in Wissenschaft & Frieden 2000-4: Frieden als Beruf

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Unschätzbare oder überschätzte Akteure?

Möglichkeiten und Grenzen von NGOs bei der Prävention und Bearbeitung gewaltförmiger Konflikte

von Lutz Schrader

Gewissermaßen als Kontrapunkt zu den optimistischen und mitunter auch schon einmal euphorischen Zuschreibungen an Entwicklungschancen und Handlungsmöglichkeiten zivilgesellschaftlicher AkteurInnen bei der Vorbeugung und Bearbeitung gewaltförmiger Konflikte erschien in der zweiten Hälfte der 90er Jahre eine Reihe von Studien und Veröffentlichungen mit einem eher nachdenklichen oder sogar ausgesprochen kritischen Tenor. Dies geschah in etwa zeitgleich mit der Wende hin zu mehr Nachdenklichkeit und differenzierteren Urteilen auch in anderen Bereichen der NGO-Forschung. Nun war nicht mehr überschwenglich von einem »global shift« die Rede, von der angeblich zu beobachtenden weltweiten Machtverschiebung von den Staaten weg hin zu den Nichtregierungsorganisationen (Mathews 1997). Den neuen sozialen Bewegungen nahestehende AktivistInnen, die an den Aufstieg zivilgesellschaftlicher AkteurInnen die Hoffnung auf eine durchschlagskräftige emanzipatorische Politik geknüpft hatten, zeigten sich enttäuscht und machten ihrem Frust mit bissigen Abrechnungen Luft.1 In den Sozialwissenschaften kehrte mit der systematischen Erforschung des Phänomens »Nichtregierungsorganisation« eine nüchternere Betrachtung ein (vgl. z.B. Weiss/Gordenker 1996; Altvater et al. 1997; Brand 2000).
Auch auf dem Gebiet der Entwicklungszusammenarbeit und der Konfliktbearbeitung gibt es inzwischen einige Beispiele für eine tiefer lotende Analyse des NGO-Handelns (Anderson 1999; Sørbø/Macrae/Wohlgemuth 1997). Insbesondere die Studie von Mary Anderson über die friedenspolitischen Implikationen der Entwicklungszusammenarbeit setzt Maßstäbe. Sie bleibt nicht bei der Aufrechnung von Defiziten stehen. Nach einer detaillierten Untersuchung nicht-intendierter Folge- und Nebenwirkungen zivilgesellschaftlicher Entwicklungszusammenarbeit zeigt sie vielmehr an mehreren Fallbeispielen auf, welche Wege es gibt, Fehler zu vermeiden und untaugliche Konzepte zu korrigieren. Sie widersteht – im Unterschied zu manch anderen – der Versuchung, das Kind mit dem Bade auszuschütten und weist den Weg zu einer angemesseneren Dosierung und Qualifizierung des zivilgesellschaftlichen Engagements in der Friedens- und Entwicklungszusammenarbeit.

Anders Mark Duffield; er ist auf Provokation aus. Nachdem der Entwicklungshilfe- und NGO-Experte aus Birmingham 1997 vom norwegischen Chr. Michelsen Institut im Rahmen der Evaluierung von International Alert um eine Zuarbeit zu Fragen der Evaluierung von NGO-Handeln bei der Konfliktregulierung gebeten worden war, zerbrach er sich nicht so sehr den Kopf über Evaluierungsmodelle. Statt dessen nutzte er die Gelegenheit, um einige grundsätzlichere und streitbare Thesen zu den Prämissen, zum konzeptionellen Selbstverständnis und zur Reichweite der Friedens- und Konfliktarbeit von NGOs zu formulieren (Duffield 1997). Die durchaus bedenkenswerten Überlegungen fielen so kritisch aus, dass Duffield von einigen Seiten »NGO-bashing« vorgeworfen wurde. In jedem Fall brachten seine Überlegungen jedoch eine produktive Diskussion innerhalb der auf Konfliktprävention und -bearbeitung spezialisierten NGO-Forschung in Gang. Dies ist Grund genug, seine Argumente noch einmal Revue passieren zu lassen, um sie dann in einem zweiten Schritt an konkreten Beispielen des Engagements von NGOs in gewaltförmigen Konflikten zu überprüfen und schließlich in einer resümierenden Bilanz noch einmal zu diskutieren.

Die Kritik: Sind NGOs Agenturen neoliberaler Strukturanpassung?

Mark Duffield sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem entwicklungspolitischen Paradigmenwechsel hin zum »human development« und dem rapiden Bedeutungsgewinn der Konfliktprävention und -bearbeitung in den Ländern des Südens und des Ostens. Die Friedens- und Konfliktarbeit, in die immer mehr auch NGOs involviert sind, charakterisiert er als eine »extreme Form« dieses neoliberalen Paradigmas. Analog zur Entwicklungspolitik, die nicht mehr vornehmlich darauf gerichtet sei, Ungleichheiten durch Umverteilung, Präferenzmechanismen, Infrastrukturverbesserungen und Veränderungen der Weltmarktstrukturen auszugleichen, ziele sie lediglich darauf ab, den betroffenen Bevölkerungen dabei zu helfen, sich an die veränderten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen »anzupassen«. Ihrem Anspruch nach sei Friedens- und Konfliktarbeit soziales Engineering in großem Maßstab. Dabei werde allerdings weitgehend ignoriert, daß die Beeinflussbarkeit komplexer sozialer Prozesse bzw. ganzer Gesellschaften in den Sozialwissenschaften nach wie vor umstritten ist.2 Daß durch das Training einzelner Gruppen gesellschaftliche Instabilität und tief verwurzelte Feindseligkeit gemildert werden könne, sei für viele PraktikerInnen in der Konfliktbearbeitung eher „ein Glaubensakt als eine bewiesene Gewissheit“ (Duffield 1997: 81).

Duffields Argumentation läuft also auf die Behauptung hinaus, dass zivilgesellschaftliche AkteurInnen in der Entwicklungszusammenarbeit und Konfliktbearbeitung entgegen ihrem Selbstverständnis keine Gegenkraft zum neoliberalen Mainstream bilden und in vielerlei Hinsicht und nicht selten an exponierter Stelle zur Umsetzung der westlichen Hegemonie beitragen. Das wird durch eine Auswahl wichtiger Kritikpunkte belegt, die im Folgenden in sechs Thesen zusammengefaßt sind:

  1. Der Rückzug des Staates aus der Entwicklungszusammenarbeit und Konfliktbearbeitung, von dem NGOs in besonderer Weise profitieren, birgt erhebliche Risiken. Die Beauftragung von NGOs ist „der billigste Weg für Geldgeber, den Anschein globaler Interdependenz aufrechtzuerhalten“ (vgl.: 99). Mit der Umwandlung der Konfliktbearbeitung in ein »kommerzielles Produkt« entsteht zugleich die Gefahr, dass sich NGOs im Kampf um Marktanteile zunehmend marktkonform verhalten, weil „die Hilfsindustrie das öffentliche Eingeständnis von Misserfolg oder Selbstzweifel nicht honoriert“ (ebd.). In dem Maße, wie Konfliktbearbeitung zu einer »Wachstumsindustrie« wird, erhöht sich die Abhängigkeit der zivilgesellschaftlichen AkteurInnen von den GeldgeberInnen und die Konkurrenz um die knappen Mittel.
  2. Im Gefolge des neoliberalen Perspektivwechsels wird die Schuld für Unterentwicklung und Instabilität hauptsächlich auf das interne Versagen der betroffenen Länder des Südens bzw. Ostens zurückgeführt (ebd.: 83). Nach dem Niedergang der alternativen politischen Projekte (Dritte-Welt-Ideologie und Sozialismus) bildet das hegemoniale liberaldemokratische Modell des westlichen Kapitalismus die Orientierung für die innere Stabilisierung und Transformation. Beinahe zwangsläufig wird davon das Recht auf Einmischung in innere Krisen für den Fall abgeleitet, dass negative Folgen für andere Staaten, die internationale Sicherheit und die (interne) Menschenrechtslage eintreten. „Gegenwärtig ist die Fähigkeit des Westens, interne politische Prozesse in Krisenregionen unmittelbar zu verändern, größer als zu jeder Zeit seit der kolonialen Periode“ (ebd.: 98). Diese Einflussnahme wäre ohne den Beitrag von NGOs nicht möglich.
  3. Die der Konfliktbearbeitung zugrundeliegende »Mono-Theorie« des Aufbaus einer »pluralistischen Zivilgesellschaft« ist das politische Äquivalent und die Ergänzung der (neoliberalen) Strukturanpassung. Die undifferenzierte Förderung der Zivilgesellschaften ignoriert nicht nur weitgehend die konkreten Bedingungen, Institutionen und die Geschichte im jeweiligen Krisengebiet, sondern geht vor allem zu Lasten der unverzichtbaren stabilisierenden Rolle der Staaten. In unzulässiger Weise verkürzt wird unter Zivilgesellschaft die Gesamtheit der NGOs, speziell der lokalen NGOs, verstanden (ebd.: 85/86). Ebenso wie der Demokratisierung wird der (nationalen und transnationalen) Zivilgesellschaft eine Schlüsselrolle bei der Konfliktregelung zugewiesen. Zivilgesellschaftliche Kräfte werden als stabilisierende Kraft, als Quelle innerer Sicherheit angesehen. Damit wandelt sich der Begriff der »internationalen Sicherheit« von einer zwischenstaatlichen zu einer innerstaatlichen Angelegenheit.
  4. Von den in der Konfliktbearbeitung engagierten NGOs wird in paternalistischer Weise das westliche Modell transportiert. Auf der Grundlage eines sozio-psychologischen Konfliktmodells wird die Ursache für Konflikte primär in Meinungsverschiedenheiten und im Zusammenbruch von Kommunikation zwischen Individuen und Gruppen gesehen; Konflikte erscheinen als etwas Irrationales. Politische Gewalt wird als ein relativ begrenztes, lokalisierbares und mithin behandelbares Phänomen wahrgenommen. Sozio-psychologische Konfliktmodelle lassen sich von der Prämisse leiten, dass der natürliche Zustand der Welt in einer »funktionalen Harmonie« besteht, d.h. in „einer optimalen Balance von Ressourcen und Macht zwischen konkurrierenden Gruppen“ (ebd.: 90/91). Ziel der aus der Wirtschaft abgeleiteten Konzepte ist die Herstellung von Konformität und Einverständnis. Der zutreffende Begriff für diese Art der Konfliktarbeit ist nicht Training, sondern Indoktrination (ebd.: 97).
  5. In innerstaatlichen Konflikten engagierte zivilgesellschaftliche Organisationen stehen immer in der Gefahr, in interne Prozesse sozialen und politischen Wandels einzugreifen. Deshalb bedarf es eines „ethischen und politischen Rahmens, der es erlaubt, zwischen gerechten und ungerechten Forderungen“ von Konfliktparteien zu unterscheiden. Wenn der Eingriff nicht nur auf die Eindämmung grober Gewalt, sondern auf die Vorbeugung einer Krise zielt, ist es kaum möglich, zwischen akzeptablem und inakzeptablem Wandel zu unterscheiden. Ohne einen klaren ethischen und politischen Rahmen kann Konfliktbearbeitung ungewollt dazu beitragen, dringliche soziale Veränderungen zu blockieren; sie würde dann reaktionär (ebd.: 98). Das Eingeständnis, dass nicht »jeder« Konflikt »jederzeit« reguliert werden kann und muss, würde zwangsläufig die Aufgabe des sozio-psychologischen Konfliktmodells nach sich ziehen.
  6. Die wirksame Bearbeitung von Konflikten setzt ein vertieftes Verständnis für deren Ursachen voraus. Gewaltförmige Konflikte sind weder irrational, noch lassen sie sich mechanisch allein auf Mangelsituationen (Unterentwicklung und unzureichend Demokratie) zurückführen. Innerstaatliche Krieg3 sind vielmehr Ausdruck der Herausbildung „wesentlich neuer Typen sozialer Formation, die an das Überleben an der Grenze der globalen Ökonomie angepasst sind“ (ebd.: 100). In den Händen der Eliten sind z.B. Parallelökonomien ein Mittel, den Mangel zu kontrollieren und zu managen (ebd. 103). Die wichtigste Ressourcenbasis ist dabei die Zivilbevölkerung, „die entweder in speziellen Gebieten eingesperrt, ausgeplündert oder gesäubert wird“ (S. 103). Diese Einschätzung hat mindestens zwei Konsequenzen: Zum einen muss jede Konfliktintervention die gesamte gesellschaftliche Konstellation in den Blick nehmen. Zum anderen sind nicht alle in einen Krieg involvierten Gruppen und Individuen Opfer; GewinnerInnen und VerliererInnen, Opfer und TäterInnen lassen sich wohl unterscheiden.

Duffield entfaltet ein ganzes Forschungsprogramm. Auf alle Fragen lässt sich im Rahmen dieses kurzen Aufsatzes gar nicht eingehen. Auch die dem Autor zugänglichen Einzelstudien decken längst nicht die ganze Breite der angesprochenen Themen ab. Es kann nur ein erster Versuch gemacht werden. Dieser wird sich sowohl auf ausgewählte empirische Untersuchungen stützen als auch eine bereits vorliegende Auseinandersetzung mit Duffields Thesen zu Rate ziehen (vgl. Ropers 1998). Doch zunächst zur Empirie.

Die Probe aufs Exempel: Das Engagement von International Alert in Sierra Leone und Burundi

Es liegt nahe, die kritischen Einwände und Erwägungen an konkreten Fällen zivilgesellschaftlichen Engagements in Krisensituationen zu überprüfen. Dies soll im folgenden an den im o.g. Gutachten des Chr. Michelsen Instituts über International Alert (IA) dargestellten und analysierten Beispielen geschehen, für das Mark Duffield seine kritischen Thesen verfasst hat. Darin werden in drei Fallstudien das Konzept und die Praxis der IA-Interventionen in Sri Lanka, Burundi und Sierra Leone untersucht. Interessanterweise haben es die GutachterInnen ihrerseits unterlassen, die allgemeineren Überlegungen von Duffield mit ihren konkreten Befunden aus den Krisengebieten zu konfrontieren. Für unsere Zwecke sind die Einschätzungen zu den Interventionen von International Alert in Sierra Leone und Burundi besonders aussagekräftig, wobei erstere eher für eine kritikwürdige Aktion und letztere für einen Erfolg steht.

Als International Alert 1995 seine Tätigkeit in Sierra Leone aufnahm, legte die Organisation dafür vier Ziele fest: Förderung von Friedensverhandlungen, Unterstützung einer nationalen Friedensallianz, Aufbau einer internationalen Unterstützungsgruppe sowie Hilfe beim Wiederaufbau nach der Beendigung des Konflikts. Als Methode wurde in dem Konzeptpapier ausdrücklich ein multi-track-Ansatz ausgewiesen (ebd.: 57). Dies klingt nach einem schlüssigen Konzept. Doch tat sich mehr und mehr eine Kluft zwischen den ursprünglichen Zielen und dem praktischen Vorgehen auf.

Die AktivistInnen von International Alert konzentrierten sich zunächst darauf, Voraussetzungen für das Zustandekommen von Verhandlungen zwischen der Rebellenbewegung Revolutionary United Front (RUF) und der Regierung zu schaffen. Zu diesem Zweck gingen sie im wahrsten Sinne des Wortes in den Dschungel, um die Kämpfer und Führer der RUF aufzuspüren. Mit dem Ziel, die Unausgewogenheit zwischen den Konfliktparteien in bezug auf Status, Kontakte und Handlungsfähigkeit auszugleichen, bemühte sie sich um die Anbahnung der Kommunikation zwischen der Rebellenbewegung einerseits und der Regierung, internationalen Organisationen und anderen NGOs andererseits. Dabei unterliefen der Organisation jedoch zahlreiche Fehler, die ihr dann auch von den GutachterInnen angekreidet wurden.3

Durch die EvaluatorInnen wird damit in diesem konkreten Fall ein nicht unbeträchtlicher Teil der Kritikpunkte Duffields bestätigt. Besonders wurde von ihnen beanstandet, dass sich International Alert in den Konflikt eingeschaltet hat, ohne ausreichend mit den Ursachen, der Dynamik und den AkteurInnen des Konflikts vertraut gewesen zu sein. Wie im Gutachten angemerkt wurde, hat IA zu keiner Zeit ein substanzielles Dokument vorgelegt, in dem der Krieg explizit analysiert wird (ebd.: 195). Mehr noch: IA setzte sich über die abweichenden Bewertungen anderer AkteurInnen hinweg, die einer Aufwertung der RUF ausgesprochen kritisch gegenüberstanden. Die Haltung von IA gegenüber der RUF wurde zunehmend als parteilich wahrgenommen. Die Kommunikation mit anderen Organisationen wurde vernachlässigt und das Gebot der Transparenz und Selbstreflexivität weitgehend aufgegeben. So hat IA andere Organisationen nicht über den Inhalt der Gespräche mit der RUF informiert. All das sind Anzeichen dafür, dass der anfänglich proklamierte multi-track-Ansatz fast völlig durch die einseitige Unterstützung hochrangiger Verhandlungen zwischen Rebellen und Regierung verdrängt wurde.

In ihrem Streben nach einem Erfolg setzten sich die IA-Verantwortlichen über „Schwierigkeiten und potenziellen Dilemmata“ hinweg, die sich aus Verhandlungen mit „einer Bewegung ergeben können, der es im Land an Unterstützung fehlte und die sich erheblicher Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht hatte“ (ebd.: 196). Sie ließen sich von der Einschätzung leiten, dass die Ursache des Konflikts in einem fundamentalen Mangel an Kommunikation zwischen beiden Parteien zu suchen sei. Die IA-StrategInnen übersahen die „starken Interessen auf beiden Seiten“, die für eine Fortsetzung des Konfliktes sprachen. Gerade in Sierra Leone war die „Kontrolle wertvoller Exportressourcen und von Beutegut ein Hauptfaktor für den Kriegsverlauf“ (ebd.). Doch am schwersten wiegt wohl, dass IA mit seiner Intervention nicht nur die Verhinderung von Gewalt und den Schutz der Zivilbevölkerung im Auge hatte, sondern durch die Aufwertung der RUF zu einer legitimen Bewegung erheblichen Einfluss auf den Verlauf des Konflikt selbst genommen hat (ebd.: 197).

Dass ein und dieselbe Organisation ganz unterschiedliche Vorgehensweisen wählen kann, zeigt das Beispiel des erfolgreichen Engagements von International Alert in Burundi. Hier scheint keine einzige der Beobachtungen und Vorwürfe Duffields zuzutreffen. Viel hängt offenbar von den Verantwortlichen vor Ort und deren Einstellung ab. Das aus nur drei Personen bestehende Team, das seit 1995 in Burundi präsent ist, setzte von Anfang an auf Abstimmung und Kooperation. Wichtigster Ansprechpartner war der Sondervertreter des UN-Generalsekretärs, Ould Abdallah. Das Ziel des Engagements bestand insbesondere darin, eine weitere Eskalation des Konflikts zu vermeiden und eine gerechte und friedliche Lösung zu befördern.

Gewissermaßen als Einstieg folgte IA der Anregung von Abdallah, das Prestige der Organisation in der internationalen Szene zu nutzen, um die Ausarbeitung einer gemeinsamen Agenda der interessierten Parteien – GeldgeberInnen, NGOs und burundische Behörden – zu koordinieren. Auf dem sogenannten Burundi Colloquium, das im Februar 1995 in London zusammentrat, vereinbarten rund 80 TeilnehmerInnen ein Aktionsprogramm. Im April 1995 startete IA dann seine eigene Arbeit. Im Mittelpunkt standen der Informationsaustausch und die Advocacy-Arbeit, die Organisation von Studienreisen nach Südafrika, die Anbahnung von Kontakten zur nationalen Elite (Compagnie des Apôtres de la Paix – CAP), die Unterstützung der Friedensarbeit der Burundischen Frauenbewegung sowie begrenzte Projekte zur Förderung der Friedenserziehung an den Schulen und die Unterstützung für ein Friedensradio (Sørbø/Macrae/Wohlgemuth 1997: 51ff.).

Abgesehen von einer kritischen Anmerkung in Bezug auf die Überschätzung möglicher Effekte von Elitenkontakten durch International Alert fällt der Burundi betreffende Teil des Gutachtens des Chr. Michelsen Instituts durchweg positiv aus. IA wird bescheinigt, sich mit Erfolg als eine kleine und neutrale NGO etabliert zu haben. Als besonders nützlich erwies sich dafür die Zusammenarbeit mit anderen PartnerInnen und insbesondere mit dem Sondervertreter des UN-Generalsekretärs. Achtung und Akzeptanz bei allen wichtigen AkteurInnen auf der burundischen politischen Bühne sicherten sich die IA-VertreterInnen hauptsächlich dadurch, dass sie bereit waren zuzuhören und zu lernen (ebd.: x). Auch die durch das IA-Büro in Burundi angefertigten Analysen über die politische Entwicklung im Land fanden für ihre Qualität und Ausgewogenheit bei den Gutachtern Wertschätzung. Anerkennend wurde ebenfalls vermerkt, dass ein hohes Maß an Übereinstimmung zwischen den Analysen und den Aktivitäten der Organisation bestanden habe (ebd.).

Der Bericht über die Aktivitäten von International Alert in Burundi liest sich über weite Strecken wie die in die Praxis kreativer Friedens- und Konfliktarbeit umgesetzten Schlussfolgerungen aus den kritischen Anmerkungen Mark Duffields:

Die Bilanz: Der Beitrag von NGOs ist unschätzbar, wenn sie sich nicht selbst überschätzen

Zwei konkrete Interventionen ein und derselben NGO genügen, um die Vielfalt der Herangehensweisen, Konzepte und Erfahrungen in der zivilgesellschaftlichen Friedens- und Konfliktarbeit zu verdeutlichen. Ebenso wie Mary Anderson (1996) hätte Mark Duffield in der tagtäglichen NGO-Praxis auch Gegenbeispiele auffinden können, die seine kritischen Thesen zumindest relativieren. Damit soll jedoch nicht in Abrede gestellt werden, dass die Mehrzahl seiner Einwände – zumal in der zweifellos beabsichtigten provokatorischen Zuspitzung – ihre Berechtigung haben. Sie erinnern an die Notwendigkeit, sowohl die wissenschaftliche Diskussion und Forschung auf diesem Feld weiter zu qualifizieren als auch die praktische Tätigkeit von NGOs in Krisenregionen immer wieder kritisch zu evaluieren.

Dazu sollen auch die folgenden resümierenden Bemerkungen beitragen, die sich im Wesentlichen als Antwort auf Mark Duffield verstehen. Bei mehren Punkten wird unmittelbar Bezug auf eine frühere Auseinandersetzung von Norbert Ropers mit Duffield genommen (Ropers 1998: 27-33).

  1. Nichtregierungsorganisationen sind Trägerinnen und Akteurinnen der Demokratisierung und Vergesellschaftung von (Außen-)Politik. Sie sind eine Form zivilgesellschaftlicher Selbstorganisation und Problemlösung und damit Ausdruck der Krise und des Wandels von Staatlichkeit (Seibert 2000: 48). Zugleich müssen sie sich immer wieder Versuchen der Indienstnahme und Kooptierung durch staatliche und wirtschaftliche AkteurInnen im Rahmen neoliberaler Modernisierungs- und Anpassungspolitik erwehren.
  2. Für die Konfliktbearbeitung und den Friedensaufbau gilt wie für die Entwicklungszusammenarbeit der Grundsatz, Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Die damit verbundenen Aufgaben sollen „vorrangig von lokalen Akteuren wahrgenommen werden“ (Windfuhr 1999: 765). Die »Einmischung« inter-/transnationaler AkteurInnen sollte hauptsächlich in der Förderung lokaler Fähigkeiten und der Unterstützung von »Friedensallianzen« bestehen.
  3. Das Zusammenwirken zwischen verschiedenen NGOs sowie zwischen NGOs, Staaten und internationalen Organisationen ist unterentwickelt. Regionale Konfliktforen sind nur ein Beispiel, um eine engere Abstimmung und Arbeitsteilung auf den Weg zu bringen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist die Bereitstellung ausreichender finanzieller, materieller und intellektueller Ressourcen (ebd.: 32/33).
  4. Die Dominanz westlicher, v.a. angelsächsischer NGOs in der zivilgesellschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit und Konfliktbearbeitung ist eine Tatsache. Umso mehr gilt, dass zivilgesellschaftliche AkteurInnen die ihrem Selbstverständnis und ihrem Anliegen entsprechende Rolle nur wahrnehmen können, wenn sie die unterschiedlichen kulturellen Prägungen ihrer eigenen und anderer Gesellschaften sensibel zur Kenntnis nehmen und in ihrem Handeln berücksichtigen.
  5. Drittparteien sind nicht nur »Re-AkteurInnen« in Bezug auf Konfliktsituationen. Sie beeinflussen den Konflikt in dem Maße, wie sie sich für dessen Beilegung engagieren. Jede intervenierende Partei muss sich auch über die nicht-intendierten Folgen ihres Engagements Klarheit verschaffen. Wege dazu sind eine selbstkritische und selbstreflexive Haltung zur eigenen Arbeit und die Einbeziehung lokaler zivilgesellschaftlicher AktivistInnen (ebd.: 31).
  6. Eine dauerhafte Konflikttransformation ist nicht allein das Ergebnis einer intakten Kommunikation zwischen den Konfliktparteien, sondern bedarf der Überwindung der wesentlichen Konfliktursachen (v.a. Ungerechtigkeit). „Ohne die Unterstützung legitimer Interessen benachteiligter Personen und Gruppen, ohne die Stärkung ihrer Konfliktfähigkeit, ohne die Arbeit von Gruppen für den Schutz von Menschenrechten und Minderheiten wäre Konfliktprävention und -transformation unvollständig.(Ropers 1998: 29)

Literatur

Altvater, Elmar/Brunnengräber u.a. (Hrsg.) (1997): Vernetzt und verstrickt. Nicht-Regierungsorganisationen als gesellschaftliche Produktivkraft, Münster.

Anderson, Mary B. (1999): Do No Harm: How Aid can Support Peace – or War. London.

Brand, Ulrich (2000): Nichtregierungsorganisationen, Staat und ökologische Krise. Konturen kritischer NRO-Forschung. Das Beispiel der biologischen Vielfalt, Münster.

Duffield, Mark (1997): Evaluating Conflict Resolution. Context, Models and Methodology. A Discussion Paper Prepared for the Chr. Michelsen Institute, Bergen, Norway, in: Sørbø, Gunnar M./Macrae, Joanna/Wohlgemuth, Lennar: NGOs in Conflict – an Evaluation of International Alert, Chr. Michelsen Institute, Fantoft-Bergen.

Mathews, Jessica (1997): Power Shift, in: Foreign Affairs, Vol. 76, No. 1, January/February, S. 50-66.

Ropers, Norbert (1998): Towards a Hippocratic Oath of Conflict Management? Eight Critical Statements relating to the Contribution of NGOs in Conflict Prevention and Conflict Transformation, in: European Platform for Conflict Prevention (1998): Prevention and Management of Violent Conflicts. An International Directory. 1998 Edition, Amsterdam, S. 27-33.

Seibert, Thomas (2000): Das Ende der »humanitären Neutralität«. Staatlichkeit, NROs und soziale Bewegung im globalisierten Kapitalismus, in: ami, 30. Jg., Nr. 5, Mai.

Sørbø, Gunnar M./Macrae, Joanna/Wohlgemuth, Lennart (1997): NGOs in Conflict – an Evaluation of International Alert, Chr. Michelsen Institute, Fantoft-Bergen.

Weiss, Thomas G./Gordenker, Leon (1996): NGOs, the UN, and Global Governance, Boulder.

Westerbaan, Wim (1999): Peace Communities in a War Zone – An Experience of an international observer in Urabá, Colombia, CMC/Pax Christi International, Utrecht 1999, in: European Centre for Conflict Prevention: People Building Peace. 35 Inspiring Stories from Around the World, Amsterdam.

Windfuhr, Michael (1999): »Track Two«-Interventionen. Die Rolle zivilgesellschaftlicher AkteurInnen in der Konfliktprävention, in: Universitas, 54. Jg., Nr. 638, August, S. 755-766.

Anmerkungen

1) Vgl. die über mehrere Ausgaben gehende NGO-Debatte im »Freitag« von Januar bis März 2000 und insbesondere den Beitrag von Jörg Bergstedt: NGO ist ein Arbeitsstil – und immer falsch. Lobby-Organisationen. Sie liefern die sozialökologische Kosmetik, Freitag v. 11. 2. 2000.

2) „Wenn soziales Engineering in dem Maßstab, wie es die Konfliktbearbeitung impliziert, wirklich möglich wäre, wäre es schon längst angewandt worden. Dem 20. Jahrhundert wäre vielleicht die Pein erspart geblieben, das gewaltträchtigste und barbarischste in der Geschichte zu sein“ (Duffield 1997: 81).

3) Die im Gutachten des Chr. Michelsen Instituts geäußerte Kritik blieb von Seiten International Alerts nicht unwidersprochen. In einem für ein Evaluierungsteam der EU-Kommission vorbereiteten »impact assessment« wies IA z.B. folgende Ergebnisse bzw. Erfolge seines Sierra Leone-Engagements aus: (1) Verhandlung der Geiselfreilassung und damit Beseitigung eines fundamentalen Hindernisses für den Dialog zwischen RUF, Regierung und internationaler Gemeinschaft; (2) Erfolg bei der Ermutigung der RUF, aus dem Dschungel zu kommen; (3) Hilfe bei der Vertrauensbildung zwischen Rebellen und internationaler Gemeinschaft; (4) Schaffung enger Beziehungen und eines guten Arbeitsverhältnisses mit der Regierung der Elfenbeinküste, die anbot, die Gespräche zu mediieren und in ihrem Land zu führen; (5) Herstellung einer ausbalancierten Perspektive in den verschiedenen Phasen der Verhandlungen, insbesondere im Hinblick auf die RUF, die in Kommunikation und Verhandlungen mit intergourvernementalen Organisationen gehandikapt war (Sørbø/Macrae/Wohlgemuth 1997: 57/58).

Dr. Lutz Schrader arbeitet in einem Lehr- und Forschungsprojekt am Institut Frieden und Demokratie der FernUniversität Hagen und ist stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung (AFK).

in Wissenschaft & Frieden 2000-4: Frieden als Beruf

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