in Wissenschaft & Frieden 2000-1: Der schwierige Weg zum Frieden

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Gewaltlosigkeit im Kontext der Globalisierung

von Johan Galtung

Frieden und Gewaltlosigkeit unterliegen als gesellschaftliche Prozesse einem ständigen Wandel. Damit diese Entwicklung nach vorne geht, zu mehr Frieden, bedarf es täglicher Arbeit. In seinem Artikel – der auf einer Rede vom 14. September 1999 in Byblos/Libanon während einer Tagung zu »Jugend und interkultureller Dialog« basiert – untersucht Johan Galtung die Schlüsselwerte für eine solche »Kultur des Friedens«.

Frieden und Gewaltlosigkeit sind wie Gesundheit und ein gesunder Lebenswandel keine isolierten Begebenheiten, sondern ständiges aufwärts Streben. Wie in einer gute Ehe müssen wir tagtäglich daran arbeiten. Und dafür benötigen wir eine Kultur des Friedens, die uns über die Ziele und Prozesse des Friedens informiert.

Die kommt jedoch nicht automatisch. Ein Beispiel: ein Land wird angegriffen und besetzt, ein Volk wird unterdrückt. Was wäre natürlicher als sich mit Gewalt selbst zu verteidigen? In einer Kultur des Krieges und der Gewalt sicherlich. Aber in einer Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit wird selbst die Selbstverteidigung mit Gewalt in Frage gestellt, ganz zu schweigen von einem gewaltsamen Angriff. Eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit erzeugt einen und wird erzeugt von einem Gandhi, der Indien gewaltlos von der kolonialen Unterdrückung zur Unabhängigkeit führte, wie auch einem Martin Luther King Jr., der die US-amerikanischen Schwarzen ohne Gewalt auf ihrem Weg zur Aufhebung der Rassentrennung und zur Freiheit anführte. Als der Ruf aus den Kirchen von Leipzig am 9. Oktober 1989 erschallte, gerade einmal vor 10 Jahren, und die großen Montagsdemonstrationen gegen post-stalinistische Repression begannen, wurden diese zwei Namen immer wieder genannt. Einen Monat später fiel die Mauer und der Kalte Krieg verflüchtigte sich.

Gleiches geschah in Südafrika: Die Rückbesinnung auf die Gewaltlosigkeit eines Luthuli zusammen mit einigen anderen Faktoren bereitete den Weg für den Triumph der Demokratie – one person, one vote – unabhängig von Hautfarbe oder Geschlecht. Ich bin mir sicher, dass die KurdInnen auch erfolgreich gewesen wären wenn sie sich von der Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit hätten inspirieren lassen. Aber das mag ja noch geschehen. Das Gleiche gilt für die PalästinenserInnen.

In all den oben berichteten erfolgreichen Fällen – und es gibt noch viele mehr in der zweiten Hälfte dieses so schlecht gemachten Jahrhunderts – hätten systematische Maßnahmen von Gewalt z. B. durch englische Kolonialherren, die Stasi und ihre vielleicht doch nicht so informellen MitarbeiterInnen, dem Ku Klux Klan im tiefen Süden der USA, der US-amerikanischen Nationalgarde und der Polizei vielleicht zu noch mehr Bereitschaft zum Töten, Zerstören und Unterdrücken geführt. Doch dieser Teufelskreis der »Gewalt, die Gewalt erzeugt« wurde aufgebrochen.

Was ist denn nun die Kultur des Friedens? Acht Schlüsselwerte oder Friedensdimensionen, die auf den UN Resolutionen aufgebaut sind, werden oft als die »offizielle« Definition genannt:

Welch guter Katalog von positivem Frieden von einem Komitee definiert! Herausstechendes Manko: es fehlen wichtige grundlegende Bedürfnisse wie Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf.

Einen anderen Ansatz findet man in dem Dokument »Einer globalen Ethik entgegen: Eine erste Erklärung«, die von über 150 führenden VertreterInnen von Religionen aus aller Welt formuliert wurde. Sie war das Ergebnis einer 1993 in Chicago stattgefundenen Zusammenkunft des »Parlaments der Religionen« zum Anlass des 100 Jahrestages des ersten Parlaments dieser Art, das 1893 auch in Chicago zusammenkam. Sie enthält

Zwischen diesen »Verpflichtungen« und den vier »Geboten«, die man in fast allen Religionen findet gibt es eine Verbindung, die da heißt: töte nicht, stehle nicht, lüge nicht, verletze nicht sexuelle Moral.

Es gibt jedoch noch eine Verbindung, und zwar zu den vier Bereichen der Macht:

Das oben erwähnte Dokument, das die vier Gebote in vier Verpflichtungen überträgt, sagt in den Worten der Friedensforschung: Macht – ja, aber ohne Härte, ohne Töten, ohne Ausbeutung, ohne Dominanz, ohne Ausgrenzung. Respektiere das Leben, das Wertvollste was wir haben; lebe ein Leben in Solidarität mit denen, die im Elend leben indem Du für eine gerechte wirtschaftliche Ordnung arbeitest; akzeptiere die wunderbare kulturelle Vielfalt der Welt als eine Quelle beiderseitiger Bereicherung; erstrecke Gleichberechtigung und partnerschaftliche Zusammenarbeit über alle Trennungslinien der Gesellschaft, wie die zwischen Männern und Frauen, hinweg.

So haben die VertreterInnen diverser Religionen tatsächlich eine Theorie der Macht ohne Härte formuliert, ob absichtlich oder unabsichtlich bleibt dahin gestellt.

Die acht Bestandteile der Friedenskultur, wie sie von der UN/UNESCO definiert werden, passen grob gesagt in folgende Formel: Eine „Kultur der Gewaltlosigkeit“ passt zu „gewaltlosem Handeln“; eine „Kultur der Toleranz“ passt zu „Toleranz und Solidarität“; eine Kultur der „Gleichberechtigung und des partnerschaftlichen Umgangs zwischen Männern und Frauen“ passt zu „Menschenrechte/ Gleichberechtigung der Geschlechter“.

Aber dann gibt es für die „Kultur der Solidarität und einer gerechten wirtschaftlichen Ordnung“ kein Gegenüber in der UN/UNESCO-Liste, die andererseits die „anhaltende/zukunftsfähige Entwicklung“ (die wirtschaftliche Gerechtigkeit mag irgendwo dort versteckt sein), „Erziehung zu Frieden und Gewaltlosigkeit“ und den „freien Fluss und das Teilen von Informationen“ betont. Diese zwei wichtigen Komponenten mögen allerdings auch irgendwo in dem Begriff »Kultur«, der so häufig in dem Dokument des Parlaments der Religionen benutzt wird, versteckt sein.

Ich selbst spreche und schreibe über direkte Gewalt, strukturelle Gewalt und kulturelle Gewalt – die letztere in der Definition als jede Art von Kultur, die dazu benutzt wird, die anderen zwei zu legitimisieren. Frieden besteht aus direkten Handlungen der Liebe, Freundschaft und Solidarität, die gefestigt werden müssen indem sie in Friedensstrukturen eingebettet werden und die durch kulturellen Frieden, durch eine Friedenskultur legitimisiert werden.

Dies sind unterschiedliche Aspekte und Perspektiven, dennoch wissen wir im Großen und Ganzen worüber wir reden. Dennoch, der UNESCO Katalog ist nicht kulturell genug, sondern macht sich tatsächlich mehr Gedanken über direkte Aktionen und Strukturen als über Kulturen. Das müssten wir aber von einem hauptsächlich politischen – und sehr lobenswerten – Programm erwarten. Es spiegelt aber auch Widerwillen und eine fast peinliche Unfähigkeit wider, wenn es um Kultur im Allgemeinen geht, insbesondere um große Kulturen, Zivilisationen. Manche Kulturen legitimieren eine Ausweitung, andere nicht, bei jenen steht Frieden mehr im Mittelpunkt als bei anderen. Wie gehen wir damit um?

Dies bringt uns direkt zum zweiten Teil: Globalisierung, ein Wort, das heutzutage in aller Munde ist. Ein schönes Wort. Zwei Beispiele dafür haben wir schon behandelt: die UN/UNESCO-Liste der acht Werte und das Parlament der Religionen mit seinen vier Geboten/Verpflichtungen. Wir alle fühlen, dass unzählige Menschen hinter diesen beiden Konzepten des Friedens stehen. Die Anteilnahme ist sehr, sehr groß. Die ganze Welt ist irgendwie daran beteiligt.

Aber ich fürchte, dass es gar nicht so viel wahre Globalisierung in unser so schlecht gemanagten Welt gibt. Mit Globalisierung ist oft eher Amerikanisierung gemeint, so wie auch der Begriff Modernisierung oft nur als Deckwort für Verwestlichung benutzt wird.

Eine Region der Welt möchte den Rest der Welt durch Klonen formen: durch den Export einer wissenschaftlichen Logik (aristotelisch/kartesisch), einer monetären Logik (gewinnorientiert) und einer Staatslogik (machtorientiert). Der Begriff »Verwestlichung« trifft zwar genau zu, ist aber zu ehrlich um zu überzeugen.

Ein führendes Land jener Region will ausreichend militärische Macht um der oberste Sheriff der Welt zu sein. Es hat eine Wirtschaft ohne Grenzen als Ziel, die vor allem die Interessen der großen Firmen vertritt und die Millionen Menschen noch mehr ins Elend, sogar täglich 100.000 Menschen in den Tod treibt. Es verbreitet seine plebejische und höchst populäre Kultur über die ganze Welt, schwimmt auf seinen kurzlebigen Produkten und/aber beschränkt gleichzeitig die effektive Macht der Entscheidungsfindung auf sich selbst und die Länder seiner eigenen Wahl. Es macht selbst die UN-Generalversammlung, ja sogar den UN-Sicherheitsrat handlungsunfähig im Falle seines Widerspruchs und bricht internationale Gesetze. Ein ägyptischer Araber, Boutros Boutros Ghali hatte wegen dieses Problems keine Chance mehr, als UN Generalsekretär wieder gewählt zu werden.

Unter dem Deckmantel eines neutralen, parteilosen und landesunabhängigen objektiven Prozesses, der Globalisierung genannt wird, findet eine riesige Selbstwerbung und aggrandizement statt. Kein Zweifel: dies stellt einen Kontext dar und leitet uns zum nächsten Thema über: Was bedeutet dies für Frieden und Gewaltlosigkeit?

Anstelle von »Gewaltlosem Handeln zur Lösung von Konflikten« mussten wir zwei von der USA geführte Versuche, Konflikt mit Gewalt zu lösen, mit ansehen: 1991 gegen den Irak und 1999 gegen Jugoslawien. Abgesehen von der Tatsache, dass sie höchst zerstörerisch waren, konnte keiner der Konflikte gelöst werden. Beide hatten tiefe und komplexe Ursachen, beide hätten mit friedlichen Mitteln bewältigt werden können (s. www. transcend.org für von TRANSCEND entwickelte friedliche Konfliktlösungen); beide sind jetzt noch weiter entfernt von einer Lösung als je zuvor. Feinde des Westens, MoslemInnen und orthodoxe ChristInnen, werden in großem Ausmaß getötet und ihre Umgebung zerstört, was nur noch zu einer Verhärtung und Verschärfung der Konflikte geführt hat. Darüber hinaus wurden jegliche Anstrengungen die Konflikte friedlich, kreativ und ohne Bedrohung zu lösen herunter gespielt, während man auf den richtigen Moment wartete um zuschlagen zu können.

Beachtung der Menschenrechte? Dieses Verhalten entspricht ganz bestimmt nicht der Vereinbarung der wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte, diesem so wichtigen Dokument der Menschenrechte, das noch nicht einmal von den USA unterzeichnet wurde.

Demokratische Beteiligung? Im Gegenteil; die Welt scheint noch oberlastiger zu werden als je zuvor. Elizabeth Liagin schrieb in einem kürzlich in Commentary from Malaysia erschienenen Artikel, dass mit den heutigen Fruchtbarkeitsraten „die durchschnittliche Frau im Jemen während ihres Lebens sieben Kinder zur Welt bringt und, wenn die Geburtsrate gleich bleibt, 49 Enkel, 343 Urenkel und zweieinhalbtausend Ur-Urenkel hat!“ Die Zahlen für den Westen wären 1, 1-2, 2-3.

In der Weltbevölkerung ist der Westen jetzt schon eine kleine Minderheit (ca. 16%); in den USA leben weniger als 5 Prozent. Dies könnte ein wenig Bescheidenheit hervor rufen – insbesondere in einer Zivilisation und einem Land, in dem der Demokratie, (»one person, one vote« und Mehrheitswahlrecht) so viel Beachtung zugemessen wird. Aber der Eindruck den man erhält ist eher Verkrampfung, ein Festhalten an veralteten Strukturen. Er erinnert an das Südafrika der Apartheid. Der Kampf um anhaltende Privilegien wird verschleiert unter dem Mantel der unechten Globalisierung und die Kriegskultur, der einfache Rückgriff auf Gewalt und Krieg, wird verkleidet als »humanitäre Intervention«.

Man kann noch viel darüber sagen. Es geht aber auch um einige reale Themen. Denn der Amerikanisierung folgt keine Kultur der Gewaltlosigkeit, keine Kultur der Solidarität und der gerechten wirtschaftlichen Ordnung, keine Kultur der Toleranz sondern eher die Tendenz zur Denunzierung kritischer Stimmen in anderen Kulturen als »fundamentalistisch«. Was die Kultur der Gleichberechtigung und partnerschaftlichen Zusammenarbeit angeht, siehe oben.

Der Schluss ist eindeutig: Wir, und insbesondere die Jugend, sollten uns intensiv für eine wahre Globalisierung einsetzen, nicht für eine Karikatur die am besten als Amerikanisierung bekannt ist. Es kann sogar sein, dass wir uns die Geschichte neu ansehen müssen, dass es darum geht, weniger die Kriegshelden, den Mann auf dem Pferderücken zu verherrlichen sondern vielmehr FriedensheldInnen wie Mütter die ein neues Menschenkind zur Welt bringen; dass wir die zahllosen Fälle der Konfliktlösung ohne Gewalt, die um uns herum stattfinden, mehr betonen müssen.

Es kann also sein, dass wir Demokratie neu beleben müssen. Wie wäre es mit einem besonderen Parlament für Frauen, für Jugendliche, für Kinder?

Und es kann sein, dass wir auch unsere Menschenrechte neu überdenken müssen. Menschenrechte, die nicht nur die – im Großen und Ganzen löblichen – westlichen Werte beinhalten, sondern die auch Werte anderer Zivilisationen widerspiegeln. Menschenrechte, die die Grenzen von Konflikten überschreiten.

Johan Galtung, Dr. h.c. mult, Professor der Friedensforschung, Direktor TRANSCEND: ein Friedens- und Entwicklungsnetzwerk

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