Verantw. der Wiss. : 76 Artikel / 5 Dossiers
Das Uran-Projekt
Handlung, Intention und die deutsche Atombombe
Die Geschichte des »Uran-Projektes« ist die ebenso interessante wie frustrierende Geschichte der deutschen Erforschung der wirtschaftlichen und militärischen Ausnutzung der nuklearen Spaltung während des Krieges. Wissenschaftler und Gelehrte sehen es als schwierig – wenn nicht sogar unmöglich – an, sich auf eine Interpretation dieser Forschungsarbeiten zu einigen. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele historische Beweise zutage gefördert wurden oder wie sorgfältig sie untersucht wurden. Dieses Kapitel der Geschichte ist politisiert worden, da es zum einen im Schatten des nationalsozialistischen Regimes stattfand und zum anderen wegen des seit Kriegsende angsteinflößenden Gespenstes des Atomkrieges. Das Problem unseres historischen Verständnisses dieser Forschungsarbeiten jedoch liegt tiefer und ist das Ergebnis unserer kollektiven Unfähigkeit, deutlich und konsequent zwischen Intention und Handlung zu unterscheiden – zwischen dem, was hätte geschehen können, und dem, was geschehen ist. Die vorliegende Abhandlung wird diese Unterscheidung vor allem durch eine Darstellung der Geschehnisse während des Krieges deutlich herausstellen; dabei wird auf Spekulationen hinsichtlich der Motivationen einzelner Akteure entschieden verzichtet. Erst nach dieser Beschreibung wird die Frage der Intention, die Frage, was hätte geschehen können, wenn alles anders abgelaufen wäre, behandelt.
Der Zweck der Wissenschaft: der Frieden
Die Haltung des Wissenschaftlers zur Frage des Friedens wird oft als seine persönliche Entscheidung betrachtet. Die Wissenschaft selbst vermeidet es, ihm darauf eine Antwort zu geben, um sich den Schein der Objektivität zu wahren. Die Frage, ob der Frieden mit Rüstung zu vereinbaren sei, erscheint unwissenschaftlich, weil sie politisch ist. Doch damit gibt die Wissenschaft der Politik nach, welche für den Frieden rüstet und dabei, gewollt oder nicht, den Krieg vorbereitet. Die vermeintliche Objektivität der Wissenschaft steht dabei im Dienst der Subjektivität des Staates, der sich der Wissenschaft für die Rüstung bedient. Diesem Staat gegenüber soll der Wissenschaftler verantwortlich sein und seinem eigenen Gewissen, welches ihn vor dem Mißbrauch der Wissenschaft bewahren soll. Öffentliche und private Verantwortung bedeuten aber beide kaum mehr, als wissenschaftlich verantwortlich zu sein, d.h. den Kriterien seines Faches zu genügen. Insofern die Wissenschaft an sich jedoch unverantwortlich ist, ist dies auch der Wissenschaftler für sich. An ihn kann keine moralische Forderung gestellt werden, so lange die Institution, der er angehört, selbst keine Moral hat. Das heißt nicht, daß die Wissenschaft an sich unmoralisch ist, sondern daß Wissenschaft ohne Rücksicht auf Moral betrieben wird. Diese Moral soll ihre Tugend sein, unabhängig von gesellschaftlichen Zwängen erfüllt sie ihren Zweck, rein der Wahrheit verpflichtet zu sein. Aber sind die Zwecke der Wissenschaft auch die der Gesellschaft?
Rüstung und Wissenschaftsfreiheit in den USA (3)
Im Oktober 1977 plante das Institute of Electrical and Electronics Engineers (IEEE) ein Symposion, auf dem auch einige Papiere über „Kryptographie“ - die Erstellung von Codes und Verschlüsselungen - vorgetragen werden sollten. Zwei Monate zuvor erhielten die Veranstalter einen mysteriösen Brief eines J. A.Meyer, der sich als IEEE-Mitglied bezeichnete und darauf aufmerksam machte, daß das Symposion die Exportkontrolle Regelungen der International Traffic in Arms Regulation verletzen könne. Daraufhin veranlaßte das IEEE - einer der größten Berufsverbände der USA - die Teilnehmer der geplanten Veranstaltung, ihre Papiere durch ihre Hochschulen oder Unternehmen „clearen“ zu lassen; andernfalls „the authors should refer the Paper to the Office of Munition Control, Department of State, Washington, D.C., for their ruling.“ 36 Dieses Ansinnen brachte offenbar beträchtliche Unruhe hervor. F. Jellinek, der Präsident der Information Theory Group der IEEE erklärte: „I don´t believe a law can say such a thing because it woud make scientists guilty until proven innocent“ 37. Technology Review kommentierte, daß Meyers Brief „a silly attempt at censorship“ 38 sei. Das Symposion fand statt, doch die offene Diskussion beschränkte sich auf mathematische und technische Aspekte der Kryptologie und klammerte die militärischen Anwendungsmöglichkeiten aus.