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2015-02-13Dr. Dietrich Schulze

Beschwerde über Aufnahme Daxner-Artikel in W&F 4-2014, »Soldat sein«

Sehr geehrte KollegInnen,

als langjähriges Mitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative und W&F-Abonnent bin ich zutiefst bestürzt darüber, dass Prof. Michael Daxner in einer friedenswissenschaftlichen Publikation eine Plattform geboten wird.

Der Online-Dienst german-foreig-policy.com veröffentlichte 2010, dass Professor Daxner am Institut für Sozialwissenschaften der Universität Oldenburg Leiter der »Arbeitsstelle Interventionskultur« war. Hier ein Zitat: „Eine Forschungsgruppe des sozialwissenschaftlichen Instituts der Universität Oldenburg entwickelt Strategien für westliche Militärinterventionen in Entwicklungsländern. Das völkerrechtlich bindende Prinzip der staatlichen Souveränität sei längst ‚ad acta gelegt’, weshalb Verstöße dagegen als ‚legitim’ zu gelten hätten, erklären die Wissenschaftler. Sie beschreiben westliche Militärinterventionen wie etwa in Afghanistan als groß angelegte ‚Sozialreformprojekte’. Um diese zum Erfolg zu führen, sollen die Besatzungsmächte einerseits eine gewisse ‚Sensibilität für kulturelle Faktoren’ an den Tag legen und andererseits die rigide ‚Durchsetzung eines Gewaltmonopols’ gewährleisten – auch unter Inkaufnahme ziviler Opfer. Auf deutscher Seite bestehe in diesem Zusammenhang allerdings ein gewisser ‚Nachholbedarf an Wissen’ das die ehemaligen Kolonialmächte noch gespeichert haben’.“ (1)

Professor Daxner hat demzufolge nichts mit Wissenschaft & Frieden, sondern mit Pseudowissenschaft & Besatzungspolitik zu tun.

In seinem W&F-Artikel »Veteranen« spricht er von Bundeswehrsoldaten im Auslandskriegseinsatz als „Einsatzrückkehrern“. Dass es auch »Einsatzverweigerer« geben könnte, kommt dem akademischen Kriegsunterstützer nicht in den Sinn. Dabei gibt es bei der US-Army einen GI, der den Kriegseinsatz verweigert hat und in der Bundesrepublik als Deserteur um sein Asylrecht kämpft. Über André Shepherd erschien gerade ein interessanter Bericht,(2) der der Friedensbewegung weltweit Mut machen kann.

Von einer befriedigenden Antwort innerhalb von drei Wochen darauf, warum ein Kriegsunterstützer Autor in W&F sein kann, und wie der Wiederholung solcher Fälle vorgebeugt werden soll, mache ich die Kündigung meines Abonnements abhängig.

Ich habe meine Beschwerde als Offenen Brief formuliert, weil das keine Privatangelegenheit ist, sondern alle angeht.

Anmerkungen
1) Interventionskultur. german-foreign-policy.com, 20.05.2010.
2) US-Krieg als Asylgrund. jungewelt.de, 12.11.2014.

Mit freundlichen Grüßen Dr. Dietrich Schulze

Antwort der Redaktion

Nach der letzten W&F-Ausgabe 4-2014 mit dem Titel »Soldat sein« erreichte den Vorstand von Wissenschaft und Frieden der oben abgedruckte Offene Brief von Dietrich Schulze, den der Autor auch im Internet veröffentlichte. In seinem Brief kritisiert Dietrich Schulze den Abdruck eines Artikels mit dem Titel »Veteranen« von Michael Daxner in W&F scharf. Basierend auf einem Text auf german-foreign-policy.com zu Daxners Arbeit über die NATO-Intervention in Afghanistan im Kontext des Sonderforschungsbereiches 700, »Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit«, stellt Dietrich Schulze die Frage, „warum ein Kriegsunterstützer Autor in W&F sein kann“.

Fast zeitgleich erreichte die Redaktion ein Leserbrief von Annerose Nisser, den wir ebenfalls oben abdrucken. Annerose Nisser kritisiert die mangelnde wissenschaftliche Qualität von W&F und die politische Ausrichtung der Zeitschrift. Letzteres macht sie vor allem am letztjährigen Spendenaufruf fest, dem sie eine zu undifferenzierte Medienkritik vorwirft sowie eine Verteufelung von Bundeswehr, Bundeswehreinsätzen und Soldaten.

Auf beide Leserbriefe antwortet die W&F-Redaktion, da sie die Inhalte der Zeitschrift unabhängig vom Vorstand festlegt und verantwortet.

W&F ist eine Zeitschrift, die sowohl in ihrer Redaktion als auch in den veröffentlichten Beiträgen eine große Bandbreite an Meinungen und Positionen aus Friedensforschung und Friedensbewegung integriert. Gemeinsame Grundlage für die Redaktionsarbeit bilden die Leitlinien (siehe »Wir über uns« auf der W&F-Website) und vor allem die gemeinsame Diskussion aller Beiträge in der Redaktion. Zu unserem Anspruch an produktive Diversität gehört, dass auch in der Redaktion nicht immer Einigkeit über einzelne Beiträge bestehen muss, solange sie den Rahmen unserer Leitlinien nicht verlassen. Unsere Zeitschrift wird nun in zwei Leserbriefen einmal als zu wenig friedensorientiert, ein anderes Mal als zu militärkritisch kritisiert; dies spricht aus unserer Sicht dafür, dass wir unserem pluralistischen Anspruch durchaus nachkommen.

In seinem von Dietrich Schulze kritisierten Artikel legt Michael Daxner dar, warum die Beschäftigung mit der Frage der „Bundeswehrveteranen“ – die er lieber neutral als „Einsatzheimkehrer“ bezeichnen würde – Gegenstand sozial- und geisteswissenschaftlicher Forschung sein sollte. Er führt nachvollziehbar aus, dass dieser Ansatz auch praktisch-politische Bedeutung hat, weil die Veteranen Deutungsmacht über die Auslandseinsätze der Armeen beanspruchen und zum zunehmend wichtigeren Faktor gesellschaftlicher Willensbildung werden können. Daher geht es in seinem Artikel auch um die Frage, wie die Friedensbewegung mit den Veteranen als politisch aktive Gruppe und als machtvolles Symbol im Diskurs um die aktuelle deutsche Kriegspolitik umgehen sollte. Dieser Frage sollten und wollten wir nicht ausweichen, sie hat daher Eingang in das Heft »Soldat sein« gefunden. Man muss der Argumentation Michael Daxners nicht zustimmen; seine Ausführungen über Rolle, Positionierung und Symbolik der »Veteranen« stellen für diese Debatte aber einen wichtigen Aspekt dar. Vor diesem Hintergrund können wir keinen Widerspruch zwischen dem Veteranen-Artikel und den W&F-Leitlinien erkennen.

Eine kritische Beschäftigung mit der Medienöffentlichkeit – der erste von Annerose Nisser angesprochene Punkt – ist aus unserer Sicht elementarer Bestandteil jeder Debatte um Krieg und Frieden, ist es doch eine Binsenweisheit, dass Kriege auch medial vorbereitet werden. Der offenkundige Unterschied zwischen dem Mainstream der veröffentlichten Meinung und der in Umfragen ermittelten Meinung der Bevölkerung, zum Beispiel ganz aktuell im Ukrainekonflikt, muss aus unserer Sicht von der Friedensforschung wie der Friedensbewegung diskutiert werden . Damit ist nicht gesagt, dass es in der Bundesrepublik keine Möglichkeiten gibt, abweichende Meinungen zu veröffentlichen, W&F ist ja selbst ein Beispiel dafür.

An die Reichweite der Massenmedien kommen aber alle kritischen Publikationen zusammen genommen nicht annähernd heran. Damit bleibt die stark von politischen Eliten geprägte Darstellung der »Leitmedien« in der Öffentlichkeit weitgehend unwidersprochen – ein Grund mehr, in W&F der kritischen Sicht breiten Raum zu geben.

Als zweiten Punkt merkt Annerose Nisser an, ihr sei der wissenschaftliche Anspruch von W&F zu dünn. Wir verstehen W&F als ein populärwissenschaftliches Magazin an der Schnittstelle von Friedenswissenschaft und Friedensbewegung sowie interessierter Öffentlichkeit. Das legt nahe, dass manche Texte den einen zu wissenschaftlich sind, den anderen zu publizistisch. Diese Balance ist manchmal nicht einfach zu wahren und führt in der Redaktion immer wieder zur Diskussion.

Bei der Auswahl unserer Artikel sowie Autor_innen versuchen wir, jeden Heftschwerpunkt aus vielfältigen Blickwinkeln zu beleuchten –aus interdisziplinärer wissenschaftlicher und aus politischer Warte. Als Kriterium für die Artikel- und Autor_innenauswahl lassen wir uns davon leiten, ob ein_e Autor_in zum konkret angefragten Thema einen aus unserer Sicht wertvollen Beitrag leisten kann, um uns und unsere Leser_innen weiterzubilden und unsere Positionen/unser Wissen zu hinterfragen – oder auch zu festigen. Widersprüchliche Standpunkte der Autor_innen sind hierbei aus unserer Sicht kein Hindernis, sondern wirken im Gegenteil oft bereichernd für eine lebendige Debatte.

Diese Vielfalt, auch die Kontroversen, werden von unseren Leser_innen meist geschätzt. Und wir wirken durchaus über unseren direkten Leser_innenkreis hinaus: In den letzten fünf Jahren erreichten uns fast 20 Anfragen von Verlagen, die um die Genehmigung zum Abdruck von W&F-Texten in Schulbüchern baten.

Aus Sicht der Redaktion bedeutet friedenspolitischer und militärkritischer Wissenschaftsjournalismus, sich mit wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Friedens- und Konfliktforschung zu befassen und dogmatische Verengungen nicht zuzulassen. Wir werden der lebendigen und streitbaren Debatte weiterhin Raum geben und hoffen, dass unsere Leser_innen W&F auch in Zukunft als wichtige Quelle für intellektuelle Anstöße und politische Positionierungen wahrnehmen.

Die W&F-Redaktion

2015-02-13Annerose Nisser

Spendenaufruf in Novemberausgabe 2014 von W&F

Liebe Redaktion,

der Novemberausgabe 2014 von W&F liegt ein Spendenaufruf bei. Gerne würde ich den Spendenaufruf an Freunde und Bekannte weiterleiten, weil ich mich der Sache verbunden fühle. Anderes hält mich dann aber leider davon ab. Meine Bedenken betreffen die politische und wissenschaftliche Ausrichtung der Zeitschrift.

1. Politische Ausrichtung von W&F

Ich finde es schade, dass W&F hauptsächlich ein Forum für politisch linksgerichtete Ansichten ist. Sie schreiben in ihrem Aufruf etwa: „[…] die vorherrschende Berichterstattung ist die Berichterstattung der Herrschenden“. Mit solchen Ansichten bin ich nicht einverstanden. Ich finde es sehr schade, wenn in linken Kreisen nicht differenziert wird zwischen Medien in unterschiedlichen Ländern. Natürlich ist die Medienlandschaft in Deutschland nicht nur gülden – aber es ist eindeutig nicht wahr, dass die Berichterstattung in unserem Land von den »Herrschenden« bestimmt wird. Es gibt eine freie Presse und es ist möglich, frei seine Meinung zu äußern, ganz anders, als das in anderen Ländern der Fall ist. In der Rangliste zur Pressefreiheit von »Reporter ohne Grenzen« rangiert Deutschland aktuell auf Platz 14 von 180. Was ich aus Ihren Worten über eine „Berichterstattung der Herrschenden“ heraushöre, erinnert mich auch an linke (und neuerdings auch rechte) Ansichten, die deutsche Presse würde uns die Wahrheit vorenthalten. Diese Ansicht ist meiner Meinung nach mindestens so ideologisch wie die Ideologie, die diese Linken (und Rechten) in der deutschen Medienlandschaft zu sehen glauben.

Im Spendenaufruf wird auch erwähnt, dass der Bundespräsident und die Verteidigungsministerin weltweit noch mehr Verantwortung übernehmen wollen, und die Grünen-Fraktionsvorsitzende einen Bundeswehreinsatz in Syrien diskutiert. Aus dem Kontext und den Anführungsstrichen, in die Sie das Wort »Verantwortung« setzen, entnehme ich, dass Sie das skandalös finden. So einfach sind die Dinge aber nicht. Ich finde es sehr schade, wenn die Bundeswehr, Bundeswehreinsätze und Soldaten an sich verteufelt werden. Die Geschichte hat Beispiele bereit – Srebrenica, Ruanda –, in denen ein stärkeres Militär möglicherweise Völkermord hätte verhindern können. Natürlich wollen wir idealerweise eine Welt ohne Waffen, ohne Gewalteinsatz, ohne Armee. Aber um die bestmögliche Welt zu schaffen, sollten wir nicht allein von unseren Idealen ausgehen, sondern die Tatsachen im Hier und Jetzt, die Realität zu unserer Handlungsgrundlage machen. Außerdem halte ich es für essentiell, dass wir als Friedensforscherinnen und Friedensforscher nicht der Versuchung unterliegen, selbst wieder Feindbilder zu schaffen – und dann etwa die Armee, Waffenhändler oder auch PolitikerInnen unbemerkt und implizit als unsere Feinde behandeln. So entsteht kein fruchtbarer Dialog, so werden wir von der Politik nicht ernst genommen.

Für die Zukunft würde ich mir sehr wünschen, dass W&F ein breites politisches Spektrum vertritt, in der Autorenschaft wie in der Redaktion. Dann kann Friedensforschung auch dort ernst genommen werden und ankommen, wo sie tatsächlich einen Unterschied macht: in Regierungskreisen, bei der Bundeswehr, in Unternehmen.

2. Wissenschaftliche Qualität von W&F

Der Titel der Zeitschrift und auch der akademische Hintergrund vieler Autoren lassen vermuten, dass W&F hauptsächlich wissenschaftliche Artikel veröffentlicht. Meiner Meinung nach ist die empirische Grundlage der meisten Artikel aber ausgesprochen dünn; ich verstehe die Artikel eher als Meinungsbilder oder politische Kommentare. Das finde ich schade. Die Friedensforschung hat mehr zu bieten als Meinungsbilder. Eine Diskussion empirischer, qualitativer und quantitativer Befunde (wie etwa im »Journal of Peace Research« oder im »Journal of Conflict Resolution« veröffentlicht) könnte uns noch deutlich weiter bringen und auch wieder dazu führen, dass die Friedensforschung dort ankommt und dort ernst genommen wird, wo sie tatsächlich einen Unterschied machen kann.

Beste Grüße aus Konstanz Annerose Nisser MSSc in Peace and Conflict Studies (Uppsala University, Schweden) Ansprechpartnerin für Young Professionals im Forum Friedenspsychologie Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin (Universität Konstanz)

Antwort der Redaktion

Dieser Brief wurde weiter oben beantwortet.

2015-01-05Christoph Butenschön und Ulrich Wagner

Bebilderung von Heft 2-2014, Konfliktdynamiken im »Globalen Norden«

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir waren entsetzt über das Afrikabild, das in den Illustrationen/Karikaturen der Ausgabe 1-2014 von »Wissenschaft und Frieden« vermittelt wird.

Die folgenden Klischees sind zu sehen: Schwarze sind durchgängig halbnackt (S.17 und 23) oder barfuß (S.9 und 31), sind in Mangelsituationen (Bildung S.9, Hunger S.17, Durst S.31 und Belastung S.23), sind passiv oder unmündig.

Das entspricht dem weißen Stereotyp von Afrika; die Bilder reproduzieren damit koloniales Denken. Dahinter steht ein weißes Selbstbild als modern, reich, zivilisiert und gebildet.

In der Entwicklungszusammenarbeit werden derartige Darstellungen schon länger reflektiert, daraus ist z.B. die Broschüre »Checklisten zur Vermeidung von Rassismen in der entwicklungspolitischen Öffentlichkeitsarbeit« entstanden (hrsg. von der AG Antirassismus des Berliner Entwicklungspolitischen Ratschlags, Oktober 2010; ber-ev.de)

Trotzdem freundliche Grüße

2014-02-26Dietrich Schulze

Unangemessener Hinweis auf ISPK Kiel

In der friedenswissenschaftlichen Material-Liste der o.g. W&F-Ausgabe findet sich ein neutral anmutender Hinweis auf eine Datenbank des Instituts für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK) mit folgendem Wortlaut: „Die ISPK-Datenbank »Dokumentation zur Abrüstung und Sicherheit« ist online. Die Dokumentation zur Abrüstung und Sicherheit wird vom ISPK erstellt und durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland gefördert. Die Dokumentation ist eine öffentliche und kostenfrei zugängliche Sammlung von Dokumenten und Quellen zu Fragen der Abrüstung und der internationalen Sicherheit. Sie wendet sich an professionell Interessierte sowie an Lehrende und Studierende der internationalen Politik. (ispk.uni-kiel.de).“
Hiermit erweckt die Redaktion einer renommierten Friedens-Publikation den irreführenden Eindruck, dass das ISPK etwas mit Abrüstung und Frieden zu tun haben könnte. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Dafür nur ein Beispiel.
Wie das Internet-Portal german-foreign-policy.com im Mai 2013 unter dem Titel «Im Keim ersticken« ausführte, haben ISPK-Wissenschaftler unter Leitung von Prof. Krause im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums ein Konzept zur Aufstandsbekämpfung in den Ländern des globalen Südens entwickelt. Als eines der „wirksamsten Instrumente“ zur Erreichung dieses Ziels wird die „Enthauptung“ aufständischer Gruppen durch „Ausschaltung von bedeutenden Führern“ bezeichnet. Das ist politikwissenschaftlich verbrämte Anleitung zum Krieg.
Dass sich Prof. Krause mit abscheulichen Argumentationen und absurden Angriffen gegen die von den Studierenden der Uni Kiel in einer Urabstimmung im Juni 2013 geforderte Friedensbindung mittels Zivilklausel (Text: „Forschung, Studium und Lehre sind zivil, dienen friedlichen Zwecken und sind frei von Kooperationen mit Rüstungskonzernen und militärischen Akteuren.“) wandte, rundet dieses Bild des ISPK als Militärpropaganda-Institut mit einem Rüstungsfanatiker an der Spitze nur noch ab. In der Web-Dokumentation der »Initiative gegen Militärforschung an Universitäten« findet sich eine auszugsweise Zusammenstellung, in der die öffentliche Auseinandersetzung mit Prof. Krause und dem ISPK dokumentiert ist.
Wenn die W&F-Redaktion von der Nützlichkeit der ISPK-Datenbank für Lehrende und Studierende spricht, darf vor diesem Hintergrund bezweifelt werden, dass damit Lehre, Forschung und Studium für friedliche Zwecke befördert werden.
Bei der Politik des ISPK handelt sich vielmehr um die Dienstbarmachung von Interventions- und Kriegspolitik der westlichen Welt, die als »Sicherheitspolitik« verkauft wird. Lehrende und Studierende der Hochschulen, die dem Allgemeinwohl und dem Frieden dienen wollen, haben andere Quellenhinweise verdient.
Die seit Jahren wachsende Zivilklausel-Bewegung hat einen großen Beitrag zur Aufklärung über die Verantwortung der Wissenschaften für den Frieden geleistet. Nicht zuletzt deshalb konnte erst kürzlich die geheim gehaltene Militärforschung an den Hochschulen, u.a. für das US-Militär, aufgedeckt werden. Aus der explodierenden Fülle an Berichten über die Reaktionen nur einen einzigen - ausgenommen schönen und perspektivreichen - Beschluss der Universitätsstadt Marburg von Anfang Februar: „Die Stadtverordnetenversammlung kritisiert, dass an einem Institut der Philipps-Universität mit Mitteln der US-Luftwaffe Forschung betrieben wurde, die zu militärischen Zwecken verwendet werden kann. Die Stadtverordnetenversammlung begrüßt die Anstrengungen der Philipps-Universität einen Kodex zu entwickeln, damit zukünftig Forschung und Drittmittelakquise transparent und unter ethischen Maßstäben praktiziert werden und Frieden und Abrüstung verpflichtet sind.“
Die Professoren Wolfgang Abendroth (1906 - 1985) und Reinhard Kühnl (1936-2014) haben in diesem Sinne ein Leben lang gewirkt. Wir stehen auf ihren Schultern.

Autor: Dr.-Ing. Dietrich Schulze war nach 18-jähriger Forschungstätigkeit im Bereich der Hochenergie-Physik von 1984 bis 2005 Betriebsratsvorsitzender im Forschungszentrum Karlsruhe. 2008 gründete er mit anderen in Karlsruhe die Initiative gegen Militärforschung an Universitäten (WebDoku www.stattweb.de/files/DokuKITcivil.pdf) und ist heute in deren SprecherInnenkreis. Er ist Beiratsmitglied der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit sowie in der Initiative »Hochschulen für den Frieden – Ja zur Zivilklausel«.

2010-11-09Dr. Monika Nehr. und Irene Eckert, StR.i.R., IFFF-Mitglied seit 1980

„gender balance“ im militärischen Bereich und Kriegsgegnerinnenschaft – Anmerkungen zu den Beiträgen von Margret Otto UN-Resolution 1325 - Frauen, Frieden, Sicherheit und Bettina Engel Nachholende Entwicklung W&F 4/2010

Zu Beginn ihres Beitrages versucht M. Otto die UN-Resolution 1325 in die Geschichte der Frauenfriedensbewegung einzuordnen. Zitat: „Die Resolution ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Prozesses, der m.E. mit der ersten Weltfrauenkonferenz in Den Haag im Frühjahr 1915, also mitten im Ersten Weltkrieg, begann“. Und B. Engel beklagt u.a., daß das proklamierte Ziel “gender balance“ im militärischen Bereich wohl kaum erreicht werden wird. Was jedoch in der UN-Resolution geschrieben steht, das hat mit Wortlaut und Geist der Beschlüsse des Internationalen Frauenkongresses in Den Haag (28. April bis 1. Mai 1915) wenig zu tun.
Bürgerlich-radikale Pazifistinnen aus 12 neutralen und kriegsführenden Ländern, darunter bedeutenden Frauen wie Jane Addams, die spätere Friedensnobelpreisträgerin und die deutschen Mitbegründerinnen der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF) Lida Gustava Heymann und Anita Augspurg haben diesen Kongress organisiert. Viele der in Den Haag versammelten Frauen waren politische Rebellinnen gegen ihre kriegsbeteiligten Regierungen. - Der Kongress prangerte in Beschlüssen „den Wahnsinn und die Greuel des Krieges“ und das furchtbare Unrecht an, dem Frauen in Kriegszeiten ausgesetzt sind, besonders (...) die entsetzlichen Vergewaltigungen. Sie glaubten jedoch nicht an eine Humanisierung der Kriegsführung. Ja, sie protestierten sogar mit einem Beschluss gegen die „Auffassung, daß Frauen unter einer modernen Kriegsführung geschützt werden können“. Resolutionen, die Regelungen künftiger Kriegführung enthalten sollten, waren ohnehin von den Kongressverhandlungen ausgeschlossen.
Der Kongress in Den Haag forderte hingegen „die Regierungen der Welt auf, das Blutvergießen zu beenden, mit Friedensverhandlungen zu beginnen“; der dann folgende Friede (sollte) ein dauerhafter sein, der deshalb auf Grundsätzen der Gerechtigkeit aufgebaut werde, wie sie in den Beschlüssen dieses Kongresses zum Ausdruck gebracht sind....“. Bereits einen Monat zuvor – vom 26. bis 28. März 1915 - tagte in Bern die internationale Friedenskonferenz sozialistischer Frauen, die in einer Resolution dem bevorstehenden Internationalen Friedenskongress der Frauen in Den Haag – unbeschadet der grundsätzlichen Unterschiede in der sozialistischen und bürgerlichen Auffassung der Friedensfrage – die Sympathie der Konferenz ausspricht, wie Clara Zetkin in ihrem Bericht schrieb. Beide Konferenzen haben – wenn auch unterschiedlich - die Ursachen von Kriegen benannt und Möglichkeiten aufgezeigt, wie der aktuelle Krieg zu beenden und weitere zu verhindern wären. Sie haben Abrüstung und Frieden zwischen den Nationen als Voraussetzung für eine gleichberechtigte und demokratische Entwicklung gefordert. –
Die Forderungen der Resolution 1325 nach Frauenproporz im militärischen Bereich stehen jedenfalls nicht in der Tradition dieser mutigen Frauen und Kriegsgegnerinnen; mit diesen Widerspruch muß sich seriöse feministische Forschung auseinandersetzen.

zitierte Literatur:
Frauen gegen den Krieg. Frankfurt/Main 1980
Frauen riefen, aber man hörte sie nicht. Schriftenreihe des Archivs der deutschen Frauenbewegung Band 1 und 2. Kassel 1986

2010-07-30Jürgen Nieth

Liebe Leserinnen und Leser,
Betr.: »Der Endzeitwahn Ahmadinedschads« in W&F 2-2010

in den letzten 15 Jahren hat es zu keinem Artikel so viele Leserbriefe gegeben, wie zu »Der Endzeitwahn Ahmadinedschads« von Victor und Victoria Trimondi in Heft 1- 2010. Zwei der Briefe, die alle vorgebrachten Argumente enthalten, haben wir abgedruckt.
Vorstand und Redaktion von W&F haben sich gleichfalls ausführlich und sehr kritisch mit dem Artikel befasst. Lassen Sie mich zwei Vorbemerkungen machen, bevor ich auf diese Diskussion und die Schlussfolgerungen eingehe.
1. Unsere Redaktion umfasst zur Zeit zehn Personen. Wir alle stimmen natürlich mit der Grundkonzeption von W&F überein (siehe www.wissenschaft-und-frieden.de »Wir über uns«), bei bestimmten Themen gibt es aber durchaus unterschiedliche Einschätzungen. Hier gilt: Die Artikel geben die Meinung der jeweiligen Autor/innen wieder, und dem Redaktionsmitglied, das den Artikel betreut und abgenommen hat, wird nicht reingeredet. Alle Artikel werden aber nach Veröffentlichung in Vorstand und Redaktion diskutiert – manchmal sehr kontrovers.
2. Wir alle halten eine kritische Auseinandersetzung mit der Politik der iranischen Regierung für notwendig, und W&F hat sich in den letzten Jahren immer wieder mit der Entwicklung in Iran befasst. Zuletzt im Februar 2010 im Dossier Nr. 63 »Ein Jahr Außen- und Militärpolitik unter Obama«, davor veröffentlichten wir »Iranische Position im Atomkonflikt« (2-2008) und »Iran und die Zukunft der atomaren Nichtweiterverbreitung« (1-2008). Thematisiert werden müssen u.a. die Unterdrückung der inneriranischen Opposition, die Atompolitik sowie der religiöse Fanatismus, der für uns alle schwer einzuordnen ist.
Für mich hat dieser religiöse Fanatismus auch eine ganz persönliche Geschichte. Als 1979 der Schah gestürzt wurde, reisten aus meinen Bekanntenkreis einige Exiliraner mit großem Enthusiasmus in ihre Heimat zurück. Einer kam sehr schnell wieder in die BRD, ein anderer ging zuerst in die Illegalität, später gelang ihm die Flucht. Zwei weitere wurden gefoltert und ermordet, weil sie Kommunisten waren. In W&F 2-2010 sind neun Autor/innen der Frage »Frieden und Krieg im Islam« nachgegangen. Dabei hatten wir ein großes Interesse daran, auch etwas über die religionstheoretischen Hintergründe der gegenwärtig im Iran herrschenden Gruppe zu erfahren – die sich ja doch sehr provokativ auftretend von allen anderen Regierungen in islamischen Staaten unterscheidet. Ich denke, hier bietet der Artikel von Trimondi interessante Informationen, die uns helfen, manche Äußerungen iranischer Politiker und Kleriker besser einzuordnen. Unser Redaktionsmitglied Regina Hagen erlebte anlässlich der Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrages im Mai z.B. den Auftritt des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad in der UNO und wunderte sich über den Beginn seiner Rede: „Im Namen Gottes, des Mitfühlenden, des Gütigen. Aller Preis sei Allah, dem Herrn des Universums, und Friede und Segen seinem Meister und Propheten Mohammed und den Reinen seines Haushalts und seinen edlen Gefährten. Oh Gott, beschleunige die Ankunft des Imam Al-Mahdi und gewähre ihm Gesundheit und den Sieg und mache uns zu seinen Jüngern und zu Zeugen seiner Rechtmäßigkeit.“ Aber keine Frage: In der Diskussion in Vorstand und Redaktion wurden auch alle die Einwände gegen den Artikel vorgebracht, die in den beiden Leserbriefen formuliert sind.
Ich denke, wir brauchen eine kritische Auseinandersetzung mit der Politik der Ahmadinedschad- Regierung, wir dürfen nicht schweigen, wenn die Opposition in Iran brutal unterdrückt wird, wir müssen die Atompolitik im Auge behalten, es kann sein, dass Iran tatsächlich nach Atomwaffen strebt – auch wenn ich nicht glaube, dass Iran einen Krieg plant. Diese Auseinandersetzung muss aber ohne Vorverurteilung und sachlich geführt werden. Sie muss die Politik des Westens – die leider nicht deeskalierend angelegt ist – mit einbeziehen, und eine Spekulation mit »Präventivschlägen « verbietet sich für ein der zivilen Konfliktbearbeitung verpflichtetes Organ wie W&F.
Unsere praktische Schlussfolgerung: Bei den allermeisten Artikel wird die Praxis so sein, wie bisher. Das dafür verantwortliche Redaktionsmitglied wird mit der Autorin/ dem Autor den Artikel abstimmen, und so wird er veröffentlicht. Die Ausnahme: Bei strittigen Fragen wird die Meinung der gesamten Redaktion eingeholt, dann erscheint ein Artikel mit redaktionellem Kommentar – oder er erscheint auch mal nicht.

2010-07-15Prof. Dr. J.-H. Eschenburg, Institut für Mathematik, Universität Augsburg

Stimmungsmache gegen den Iran.
Betr.: »Der Endzeitwahn Ahmadinedschads« in W&F 2-2010

Wie konnte ein solcher Artikel, der weder mit Wissenschaft noch mit Frieden zu tun hat, in ein Heft von W&F gelangen?
Lassen Sie mich mit den letzten Absatz beginnen: „Was also ist zu tun, wenn einKrieg gegen den Iran die Situtation noch verschärfen würde?“ Wir lernen: Ein Krieg ist im Prinzip akzeptabel, hat aber in diesem Fall Nachteile. „Der Westen muss alles Mögliche daran setzen, die derzeitige Opposition zu unterstützen …“ Ich komme gerade aus dem Iran zurück und habe mit Leuten von der Universität Isfahan gesprochen.Viele (nicht alle) unterstützen die Opposition. Es geht bei dieser Auseinandersetzung um Fragen der Innenpolitik: Repression, Pressefreiheit u.a. Die Atompolitik, der Stein des Anstoßes imWesten, ist nicht umstritten. Eher wurde Ahmedinedschad schon als zu nachgiebig kritisiert. „… und die Sanktionen gegen das Regime zu verschärfen.“ Was sollen die Sanktionen nach Meinung der Autoren bewirken? Das Volk gegen die Regierung aufzubringen? Wo es doch um eine Frage geht, in der fast alle Iraner einer Meinung sind? Merkwürdige Logik.
Der Grundansatz des Artikels ist für mein Gefühl äußerst fragwürdig. Die islamische Apokalyptik (Mahdi und Wiederkehr des 12. Imams) wird benutzt, um aktuelle Politik zu interpretieren. Dazu werden Zitate aus Quellen wie der »Welt« verwendet oder auch von MEMRI, eine in Washington ansässige Webseite, die auch nicht unbedingt als neutral anzusehen ist: „As part of our Jihad & Terrorism Studies Project, MEMRI began a new project to monitor Islamist websites last year. The purpose of the Islamists Websites Monitor Project, which is part of our Jihad & Terrorism Studies Project, is to keep Western audiences informed about the steadily growing phenomenon of jihadist sites on the Internet, which are used by terrorist organizations and their supporters to spread their extremist message and to recruit funds and activists.“ www.memri.org/?clear=1 Warum werden nicht iranische Webseiten zitiert, wenn es um die Äußerungen iranischer Politiker geht? Z.B. die Webseite www.presstv.ir/detail.aspx?id=69866§ionid= 3510302, in der die Behauptung widerlegt wird, der Iran wolle Israel vernichten. Oder www.presidentahmadinejad. blogspot.com/, in der Reden, Briefe usw. von Ahmedinedschad bis 2007 archiviert sind. Aber auch wenn man die angeführten Zitate für authentisch hält, sind sie, aus dem Zusammenhang gerissen, gänzlich ungeeignet, die Thesen der Autoren zu rechtfertigen. Z.B. das auf S. 30: „Gibt es eine Kunst, die schöner, göttlicher und andauernder ist als die Kunst des Martyriums? (usw.)“ Das könnte beinahe auch von Ghandi stammen! Vergessen wir nicht, dass Iran einen schweren Krieg durchzustehen hatte, als das Land vom Irak mit westlicher Unterstützung angegriffen wurde. Grundsätzliche Einstellungen entstehen aus solchen Erfahrungen; auch wenn sie uns fremd sein mögen, bedeuten sie noch längst keine aggressive Politik. Wir haben im letzten Jahrzehnt alle gelernt, wie Kriege begonnen werden: durch Unterstellungen. Man mixt Zitatfetzen, Halbwahrheiten und richtige Lügen zu einem brisanten Cocktail, und schon kann man argumentieren, dass dieser »neue Hitler « unbedingt rechtzeitig niedergerungen werden muss,
a) wirtschaftlich, und wenn das nichts nutzt (es nutzt nie, schafft aber eine gute Ausgangsbasis für b)
b) durch einen Angriffskrieg.
Wenn man die Fakten ansieht statt der Unterstellungen, dann gibt es nicht die geringste Rechtfertigung für eine Aggression gegen den Iran. Nach wie vor ist der Iran Mitglied des Atomwaffensperrvertrags (NPT), im Gegensatz zu allen Atommächten der Region, Indien, Pakistan und Israel. Soeben hat der Iran eine von der IAEA begrüßte Lösung des Atomstreits in die Wege geleitet, wie sie vom Westen lange gefordert worden ist. Ahmedinedschad hat immer wieder gesagt, dass Iran keine Atombewaffnung anstrebt, und dafür gute Gründe angeführt, z.B.: „Iran can defend itself without nuclear weapons. Nuclear weapons are of no use anymore and have no place in current international equationsStimmungsmache gegen den Iran.. Could the Soviet Union‘s stockpile of nuclear weapons prevent its collapse? Have they been of any assistance to the US military in its wars against Afghanistan and Iraq?“ (10.2.2010) www.presstv.ir/detail.aspx?id=118634 §ionid=351020101 Mir ist keine Äußerung bekannt, in der er je gedroht hätte, irgend ein Land einschließlich Israel militärisch anzugreifen, außer im Verteidigungsfall. Westliche Politiker dagegen haben immer wieder beteuert, „keine Option“ auszuschließen. Wer droht da wem?
Der kritisierte Artikel reiht sich nahtlos ein in die allgemeine Stimmungsmache gegen den Iran. Eine Zeitschrift wie W&F sollte sich nicht daran beteiligen.

Antwort der Redaktion

Eine Antwort der Redaktion aus W&F 10-3 finden Sie weiter oben, Leserbrief vom 30.07.2010

2010-07-11Dr. Monika Nehr, Berlin

Eine ungewohnt feindselige Tonlage
Betr.: »Der Endzeitwahn Ahmadinedschads« in W&F 2-2010

Die islamische Republik Iran wird der W&F-Leserschaft schon im einleitenden Abschnitt ohne Wenn und Aber als Feindbild präsentiert; Zitat: „Ahmadineschad leugnet den Holocaust, ruft zur totalen Vernichtung Israels auf, stachelte den Libanon- Krieg an, sperrt Oppisotionelle ins Gefängnis, lässt sich nicht in sein Nuklearprogamm schauen, fordert eine islamische Weltrevolution und beschwört das Erscheinen eines militanten Messias. Es besteht die begründete Vermutung, dass er ein Programm zur Konstruktion einer iranischen Atombombe durchsetzen will.“
Das ist eine ungewohnt feindselige Tonlage in Ihrem bislang zu Recht geschätzten Periodikum! Die schwerwiegenste Anschuldigung gipfelt in der Behauptung, Iran rufe zur totalen Vernichtung Israels auf. Da diese Behauptung ebenso wie die anderen als bekannte Tatsache voraussgesetzt wird, entfällt die Notwendigkeit hierfür Belege oder gar Beweise anzugeben. Allein ein Blick in die Quellenlage hätte die Autoren schnell eines besseren belehren können. z.B. hat die Süddeutsche Zeitung vom 15/16. März 2008 (Feuilleton, Seite 15) die brisante Angelegenheit in einem ausführlichen Artikel von Katajun Amirpur mit dem bezeichnenden Titel „Der iranische Schlüsselsatz – ein Übersetzungsfehler macht gefährliche Weltpolitik“ aufgeklärt. Daraus das folgende Zitat, weil wohl auch die W&F-Redaktion die Richtigstellung nicht kennt.
„… Es geht hier nicht darum, Ahmadinedschad zu verteidigen, sondern um die journalistische Redlichkeit. Dazu gehört, auch politische Gegner korrekt zu zitieren – und sei es nur, um politische Optionen realistisch zu beurteilen. Was also ist passiert? Am 26.10.2005 sprach Ahmadinedschad auf einer Konferenz, die unter dem Motto stand »Die Welt ohne Zionismus«. Es waren im Wesentlichen die großen westlichen Nachrichtenagenturen, die die Übersetzung dieser Passage lieferten: Israel von der Landkarte radieren (AFP), Israel von der Landkarte tilgen (AP, Reuters), Israel ausrotten (DPA). Ahmadinedschad sagte jedoch wörtlich: »in rezhime eshghalgar bayad az safhe-ye ruzgar mahv shavad.« Das bedeutet: »Dieses Besatzerregime muss von den Seiten der Geschichte (wörtlich: Zeiten) verschwinden.« Oder, weniger blumig ausgedrückt: »Das Besatzerregime muss Geschichte werden.« Das ist keine Aufforderung zum Vernichtungskrieg, sondern die Aufforderung, die Besatzung Jerusalems zu beenden…“
Was für ein Interesse ein Land wie der Iran, das in den 20 Jahren seiner Existenz als Islamische Republik kein anderes Land kriegerisch angegriffen hat, das keine Atomwaffen besitzt, daran haben könnte, einen Verbündeten der USA und Atomwaffenstaat wie Israel mit Vernichtung zu bedrohen, danach braucht das Autorenteam Trimondi nicht zu fragen, da es Ahmadinedschad und die führende iranische Geistlichkeit für mehr oder weniger von religiösem Wahn befallen hinstellt.
Eine andere schwerwiegende Behauptung, Iran wolle auf jeden Fall die Atombombe, ignoriert u.a. die konstruktiven Aspekte der jüngsten Rede Ahmadinedschads auf der New Yorker Konferenz zur Überprüfung des Atomwaffensperrvertrages, in der er gerade wieder die Entwicklung und den Besitz von Atomwaffen verurteilt hat. Ganz abgesehen von Berichten der Internationalen Atomenergiebehörde und sogar US-Geheimdienstdokumenten, nach denen bisher ein Atomwaffenbau nicht nachzuweisen war.
Das Autorenteam Trimondi setzt sich mit nachprüfbaren Tatsachen nicht auseinander. Es beschränkt sich darauf, die religiöse Rhetorik von Ahmadinedschad und führenden Geistlichen aus der Sicht des schiitischen Islam politisch zu deuten und daraus absurde Szenarien wie die Gefahr des atomaren Weltuntergangs durch den Iran zu konstruieren.
Auf der Tagesordnung der Friedenskräfte stehen jedoch existenzielle Fragen von Frieden oder Krieg im Iran und nicht »Kaffeesatzlesen «. W & F sollte sich sehr wohl mit dem Iran beschäftigen, ein islamisches Land, das seit langem unter Boykott leidet und sich heute im Fadenkreuz der Kriegsbedrohung befindet. Und W & F sollte mit dem ihm eigenen Selbstverständnis als führende Wissenschaftszeitschrift für Friedensforschung, Friedensbewegung und Friedenspolitik in bewährter Seriosität endlich dieses Brennpunktthema bearbeiten und zum Beispiel auch der Frage nachgehen, welches Interesse NATO und EU verfolgen, wenn sie Iran mit verstärkten Sanktionen und sogar militärischen Angriffen bedrohen. Ausgewiesene Expertinnen und Experten stehen zur Verfügung. Wenn nötig, kann ich Ihnen einige benennen.

Antwort der Redaktion

Eine Antwort der Redaktion aus W&F 10-3 finden Sie weiter oben, Leserbrief vom 30.07.2010

2009-09-28Christa Blum, Ärztin, Mainz

Zu Dossier Nr. 61 »Unsichtbare Wunden – Posttraumatische Belastungsstörungen als Folge von Krieg und Gewalt«

Bezugnehmend auf das W&F Dossier Nr. 61 »Unsichtbare Wunden – Posttraumatische Belastungsstörungen als Folge von Krieg und Gewalt« möchten ich Sie darauf aufmerksam machen, dass sich auf Initiative der IPPNW über 200 Ärzte, Psychologen und Psychotherapeuten in einem Offenen Brief an den Bundesverteidigungsminister gegen eine Instrumentalisierung für den Krieg in Afghanistan ausgesprochen haben. Anlass war ein Aufruf des Verteidigungsministeriums qualifizierte Psychotherapeuten sollten sich verstärkt an der Behandlung traumatisierter Soldaten beteiligen.

Der Brief hat folgenden Wortlaut:

„Sehr geehrter Herr Bundesminister Dr. Jung,
obwohl von Ihrem Haus bestritten, ist die Wahrheit offenkundig: Die Bundesrepublik Deutschland befindet sich in einem völkerrechtswidrigen Krieg in Afghanistan. Der vormals von der UN sanktionierte Kampf gegen Ausbildungslager für nicht-afghanische Extremisten am Hindukusch ist lange schon Vergangenheit. Der zivile Aufbau im Land wird von den Truppen inzwischen eher behindert denn befördert, Tausende ziviler Opfer bringen die einheimische Bevölkerung gegen die Besatzer auf.
Opfer gibt es mittlerweile auch auf Seiten der deutschen Soldaten. Die Kämpfe werden in internationalen Medien als außerordentlich hart beschrieben. Weitere gefallene, verstümmelte und traumatisierte Soldaten sind zu befürchten. Es ist offensichtlich: Die Mission in Afghanistan ist gescheitert. Die deutsche Öffentlichkeit hat das längst begriffen. Die Ablehnungsrate beläuft sich laut ARD Deutschlandtrend derzeit auf 69%! Nun soll die Psychotherapie die Heimatfront beruhigen, indem sie der deutschen Zivilbevölkerung die Beherrschbarkeit wenigstens eines Kriegsübels suggeriert. Damit der Krieg letztlich führbar bleibt, werden zudem zusätzliche PsychotherapeutInnen angeworben.
Die Politik erweckt den Eindruck, ein posttraumatisches Belastungssyndrom (PTBS) lasse sich per Psychotherapie dauerhaft beheben. Für traumatisierte Rückkehrer wurde eine Homepage geschaltet, die Hilfe verspricht; Oberfeldarzt Dr. Peter Zimmermann vom Bundeswehrkrankenhaus Berlin gibt Antworten zum Thema PTBS. Der Kriegsunterstützung im Inland dient ein Aufruf im Bundesmitgliederbrief der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung: »In einem Gespräch im Verteidigungsministerium wurde uns die wachsende Anzahl traumatisierter Soldaten in Auslandseinsätzen deutlich gemacht. Trotz der internen Behandlungsmöglichkeiten bei der Bundeswehr, werden zusätzlich qualifizierte externe Psychotherapeuten gesucht.« Beigelegt ist ein Formblatt, in dem sich der Therapeut bereit erklärt, kurzfristig einen Therapieplatz zur Verfügung zu stellen, nebst der Aufforderung, »den Aufgaben der Bundeswehr in ihren Auslandseinsätzen nicht ablehnend« gegenüberzustehen.

Dazu erklären wir:
Wir, Ärzte und Psychotherapeuten, lehnen die Beteiligung der Bundeswehr am Krieg in Afghanistan ab. Wir sind in höchstem Maße besorgt über die gegenwärtige Tendenz der deutschen Bundesregierung, gesellschaftlichen und internationalen Konflikten mehr und mehr militärisch zu begegnen. Aus klinischer Erfahrung mit kriegstraumatisierten Menschen, darunter auch Soldaten, setzen wir uns für eine Gesellschaft und einen Staat in Frieden ein, die alle Anstrengungen konsequent auf gewaltfreie Konfliktbearbeitung konzentrieren. Denn der Krieg selbst ist bereits Ursache schwerer Traumatisierungen in der afghanischen Bevölkerung, und nun auch zunehmend unter den darin verwickelten deutschen Soldaten. Kriegstraumatisierung kann aus unserer Sicht nur in der Art sinnvoll behandelt werden, dass im therapeutischen Prozess klar zwischen Aggressor und Opfer unterschieden wird, zwischen denen, die der Gewalterfahrung ohne ihr Zutun hilflos ausgeliefert waren und denen, die eben diese Gewalt mit hervorbringen. Anderenfalls würden wir eine rein symptomatische Behandlung ohne kausalen Ansatz betreiben. Die Forderung, Therapie ohne kritische Hinterfragung des politisch-militärischen Kontextes zu betreiben, ist mit unserem Verständnis psychotherapeutischer Arbeit nicht vereinbar. Ist doch das angestrebte Ergebnis einer Therapie in jedem Fall die konsequente Gewalt-Prävention, um Amokläufen oder Suiziden, der Selbst- wie der Fremdgefährdung, vorzubeugen. Mit Horst-Eberhard Richter in der Frankfurter Erklärung (1982) halten wir »alle Maßnahmen und Vorkehrungen für gefährlich, die auf das Verhalten im Kriegsfall vorbereiten sollen«.
Den Aufruf des Verteidigungsministeriums, uns an der Behandlung von traumatisierten Soldaten zu beteiligen und uns damit für die Kriegsführung der Bundeswehr instrumentalisieren zu lassen, weisen wir daher zurück. Das ändert nichts an unserer Verpflichtung und Bereitschaft, in allen Notfällen unsere medizinische und psychotherapeutische Hilfe zur Verfügung zu stellen.“

2009-07-15Kölner Initiative „Schule ohne Bundeswehr“

Aufruf der Kölner Initiative „Schule ohne Bundeswehr“

Liebe KollegInnen,
aus der Lektüre Ihres Dossiers 58 (Rekrutierungsstrategien der Bundeswehr) ist in Köln eine Aktion entstanden: die Initiative „Schule ohne Bundeswehr“, die Mitte Mai an die Öffentlichkeit getreten ist. Über 60 Kölner Lehrer und In der lehrerausbildung Tätige, dazu einige Prominente (wie der Schriftsteller Günter Wallraff) wehren sich gegen die zunehmende Einflussnahme der Bundeswehr auf die Schulen. Der Aufruf, den wir Ihnen hiermit zusenden, will Diskussionen in den Kollegien, SV-en, an den mit der Lehrerausbildung befassten Fakultäten anstoßen, zum Widerstand ermutigen, damit die schleichende Einflussnahme der Bundeswehr auf die Bildungsinstitutionen zum öffentlichen Problem gemacht und gestoppt wird.

Wir bitten Sie zu prüfen, ob Sie den Aufruf abdrucken und seine Verwendung auch in anderen Städten empfehlen können.

Mit freundlichen Grüßen
von der Kölner Initiative „Schule ihne Bundeswehr“
i.A. Elvira Högemann

Der Aufruf der Intiative ist auf der Seite www.friedensforum-koeln.de zu finden;
Kontakt zur Initiative ist über den E-mail-Kontakt schule-ohne-bundeswehr@web.de herzustellen.

2008-07-25W&F Redaktion

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