dabei von mächtigen Verbündeten ideell und materiell unterstützt werden. Zudem muss beachtet werden, dass viele Konflikte nicht mehr mit militärischen, sondern mit ökonomischen Mitteln ausgetragen werden (z.B. Embargo, Übernahme von Wirtschaftszweigen) – die Folgen für die Zivilbevölkerung aber können ähnlich zerstörerisch sein.

Literatur

Bercovitch, J. (1992): The structure and diversity of mediation in international relations. In J. Bercovitch & J.Z. Rubin, (Eds.) (pp.1-29): Mediation in international relations. Multiple approaches to conflict management (1992). New York, St. Martin's Press.

Bercovitch, J., Anagnoson, J. T. & Wille, D. L. (1991): Some conceptual issues and empirical trends in the study of successful mediation in international relations. Journal of Peace Research, 28, 7-17.

Bercovitch, J. & Rubin, J. Z. (Eds.) (1992): Mediation in international relations. Multiple approaches to conflict management (1992). New York, St. Martin's Press.

Besmer, C. (1993): Mediation – Vermittlung in Konflikten. Karlsruhe, Pazifix.

Carnevale, P. J. (1985) : Mediation of international conflict. In S. Oskamp (Ed.): International conflict and national public policy issues. Applied Social Psychology Annual (Vol. 6, pp 87-106). Beverly Hills, Sage.

Carnevale, P. J. & Pruitt, D. G. (1992) : Negotiation and Mediation. Annual Review of Psychology, 43, 531-582.

Kressel, K. & Pruitt, D. G. (Eds.) (1989): Mediation research. San Francisco, Jossey-Bass.

Rubin, J. Z. (1992): Conclusion: International mediation in context. In J. Bercovitch & J. Z. Rubin (Eds.): Mediation in international relations. Multiple approaches to conflict management (pp 249-272). New York, St. Martin's Press.

Susskind, L. & Babbitt, E. (1992): Overcoming the obstacles to effective mediation of international disputes. In J. Bercovitch & J. Z. Rubin (Eds.): Mediation in international relations (pp. 30-51). New York: St. Martin's Press.

Wessells, M. G. (1993): Psychologische Dimensionen internationaler Mediation. In W. Kempf, W. Frindte, G. Sommer & M. Spreiter (Hrsg.): Gewaltfreie Konfliktlösungen (S. 71-90). Heidelberg, Asanger.

Zartmann, I. W. & Tuval, S. (1985): International mediation. Conflict resolution and power politics. Journal of Social Issues, 41, 27-46.

Der vorliegende Text basiert auf dem Beitrag von Gert Sommer »Internationale Gewalt: Friedens- und Konfliktforschung«, in H. W. Bierhoff und U. Wagner (1998): Aggression und Gewalt. Stuttgart, Kohlhammer.

Dr. Gert Sommer ist Professor für Klinische Psychologie an der Universität Marburg und Vorsitzender des Forum Friedenspsychologie

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