in Wissenschaft & Frieden 2000-1: Der schwierige Weg zum Frieden

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Gandhis Konzept der aktiven Gewaltfreiheit und die Friedensbewegung

von Wolfgang Sternstein

Zur Zeit des Kosovo-Kriegs haben »bekennende BellizistInnen« sich nicht gescheut, zur »Aufrüstung der Seelen« ihrer Gefolgsleute auch Gandhi als Apostel der »guten Gewalt« der NATO zu vereinnahmen. Der Beitrag von W. Sternstein zeigt, dass derartigen Versuchen, wenn sie nicht gar eine bewusste Missdeutung der einen oder anderen Gandhi-Äußerung darstellen, doch ein recht oberflächliches Verständnis von Gandhis Satjagraha-Lehre und -Praxis zu Grunde liegt. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Gandhis Position zum Problem der politischen Gewalt könnte den festgefahrenen Diskurs zwischen BellizistInnen und PazifistInnen hierzulande wieder in Gang bringen und der Friedensbewegung neue Perspektiven eröffnen.

Kein Zweifel, die deutsche Friedensbewegung ist in der Krise. Vielleicht ist schon der Begriff Friedensbewegung ein Euphemismus, denn viel bewegt sich da ohnehin nicht mehr.

Pseudo-Dilemma

Unversöhnlich stehen sich die VertreterInnen zweier gegensätzlicher Positionen gegenüber. Die einen sagen: »Nie wieder Völkermord, nie wieder Auschwitz«, deshalb kann es Situationen geben, in denen Krieg unvermeidlich ist, um schwerwiegende Verletzungen der Menschenrechte zu verhindern. Die anderen sagen: »Nie wieder Krieg«, denn Krieg ist kein geeignetes Mittel, Menschenrechtsverletzungen zu verhindern. Der Kosovo-Krieg hat diesen Gegensatz erneut klar vor Augen geführt.

Der Streit zwischen denen, die »Nie wieder Krieg!«, und denen, die »Nie wieder Völkermord!« auf ihre Fahnen geschrieben haben, spaltet nicht nur die Friedensbewegung. Der Riss geht quer durch die Parteien, wenngleich mit unterschiedlichem Gewicht. Er geht quer durch Institutionen und Organisationen, durch die Medienöffentlichkeit und die Bevölkerung der Bundesrepublik.

Die Alternative »Nie wieder Krieg – nie wieder Völkermord« erinnert an eine Alternative, die während des Kalten Krieges im Schwange war: »Lieber tot als rot« – und als Gegenposition: »Lieber rot als tot«. Die Konfliktparteien fetzten sich nicht weniger leidenschaftlich als die Grünen auf ihrem Bielefelder Parteitag. In der Rückschau wird freilich deutlich, wie töricht diese Alternative war. Wie wir seit 1989 wissen, wurde eine dritte Option geschichtliche Wirklichkeit: »Weder rot noch tot«. Vernünftige Leute hatten schon seit Jahrzehnten dafür plädiert, die mentalen Bunkerstellungen zu verlassen und auf eine konstruktive Lösung des Konflikts hinzuarbeiten. Dass die mit der Raketenstationierung sich gefährlich zuspitzende weltpolitische Lage gerade noch rechtzeitig entschärft werden konnte, ist in erster Linie der Einsicht und dem außergewöhnlichen Mut eines Michael Gorbatschow zuzuschreiben.

Für die Alternative »Nie wieder Krieg – nie wieder Völkermord« gilt das Gleiche. Es kommt darauf an, sie als falsche Alternative zu erkennen. Auch hier gibt es zwei weitere Optionen: »Weder Krieg noch Völkermord« und »Sowohl Krieg als auch Völkermord«. Die Letztgenannte wurde in Nazideutschland schreckliche Wirklichkeit.

Wie aber sieht die Option »Weder Krieg noch Völkermord« konkret aus? Ich knüpfe an eine Bemerkung an, die Daniel Cohn-Bendit auf der Bielefelder Bundesdelegiertenkonferenz der Grünen am 13. Mai 1999 machte. Er sagte, Gandhi habe, wenn nur die Wahl zwischen Feigheit und Gewalt bestünde, zur Gewalt geraten. Die Bemerkung Gandhis ist von Cohn-Bendit im Wesentlichen richtig wiedergegeben. Wenn er sie jedoch zur Rechtfertigung des Nato-Militäreinsatzes gegen Rest-Jugoslawien verwendet, verkehrt er ihren Sinn ins Gegenteil.

Rangordnung
des Konflikthandelns

Gandhi war – das mag viele überraschen – kein Pazifist, wenn wir unter Pazifismus die bedingungslose Ablehnung von Krieg und Kriegsvorbereitung verstehen. Er war aber auch kein Bellizist, wenn wir unter Bellizismus eine Haltung verstehen, die auf den Krieg als letztes Mittel der Politik nicht verzichten will. Militarismus ist, im Unterschied zum Bellizismus, die Hochschätzung alles Militärischen, die Verliebtheit ins Militärische. Für Gandhi war der Gegensatz Pazifismus – Bellizismus, der letztlich der Alternative »Nie wieder Krieg – nie wieder Völkermord« zugrunde liegt, eine falsche Alternative. Er ersetzte die Antithese durch eine praxeologische Wertehierarchie, die aus vier Ebenen besteht:

1. feige Flucht oder passive Hinnahme von Unrecht und Gewalt;
2. gewaltsamer Widerstand;
3. passiver (gewaltloser) Widerstand;
4. aktive Gewaltfreiheit (Satjagraha).

Der Schritt von der Feigheit zum gewaltsamen Widerstand gegen Unrecht und Gewalt war für Gandhi ein Fortschritt und als solcher positiv zu bewerten. In diesen Zusammenhang gehört die von Cohn-Bendit zitierte Äußerung. Für Gandhi kam es jedoch darauf an, auf dem eingeschlagenen Weg zur dritten und vierten Ebene der Wertehierarchie emporzusteigen. Er sagte von sich in schonungsloser Offenheit, er habe seinen Lebensweg auf der untersten Ebene begonnen: „Meine Gewaltlosigkeit erlaubt es nicht, vor der Gefahr wegzulaufen und seine Lieben ohne Schutz zu lassen. Wenn die Wahl zwischen Gewalttätigkeit und feiger Flucht zu treffen ist, dann ziehe ich Gewalttätigkeit vor. Ich kann einem Feigling nicht mehr Gewaltlosigkeit predigen als ich einen Blinden dazu verführen kann, schöne Gegenden anzusehen. Gewaltlosigkeit ist der Gipfel der Tapferkeit. Ich hatte keine Schwierigkeit, Leuten, die in der Schule der Gewalt aufgewachsen waren, die Überlegenheit der Gewaltlosigkeit zu beweisen. Als Feigling, der ich jahrelang war, hielt ich mich an Gewalt. Ich begann Gewaltlosigkeit erst dann zu schätzen, als ich meine Feigheit aufgab.“ 1

Das Wort »Gewaltlosigkeit« in diesem Text wäre in meiner Terminologie allerdings durch »Gewaltfreiheit« zu ersetzen. Tatsächlich hat sich Gandhi als Leiter eines indischen Sanitätskorps am Burenkrieg (1899-1902) und am sogenannten Zulu-Aufstand (1906) beteiligt und er hat während des Ersten Weltkriegs Rekruten für die britische Armee geworben. Er hat zwar nie ein Gewehr in die Hand genommen, doch bestand für ihn zwischen der direkten und der indirekten Beteiligung am Krieg nur ein geringer Unterschied. Er hat sein Verhalten auch in späteren Jahren als einen notwendigen Schritt in seiner persönlichen Entwicklung gerechtfertigt.

Über der Ebene der Feigheit und der Ebene des gewaltsamen Widerstands gegen Unrecht und Gewalt steht als dritte Ebene der passive Widerstand. Dieser ist gekennzeichnet durch einen taktischen oder pragmatischen Gewaltverzicht, sei es, weil keine Waffen zur Verfügung stehen, sei es, weil der Gegner weit überlegen ist oder gewaltsame Gegenwehr aus anderen Gründen aussichtslos oder unzweckmäßig erscheint.

Davon zu unterscheiden ist die vierte Ebene, die Ebene der aktiven Gewaltfreiheit. Sie ist gekennzeichnet durch einen strategischen oder prinzipiellen Gewaltverzicht aufgrund der Einsicht, dass Gewalt ein untaugliches Mittel der Konfliktaustragung darstellt, sofern das Ziel darin besteht, einen Konflikt dauerhaft und für alle Beteiligten befriedigend zu regeln. Gewaltfreie Aktivisten (Satjagrahis) werden selbst dann auf Gewalt verzichten, wenn sie dem Gegner haushoch überlegen sind. Den Unterschied zwischen Gewaltlosigkeit und Gewaltfreiheit beschreibt Gandhi auch als Gewaltlosigkeit der Schwachen und Gewaltlosigkeit der Starken. Gewaltlosigkeit der Starken ist identisch mit Gewaltfreiheit.

Der Begriff »Gewaltfreiheit« wurde im deutschen Sprachraum ursprünglich geprägt, um die spezifisch Gandhische Kampftechnik der gewaltfreien Aktion, die er »Satjagraha« nannte, zu bezeichnen. Leider wird der Begriff heute lediglich im Sinne der Abwesenheit von Gewalt, nicht aber im Sinne der Anwesenheit einer positiven Kraft, die die Gewalt überwindet, gebraucht, sodass zwischen Gewaltlosigkeit und Gewaltfreiheit nicht mehr unterschieden wird. Der Unterschied ist jedoch augenfällig, wie aus der folgenden Äußerung Gandhis hervorgeht: „Zwischen passivem Widerstand und Satjagraha ist der Unterschied groß und grundsätzlich(…) Wenn wir weiterhin glauben und andere glauben lassen, wir seien schwach und hilflos und leisteten deshalb passiven Widerstand, dann würde unser Widerstand uns niemals stark machen und bei der geringsten Gelegenheit würden wir unseren passiven Widerstand als eine Waffe des Schwachen aufgeben. Wenn wir dagegen Satjagrahis sind und Satjagraha leisten in dem Glauben, stark zu sein, so werden sich daraus zwei klare Folgen ergeben: Indem wir den Gedanken der Stärke nähren, werden wir von Tag zu Tag stärker. Mit dem Wachsen unserer Stärke wird auch unsere Satjagraha wirksamer und wir werden nie nach einer Gelegenheit Ausschau halten, sie aufzugeben. Und während wiederum im passiven Widerstand kein Raum für Liebe ist, hat andererseits in der Satjagraha Hass nicht nur keinen Platz, sondern ist ein ausdrücklicher Verstoß gegen ihr leitendes Prinzip. Während beim passiven Widerstand Raum ist für den Waffengebrauch, wenn sich eine passende Gelegenheit bietet, ist in der Satjagraha physische Gewalt selbst unter den günstigsten Umständen verboten.

Satjagraha kann jemand gegen die ihm Nächsten und Teuersten leisten; passiver Widerstand kann gegen sie niemals geleistet werden, außer natürlich in dem Falle, wenn sie aufgehört haben, uns teuer zu sein, und zum Gegenstand des Hasses geworden sind. Beim passiven Widerstand spielt immer der Gedanke mit, den Gegner zu plagen, und zugleich besteht die Bereitschaft, alle Beschwerlichkeit auf sich zu nehmen, die einem aus solcher Tätigkeit erwächst; bei der Satjagraha dagegen gibt es nicht die leiseste Absicht, dem Gegner Schaden zuzufügen. Satjagraha fordert die Gewinnung des Gegners durch Leiden in der eigenen Person.“2

Satjagraha oder Gewaltfreiheit ist folglich mehr als bloßer Gewaltverzicht. Es ist die Anwendung einer positiven Kraft, die Gandhi die Kraft der Wahrheit, der Liebe oder der Seele (im Unterschied zu Körperkraft) nannte. Martin Arnold hat dafür den Begriff »Gütekraft« vorgeschlagen. Ich ziehe jedoch den Ausdruck »Wahrheitskraft« vor, schon deshalb, weil er dem Gandhischen »Satjagraha« näher steht. Satja heißt Wahrheit in einem umfassenden, existenziellen Sinn; agraha heißt festhalten, zugreifen, angreifen. Satjagraha heißt demnach Festhalten an der Wahrheit, Kraft der Wahrheit.

Gewaltfreiheit oder Wahrheitskraft bedeutet die Fähigkeit, Gewalt hinzunehmen ohne zurück zu schlagen, aber auch ohne zurück zu weichen, um sie auf diese Weise zu überwinden. Gewaltfreiheit neutralisiert gewissermaßen die Gewalt wie eine Säure eine Lauge neutralisiert oder umgekehrt. Wir können sie auch als ein Gegengift beschreiben, welches das Gift des Hasses und der Gewalt, das unsere persönlichen und sozialen Beziehungen zerstört, neutralisiert.

Universalität der Methode

Gandhi war zutiefst davon überzeugt, in der aktiven Gewaltfreiheit eine universelle Methode der Konfliktlösung gefunden zu haben, d.h. sie ist an jedem Ort, zu jeder Zeit und in jeder Situation anwendbar, selbst gegen einen Hitler oder Stalin, ganz zu schweigen von einem Saddam Hussein oder Slobodan Milosevic. Gandhi denkt hier geradezu naturwissenschaftlich: Wo wenig Gewalt ist, genügt auch wenig Gewaltfreiheit, wo jedoch viel Gewalt ist, braucht man auch viel Gewaltfreiheit, um sie zu neutralisieren. Dem Argument, einem Hitler gegenüber sei Gewaltfreiheit zum Scheitern verurteilt, entgegnete er: „Wofür ich eingetreten bin, ist die aus dem Herzen kommende Absage an die Gewalt und den konsequent aktiven Einsatz jener Kraft, die aus dieser großen Absage hervorgeht. Einer der Kritiker sagt, eine zustimmende öffentliche Meinung sei für die Wirksamkeit der Gewaltfreiheit unerlässlich. Der Autor denkt offensichtlich an passiven Widerstand als eine Waffe der Schwachen. Ich habe zwischen dem passiven Widerstand der Schwachen und dem aktiven gewaltfreien Widerstand der Starken unterschieden. Der letztere kann und wird trotz wütendster Gegnerschaft wirken. Doch ruft er am Ende breiteste öffentliche Sympathie hervor. Die Leiden der Gewaltfreien haben bekanntlich die härtesten Herzen geschmolzen. Ich wage es zu behaupten, dass, wenn die Juden die Seelenkraft, die allein aus der Gewaltfreiheit entspringt, zu ihrer Unterstützung aufböten, Herr Hitler sich vor einem Mut, wie er ihn im Umgang mit Menschen bisher noch nie in nennenswertem Maße erfahren hat, verbeugen würde. Er müsste zugeben, dass er sogar dem Mut seiner besten Soldaten in den Sturmtruppen unendlich überlegen ist. Solchen Mut können allerdings nur diejenigen zeigen, die einen lebendigen Glauben an den Gott der Wahrheit und der Gewaltfreiheit, das heißt der Liebe, besitzen.“3

Wenn Gandhi in der gewaltfreien Aktion eine universale Methode der Konfliktlösung sah, so bedeutet das nicht, dass sie für beliebige Ziele einsetzbar ist. Für ihn bestand vielmehr zwischen Mittel und Zweck, Weg und Ziel ein untrennbarer Zusammenhang. Sie sind geradezu austauschbar. Wer Macht, Reichtum und Privilegien erwerben oder Territorien und Märkte erobern und verteidigen will, kann sein Ziel letztlich nur durch offene oder verdeckte Gewalt erreichen. Wählt er gewaltfreie Methoden, wird er kläglich scheitern. Andererseits gilt: Wer Frieden, soziale Gerechtigkeit, Demokratie und Menschenrechte erkämpfen oder verteidigen will, kann das nur mit gewaltfreien Mitteln tun. Greift er zu Gewaltmethoden, wird er früher oder später scheitern. Es kommt folglich entscheidend darauf an, was wir wollen. Aus der Wahl der Ziele ergeben sich zwangsläufig die zu ihrer Erreichung einzusetzenden Mittel. Wenn wir uns in der großen Welt der Politik und in der kleinen Welt der persönlichen Beziehungen umschauen, dann entdecken wir, dass nirgends so viel gelogen und betrogen, auch sich selbst belogen und betrogen wird wie gerade auf diesem Gebiet.

Aus meiner Darstellung wird deutlich, dass Gandhi kein Pazifist war. Die europäischen PazifistInnen hatten es schwer mit ihm und er mit ihnen. Sie haben ihm seine Kriegsbeteiligung nie verziehen. Umgekehrt meinte Gandhi, das bloße Neinsagen zu Unrecht, Gewalt und Krieg sei nicht genug. Es komme vielmehr darauf an, konstruktive Alternativen zu entwickeln, einzuüben und anzuwenden: die gewaltfreie Aktion als konstruktive Alternative zur gewaltsamen Aktion und die Soziale Verteidigung als konstruktive Alternative zur militärischen Verteidigung. Gandhi war aber auch kein Bellizist. Den BellizistInnen würde er sagen: Es wird euch nie gelingen, mit Waffen Frieden zu schaffen. Ein dauerhafter, ein echter Frieden lässt sich nun mal nicht herbeibomben.

Gandhi überwindet folglich die Antithese von Pazifismus und Bellizismus, indem er die positiven Aspekte dieser beiden Grundhaltungen aufnimmt – den Gewaltverzicht der PazifistInnen und die Entschlossenheit zum Widerstand gegen das Unrecht der BellizistInnen – und ihre negativen Aspekte vermeidet – die Hilflosigkeit der PazifistInnen angesichts von Gewaltandrohung und Gewalt sowie die negativen Auswirkungen der Gewaltanwendung.

Gewaltfreie Aktion heißt aber auch, die gewaltfreien AktivistInnen oder Satjagrahis müssen bereit sein, ihr Leben im Kampf gegen Unrecht und Gewalt einzusetzen. Doch das wird ja auch von jedem Soldaten erwartet. Gandhi betont mit Recht, dass der gewaltfreie Kampf größere Tapferkeit erfordert als der gewaltsame, denn gewaltfreie AktivistInnen müssen bereit sein, im Extremfall waffenlos bewaffneten Soldaten entgegenzutreten. Der Weg zum Satjagrahi, d.h. zum gewaltfreien Kämpfer oder Krieger, ist folglich für PazifistInnen und BellizistInnen gleich weit.

Ein dritter Weg

Um auf den Kosovo-Krieg zurückzukommen: Für Gandhi ist die Alternative »Nie wieder Krieg – nie wieder Völkermord« eine Scheinalternative. Es gibt den dritten Weg, den Weg aus dem Dilemma der falschen Alternativen. Er lautet: »Weder Krieg noch Völkermord«.

Bei allem Respekt vor der moralischen Integrität eines Erhard Eppler teile ich seine Ansicht, wir würden in jedem Fall schuldig, gleichgültig ob wir handeln oder nicht handeln, nicht. Für ihn heißt handeln: militärisch eingreifen um schwere Menschenrechtsverletzungen wenn möglich zu verhindern und nicht handeln heißt: hilflos zuschauen wie Völkermord begangen wird. Epplers Haltung endet zwangsläufig im moralischen Relativismus. Wenn wir schuldig werden, egal was wir tun, dann kommt es auf ein bisschen mehr oder weniger Schuld auch nicht mehr an. Mein Vorschlag: Wir könnten ja zur Abwechslung auch einmal das Richtige tun, nämlich gewaltfrei gegen Diktatur, Krieg und Menschenrechtsverletzungen kämpfen. Das ist die Herausforderung vor der der Pazifismus, aber auch der Bellizismus, heute stehen.

Der einen oder dem anderen LeserIn mag das Argument auf der Zunge liegen: Wo sind sie denn, die gewaltfreien KämpferInnen die bereit sind, in Bosnien, im Kosovo oder in Osttimor ihr Leben einzusetzen um Terror und Bürgerkrieg zu verhindern? Das ist ein Argument das schmerzhaft sticht. Ja, es ist wahr, wo sind die gewaltfreien KämpferInnen? An dieser Stelle ist ein Wort der Selbstkritik fällig. Ich stehe als Kriegsdienstverweigerer in der Tradition des Pazifismus und ich muss bekennen: Es ist uns bis heute noch nicht gelungen, eine gewaltfreie Truppe, eine Friedensbrigade oder Shanti Sena, wie Gandhi sie nannte, auf die Beine zu stellen, von den aktuellen Bemühungen um einen Zivilen Friedensdienst einmal abgesehen. Ich habe mich jedoch darum bemüht, mit anderen zusammen die gewaltfreie Aktion als Methode der Konfliktaustragung in die Neuen Sozialen Bewegungen einzuführen. Für mich ist die innenpolitische Konfliktaustragung das große Manöverfeld für die Einübung gewaltloser und gewaltfreier Aktionsmethoden. Ich denke, im Ganzen gesehen haben wir in Deutschland, das auf diesem Gebiet praktisch keine Tradition besaß, eine ganze Menge erreicht. Doch nun ist m.E. der Zeitpunkt gekommen, an möglichst vielen Orten unseres Landes mit dem Aufbau von Friedensbrigaden zu beginnen. Als Vision schwebt mir vor, dass es eines Tages an vielen Orten, in vielen Ländern viele Friedensbrigaden gibt, die sich darum bemühen, lokale und regionale Konflikte mit Methoden der aktiven Gewaltfreiheit zu lösen, die aber, wenn nötig, sich zu größeren Verbänden zusammenschließen um bei nationalen und internationalen Konflikten in enger Zusammenarbeit mit den einheimischen Friedensgruppen einzugreifen.

Ich kenne den Einwand: Das mag ja ein schöner Traum sein, doch selbst wenn er eines Tages Wirklichkeit würde, käme er für die Opfer der gegenwärtigen Kriege zu spät. Gewiss, es ist eine triviale Wahrheit: Wer keine Soldaten und keine Waffen hat, kann keinen Krieg führen. Ebenso gilt: Wer keine gewaltfreien KämpferInnen und keine gewaltfreie Organisation hat, kann keinen gewaltfreien Kampf ausfechten. Statt an dieser Stelle zu resignieren, möchte ich aus der Erfahrung der gegenwärtigen Kriege die Lehre ziehen, die bereits aus allen Kriegen der Vergangenheit hätte gezogen werden müssen, nämlich hier und heute mit dem Aufbau von Friedensbrigaden zu beginnen.

Ein letztes Wort zu den Bestrebungen, einen Zivilen Friedensdienst aufzubauen, der sich am Konzept von Gandhis Shanti Sena orientiert. Ich anerkenne diese Bemühungen, halte aber die angestrebte direkte oder indirekte Staatsfinanzierung für höchst problematisch. Da der Staat auf vielen Konfliktfeldern unser Gegner ist – denken wir nur an Atomwaffen und Atomkraftwerke, an die Bundeswehr, die Rüstungsindustrie, die Umweltpolitik, die Asyl- und Ausländerpolitik usw. – wäre es fatal, sich vom Gegner finanziell abhängig zu machen. Wir stünden dann rasch vor der Alternative: entweder als gewaltlose Hilfssheriffs der Staatsgewalt zu agieren oder die »Staatsknete« zu verlieren. Beides hätte für eine Gandhische Friedensbrigade tödliche Folgen.

Ich komme auf die eingangs formulierte Frage zurück: Ist Gandhis Konzept der aktiven Gewaltfreiheit gescheitert? Meine Antwort lautet: Nein, denn es wurde bisher nicht ernsthaft versucht, es zu realisieren. Angesichts der die Existenz der Menschheit bedrohenden Gefahren ist es womöglich unsere letzte Chance.

Anmerkungen

1) Mahatma Gandhi: Freiheit ohne Gewalt, herausgegeben von Klaus Klostermeier. Köln: Hegner, 1968, S. 164

2) Vom Geist des Mahatma, herausgegeben von Fritz Kraus. Zürich: Schweizer Druck- und Verlagshaus, 1957, S. 167 f

3) Mahatma Gandhi: Für Pazifisten, herausgegeben von Wolfgang Sternstein. Münster: Lit, 1996, S. 69 f.

Dr. Wolfgang Sternstein lebt als Friedens- und Konfliktforscher in Stuttgart. Er ist seit 24 Jahren in der Anti-AKW-, Ökologie- und Friedensbewegung aktiv und saß wegen gewaltfreier Aktionen bereits sechsmal im Gefängnis.

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