in Wissenschaft & Frieden 2000-2: Russland – Zerfall einer Supermacht

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Göttinger Friedenspreis für IANUS

von Jürgen Nieth

Die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) an der TU Darmstadt ist am 9. März mit dem Göttinger Friedenspreis ausgezeichnet worden. Die Jury würdigt damit die innovativen Leistungen der Arbeitsgruppe auf dem Gebiet fächerübergreifender und praxisorientierter Friedenswissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland: Mit IANUS „habe sich ein für die deutsche Wissenschaftslandschaft neuer und ungewöhnlicher Arbeitszusammenhang naturwissenschaftlich-technisch fundierter, militärkritischer Expertise etabliert.“

Jurymitglied Corinna Hauswedell schlug bei der Preisverleihung den Bogen von den »Göttinger 18«, jener Gruppe von Naturwissenschaftlern, die 1957 mit ihrem Protest gegen die geplante Bewaffnung der Bundeswehr mit Atomwaffen Geschichte schrieben, zu den Trägern des Göttinger Friedenspreises 2000: Naturwissenschaftlern, die sich gleichsam mit ihrem Wissen gegen die Massenvernichtungswaffen engagieren. IANUS habe sich Ansehen erworben „in vielfältigen in- und ausländischen Kooperationen ..., in der fachlichen Beratung nationaler und internationaler politischer und parlamentarischer Gremien der Rüstungskontrolle und Technikfolgenabschätzung, als kritische Medienressource sowie bei der Entwicklung politischer Initiativen, beispielsweise zum Abbau und zur Begrenzung von Nuklearwaffen, zur Verifikation der Biowaffenkonvention, bei der Abrüstung und Konversion von Raketentechnologien und Weltraumwaffen.“

Bundesforschungsministerin Edelgard Bulmahn hob in einem Grußwort hervor, IANUS trage „zur Belebung, zur Vertiefung und Verstetigung eines vielfältigen und breit gefächerten Austausches zwischen der Friedens- und Konfliktforschung und der politischen Öffentlichkeit in Deutschland und im europäischen Rahmen bei, ohne die Friedensgestaltung nicht möglich ist.“

Der niedersächsische Wissenschaftsminister, Thomas Oppermann, betonte in seinem Grußwort, dass IANUS der Tatsache Rechnung trägt, „dass Friedensforschung auch Technikfolgenabschätzung und die Entwicklung neuer, menschlicher Technologien umfassen muss“. Friedensforschung sei heute, da die Zahl der mit Waffengewalt ausgetragenen Konflikte weiter zunehme, „vielleicht noch wichtiger als zu Zeiten des Kalten Krieges.“ Hinzu komme, dass sich immer öfter Kriege aus Konflikten um die knappen Ressourcen der Natur entwickelten. Deshalb müsse Friedensforschung ökologische Aspekte mit einbeziehen.

Der antike und
der moderne Janus

Dem Vorsitzenden der Arbeitsgemeinschaft für Friedens- und Konfliktforschung Ulrich Albrecht gelang in seiner Laudatio eine pointierte kulturhistorische Parallelisierung der Gestalt des JANUS: „Im Wintersemester 1988/89 war ich ... augenscheinlich Zeuge der Entstehung der IANUS-Gruppe. Aufgrund einer über die Jahre anhaltenden persönlichen Verbindung möchte ich diesen Tag der Freude nutzen, um die Laudatio eher heiter anzulegen,_ als Reflexion über den selbstgewählten Namen der Gruppe.

Wer oder was ist IANUS? Die Arbeitsgruppe hat seinerzeit gewiss mit Bedacht den Namen dieses antiken Gottes gewählt, als Vorbild. Also weiter gefragt: Was hat Janus seinerzeit und in der Neuzeit gemacht – schließlich geht es um eine Laudatio. Wer waren die Partner oder gar die Partnerin? ... In beiden Fällen sind ... Folgen aus den Partnerschaften entstanden, die viele Ähnlichkeiten aufweisen, wie gleich aufgezeigt werden wird. Schließlich gefragt: Was wird aus IANUS, was ist seinerzeit aus Janus geworden?

1. Wer ist Janus? Im alten Rom der Gott der Anfänge, der Türen und Tore, der Durchblicke und Durchgänge. Das ist eine bezeichnende Perspektive für die heutigen IANIer: Der Arbeitsgruppe ging es und geht es um Anfänge, um Durchblicke, um Verbindungen zwischen Naturwissenschaft und Gesellschaftswissenschaft.

In der bildenden Kunst wird Janus dargestellt mit zwei – in entgegengesetzte Richtung blickenden – Gesichtern, manchmal gar mit vier Gesichtern. Er sieht einfach alles, darunter – so ja auch der moderne IANUS was andere nicht sehen. Sein griechischer Vorgänger wurde Panoptes, der Allesseher, genannt ... Der blickte einfach alles, und die Griechen stellten sich vor, dass sein ganzer Kopf mit Augen besetzt war.

2. Die Taten des Janus, damals und heute. Vom antiken Janus wird der Schutz, modern ausgedrückt, von Whistleblowern, berichtet, von Menschen, die Geheimnisse etwa zur Wahrung des Friedens, verraten. Eine solche war im alten Rom das Mädchen Tarpeia, die seither in der Ewigen Stadt als Urbild von Verrat gilt … Tarpeia hatte den Sabinern, die ihre geraubten Frauen wiederhaben wollten, mit List den Zugang zu einem Vorwerk des Kapitols geöffnet. Der galante Janus half dem fliehenden Mädchen mit einem Akt chemischer Kriegsführung: Er überschwemmte das Tor hinter der Fliehenden vor den Verfolgern mit einer heißen Schwefelquelle.

Die aufklärerische Tätigkeit in Sachen neuer Waffentechnik bleibt ein Hauptmerkmal der Tätigkeit des modernen IANUS, es handelt sich um eine Gruppe von Whistleblowern, in der Sicht mancher Konservativer womöglich um eine Vereinigung, die mit krimineller Energie Tatsachen erhellt, die mancher im Establishment lieber nicht so ans Licht gezogen sehen möchte. Bevor ich weitere Taten der IANIER hervorhebe, muss ich auf die Partnerin von Janus, dem antiken, eingehen.

3. Die Partnerin. Seine sagenhafte Umsicht nützte dem antiken Janus sehr bei dem Versuch, eine Partnerin zu gewinnen. Seine Auserwählte hieß Cardea, sie war gleichfalls Göttin, eben »dea«, und Cardo ist für diese Jagdgöttin ein merkwürdiger Vorname, heißt dies doch wörtlich übersetzt Türangel, Türzapfen. Bekanntlich waren die Alten sehr frei im Umgang mit Bildern aus der Sexualität, und die Verbindung zwischen Janus und Cardea fassten sie mit der Weise, wie Türzapfen und Türangel ineinander greifen. Aber in einer Laudatio geht es vorrangig um die übertragene Bedeutung, Cardo, oder die Göttin Cardea, steht methaphorisch zugleich für Drehpunkt, Angelpunkt, Wende. Cardo mundi hieß bei den Alten die Weltachse, die Grenzscheide, und dieser sich zugewandt zu haben darf beiden, dem antiken Janus wie den heutigen IANIERn, bescheinigt werden.

Cardea ... neckte ihre Verehrer, indem sie die in eine bestimmte Höhle zum Rendezvous bestellte und nachzukommen versprach, dann lief sie fort. Beim antiken Janus war sie da an den Falschen geraten, der blickte die Sache mit seinem rückwärtigen Gesicht und errang ihre Gunst. Ich weiß nun nicht, wie oft die modernen IANIER, die ja auch auf Jagdgötter bei ihrer Suche nach Fakten in der Fortentwicklung der Rüstung angewiesen bleiben, in falsche Höhlen, Sackgassen gelockt worden sind, und wenn sie dies blickten, was dann geschehen ist.

Janus war jedenfalls seinerzeit so beglückt, dass er seiner Cardea die Fähigkeit verlieh, Vampire zu vertreiben. Und die Vertreibung von Rüstungsvampiren ist ja auch eine Spezialität des modernen IANUS. An die Studierenden geben die modernen IANIER lobenswerterweise dieses Vermögen, Vampire zu vertreiben, wirksam weiter. Ich halte es für sehr wichtig, dass IANUS eine Forschungsgruppe an der Universität ist, nicht eine abgehobene Expertentruppe im gesellschaftlichen Nirgendwo.

4. Wie geht es weiter mit Janus? Dem griechischen Panoptes ist es ja herzlich schlecht ergangen. In der Gigantomachie, der Schlacht der Götter mit den Giganten, ist er jämmerlich umgekommen. Da bietet der römische Janus eine heiterere Perspektive. Eine der römischen Sagen weiß, dass Janus König von Latium wurde und nach der Gigantenschlacht Chronos, die Zeit, bei sich aufnahm. Eine andere Sage macht ihn zum Urgroßvater von Romulus und Remus, den Begründern des modernen Rom, der Weltstadt. Noch einmal stoßen wir in diesem Zusammenhang auf den Krieg, auf den Kriegsgott Mars. Rhea Silvia, die Enkelin von Janus, ihr mythischer Name sagt kaum mehr als: Die Herrin der Wälder, schöpfte in einem Mars geweihten heiligen Hain an einer Quelle Wasser, und der Gott nahte sich ihr und machte sie zur Mutter seiner Zwillinge Romulus und Remus. Andere Quellen formulieren weniger diskret: Mars, der Krieg, bekommt Söhne, indem er deren Mutter vergewaltigt. Der Zusammenhang von Krieg und Vergewaltigung, ein sehr aktuelles Thema, ist mithin schon im antiken Mythos vorgegeben …

Der moderne IANUS und sein antikes Vorbild weisen zugleich über ihr eigenes Tun weit hinaus. Eine Tür ist nicht lediglich eine Klappe, sondern sie verbindet, ein Inneres mit einem Äußeren, der Blick hat zwei Richtungen. Deshalb erhoben die Alten dies zum Mythos und stellten sich einen Gott mit zwei Gesichtern vor. Der moderne IANUS ist angetreten mit der Auffassung, dass Physik nicht lediglich Physik sei, sondern sowohl vielfältige Wirkungen in Richtung Gesellschaft entfaltet, als auch umgekehrt gesellschaftliche Wirkungen in der Fortentwicklung der Physik erkennbar sind. Diese Ambi-Valenz, diese Doppelwertigkeit, ist von IANUS erkannt und in pionierhafter Weise zum Thema wissenschaftlicher Arbeit gemacht worden. Dem gebührt Anerkennung, und diese wird der Gruppe heute durch die Verleihung des Göttinger Friedenspreises der Stiftung Dr. Roland Röhl zuteil ...“

Über den Preisträger

IANUS ist 1987 an der TU Darmstadt von einer Gruppe von Hochschulmitgliedern gegründet worden, die ihre Lehrtätigkeit zu Fragen der Friedensforschung bündeln und eine gemeinsame Forschungstätigkeit initiieren wollten. Der Arbeit von IANUS liegt die Überzeugung zu Grunde, dass traditionelle disziplinäre Forschungsansätze nicht mehr ausreichen, angemessen auf die neuen Herausforderungen zu reagieren mit denen die Wissenschaft angesichts aktueller Problemlagen konfrontiert ist. Mit dem schwerpunktmäßig naturwissenschaftlich-technischen Ansatz sieht sich IANUS als notwendige Erweiterung zu der früher eher sozialwissenschaftlich orientierten Friedens- und Konfliktforschung. Die Gruppe ist in vielfältige Kooperationen mit in- und ausländischen wissenschaftlichen Institutionen eingebunden und leistet einen wichtigen Beitrag an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit. Von IANUS ging die Initiative aus, zur Bildung einer international agierenden NGO von Wissenschaftlern (INESAP), die Sachverhalte, Forschungsergebnisse, Einschätzungen und konzeptionelle Überlegungen im Bereich der Nichtweiterverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen in die internationale Politik einspeist. National gesehen gibt es eine enge Kooperation im Forschungsverbund Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS).

Zur Zeit arbeiten bei IANUS insgesamt 16 Hochschullehrer, wissenschaftliche MitarbeiterInnen, DoktorandInnen aus sieben natur- und sozialwissenschaftlichen Disziplinen, eine Sekretärin und zehn studentische Hilfskräfte. Nach einer Startfinanzierung durch die VW-Stiftung wurden durch IANUS erhebliche Mittel bei US-amerikanischen und deutschen Stiftungen, bei der Deutschen Forschungsgesellschaft, beim Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages und vom Schweizer Wissenschaftsrat eingeworben.

Wolfgang Liebert, der im Namen der Preisträger eine programmatische Dankesrede hielt, ging auf die veränderten Rahmenbedingungen für die Friedensforschung in Deutschland ein, auf die neuen Aspekte der Rüstungs- und Technologiedynamik und die Aufgaben der Friedens- und Konfliktforschung. Er sprach die Hoffnung aus, dass sich viele IANUS-artige Initiativen an deutschen Hochschulen entwickeln mögen, die überlebensfähig werden und eine strukturverändernde Kraft entwickeln können.

Der Göttinger Friedenspreis

Der Göttinger Friedenspreis, der 1999 zum ersten Mal verliehen wurde, ist mit DM 10.000 dotiert und mit ihm sollen herausragende Initiativen und Leistungen aus Friedenswissenschaft und aktivem Friedensengagement gefördert werden. Er erinnert an den Göttinger Wissenschaftsjournalisten Roland Röhl, der sich als promovierter Chemiker journalistisch mit Fragen der Sicherheitspolitik sowie der Friedens- und Konfliktforschung befasste. Der 1997 verstorbene Wissenschaftler hatte in seinem Testament verfügt, dass sein Nachlass zur Bildung des Stiftungsvermögens verwandt wird.

Vorschläge für die Preisverleihung 2001 können bis zum 1. September 2000 an die Jury eingereicht werden:
z. Hd. Prof. Dr. Ernst Kuper, Zentrum für Europa- und Nordamerika Studien, Humboldt-Allee 3,
37073 Göttingen,
E-mail: usen@gwdg.de

Jürgen Nieth

in Wissenschaft & Frieden 2000-2: Russland – Zerfall einer Supermacht

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